«So, wie die Gottheit die Welt aus dem Wort hervorgehen ließ,
kann aus dem Menschen, der sich mit dem Christuswesen verbindet,
eine schöpferische Wirkung hervorgehen. »



Das gesprochene Wort im Kultus
Sebastian Jüngel,
Interview mit der Pfarrerin der «Christengemeinschaft» in Basel, Lucia Wachsmuth,
in der Zeitschrift «Das Goetheanum», Nr. 36 - 07



WIRKSAME SCHÖPFERWORTE

Bei einer kultischen Handlung spielt das gesprochene Wort eine zentrale Rolle. Welche Bedeutung ihm in der Menschenweihehandlung der Christengemeinschaft zukommt, wollte die «Goetheanum»-Redaktion von Lucia Wachsmuth wissen. Sie ist seit 39 Jahren Priesterin in der Gemeinde Basel und hat darüber hinaus als Vortragende sowie als Autorin und Erzählerin eigener Geschichten einen reichen Erfahrungsschatz im Umgang mit dem gesprochenen Wort.


Wie kommt der esoterische Gehalt einer Sprache in einer Kultushandlung zum Ausdruck?

Die Sprache entsteht im Alltag aus einem selbst heraus, aus dem, was man in sich entscheidet. Beim kultischen Sprechen kommen äußere Inhalte so gut wie nicht vor; das Vokabular sind ausschließlich geistige Inhalte. Im kultischen Sprechen wirkt immer eine ganz bestimmte Willensintention, eine geistige Wirksamkeit. Der Sprecher der Kultusworte muss sich die Inhalte so erarbeiten, dass sie für ihn gültig sind und dass mit «Gottvater» oder «Geist» konkrete Wirkensweisen zusammenhängen.

Christuskräftewirken

Wer ist da wirksam?

Das sind die Christuskräfte. Die Sakramente sind ein Wirkungsbereich des Auferstandenen.
«Sakramente» im Plural verweisen schon auf unterschiedliche...

...
auf eine siebenfältige Qualität.

Wie wirken die Christuskräfte?

Die Sakramente setzen an der Verwandlung der menschlichen Leibeshüllen an. Dadurch, dass Menschen das Wesen des Christus wirksam werden lassen wollen, strömen seine Kräfte in die Welt. Christus kann ohne die Menschen seit Pfingsten nicht wirken. Wir brauchen ihn - er braucht uns.

Was meinen Sie mit Verwandlung der Leibeshüllen?

Die Sakramente hängen ja mit dem Gefügtsein der Wesensglieder des Menschen zusammen, das man in der Christengemeinschaft die Sündenkrankheit nennt. Sie gilt für alle Menschen. An dieser Konstitution heilt der Christus.
Der Mensch, der durch den Sündenfall hindurchgegangen ist, hat eine Entwicklung durchgemacht, durch die das Geistige die Schicksale des Leibes leben muss. Durch die Auferstehung ist eine Entwicklung ins Leben gerufen, durch die der Leib wieder die Schicksale des Geistes lebt. Dafür gibt es die Sakramente, die bis ins Physische hineinwirken. Das ist in der Menschenweihehandlung besonders deutlich, wo die Kommunion leiblich empfangen wird.

Braucht es dazu das gesprochene Wort oder wäre beispielsweise eine Gebärdensprache möglich?

Ich habe damit keine Erfahrungen. Es würde dann wohl darum gehen, dass im betroffenen Menschen, die Stimmung der Ehrfurcht angeregt wird. Denn sie ist die Grundstimmung, um überhaupt an geistige Dinge heranzukommen.

Ergreifen des Zwischenraums

«Die Sakramente setzen an der Verwandlung der menschlichen Leibeshüllen an.»
Das kultische Wort steht ja von vornherein fest und wird im Vollzug aktualisiert. Ist das wie eine Backform, die ihre Form beim Backen von Plätzchen aktualisiert?

Mit diesem Bild kann ich mich nicht befreunden. Das kultische Wort ist eine Art Hülle. Dabei hat die Form an sich keine Bedeutung. Die Bedeutung entsteht erst dadurch, dass die Form ins Leben kommt. Der Kultus ist daher nur real im konkreten Sprechen und im konkreten Hören, also in dem Moment, wo wirklich ein Zwischenraum ergriffen wird. Wenn ich die Sakramentstexte nur lese, entsteht dadurch kein Kultus.

Wie kann man das Sprechen im Kultus üben?

Durchs Tun. Durch das innere Arbeiten am Kultuswort, durch das Erleben des Kultuswortes - des Christus - kann sich das Sprechen ändern. Es wird tastend, hörend und bekommt immer mehr einen dienenden Charakter. Natürlich geht es ohne mich nicht, aber es ist kein «Ich muss es machen».

