von unten


Jesus Christus wollte eine Gesellschaft der Liebe...


Deshalb wandte er sich den Armen, Benachteiligten zu,
wie könnte auch DIE LIEBE anders,
als dass sie zur Bewahrung der Schöpfung, zur Achtung des Menschen,
zu Freiheit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe aufriefe?

Ein alternatives Christ-Sein heute
kann auch nicht anders
als sich aktiv für die LIEBE einzusetzen...
und zwar praktisch !


Die theoretischen, theologischen aber ökumenischen Wurzeln dafür
liegen in der «Befreiungstheologie» und in der «Politischen Theologie»;
aber auch in dem Engagement vieler "linker Christen"
und vor allem Tausender Betroffener besonders in Südamerika.
Weil diese Begriffe und dieses Wirken - "von unten" - in Anthroposophenkreisen oftmals unbekannt sind,
sollen diese hier zu Wort kommen, bekannt gemacht werden,
auch weil wir als "Ketzer" gegenüber "oben"
auch mit diesem Programm der Liebe, in einer Front stehen ...
das dem Bruder, der Schwester beisteht ohne nach der Konfession,
nach Kirchenordnungen, nach Dogmen, nach Monopolansprüchen, etc. zu fragen ...
eine Ideologie des Herzens, der sozialen, der michaelischen Tat ...




... Christen von unten ...

zu den Kapiteln :

-> Christ und Sozialist ?
-> Die "Initiative Kirche von unten"
-> Befreiungstheologie
-> Politische Theologie
-> Bund der religiösen Sozialisten
-> eine christliche Infrastruktur

-> Siehe auch Neue Welt



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Christ und Sozialist ?


Warum bin ich als Christ Sozialist ?


Pfarrer Helmut Gollwitzer +


Thesen



1. Was sagt einer, der von sich sagt: »Ich bin Sozialist«?

1.1. Ein Sozialist hält eine bessere Gesellschaft, als es die gegenwärtige ist, für möglich und für nötig.

1.2. Mit »besserer Gesellschaft« sind dabei nicht nur Verbesserungen innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung gemeint, sondern eine gegenüber der bestehenden Gesellschaft in grundlegenden Strukturen veränderte Gesellschaft. Dass der Sozialist an Verbesserungen innerhalb der bestehenden Gesellschaft mitarbeitet, verbindet ihn mit allen sich sozial verantwortlich wissenden Menschen dieser Gesellschaft zu tätiger Zusammenarbeit; dass er darüber hinaus grundlegende Strukturveränderungen für möglich und nötig hält, unterscheidet ihn von ihnen.

1.3. Die Zielvorstellung der Sozialisten ist eine möglichst egalitäre Gesellschaft, d.h. eine Gesellschaft mit möglichster Chancengleichheit und möglichster Selbstbestimmung (Freiheit) und Mitbestimmung jedes Gesellschaftsmitgliedes, ohne Privilegien durch Geburt oder Besitz, negativ ausgedrückt: mit möglichster Minimierung von Ausbeutung, von Herrschaft und von Ungleichheit in der Aneignung des Sozialproduktes.

1.4. Der Sozialist macht damit ernst mit den ursprünglichen Zielen der bürgerlichen Gesellschaft – »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« –, die in dieser Gesellschaft wegen ihrer Sicherung von Privilegien und Ungleichheit immer nur eingeschränkt verwirklicht, oft auch, wenn es die Sicherung der Privilegien ratsam erscheinen lässt, verleugnet werden (»Faschismus« in all seinen Spielarten). Friedrich Naumann (1908): »Der Sozialismus ist die denkbar weiteste Ausdehnung der liberalen Methode auf alle modernen Herrschafts und Abhängigkeitsverhältnisse«. Godesberger Programm der SPD: »Der Sozialismus kann nur durch die Demokratie verwirklicht, die Demokratie nur durch den Sozialismus vollendet werden.«

1.5. Der Sozialist hat die Phantasie, sich Alternativen zur gegenwärtigen Gesellschaft vorzustellen und von da aus gegenwärtige Ordnungen ohne Beschönigungen zu kritisieren. Er unterstreicht, dass die gegenwärtige Gesellschaft weder natur oder gottgegeben noch Ende und Ziel aller Geschichte ist; sie ist vielmehr historisch geworden und historisch überholbar, sowohl durch Sozialismus wie durch Barbarei.

1.6. Der Sozialist kämpft für eine strukturelle Veränderung der Gesellschaft; insofern ist er revolutionär. Die Veränderung, um die es ihm geht, ist ein langer Prozess; insofern denkt er evolutionär. Ob für die Veränderung eine politische Revolution mit Gewaltanwendung nötig ist, oder ob sich der Übergang von der alten Ordnung zur neuen allmählich, schrittweise und friedlich vollzieht, hängt von den Umständen ab, besonders davon, mit welchem Maße von Gewaltanwendung und Aufhebung demokratischer Rechte die am bestehenden Privilegiensystem interessierten Kräfte ihre Privilegien zu sichern versuchen.

1.7. Der Sozialist vertritt keine Heilslehre. Er weiß, dass gesellschaftliche Ordnungen die Menschen nicht gut oder böse machen und das Glück des Einzelnen nicht garantieren können. Er weiß aber auch, dass gesellschaftliche Zustände die Menschen bis tief in ihr Denken, Fühlen und Verhalten hinein prägen und dass sie – wie wir am krassesten in der Zeit des Nazismus erlebt haben – unzählige Menschen besser oder schlechter machen können und dass ein Privilegiensystem unzähligen Menschen große materielle Not und Lebensverkümmerung bereitet.

1.8. Der Sozialist ist durch Gründe zu der Überzeugung gekommen, dass auf der Basis der heutigen wissenschaftlich technischen Entwicklung eine strukturelle Veränderung, die die bisherigen Privilegien abbaut und zu einer realen Demokratie führt, denkbar und möglich ist und ebenso, dass sie angesichts der destruktiven Auswirkungen dieser wissenschaftlich technischen Entwicklung, solange sie im Dienste des Privilegiensystems (also partikularer Interessen) steht, dringend nötig ist, wenn die Zukunft nicht der Barbarei verfallen soll.


2. Die heutigen Schwierigkeiten des Sozialisten

2.1. Das Wort Sozialismus ist vieldeutig geworden und für die einen mit positiver, für viele aber auch mit negativer Bedeutung besetzt.

2.2. Die negative Bedeutung des Wortes Sozialismus in unserem Lande rührt her
1. von dem abschreckenden Bilde, das – verstärkt durch antisozialistische und antikommunistische Propaganda – die heute sich sozialistisch nennenden Staaten dem Bundesbürger bieten.
2. daher, dass die Umwälzungen in diesen Staaten durch blutige Bürgerkriege zustande gekommen sind.
3. daher, dass diese Umwälzungen sich in agrarischen, »unterentwickelten« Ländern ereignet haben und deshalb ein Vorbild für den Übergang eines entwickelten Industrielandes zu einer neuen, nichtkapitalistischen Gesellschaft noch nicht besteht.

2.3. Die Vieldeutigkeit des Wortes Sozialismus rührt auch daher, dass dieses Wort Verschiedenes meint:
1. die Zielvorstellung der neuen Gesellschaft,
2. die sozialistischen Organisationen (Parteien und Gruppen), die dafür kämpfen.
3. die strukturellen Maßnahmen, die schrittweise zum Ziele führen sollen.
Über a) besteht im Raume von b), also innerhalb der sozialistischen Organisationen, weithin Einigkeit; über c), sowohl über die einzelnen Maßnahmen wie über die nötige Strategie, liegen sie miteinander im Streit.

2.4. Durch diese doppelte Vieldeutigkeit ist das Wort Sozialismus nahezu unbrauchbar geworden. Wer sich heute als Sozialist bezeichnet, muss sofort hinzufügen, in welchem Sinne er Sozialist ist. Er kann aber auch beanspruchen, dass mit ihm nur über den Sozialismus, den er vertritt, verhandelt wird.

2.5. Der Sozialist befindet sich damit heute in einer ähnlichen Lage wie der Christ. Auch wer sich als Christ bezeichnet, muss angesichts der Vielzahl von christlichen Konfessionen und Gruppen sofort hinzufügen, in welchem Sinne er sich als Christ bezeichnet, und kann beanspruchen, dass mit ihm darüber gesprochen wird und dass ihm nicht die Sünden anderer christlichen Gruppen zur Last gelegt werden. Die Behauptung, dass solche Sünden aus dem Wesen des Christentums bzw. des Sozialismus notwendig folgen, wird der Christ bzw. der Sozialist durch sein anderes Verständnis von Christentum bzw. Sozialismus bestreiten und widerlegen. Die abschreckende Realität von Staaten, die sich sozialistisch nennen, ist für den Sozialisten das gleiche leidvolle Problem wie den Christen die abschreckende Realität von Staaten und Parteien, die sich christlich nannten oder noch nennen.


3. Warum wird ein Mensch Sozialist?

3.1. Ein Mensch wird Sozialist, weil er entweder durch die Schäden des gegenwärtigen Gesellschaftssystems selber schwer getroffen ist oder weil er sich mit diesen Betroffenen identifiziert, aus moralischen Motiven oder aus rationaler Einsicht in die Dringlichkeit revolutionärer Veränderung oder aus beidem.

3.2. Ein Mensch wird Sozialist, wenn er die gesellschaftlichen Schäden nicht nur als Einzelphänomene erfährt oder beobachtet, sondern die Vordergrundsphänomene durchschaut auf ihren Zusammenhang hin: den Zusammenhang, den sie untereinander haben und den Zusammenhang mit den Grundstrukturen der, gegenwärtigen Gesellschaft, mit der in ihr dominierenden Produktionsweise.

3.3. Solche Vordergrundsphänomene waren schon seit dem Frühkapitalismus: Arbeitslosigkeit, krasse Ungleichheit der Chancen und der Lebensverhältnisse, verheerende Wirkung der kapitalistischen Krisen auf ungezählte Existenzen, ökonomische Ursachen internationaler Konflikte (Kriege), militärisch industrieller Komplex (Rüstungsindustrie, Waffenhandel), Versklavung anderer Völker (Kolonialismus). – Hinzugekommen sind heute: Ressourcenvergeudung, Unmenschlichkeit der Städte, Landschaftszerstörung, Erhöhung der Produktivität durch verschärfte Zerstückelung und Mechanisierung der Arbeit (Taylorisierung) und der Effektivitätskontrolle, Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen und Entqualifizierung der Arbeit durch neue Technologie, Diskrepanz zwischen Befriedigung der Konsumbedürfnisse und Frustration in den Lebensbedürfnissen, Kommerzialisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen und der Sexualität, Zerfall der Familie, Unterwerfung der Bürger unter bürokratisch-technokratische Apparate.

3.4. Hinzu kommt, dass gleichzeitig mit der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse der breiten Masse in den Industriestaaten die materielle Verelendung der Mehrheit der Weltbevölkerung ein in der Geschichte noch nie gesehenes Ausmaß erreicht hat. Die Frage drängt sich auf, ob der Wohlstand hier und das Elend dort ursächlich zusammen gehören wie zwei Seiten derselben Medaille.

3.5. Der Zusammenhang all dieser Erscheinungen wird nach Meinung des Sozialisten sichtbar, wenn man nach der grundlegenden, jetzt auf den ganzen Erdball expandierenden Produktionsweise unserer Zeit fragt, nämlich der kapitalistischen, nach ihren Gesetzen und ihren Auswirkungen.

3.6. Der Sozialist hält diese Produktionsweise nicht für die einzige, wohl aber für die Hauptursache des heutigen Weltelends und der heutigen Zukunftsgefahren. Er sieht, wie ohne Erkenntnis dieser Hauptursache alle Analysen der heutigen Probleme und alle Lösungsvorschläge an der Oberfläche bleiben und deshalb keinen Ausweg zeigen. Er hat Gründe für die Prognose, dass ohne Überwindung dieser Hauptursache das heute zum erstenmal in der Geschichte gefährdete Überleben der Menschheit nicht gelingen kann.


4. Warum wird ein Christ Sozialist?

4.1. Auf die Frage, weshalb ein Mensch heute Sozialist wird, wurde im wesentlichen ein negativer Impuls genannt: die Einsicht in die im Wesen der kapitalistischen Produktionsweise begründeten, umfassenden Schäden der heutigen Gesellschaft. Nach Jean Ziegler (Professor für Soziologie in Genf) ist die unerlässliche Bedingung in der heutigen Weltlage für den Sozialisten: »sich in seinem tiefsten Innern den Sinn für den Schrecken zu bewahren, ihn zum Fundament der täglichen Wahrnehmung zu machen«. Für den Christen kommt entscheidend ein positiver Impuls aus dem Evangelium hinzu.

4.2. Das Evangelium zeigt uns
1. die Welt als Gottes geliebte Schöpfung, in die die Menschen gesetzt sind, sie »zu bauen und zu bewahren« (1. Mose 2,15),
2. die Menschen als Gottes geliebte Kinder, die Gott durch seine Selbsthingabe, in seinem Sohne Jesus Christus retten will vor den Folgen ihrer sündigen Selbstzerstörung und die er zu einer geschwisterlichen Familie zusammenfügen will,
3. die für das leibliche und geistliche Leben der Menschengeschwister verantwortliche tätige Liebe als Frucht des Glaubens, zu der wir vorher an unsere Interessen egoistisch gefesselte Menschen durch den Geist Jesu Christi befreit werden.

4.3. Dadurch entsteht eine neue Einstellung zu allen Privilegien, die wir besitzen:
1. Was ich an Privilegien besitze, soll in Dank an Gott, der sie mir gegeben hat, zum Dienst am Nächsten eingesetzt werden: »Was nicht im Dienst steht, steht im Raub« (Luther)
2. Was ich über meine kreatürlichen und geistlichen Privilegien hinaus an gesellschaftlichen Privilegien besitze, soll zu Rechten aller werden. Ich werde mich also nicht am Kampfe derer beteiligen, die ihre Privilegien behaupten wollen, sondern am Kampfe derer, die diese Privilegien zu Gunsten der bisher benachteiligten abbauen wollen. Das Evangelium weist mich an, die Gesellschaft von ihrem untersten Ort her, von daher, wo die Benachteiligten aller Art stehen, zu sehen und deshalb zu verändern.

4.4. Alle historischen Gesellschaften seit der Ackerbauzeit waren Privilegiengesellschaften. Ihre Geschichte, ihre Systeme von Recht, Kultur und Religion waren vom Interesse der privilegierten Schichten, ihre Privilegien zu behaupten, bestimmt: Klassenkampf von oben. Die christliche Gemeinde ist dazu bestimmt, eine privilegienfreie, herrschaftsfreie Bruderschaft zu sein. Damit steht sie im Gegensatz zu der sie umgebenden Privilegiengesellschaft. Zu ihrer Weltverantwortung gehört, dass sie nicht nur eine anderslebende Insel ist, sondern eine hinauswirkende Zelle, die sich am Abbau des Privilegiensystems in Zusammenarbeit mit gleichgerichteten Bestrebungen beteiligt.

4.5. Das Privilegiensystem durchdringt infolge des Zusammenhangs mit der umgebenden Gesellschaft auch die christliche Gemeinde. Im Laufe ihrer Geschichte sind die christlichen Kirchen vielfältige Bündnisse mit den Privilegiensystemen eingegangen und haben ihnen ideologische Dienste geleistet. Dadurch sind sie an viel Unterdrückung und Ungerechtigkeit mitschuldig geworden (»Klassenbindung der Kirche«). Für die heutige Welt gilt: Während die Klassengegensätze innerhalb der Ursprungsländer des Kapitalismus »abgemildert« sind, besteht der »krasse Klassengegensatz ... heute zwischen der ersten Welt einschließlich der Arbeiter und den Massen der dritten Welt«. (C. Fr. von Weizsäcker, »Fragen zur Weltpolitik«, München 1975, S. 42). Darum gilt für uns Christen in Deutschland das Wort eines Lateinamerikanischen Bischofs: »Kein Deutscher kann sagen, er sei unschuldig«.

4.6. Die Umkehr, zu der die christliche Gemeinde durch Gottes Wort täglich gerufen wird, umfasst auch die Abkehr von ihrer Einbindung in das herrschende Privilegiensystem und ihren tätigen Einsatz für gerechtere, also nicht mehr durch gesellschaftliche Privilegien bestimmte Gesellschaftsstrukturen. Deshalb ist die primär wichtige Frage heute nicht die nach dem Verhältnis von Christentum und Sozialismus, sondern zuerst die nach dem Verhältnis von Christsein und Kapitalismus: Kann man als Christ das gegenwärtige Gesellschaftssystem samt der ihm zugrunde liegenden Wirtschaftsordnung bejahen und verteidigen, oder muss das für einen Christen nicht unerträglich sein?

4.7. Wird einem Christen die Unverträglichkeit zwischen Evangelium und kapitalistischem Privilegiensystem bewusst und sieht er sich vom Evangelium unvermeidlich und unaufhaltsam in die Teilnahme am Kampfe für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft gedrängt, dann muss er mit seiner Vernunft erforschen und entscheiden, in welchem Ausmaße eine Gesellschaftsveränderung jetzt möglich und nötig ist, welche Strategie, welche Bündnisse und welche Kompromisse dafür zu wählen sind, wie die jetzt fälligen strukturellen Änderungen jetzt aussehen sollen. Dies geschieht in rationaler Diskussion und in politischen Entscheidungsprozeduren. Auf dem Felde der Vernunft gibt es keine absoluten Entscheidungen, darum auch keine absoluten Gegensätze. Dagegen ist die »Richtung und Linie« (Karl Barth) unserer politischen Tätigkeit vom Evangelium festgelegt: hin auf eine solidarisch demokratische, privilegienfreie Gesellschaft. So gibt das Evangelium dem Christen für seine politische Verantwortung Motiv, Ziel und Kriterien für die Wahl der Mittel und Kampfesweisen.

4.8. Ist »Richtung und Linie« vom Evangelium festgelegt, so ist die Entscheidung für den Sozialismus eine zwar daraus hervorgehende, aber nicht vom Evangelium festgelegte Entscheidung. Sie ist abhängig von vernünftiger Beurteilung der Lage und von ausreichender, von ideologischer Bindung an Privilegien freier Information über die Lage.

4.9. Sozialismus ist nicht identisch mit Marxismus. Es gibt viele nicht marxistische Sozialisten, und es gibt fast so viele marxistische Richtungen, wie es christliche Theologien gibt. Marxismus ist ein theoretisches Instrument für den Sozialismus zur Analyse der Lage und zur Entwicklung der Strategie. Dieses Instrument kann der Christ als Sozialist gebrauchen, unabhängig davon, dass es von Atheisten erfunden und aus historischen Bedingungen mit atheistischer Weltanschauung verbunden worden ist. Er gebraucht dieses Instrument gemäß dem Grundsatz christlicher Freiheit: »Alles prüfet, das Gute (wörtlich: das Schöne) behaltet!« (1. Thessalonicher, 5,21) und in christlicher Freiheit, also nicht daran »glaubend«; nicht als starre Doktrin, sondern in freier Prüfung je nach Tauglichkeit.