Und warum ist nun das kultische Wort vorgeprägt?

Das hängt mit der Willensseite des Wortes zusammen. Das kultische Wort transsubstanziiert, verändert etwas, bildet etwas neu. Und da wir Menschen im Allgemeinen noch nicht die geistige Vollmacht haben, das heißt nicht in der Lage sind, in der ständigen Intuition mit dem Geistigen zu leben und damit ungewollt Wesenskräfte wirksam werden könnten, die wir noch nicht durchschauen, werden kultische Worte gegeben.

Sie sagten, dass der Mensch noch nicht die geistige Vollmacht hat.

Die Vollmacht, die Christuskräfte dorthin zu leiten, wo sie heilend sind.

Veränderung der Elementarwelt

Wie wirkt das gesprochene Wort noch?

Mit der Sprache kommen ja Schwingungen, kommt die Färbung, kommen ätherisch-geistige Licht- und Wärmekräfte in einen Raum herein. Durch eine Menschenweihehandlung verändert sich damit die Aura der beteiligten Substanz und die gesamte elementarische Aura. Wenn man für diese Qualitäten allmählich ein Gefühl bekommt, kann man spüren, dass ein Kirchenraum, in dem zelebriert wird, etwas anderes ist als ein Vortragsraum.

Inwiefern?

Das ist schwierig zu beschreiben, damit es nicht spekulativ wird. Im Vortragsraum verändert sich natürlich auch etwas, aber nicht - wie ich vermute - durch Bildung einer christlichen Elementargeistigkeit, sondern durch das Persönliche des Redners, als der man verantwortlich hinter dem steht, was man im Vortrag sagt.
Die Worte im Kultus sind aber keine persönlichen Worte. Beim kultischen Sprechen spricht man Worte, die man als Zelebrierender vielleicht noch nicht voll erfüllen kann. Es gibt aber möglicherweise in der Gemeinde Menschen, die das mit ihrem reichen Innenleben leisten können, wie wir es zum Beispiel oft bei Bestattungen in Basel und Dornach erleben. Aussprechen kann ich diese Worte als Zelebrierender nur, weil ich dazu den Auftrag durch die Gemeinschaft der Priester habe. Ohne diesen Auftrag würde mir die Zunge verdorren. Denn das sind Schöpferworte.

Nun finden in Ihrem Gemeinderaum auch kultische Handlungen statt und teilweise Vorträge im Kultusraum.

Ja, aber nur ausnahmsweise - aus Platzgründen. Das ist jedes Mal eine gewaltige Überwindung. Man muss dazu ja berücksichtigen, dass alles, was die Menschen sehen, eine Wirkung hat. Da geht es nicht nur um das gesprochene Wort. Sondern um die Farbe im Kultusraum, um den Altar, das Altarbild, die Leuchter, die als Bildelemente auf das Gemüt des Menschen wirken.

Der Raum als Schutz

Was ist so unangenehm, wenn man einen Raum uneigentlich benutzt?

Die Identität zwischen dem, wahrnehme, und dem, was geschieht, ist nicht gegeben. Das ist, als wenn Sie im Brautkleid auf einen Acker gehen würden. Das ist eine Unstimmigkeit. Und dann muss ich innerlich immer korrigieren und kann mich nicht voll dem Eigentlichen hingeben.
Das ist ja auch der Grund, warum wir nicht so gern in einem katholischen Kultraum oder in einer evangelischen Kirche wirken. Nicht dass wir sie ablehnen, aber es ist dort eine andere geistige Substanz erbildet.

Und doch erzählten Sie einmal, wie sich selbst die Atmosphäre in einem Kongresszentrum ändert, wenn dort die Menschenweihehandlung gehalten wird.

Ja, schon. Wobei sich die Atmosphäre in diesem Fall wohl auch durch Sprachgestaltung ändern würde. Man merkt ja auch, ob zum Beispiel in einer Wohnung ein Gebetsleben gepflegt wird, ob dort nur geschimpft und geschrien oder ob dort geschwiegen wird, und ob Sie dort auch über tiefere Fragen sprechen können. Mit dem gesprochenen Wort wird die Außenwelt mit einbezogen.

Braucht es ein Bauwerk zum gesprochenen kultischen Wort?

Natürlich können Sie eine Religionsstunde im Freien halten, wo die Vögel singen, das Wasser plätschert, das Laub raschelt und die Sonne mit ihren Schattenspielen scheint. Man kann alles machen, braucht dann aber eine enorme Kraft, um einen «künstlichen» Konzentrationsraum zu schaffen, der es ermöglicht, nach innen zu gehen. Abgesehen davon ist zu berücksichtigen, dass durch das kultische Wort etwas in der Natur, in der Elementarwelt in Bewegung gebracht wird.

Was zum Beispiel?