4.10. Zur Bewegung in dieser »Richtung und Linie« und zur Freiheit für die praktischen Konsequenzen, zu denen auch die vorurteilslose Prüfung der sozialistischen Gedanken gehört, fordern uns oft genug auch die Tageslosungen auf, z.B. die vom 24. Januar 1979: »Ich weiß, der Herr führt der Elenden Sache« (Psalm 140,13). – »Höret zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen auf dieser Welt? Ihre aber habt den Armen Unehre getan« (Jakobus 2,5.6). – »Da warten so viele: die Blinden, die Alten, /die Krüppel, die Tauben. Wer misst denn ihr Leid?/ Und wir? Wir wollen unser Leben erhalten – verlieren die Zeit und die Ewigkeit«. (Paul Toaspern)


Helmut Gollwitzers Thesen "Warum bin ich als Christ Sozialist?"
erschienen 1980 in der BRSD-(Bund religiöser SozialistInnen Deutschlands)Zeitschrift "Christ und Sozialist"

Eingestellt von VDL.





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Die "Initiative Kirche von unten"







"Für eine gerechte Kirche und eine gerechte Welt"
Selbstverständnis-Erklärung der Initiative Kirche von unten (IKvu),
beschlossen auf der Delegiertenversammlung in Mainz (15.-17.10.1999)



"Unsere Hoffnung heißt Gerechtigkeit"
- dieses Leitwort des KatholikInnentages von unten 1998 in Mainz gibt treffend die Zielsetzung der Initiative Kirche von unten wieder: beizutragen zu einer gerechteren Kirche und einer gerechteren Welt. Dazu fühlt sich die IKvu verpflichtet und ermutigt durch die große prophetische Tradition unseres Glaubens. Diese begegnet uns auch im Leben und in der Botschaft Jesu. Er glaubte an einen Gott, der sich allen Menschen zuwendet und Partei ergreift für die Kleinen und Verachteten. Die Gerechtigkeit Gottes, der uns Menschen gerecht macht und die Sünderinnen und Sünder ohne Vorbehalt annimmt, können wir nur bezeugen im Einsatz für eine Welt, in der niemand ausgeschlossen oder benachteiligt wird. Die Option für die Armen und Unterdrückten wurde ursprünglich entwickelt und vertreten in der Theologie der Befreiung. Sie muss auch Maßstab der Theologie und kirchlicher Praxis hierzulande werden. Dafür setzt die IKvu sich ein.

Befreiung in der einen Welt
Die IKvu bekennt sich zur Zielsetzung des "Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung". Gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern in anderen Gruppierungen und Ländern folgt sie der Vision einer Welt, in der das Bewusstsein für Grenzen zunimmt, nämlich Grenzen des Wachstums, der Mobilität und nicht zuletzt des Menschen selbst. In dieser Welt wird die persönliche Selbstbestimmung im Einklang stehen mit der Teilhabe des Einzelnen an der Gesellschaft. Das Bewusstsein für die gegenseitige Abhängigkeit aller Menschen wird wachsen, und eine nachhaltige Entwicklung wird den Bedürfnissen zukünftiger Generationen entsprechen. Frei von existentieller Bedrohung, werden die Menschen frei werden von Einengungen durch Geschlechterrollen und soziale Schichtzugehörigkeit und so die Freiheit, zu der uns Gott berufen hat, leben können.

Befreiung in der Kirche
Die IKvu versteht sich als eine Initiative für die Erneuerung der Kirche. Nach unserer Überzeugung ist Kirche die Gemeinschaft der Gläubigen der gesamten Christenheit. Von oben erleben wir zu sehr das Vertrauen in die Konservierung bestehender Strukturen. Dagegen setzen wir eine Erneuerung von unten, aus der Erfahrung des gelebten Christentums, das den Nöten der Zeit nahe ist. Wenn sich die Kirche dem Wirken des Geistes öffnet, wird sie Pluralismus zulassen, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren. Sie wird die Vielfalt der Traditionen und konfessionellen Ausprägungen als Bereicherung erfahren. Sie wird es nicht nur tolerieren, sondern es als notwendig begreifen, dass Menschen den überlieferten Glauben in ihrem kulturellen Kontext und ihren jeweiligen Lebensbedingungen neu zu buchstabieren und zu übersetzen suchen. Dazu ist unsere Umkehr als Kirche notwendig. Mut ist gefordert, historische Fehler und Entwicklungen zu korrigieren, welche die Kirche heute hindern, den Erfordernissen der Zeit gerecht zu werden, ihre Glaubwürdigkeit schmälern und ihr Zeugnis für das Evangelium beeinträchtigen.

Utopie und Widerstand
Kirche wird der unter dem Schlagwort Globalisierung zunehmenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche widerstehen. Sie wird erkennen und verkündigen, dass diese Entwicklung dem Evangelium Jesu Christi zuwiderläuft und dem Glauben den Boden zu entziehen droht. Deshalb wird sie der Illusion einer "schönen neuen Welt" nicht erliegen, in der sich alles rechnet und rechnen muss, die meint, Utopien nicht mehr nötig zu haben. Zur scheinbaren Machbarkeit aller Dinge und der Allmacht des Marktes wird sie ein Gegengewicht bilden, um so die Menschlichkeit zu verteidigen. Kirche wird wieder entdecken, dass Kritik an den Mächtigen ein Kernstück des jüdisch-christlichen Erbes für die Menschheit ist. Sie wird die Zusammenarbeit mit ungewohnten Koalitionspartnerinnen und -partnern suchen. Ihren Dienst für mehr Gerechtigkeit in der Welt kann sie glaubwürdig jedoch nur dann leisten, wenn sie auch in ihrem Inneren Gerechtigkeit schafft.

Reich Gottes
Die IKvu will mithelfen, die kleingläubige Sorge der Kirche um sich selbst zu überwinden und entschlossen dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit entgegenzugehen. Unserer Unzulänglichkeit bewusst, wollen wir solidarisch sein mit den Zurückgesetzen und Vergessenen unserer Zeit.
Denn: Unsere Hoffnung heißt Gerechtigkeit!


Initiative Kirche von unten
: http://www.ikvu.de/





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Befreiungstheologie


Die
Befreiungstheologie
dargestellt aus franziskanischer Sicht



A. Einleitung

Theologie der Menschen
Die Befreiungstheologie hat ihren Ursprung in Lateinamerika. In den siebziger und achtziger Jahren prägte sie zutiefst das Antlitz der Kirchen dieses Kontinents. Sie übte großen Einfluss aus auf die Kirche und die Theologie auf der ganzen Welt. Heute finden wir sie in den Kirchen der Dritten Welt in vielen Ausformungen. Die Befreiungstheologie gab mehr als einmal Anlass zu falschen Deutungen, sowohl zur starken Ablehnung als auch zu ausdrücklicher Unterstützung. Es handelt sich bei der Befreiungstheologie nicht einfach um eine theologische Richtung, die sich nur durch Kleinigkeiten von anderen unterscheidet. Sie hat ihren Ursprung im Leben und in der Arbeit von Tausenden von Gemeinden, von Laien, Ordensleuten, Theologen und Theologinnen; es ist eine Theologie der Menschen und ihres leidenschaftlichen Einsatzes. Die Befreiungstheologie lässt schon deshalb die Gemüter nicht teilnahmslos und unberührt, sie hinterfragt und ist kritisch; in ihr spiegelt sich eine entschiedene Glaubenshaltung und eine politische Praxis. Als franziskanische Schwestern und Brüder muss uns an der Kenntnis der Befreiungstheologie liegen. Denn in ihr finden wir Ansichten und Verhaltensweisen, die einer langen franziskanischen Tradition entsprechen.


B. Übersicht

Grundeinsichten
Im ersten Abschnitt geht es um die geschichtlichen Hintergründe und um die Grunderfahrungen, die zur Befreiungstheologie führten. Dabei werden Grundeinsichten der Befreiungstheologie und ihr Beitrag für die Theologie näher betrachtet. Daraufhin wird die neue Situation beleuchtet, in der sich heute die Befreiungstheologie aufgrund veränderter Voraussetzungen befindet: Die Basis der Kirche hat sich verändert; verschiedene Gruppierungen versuchten, die Befreiungstheologie wirkungslos zu machen und auszuhöhlen. Im zweiten Abschnitt geht es um die Beziehung zwischen der Befreiungstheologie und der franziskanischen Bewegung. Der heilige Franziskus wird in Lateinamerika schon seit jeher als Symbol der Befreiungsbewegung angesehen. Denn einige seiner Grundeinsichten und Verhaltensweisen sind für die Befreiungstheologie wesentlich.


C. Information

1. Die Befreiungstheologie und ihre Aktualität

1.1. Die Grunderfahrungen

Geschichtliche Hintergründe
In den meisten lateinamerikanischen Ländern gab es seit dem vergangenen Jahrhundert zwischen Staat und Kirche geregelte Verhältnisse: die jeweiligen Aufgaben waren genau umschrieben und voneinander abgegrenzt. In vielen Situationen war es nicht leicht, die Politik der Kirchen von staatlicher Parteipolitik zu unterscheiden. Außerdem gab es Tendenzen, die dem christlichen Glauben zuwiderliefen: die Freiheit des Einzelnen wurde so sehr betont, dass man vergaß, für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen und sich für eine gerechte Verteilung der Güter einzusetzen (= "Liberalismus"); hinzu kam dann die Auffassung, wonach die Gesetze und die sozialen Zustände so, wie sie nun einmal sind, unveränderlich seien und für immer und ewig zu gelten hätten. Dass Gesetze und Zustände auch ungerecht sein könnten und darum verändert werden müssten, kam gar nicht ins Bewusstsein (= "Positivismus"). Die Kirche war in den gesellschaftlichen Entwicklungen meistens eine beharrende Kraft. Sie widersetzte sich deshalb auch grundsätzlich den großen politischen Bewegungen, die von Europa und Nordamerika ausgingen und auch die lateinamerikanischen Länder ergriffen. Obwohl die politische Unabhängigkeit nicht zuletzt von Ordensleuten und Priestern gefordert wurde, hielt die Kirche als Ganze treu an den Rechten der Krone Portugals und Spaniens gegenüber den Freiheitsbewegungen fest. Was J. B. Metz in seinem Werk: "Jenseits bürgerlicher Religion" für Europa aufzeigte, gilt auch für den Katholizismus in Lateinamerika: "Der Katholizismus hat bei uns die bürgerliche Freiheitsgeschichte nicht nur nicht in sich aufgenommen, sondern sich immer auch gegen sie gewehrt. Die so genannten ‘katholischen Zeiten’ innerhalb der europäischen Geschichte der Neuzeit waren immer Zeiten des ‘Gegen’: Die Zeiten der Gegenreformation, Gegenrevolution, Gegenaufklärung, die Zeiten der politischen Restauration und Romantik" (J. B. Metz). "Ehrenvolle Ausnahmen" wurden aus der Kirche ausgeschlossen; sie galten als abtrünnige Stimmen, die für das System gefährlich waren. In allen Ländern Lateinamerikas war das Patronatsrecht Portugals und Spaniens in Kraft, d.h. alle Verwaltungsangelegenheiten der Kirche in den Händen der portugiesischen und spanischen Könige. Das galt von der Ernennung eines Bischofs, der Errichtung einer Pfarrei, bis hin zur Besoldung der Missionare und Pfarrer. Von diesem System suchte sich das Volk zu befreien. Bis in unsere Tage hat es zahllose Befreiungsbewegungen gegeben: Aufstände von Indianern, Sklaven und Bauern, Unabhängigkeitskriege, spontane Revolten mit den unterschiedlichsten Zielsetzungen, Arbeiter- und Studentenstreiks, Volksrevolutionen auf dem gesamten Kontinent. Das Patronatsrecht allerdings überdauerte auch die Unabhängigkeitskriege. Es ging auf die neuen Machthaber über und war bis in unser Jahrhundert in Geltung. Mit der Industrialisierung während und nach dem zweiten Weltkrieg wuchsen die Städte in den Ländern Lateinamerikas immer schneller, besonders in Argentinien, Chile, Brasilien und Mexiko. Das hatte unübersehbare soziale Folgen. Auf dem ganzen Kontinent entstand in den sechziger Jahren ein politisches Klima, das die Befreiung von der militärischen und wirtschaftlichen Fremdbestimmung, dem sog. "Imperialismus", und tief gehende Gesellschaftsreformen forderte. In diesem Zusammenhang sind zu sehen: die kubanische Revolution; der Untergrundkampf ("Guerilla") in Bolivien, aber auch die Intervention der Vereinigten Staaten in der Dominikanischen Republik. Dazu kamen starke Gewerkschaftsbewegungen in Chile, Brasilien und anderen Ländern auf. Einen wichtigen geistigen Beitrag für den Veränderungswillen lieferten die sog. "Dependenztheorie" (= Abhängigkeit) und die Vision einer Gesellschaft, die der Gerechtigkeit verpflichtet ist. Die Dependenztheorie entstand aus Studien einiger Wirtschaftsfachleute, die sich seit Beginn der fünfziger Jahre in Chile trafen. Im Rahmen der Wirtschaftskommission für Lateinamerika (= CEPAL) erforschten sie im Auftrag der UNO die Schwierigkeiten, welche Drittweltländer in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung haben. Sie kamen zum Ergebnis, dass das Elend der armen Länder durch ihre Abhängigkeit von den reichen Industrienationen verursacht ist. Auf dieser Grundlage machten sie Lösungsvorschläge. Die Dependenztheorie wurde in der Folge aufs heftigste kritisiert. Vor allem wurde ihr vorgeworfen, dass sie die Ursachen ausblende, die in den armen Ländern selbst liegen, wie beispielsweise der Machtmissbrauch durch Eliten, die durch Verschwendung und Korruption, Unterdrückung und Gewalttätigkeit die Menschenrechte verletzen. Die Theorie wurde auch deswegen angegriffen, weil man befürchtete, dass durch zwischenstaatliche Verträge die Ausbreitung des westlichen Kapitalismus behindert würde. Trotz berechtigter Kritik, die die Dependenztheorie erfahren hat, behält sie in den wesentlichen Erkenntnissen ihre Gültigkeit. Die Reaktion auf diese gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen war Ende der sechziger Jahre und in den siebziger Jahren in ganz Lateinamerika von Diktaturen und Militärputschen gekennzeichnet. Alle waren von der sog. "Doktrin der Nationalen Sicherheit" geprägt, die aus der Angst vor dem Kommunismus in den USA entwickelt und besonders in Brasilien, Chile und Argentinien praktiziert wurde. Tausende von Menschen wurden festgenommen, gefoltert, ins Exil geschickt oder als "verschwunden" erklärt. Der Vorwurf lautete überall gleich: "Gefahr für das Regime und für die christliche Wertordnung". Abschaffung der Verfassungsrechte und Unterdrückung, Pressezensur und Kontrolle der Gewerkschaften, Überwachung oder Ausschaltung von politischen Parteien waren die Mittel, mit denen die Regierungen ihre Herrschaft festigten. Die Diktaturen übernahmen und förderten den Kapitalismus und zerstörten die bürgerliche Gesellschaft. Gerne gewährtes ausländisches Kapital ermöglichte industrielle Großprojekte und ließ gleichzeitig die Auslandsschuld ins Unermessliche anwachsen. Davon profitierten die Reichen als Kapitalgeber und die Reichen vor Ort, die Armut dagegen verschärfte sich auf dem ganzen Kontinent. Durch die Erhöhung der Ölpreise und die hohen Gewinne der multinationalen Konzerne in den siebziger Jahren überfluteten Dollarströme den internationalen Finanzmarkt. Das ermöglichte die Verwirklichung ehrgeiziger Großprojekte mit leicht zugänglichen und günstigen Krediten. Die Auslandschulden wuchsen ins Unermessliche, enorme Zins- und Kapitalrückzahlungen vergrößerten das soziale Elend und waren mitverantwortlich für den Abgrund, der sich auf dem ganzen Kontinent zwischen Armen und Reichen auftat. In dieser Phase setzte sich der ökonomische Liberalismus mit Hilfe der Autorität des diktatorischen Staates durch. Alle Kraft und sehr viel Geld wird für die dazu benötigte "Infrastruktur" eingesetzt: Erdölanlagen, Straßen, Schifffahrtsgesellschaften, Elektrizitätswerke, Telekommunikationsanlagen ... Heute ist die kapitalistische Wirtschaft nicht mehr auf den Staat angewiesen. Im Gegenteil: der Staat wird für alle Übel der Wirtschaft haftbar gemacht. Für diese Denkweise, die heute die ganze Welt beherrscht, liegt die Lösung aller Dinge im Rückzug des Staates aus der Wirtschaft: alles soll der Privatinitiative überlassen bleiben. Angeblich können damit alle Probleme gelöst werden: die Arbeitslosigkeit, das materielle und geistige Elend, das Fehlen von Schulen und Krankenhäusern. "Der freie Markt regelt alles von selbst" - ist ein Glaubenssatz des Kapitalismus. Es gibt so etwas wie eine "unsichtbare Hand", die im freien Spiel von Angebot und Nachfrage für ein Gleichgewicht sorgt. Der Neoliberalismus, wie man diese Art der Wirtschaft auch nennt, fordert den blinden Glauben: der Markt ist fähig, die Menschen mit allem zu versehen, was sie brauchen. In Wirklichkeit ist das jedoch noch nie geschehen, nicht einmal in den Zeiten der wirtschaftlichen Blüte. Im Gegenteil: die Privatisierung wucherte wild darauf los; öffentliche Güter wurden zu lächerlich niedrigen Preisen an Private im In- und Ausland verkauft, was zwangsläufig in die Abhängigkeit vom internationalen Markt und dessen Schwankungen führte; vor allem aber gerieten noch mehr Menschen in den Sog der zunehmenden Verarmung. Millionen Menschen leben auf der Straße, unter den Autobahnen der Großstädte, in Elendsvierteln; die Zahl von Arbeitslosen und von allein stehenden Kindern wird immer größer. Für Vertreter dieses Wirtschaftssystems ist das kein Grund, das Modell zu überprüfen. Ihrer Meinung nach ist das große soziale Elend darauf zurückzuführen, dass die Wirtschaft noch nicht vollständig frei und offen ist und immer noch zu vielen gesellschaftlichen Regeln unterliegt: Der freie Markt ist noch nicht, was er sein muss! Der Neoliberalismus setzt also selbstsicher seinen siegreichen Marsch durch die Welt fort, ohne sich um das Schicksal der Millionen von Menschen zu kümmern, die vom Wohlstand ausgeschlossenen sind. Ebenso wenig kümmern ihn ökologische Folgen des wirtschaftlichen Fortschritts. In den siebziger Jahren wurde die historische Gelegenheit verpasst, ein anderes Wirtschaftsmodell zu entwickeln (vgl. LB 21). Eine neue politische Haltung der Kirche Am Ende der fünfziger Jahre entstand in vielen Ländern Lateinamerikas der "Soziale Katholizismus": die Katholische Aktion und verschiedene Jugendorganisationen wagten den Widerstand gegen die sozialen Missstände. Der Ruf nach sozialen Veränderungen wurde lauter. Diese kritischen Christen entwickelten neue Organisationsformen; sie stießen in neue Bereiche der Gesellschaft vor; sie verbreiteten befreiende politische Ansichten und kämpften für die Menschenrechte. Dann kam das 2. Vatikanische Konzil und die lateinamerikanische Bischofskonferenz von Medellín (1968). Aus diesen Erfahrungen erwuchs die Befreiungstheologie. In der Folge veränderte sich die politische Rolle der Kirche in verschiedenen Ländern grundlegend. Was die Bischöfe in Medellín begannen, bestätigten sie in Puebla (1979). Von da an verurteilten sie mit prophetischer Klarheit die schreckliche Armut und die Ausgrenzung, von der weite Teile der Bevölkerung betroffen sind. Die Verkündigung der Frohbotschaft geht seither stets einher mit der Verurteilung der Ungerechtigkeit, die das Volk, insbesondere die Landbevölkerung und Arbeiter, erleiden muss. Die Indigenas, Afroamerikaner und die Frauen kommen als besondere Opfer ungerechter Strukturen noch nicht in das Blickfeld der Befreiungstheologie. Die Befreiungstheologie untersucht die Armut und das Elend unter zwei Gesichtspunkten: · Aus einer mystisch-theologischen Betrachtungsweise wird die Armut als Gotteslästerung empfunden. Die Befreiungstheologie erwächst aus einer bestimmten Gotteserfahrung heraus. Die Armut wird mit der Knechtschaft in Ägypten verglichen, Gott sieht dieses Elend und führt in die Befreiung (vgl. Ex 2,23; 3,7-10). Diesem befreienden Gott begegnen wir in den Armen und Ausgegrenzten. Ihre Situation ist die Frucht eines ungerechten Systems, das deshalb verurteilt werden muss. Es lebt von der Anhäufung von Reichtum in den Händen ganz weniger Menschen. Die große Mehrheit hat keinen Anteil an den Gütern dieser Welt und ist zu einem Leben in großer Armut und am Rande der Gesellschaft verdammt. Aus diesem Grunde haben die Bischöfe in Medellín mit prophetischem Mut die Option für die Armen getroffen, eine Entscheidung für die Menschen, die vom Wohlstand ausgegrenzt sind. Wenn Gott sie bevorzugt, dann muss das auch die Kirche tun (vgl. LB 19). Diese Option ist: · vorrangig: in der Wertordnung und im Verhalten der Kirche kommt den Armen die erste Bedeutung zu; · solidarisch: es darf nicht einfach bei schönen Worten bleiben, sondern die Kirche muss sich im Verhalten und in der Tat an der Seite der Armen wissen; · nicht ausschließend: niemand muss sich deswegen benachteiligt fühlen, auch die Reichen nicht, allerdings unter der Bedingung, dass sie ihrerseits sich auf die Armen zubewegen und sich bekehren. "Wir bestätigen die Notwendigkeit der Umkehr der gesamten Kirche im Sinne einer vorrangigen Option für die Armen mit Blickrichtung auf deren umfassende Befreiung" (Puebla: 1134; vgl. 1144, 711, 1165). · Die Armen werden aber nicht als Objekt betrachtet, als Menschen, denen sich die Kirche zuwendet, oder gar als Sache, für die sie Sorge trägt. Die Armen selbst sind Bestandteil der neuen evangelisierenden und politischen Kraft. Sie sind das neue Subjekt in der Kirche und in der Gesellschaft: Menschen mit eigener Kraft und Würde, mit Initiative und Verantwortung. Sie organisieren sich, um für ihre Rechte zu kämpfen, und sie evangelisieren, d.h. sie bringen die frohe Botschaft Christi in die Kirche hinein: erst wenn sie durch die Armen ärmer, einfacher und prophetischer wird, entspricht sie dem, was Jesus von ihr fordert (vgl. 1 Kor 12; Medellín 2,9; 5,15; 10,2; 12,13; 14,7-10; Puebla 96; 485; 622; 629; 640; 1134; 1142; 1147; 1177; 1309; Santo Domingo 178ff., 296).