Wir haben früher Weihehandlungen bei Jugendtagungen im Freien gehalten. Da erlebten wir dann alles Mögliche an Wind bei den Kerzen oder Kühe, die plötzlich bei uns standen und andächtig teilgenommen haben, aber auch auftauchende störende Wespen.

Also ist das Bauwerk auch ein Schutz?

Ja. Wenn ich einen Raum habe, der für eine Tätigkeit - Kultus oder Meditation - vorbereitet ist, muss ich mich nicht dauernd wehren und muss keine Angst haben, dass jemand den Prozess unterbricht.

Aber es gibt ja auch sogenannte Kraftorte, die keine Überbauung haben.

Kraftorte sind natürliche Elementarbereiche, wo zum Beispiel die Erdstrahlung in einer besonderen Weise wirkt, die die Menschen früherer Zeiten wahrgenommen haben, wie bei Stonehenge...

... wo die Menschen nicht nur die Erdkräfte genutzt haben, sondern sicherlich auch entsprechend gehandelt haben.

Ja, mit diesen Kräften. Der christliche Kultus dagegen kommt immer aus dem Menschen, der sich mit Christus verbunden hat. Der Christus schließt nicht an die Naturkräfte an, sondern er wirkt in die Natur herein und verwandelt sie.
Das gilt auch für das Menschenschicksal. Durch die Christuskräfte werden die Vergangenheitskräfte, die man mitbringt, in Wandlungskräfte für Zukünftiges verwandelt. Und das ist der christliche Karma-Begriff: Wo sollen wir denn alle mal hin - eine Frage der Karmagestaltung und nicht nur des Auslebens des Karmas. Das Christentum lebt aus der Zukunft, nicht aus der Vergangenheit. Aber es lebt in die Vergangenheitskräfte hinein und verwandelt sie.

Nun ist die kultische Handlung ja nicht nur Wort.

Nein. Alle zwölf Sinne sind mit einbezogen.

Aber das Wort trägt ja doch die kultische Handlung. Warum?

Das Wort ist das spezifisch Menschliche. Im Wort begegnen sich die geistige Welt und Menschenwelt. Das Wort hängt ja mit den oberen Sinnen zusammen. Und die oberen Sinne (Hör-, Laut-, Gedankenund Ichsinn) sind die Sinne, durch die ich ins Geistige übergehe. Doch werden alle zwölf Sinne in der Menschenweihehandlung auf das Altargeschehen ausgerichtet und durchchristet. Rudolf Steiner sagt: Das Ich lebt in den Sinnen. Und in ihnen soll es aktiv werden; die Sinne sollen nicht nur passiv sein, sondern sie sollen aktiv ergriffen werden.

Die schöpferische Wirkung

Das gilt also auch für das gemalte Bild?

Das Altarbild ist ja nicht der Christus, sondern es sollte im Geschehen deutlich machen, unter welchem Vorzeichen wir jetzt versammelt sind. Natürlich kann man sagen: Die ganze Welt spricht mich an oder spricht mich nicht an. Damit kommen wir zur Frage: Woher kommen die Begriffe? Das Zentrale Ihrer Frage nach dem Wort ist, dass der Christus sagt: «Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte werden nicht vergehen.» Und das ist eine spannende Frage: Was sind «meine Worte»? Warum werden die nicht vergehen, wenn Himmel und Erde vergehen?

Und, was meinen Sie?

Man kommt damit wiederum an die Schöpferfrage, an die Willensfrage, an die Frage, dass das Wort ein veräußerlichter Mensch sein kann: So, wie die Gottheit die Welt aus dem Wort hervorgehen ließ, kann aus dem Menschen, der sich mit dem Christuswesen verbindet, eine schöpferische Wirkung hervorgehen. Das darf man sich aber nicht materiell vorstellen, doch braucht es das materielle Werkzeug, den Leib, die Sprache.







. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Anmerkungen:

Hier wird aus der Perspektive der Kirche «Die Christengemeinschaft» und deren Möglichkeiten argumentiert.
Selbstverständlich machen andere Bedingungen andere Handhabungen und Wirkungen möglich; so auch im freien christlichen, kultischen Handeln des Anthroposophen.
Grundsätzlich weist dieses Interview aber auf die Wirkung und Macht gerade des Kultuswortes deutlich hin, die nicht zu unterschätzen sind und auch - für uns «frei christlich» Handelnde - immer wieder Aufruf sind innig mit IHM, dem Weltenschöpfer-Wort, dem Liebewirke-Wort, sich zu verbinden und mit der Gestaltung des Wortes nicht nur geisteswissenschaftlich und spirituell, sondern auch herzinniglich und künstlerisch (sprachgestalterisch) pflegend umzugehen ...
VDL











-> zu aus der Praxis

-> zum Inhaltsverzeichnis der Website : INHALT Website