1.2. Die Grundauffassungen der Befreiungstheologie

Gott auf der Seite der Armen
Die Befreiungstheologie ist der Auffassung, dass die Sache des armen und unterdrückten Volkes die Sache Gottes selbst ist. Die ungerechte Armut, das Elend, das eine große Anzahl von Menschen erleidet, ist nicht etwas, was nur Politiker und Wirtschaftsfachleute angeht. Das Recht der Armen auf Leben hat etwas zu tun mit dem Schöpferwillen Gottes und der Gegenwart Jesu Christi in der Welt. Es ist die größte Herausforderung, vor die uns der befreiende Gott stellt. Es handelt sich jedoch nicht darum, die Dinge für die Armen oder in ihrem Namen zu lösen. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, sich mit den konkreten Anliegen der Armen solidarisch zu erklären und ihre Hoffnung auf Freiheit zu nähren. Die Grundfrage Wie kann man den leidenden Menschen in Lateinamerika glaubwürdig vermitteln, dass Gott sie liebt? Wie kann der Glaube an den Gott des Lebens und der Wahrheit in einem Kontext gelebt werden, der von den Kräften des Todes beherrscht ist? Was heißt Glaube an den lebendigen Gott, wenn die Armen und Kleinen, für Jesus die Bevorzugten Gottes, ausgeschlossen und sogar getötet werden? Dies war die grundsätzliche Frage, die sich die ersten katholischen und protestantischen Befreiungstheologen stellten. Sie hat an Aktualität nichts verloren und sie stellt sich nicht nur für die Lateinamerikaner. Der Kapitalismus hat sich in der ganzen Welt durchgesetzt, darum fordert er die Christen und die Franziskanische Familie überall auf der Welt heraus. Die Armut, die Ungerechtigkeit, die Probleme der Umwelt und des interkulturellen Dialogs (s. LB 14) sind weltumspannende Fragen. Sie können nur durch internationale Zusammenarbeit gelöst werden. Die Reich-Gottes Idee Gott ist es, der rettet; sein befreiendes Handeln übersteigt die irdische Wirklichkeit. Aber er befreit durch Menschen und inmitten unserer irdischen Geschichte. Das ist eine Grundüberzeugung der Befreiungstheologen. Deshalb ist auch der Vorwurf, die Befreiungstheologie spreche wie der Marxismus nur von der irdischen Wirklichkeit und ließe die Unwägbarkeit und das Mysterium des Gottesreiches außer Betracht, völlig unbegründet. Er trifft für die Befreiungstheologie nicht zu, ist zu einseitig und zudem getragen von mangelnder Verantwortung für die Welt. Alle innergeschichtlichen Befreiungstaten unterstützen und beschleunigen das Reich Gottes, das von Jesus angekündigt und begründet wird. Aber sie befinden sich nicht auf der gleichen Ebene: Gottes Befreiungstat geht darüber hinaus: sie hat eine endgültige, weltübersteigende Gestalt. Dies bedeutet einen Wechsel im theologischen Denken: die Befreiungstheologie nimmt die Verpflichtung der Christen für die Veränderung ungerechter und unmenschlicher Lebensbedingungen ernst. Die prophetische Verpflichtung Die Befreiungstheologie wird stets eine prophetische Theologie sein, d.h. sie muss Ungerechtigkeit im Namen Gottes anklagen. Die Faktoren, die einst zu ihrem Entstehen führten, sind noch immer vorhanden: die Zahl der Armen auf der Welt ist nicht zurückgegangen, im Gegenteil, sie wächst von Tag zu Tag. Dies anzuklagen als Verrat am Menschen und am Gottesreich bleibt unverzichtbare Aufgabe der Kirche. Deshalb wird es immer Christen geben müssen, die ihren Glauben und ihre Gotteserfahrung als Herausforderung zur Befreiung der Armen verstehen und leben. Darum ist die nachlassende Aufmerksamkeit gegenüber diesem Problem nicht nur zu bedauern, sie ist Untreue gegenüber dem Evangelium. Befreiung als neues Paradigma der Theologie Die Befreiungstheologie ist nicht ein Theologieentwurf, der nur über einige Themen nachdenkt. Sie will vielmehr die ganze Theologie unter dem Stichwort Befreiung neu durchdenken und formulieren, und zwar aus der Sicht der Unterdrückten, die die Freiheit suchen und für sie kämpfen. Es geht demnach in allem um eine ganzheitliche Befreiung: um persönliche, emotionale, spirituelle, auch um politische, wirtschaftliche, soziale und sexuelle Befreiung. In diesem Sinne ist die Befreiungstheologie nicht nur anders, sondern einzig unter den verschiedenen theologischen Strömungen. Sie wird "von unten, von der Rückseite der Geschichte" betrieben, von den "Nicht-Menschen" (G. Gutiérrez), an der Seite eines unterdrückten Volkes und inmitten geschichtlicher Vorgänge. Die Befreiungstheologie unterzieht jede Theologie einer kritischen Betrachtung, welche im Allgemeinen stecken bleibt und nicht von konkreten Lebenssituationen ausgeht. Sie stellt alles Denken vor einen "anderen theologischen Horizont" (L. Boff). Es ist eine "neue Art, Theologie zu treiben" (= neues Paradigma), ein kritisches Nachdenken über die befreiende Praxis im Licht des Glaubens (G. Gutiérrez). Das Subjekt der Befreiungstheologie ist das unterdrückte Volk, die "Armen" in ihrem Kampf gegen ungerechte Herrschaftstrukturen. Die Befreiung ist ein Vorgang, für den die Armen selbst die Verantwortung tragen. Sie entwerfen die Art des Vorgehens und kämpfen um die notwendigen Veränderungen. Armut ist nicht nur wirtschaftliche Not, nach biblischem Verständnis sind arm alle, die Opfer von Ungerechtigkeit geworden sind, Ausgebeutete, Ausgeschlossene, am Rande Lebende, Vergessene, politisch Unterdrückte und Kranke, Einsame ... (vgl. LB 19). Es sind Menschen, die sich ihrer Armut bewusst werden und deshalb - wie Moses - eine persönliche und gesellschaftliche Befreiungsgeschichte wagen. Gewiss gibt es auch unter den Reichen Formen der Armut: zunehmende Depression, Einsamkeit, Verlust des Lebenssinns, Hoffnungslosigkeit, Beziehungsunfähigkeit ... Auch sie sind, wie die Armen, Opfer von Mechanismen, die Armut und Elend erzeugen. Aus diesem Grunde ist überall eine Spiritualität des Widerstandes notwendig, aber ebenso eine Hoffnung, die mit den Zusagen des befreienden Gottes rechnet. Wo Menschen aus dem Glauben heraus sich versammeln, um ihre mögliche Befreiung kämpfen und sich solidarisch mit unterdrückten Menschen verbinden, dort geschieht Befreiungstheologie.

1.3. Pastorale Folgerungen

Als Folge von Befreiungsvorgängen veränderten sich die Formen seelsorglicher Begleitung, sogar auch das Selbstverständnis der Kirche. Überall entstanden Bibelkreise, Basisgemeinden, Nachbarschaftsverbände und Vereinigungen von Landarbeitern (campesinos), Fischern, Prostituierten, Straßenkindern, Slumbewohnern ... Ebenso entstand eine neue Form der missionarischen Präsenz unter den Indígenas (vgl. LB 18). Überall begann man, über historisch gewordene Formen und das koloniale Erbe des Christentums und über die Art der Verkündigung in den Kulturen Lateinamerikas nachzudenken, und schonte sich nicht in der Selbstkritik. Dieses Nachdenken setzt sich auch heute fort in den Diskussionen über die Inkulturation des Glaubens in den verschiedenen auch innerhalb eines Einzelstaates vorhandenen Kulturen (vgl. LB 17). Die Befreiungstheologie suchte den Dialog mit den Sozialwissenschaften, zahlreiche Forschungsinstitute, Studien- und Bildungshäuser entstanden. Bereits existierende Zentren erhielten neue Impulse, viele Kurse wurden durchgeführt. Alles wurde zum Thema: die Weisheit Hiobs und die Gleichnisse Jesu über das Reich Gottes, die Arbeitslosigkeit und die Gesundheitsfürsorge, die Präsidentschaftswahlen und die weltweite Durchsetzung des Kapitalismus. "Kommunion" (= gemeinschaftliche Verbundenheit) und "Beteiligung" wurden immer mehr zu sinnstiftenden Worten. Das hatte eine Reihe von praktischen Konsequenzen: überall entstanden neue Formen der Gemeindeleitung, Pfarrgemeinderäte, Diözesanversammlungen, die großen Basisgemeinde-Treffen (CEB) - Tausende von Menschen kamen zusammen. Alle werden einbezogen in Initiativen, Planung, Durchführung und kritische Wertung der kirchlichen Aktivitäten. Priester und Bischöfe sind nicht mehr die einzigen, die das Sagen haben und für alles verantwortlich sind; sie werden zu Animatoren und Verbindungsgliedern zwischen den Gemeinden. Der Dialog mit den Sozialwissenschaften wurde gesucht. Er sollte die Wirksamkeit des Verwandlungssprozesses fördern. Sozialwissenschaftliche Studien halfen den lateinamerikanischen Bischöfen, kritische Dokumente zum gängigen Wirtschaftsmodell zu schreiben. Die Befreiungstheologie brachte viele charismatische und prophetische Laien hervor. Im Geiste von Medellín und Puebla verbanden sich Verantwortliche von Gemeinden, Bewegungen, Verbänden und Gewerkschaften, um in Kirche und Gesellschaft kritisch und wirksam handeln zu können. Viele von ihnen stehen heute an der Spitze der wichtigsten Gewerkschaften, Parteien, ökologischen Gruppierungen und Volksorganisationen. Der Beitrag der Kirchen für den Demokratisierungsprozess in unseren Gesellschaften war von großer Bedeutung.

1.4. Die Märtyrer

Dieser Verwandlungsprozess verlangte aber auch einen hohen Preis. Viele bezahlten ihren Einsatz mit dem Leben. Wir feiern das Gedächtnis unserer Schwestern und Brüder: Hunderte von lateinamerikanischen Märtyrern werden in unseren Gottesdiensten angerufen; sie bleiben auf unserem Glaubensweg stets gegenwärtig. Jeden Tag im Jahr ruft das lateinamerikanische Märtyrerverzeichnis die Erinnerung an Jugendliche, Frauen, Männer, Geistliche und Bischöfe wach. Viele unter ihnen waren Mitglieder der Franziskanischen Familie und mussten dafür sterben, dass sie sich mit der Sache Gottes und des armen Volkes solidarisch gezeigt hatten.

1.5. Neuentdeckung der Kirche

Wir können ohne Übertreibung feststellen: die Befreiungstheologie brachte die lateinamerikanische Kirche in Bewegung. Sie führte an vielen Orten zu einer wahren Neuentdeckung der Kirche, zur Wiedergeburt der Kirche. Der Glaube und das christliche Engagement konnten in einer anderen Form gelebt werden: an der Seite der Armen gegen die Armut, solidarisch mit den wirtschaftlich und politisch Ausgegrenzten, verbunden mit den Verachteten. Geistliche und Laien, auch Bischöfe und Kardinäle begaben sich dorthin, wo die Kirche nicht oder kaum gegenwärtig war. Es war eine Zeit tief gehender seelsorglicher Kreativität und prophetischen Mutes, politischer Heiligkeit und geistlichen Wachstums. Diese Erneuerung löste zahllose Initiativen aus: Formen der Inkulturation (vgl. LB 17) des Denkens und der Präsenz unter den Indianern, den Schwarzen, den Frauen und den Minderheiten. Die Befreiungstheologie zeigte nicht nur für die sozialen Probleme Verständnis, sie begegnete auch mit Respekt den indigenen Kulturen, den Schwarzen, den Frauen, der Volksfrömmigkeit, christlichen und nicht christlichen Bekenntnissen. Auf diese Weise brachte die Befreiungstheologie aus ihren eigenen Wurzeln verschiedene theologische Strömungen hervor, eine indigene Theologie, eine feministische Theologie, eine biblische Theologie, eine Theologie, die sich mit der Verbindung zwischen Glauben und Wirtschaft befasst, und sogar eine Umwelttheologie.

1.6. Die Befreiungstheologie unter veränderten Verhältnissen

Von Anfang an kam es wegen der Befreiungstheologie zu Konflikten, Widerständen und Verfolgungen. Sie dauern auch heute noch an in der Kirche und selbst innerhalb der Franziskanischen Familie. Es lässt sich nicht leugnen, dass da und dort auch Standpunkte vertreten wurden, die nicht zu halten waren oder dem Glauben zum Nachteil gereichten. Die Befreiungstheologie hat möglicherweise selbst dazu beigetragen, komplizierte Zusammenhänge unzulässig zu vereinfachen. Man kann die Gesellschaft nicht einfach aufteilen in Unterdrücker und Unterdrückte. Auch hätten einige theologische Formulierungen genauer sein können und tief gehender erläutert werden müssen: "Die soziale und politische Befreiung darf keineswegs den endgültigen und radikalen Sinn der Befreiung von Sünde überdecken, denn diese kann nur durch Vergebung und Gnade Gottes erlangt werden" (G. Gutiérrez). Diese theologische Frage hat jedoch bei allen Auseinandersetzungen kaum eine Rolle gespielt. Der Konflikt wurde hauptsächlich durch politische Entscheidungen und andere Gesellschaftsvorstellungen ausgelöst. Die Gegner der Befreiungstheologie beharren auf dem "status quo", d.h. sie wollen die Gesellschaft so erhalten, wie sie ist. Sie haben eine andere Auffassung von dem, was die Kirche zu tun hat, und von dem, was das franziskanische Charisma inmitten tief gehender sozialer Ungerechtigkeit bedeutet. Die (politische) Kontrolle liegt heute im Großen und Ganzen wieder in Händen der konservativen Kreise. Dies hat bei vielen Menschen und Gemeinden zu Enttäuschung und Entmutigung geführt. Die meisten vertreten wieder eine private Religiosität, die den Kapitalismus stützt. Der Glaube hat in gesellschaftlichen und politischen Fragen nichts zu suchen. In diese Richtung weisen auch die Politik der Bischofsernennungen und die Wahlen in den meisten Bischofskonferenzen, ebenso einige Dokumente des Heiligen Stuhles. Das gilt auch für die brasilianische Bischofskonferenz, die weltweit für ihre fortschrittliche Linie bekannt war. Die Kirche beschließt ein groß angelegtes Programm, das die Akzente wieder mehr auf die innere Umkehr der Einzelnen verlagert und die geellschaftlichen Bedingungen in den Hintergrund drängt (= "Re-Evangelisierung"). Sie gibt dem Bereich der Kultur den Vorrang und unterlässt es, tief greifende gesellschaftliche Veränderungen zu fordern. Die Teilnahme der Gläubigen am christlichen Leben wird auf den liturgischen Bereich beschränkt: Gottesdienste und Gebetstreffen sollen lebendiger, freundlicher und fröhlicher gestaltet werden. Man fördert eine stärkere Präsenz "christlicher Werte" im kulturellen Bereich. All dies ist gewiss ein sehr positives Anliegen, reicht aber nicht aus, eine wirkliche "Kommunion und Beteiligung" im Leben der Kirche oder der Gesellschaft zu bewirken. Die althergebrachte Auffassung, wonach der Klerus das eigentliche Subjekt ist, bleibt unverändert. Andere Aspekte des gemeinschaftlichen Lebens (politische Solidarität, die Bewältigung wirtschaftlicher, sozialer, ökologischer, sexueller und geschlechtsspezifischer Probleme) werden vollständig ausgelassen, nur sehr einseitig oder gar mit einem mitleidigen Lächeln beantwortet. In vielen Kirchen und Gemeinden macht sich die Ermüdung der früheren Führerpersönlichkeiten und der "kritischen Christen" bemerkbar. Die systematische Verdächtigung und Verfolgung der Befreiungstheologie hat Einfluss auf das Leben der Gemeinden und auf das Verhalten der Bischöfe. Engagierte Christen sind enttäuscht darüber, dass die von ihnen erhofften sozialen Veränderungen nicht eingetroffen sind. Dabei spielen der Zusammenbruch der sozialistischen Systeme oder der Zweifel an den Utopien eine geringere Rolle als die Tatsache, dass sich der Kapitalismus als widerstandsfähiger als gedacht erwiesen und sich sogar weiterentwickelt hat. Dennoch bleibt die Befreiungstheologie die wichtigste Quelle der Inspiration für sehr viele Menschen. Gemeinden, Initiativen, Seelsorgeräte, Bischöfe, ganze Diözesen und viele Theologen und Theologinnen lassen sich weiterhin von ihr leiten. Viele Christen und Christinnen stellen eine enge Beziehung zwischen Glauben und politischem Engagement her; offen oder verhüllt wagen sie darum den Konflikt mit den Instanzen der Macht und des Geldes. Das Bedürfnis, darüber theologisch nachzudenken, ist für viele, nicht zuletzt auch für viele Franziskaner und Franziskanerinnen, zu einer existenziellen Frage geworden. Vieles hat sie zwar verunsichert: der konservative Kurs, den die zentralen Instanzen der Kirche in den vergangenen Jahren einschlugen; der Rückgang des seelsorgerischen Eifers in vielen Gemeinden; der Misserfolg sozialistischer Experimente in Lateinamerika (das Ende der nicaraguanischen Revolution und die Verkalkung des kubanischen Regimes); der unwiderrufliche Zusammenbruch der osteuropäischen Regime; vor allem aber die Veränderungen der weltweiten wirtschaftlichen Verhältnisse (vgl. LB 21). Das hat zur Folge, dass die Befreiungstheologie neu gewertet und noch entschiedener zur Geltung gebracht werden muss. Eine ganze Reihe von Zentren und Vereinigungen in vielen Ländern Lateinamerikas stellen sich diesem Bemühen. Die Wirkungen sind bereits weltweit zu spüren. Wir selbst fühlen das Bedürfnis, die Befreiungstheologie zu vertreten, selbstkritisch gewiss, aber ohne dabei ihre wirklichen und ursprünglichen Absichten zu vergessen. Das Thema bleibt das Evangelium und der Wandel in der Gesellschaft, Glaube und Engagement für die Armen. "Wenn von dieser Epoche Lateinamerikas und der Kirche etwas zurückbleiben soll, für das sich die Menschen weiterhin einsetzen sollten, so ist es gerade diese Option (für die Armen), Quelle einer nie versiegenden Liebe, Dreh- und Angelpunkt einer neuen Evangelisation des Kontinents. Diese Option sollte ebenfalls Grundlage unserer Spiritualität, unserer Nachfolge Christi sein, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Joh 14,6)" (G. Gutiérrez). "Die Armen dieses Landes, die Armen dieses Kontinents, sind die Ersten, die die dringende Notwendigkeit dieses Evangeliums radikaler und vollständiger Befreiung empfinden. Dieses zu verbergen, hieße sie zu betrügen und zu enttäuschen" (Johannes Paul II., Brief von April 1986 an die Brasilianische Bischofskonferenz).


2. Die franziskanische Bewegung und die Suche nach Befreiung

2.1. Franziskus und Klara: Symbole einer befreienden Kirche

Vor vielen Jahren erklärte Dom Helder Câmara den heiligen Franziskus zum Symbol der befreienden Kirche und zum Schutzpatron der Armen. Nicht von ungefähr waren es häufig Franziskaner und Franziskanerinnen, die sich mit der Praxis der Befreiung und mit der Reflexion, die sich mit dieser Befreiung befasst, identifizierten. Nicht nur in Lateinamerika, auch in anderen Kontinenten haben sie dazu beigetragen, die Ziele der Befreiungstheologie umzusetzen und zu leben. Das franziskanische Charisma fördert Kreativität und bewusste Beteiligung. Wie Leonardo Boff feststellte, müssen die Mitglieder der Franziskanischen Familie keine Option für die Armen treffen, um das zu leben, was die Befreiungstheologie predigt; es genügt, wenn sie ihr franziskanisches Charisma in radikaler Art und Weise leben. Die Befreiungstheologie erhielt auch von den Franziskanern und Franziskanerinnen große Impulse: sie inspirierte sich an der Arbeit, am Leben und am Denken derer, die die Lebensform des heiligen Franz und der heiligen Klara lebten und sich deswegen den Armen verschrieben haben. Man kann sogar von einer franziskanischen Art reden, wie Befreiungstheologie gelebt und umgesetzt wird. Es darf daran erinnert werden, dass einige der bedeutendsten Vertreter der Befreiungstheologie Mitglieder der Franziskanischen Familie sind, so etwa Leonardo Boff. Die Schwestern und Brüder der franziskanischen Gemeinschaften waren mit den Ideen der Befreiungstheologie vertraut und bei deren praktischer Umsetzung aktiv und engagiert. Die Kraft der Befreiungstheologie steckt nicht in den Büchern, die Theologen schrieben, sondern vielmehr in der täglichen Spiritualität vieler Menschen und Gemeinden. Dabei geht es um folgende Fragen und Problemfelder: Politik und Wirtschaft Franziskus lebte in einer Zeit, in der die Gestaltung des politischen und wirtschaftlichen Lebens nur wenigen zugänglich war. Doch lassen sich einige Aspekte herausstellen, die auch heute noch bestimmend sein könnten. So weigerten sich Franziskus und seine Brüder, gesellschafts- und wirtschaftstragende Funktionen zu übernehmen. Mittelalterliche Stadtstaaten stellten oft Ordensleute als Geldverwalter, Sekretäre und Abteilungsleiter ein, weil sie als vertrauenswürdige Beamte galten. Gerade das aber schloss Franziskus für seine Gemeinschaft grundsätzlich aus (NbR 7,1). Alles, was in die Nähe von Geld und Macht führte, sollte schon im Ansatz verweigert werden. Dagegen suchte Franziskus die Arbeit der niedersten Volksschichten, und nahm zum Betteln Zuflucht, wenn ihm der Lohn nicht gegeben wurde. Geschwisterlichkeit war seine Antwort auf die Not und die Grundbedürfnisse, nicht das tote und todbringende Geld: "Und vertrauensvoll soll einer dem anderen seine Not offenbaren, damit er ihm das Notwendige verschaffe. Und jeder liebe und ernähre seinen Bruder, wie eine Mutter ihren Sohn liebt und ernährt" (NbR 9,10f.). Für den politischen Bereich selbst schöpfte Franziskus die direkten Einflussmöglichkeiten aus, die ihm gegeben waren. So schreibt er "allen Bürgermeistern und Konsuln, Richtern und Statthaltern auf der ganzen Welt", um eine menschliche Ordnung zu bestimmen, die vom Gedanken der Gegenwart Gottes und der Inkarnation bestimmt ist. Eine größere politische Prophetie als "der Brief an die Lenker der Völker" kann nicht gedacht werden. Nur muss man die Sprache zu verstehen suchen, die uns heute nicht mehr zugänglich ist. Im Zusammenhang mit der Menschwerdung Gottes, dem Weihnachtsfest, will Franziskus sogar Gesetze zu Gunsten der Armen und der Kreaturen bewirken (vgl. 2 C 200, SlgP 14). Franziskus setzte also seine Glaubenserfahrungen in politisches und soziales Handeln um auf eine Weise, welche die Grundhaltungen der heutigen Befreiungs-theologie vorwegnimmt. Veränderungen des Lebens und der Denkart Zunächst einmal fühlt sich Franziskus geschwisterlich verbunden mit allen Lebewesen. Er kennt die Not, die viele erleiden müssen; er entscheidet sich, solidarisch zu sein mit allen Menschen, besonders aber mit jenen, die ganz am Rande der Gesellschaft stehen. "So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen, denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt" (Test 2,3; NbR 9,3, vgl. 1 C 17, vgl. auch LB 19). Aus diesem Text lassen sich mindestens drei grundlegende Aussagen ableiten. · Franziskus weiß sich von Gott gerufen, d.h. seine Glaubenserfahrung ist umfassend, sein Verständnishorizont unteilbar, erfüllt von Gottes liebender Anwesenheit. Franziskus ist kein Mann "nur" des Glaubens, auch kein Prophet und schon gar nicht ein Sozialreformer, er ist Dichter und Mystiker. · Seine Spiritualität und seine Mystik trennen ihn nicht von den Menschen, von ihren Schmerzen und Leiden. Im Gegenteil, seine Einfachheit befähigt ihn zu solidarischem Handeln (Barmherzigkeit), das im Vergleich zu den Modellen seiner Gesellschaft anstößig ist. · diese Erfahrung gibt den Anstoß zu einem Wechsel seines sozialen Standorts: "... und verließ die Welt". Franziskus zog sich aus der bürgerlichen "Welt" zurück und damit auch aus der entsprechenden Denkweise des emporstrebenden Bürgertums von Assisi; er wandte sich ab von der Logik des Klassendenkens, vom Nichtsehenwollen der sozialen Not , von Reichtum und Macht, von der Bewahrung des Eigentums und der Bereitschaft zur Gewalt. Franziskus und Klara begannen ein neues Leben; voller Freude unternahmen sie Dinge, die in der Logik der "Welt", aus der sie ausgezogen waren, untauglich und sinnlos erschienen. Geschwisterliche Gemeinschaft mit den Armen "Der Vater der Armen, der arme Franziskus, der sich allen Armen gleichförmig machte, konnte es nicht sehen, dass jemand noch ärmer war als er, nicht aus Verlangen nach eitlem Ruhm, sondern nur infolge herzlichen Mitleids" (1 C 76). Franziskus geht es nicht nur um Solidarität mit den Armen, er möchte für die Armen und mit den Armen leben, er möchte ihnen gleich werden und ihr Bruder sein. Sein sehnlichster Wunsch, in die Fußstapfen des armen Jesus zu treten, führt ihn ganz folgerichtig zu den Armen und Aussätzigen. Mit ihnen will er in geschwisterlicher Gemeinschaft zusammenleben. Er fordert sogar von jedem seiner Brüder, dass er seine Noviziatszeit bei den Aussätzigen verbringt. Für diese bedeutet das wirkliche Befreiung, die ihnen Würde und Selbstachtung zurückgibt. Die franziskanische Bewegung versteht sich seit ihren Anfängen nicht als ein Fürsorgeverband für die Armen, sondern sie sucht die Befreiung der Armen, sie glaubt an die Armen und verbündet sich mit ihnen. Vision und Praxis einer veränderten Welt Friedliebend und gewaltlos macht sich Franziskus daran, in seiner Bruderschaft eine Alternative zur herrschenden Ordnung zu leben. In Assisi bestimmen zwei gesellschaftliche Klassen das gesellschaftliche Leben: die Adeligen bzw. die "Maiores" (= Höheren) und die reichgewordenen Bürger der Stadt, die sog. "Minores" (= Niederen). Daneben gibt es die große Masse der Armen, die weder etwas zu sagen noch etwas zu essen haben. Franziskus stellt dieser Ordnung eine neue Ordnung gegenüber: die Geschwisterlichkeit, die vom Evangelium ausgeht (vgl. Mk 10 und Mt 10), ein Leben in konsequenter Solidarität mit den Armen, nirgendwo zuhause, immer auf der Straße oder am Rande der Gesellschaft. Für Franziskus war diese Vision so entscheidend, dass er sie bis in die kleinsten Einzelheiten verinnerlichte und in seiner Regel festhielt (vgl. NbR 14 und NbR 16). Franziskus begründet eine neue Lebensform, die der Logik des Reiches Gottes entspricht. Dieses Reich wird vor allem daran erkannt, dass es den Armen "eine frohe Botschaft" verkündet (vgl. Lk 4,18; 7,22). Diese Lebensform ist so radikal anders wie die sozialpolitischen Veränderungen, die unsere Zeit braucht.Franziskus drückt diesen Standortwechsel durch Körpersprache und Symbole aus: er legt seine bürgerlichen Kleider ab und gibt sie seinem irdischen Vater zurück; er wählt ein Einsiedlergewand, legt aber auch dieses kurz darauf ab, und begnügt sich mit einem sackähnlichen Gewand, das keinerlei gesellschaftliche Zuordnung mehr zulässt. Er umarmt und pflegt Bettler und Aussätzige; er lädt auch Diebe an seinen Tisch; Begrüßungskuss und Friedensgruß werden für ihn zu Zeichen der Freundschaft und Nähe. Franziskus will nicht bloß soziale Gerechtigkeit, er fordert konkrete und gelebte Solidarität. Kreativität und die Anwendung friedlicher Mittel Franziskus und Klara begegneten der Ungerechtigkeit ihrer Zeit mit politischer Weitsicht und Kreativität, mit Weisheit und Mut. Wenn sie heute unter uns lebten, würden sie sicherlich ihre Schwestern und Brüder, Ordensleute und Laien, ermutigen, den schwierigen und konfliktgeladenen Einsatz für gesellschaftspolitische Veränderungen zu wagen. Die Legende vom Wolf von Gubbio zeigt uns, wie Franziskus mit einem schwierigen Konflikt umgeht. Zu beachten ist, dass dieser Konflikt sowohl persönlichen wie strukturellen Charakter hat. Franziskus zeigt auf, dass man ein Problem nicht verbergen oder unterdrücken kann. Man kann es auch nicht "von außen" lösen, als unbeteiligter Beobachter. Man muss sich auf ein Problem einlassen, ohne sich dabei von den Gefühlen hinreißen zu lassen; dabei muss man sich entschieden auf die Seite der bedrohten Menschen stellen. Unsere Solidarität mit den Armen wird uns in Konfrontation mit den modernen "Wölfen" bringen, nämlich: die ungerechten wirtschaftlichen Unterdrückungssysteme, politische Regime und autoritäre Regierungen, gewaltbereite Polizisten, Drogenhandel, Privatarmeen und Neonazis, ethnische Gruppen, die sich bekriegen, also alle politischen und sozialen Kräfte, die das Leben bedrohen und die Freiheit der Menschen unterdrücken. Gewalt und Aggression können häufig mit dem konkreten politischen Handlungsspielraum Einzelner nicht gelöst werden. Aggression hat etwas Totalitäres an sich. Sie wird durch den Selbsterhaltungs- und Selbstbehauptungsinstinkt der Menschen erzeugt. Sie drückt sich in familiären, gesellschaftlichen und erotischen Beziehungen aus; in einer häufig zerstörerischen Haltung gegenüber den Dingen und der Natur. Es gibt auch eine strukturelle Gewalt, die sich in unmenschlichen Arbeitsbedingungen, in der Aggression gegen Frauen, in der Verherrlichung der Macht, im Bereich der emotionalen und psychologischen, ethnischen, politischen, wirtschaftlichen Unterdrückung usw. kundtut. Das Unannehmbare und Unmenschliche an den Lebensbedingungen der Frauen in vielen Regionen ist, dass es sich um versteckte Schwierigkeiten handelt, die ihnen zur Gewohnheit geworden sind: es ist ihr Alltag und ihre kulturelle Tradition. Auch dieses aufzudecken und zu verändern, ist eine politische und franziskanische Aufgabe. Die Frauen Lateinamerikas entwickeln unterdessen eine eigene Befreiungstheologie.

2.2. Herausforderungen der Befreiungstheologie an die franziskanische Bewegung - neue Handlungsformen

Die Befreiungstheologie hat die Notwendigkeit erkannt, neue Wirkungsfelder und Formen der befreienden Aktion zu suchen, ohne die Option für die Armen aus den Augen zu verlieren. Zwar haben Gewerkschaften und Parteien an Einfluss verloren, dafür haben andere Aktionsgruppen an politischer Kraft und gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen: die Umweltbewegung, die feministische Bewegung, Volks- und Landlosenbewegungen, die Bewegung ethnischer Minderheiten und der Indígenas, die internationale Friedensbewegung; amnesty international, Greenpeace, Ordensleute, Dienste der Kirche (Pastoral für Menschenrechte, für Straßenkinder, für Frauen, für Landarbeiter, Justitia et Pax ...). Diese Bewegungen sind gut organisiert und entwickeln erfolgreiche Arbeitsmethoden im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Neuorientierung des politischen Lebens. Sofern ihre Interessen nicht zu spezifisch auf eine bestimmte Gruppe oder Vereinigung begrenzt sind, können sie sich für die Verwirklichung wichtiger sozialer Ziele zusammenschließen. Sehr viele Männer und Frauen aus der Franziskanischen Bewegung, die sich mit der Befreiungstheologie identifizieren, haben in diesen Gruppen und Bewegungen einen wichtigen Aktionsrahmen gefunden. Diese Organisationen wirken der zunehmenden Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit in der Gesellschaft entgegen und begründen eine neue politische Kultur. Da diese Bewegungen politische Aktivisten, Führer von Volks- und Umweltbewegungen, Künstler, Musiker, Intellektuelle und andere Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten zusammenführen, entsteht eine neue gemeinsame Kraft, die von den Vertretern verschiedener Wissenschaften, Berufen und religiösen Bekenntnissen getragen ist. Neue Arbeitsgebiete und politische Aktionsfelder tun sich auch für jene auf, die vom franziskanischen Charisma geleitet sind: "Die neuen sozialen Bewegungen üben radikale Kritik an der politischen Macht, an der Manipulation und der Korruption dieser Macht. Das endgültige Ziel sozialer Bewegungen ist nicht die Übernahme der Macht, sondern die Schaffung einer neuen politischen Macht, einer Macht von unten, von der Basis her ... Die Alternativen, die von der neuen zivilen Gesellschaft ausgehen, sind keine kurzfristigen globalen Alternativen zur freien Marktwirtschaft ... Es handelt sich demnach nicht um eine Alternative zum Markt, sondern um die Schaffung einer alternativen Logik des Marktes" (P. Richard). Um die Inspiration, die dem Glauben erwächst, in Aktion umzusetzen, braucht man keine eigenen Instrumente. Man sollte die verfügbaren politischen Kanäle benutzen. Selbstverständlich unterscheiden sie sich von Land zu Land. In demokratischen Systemen gibt es dafür die politischen Parteien, die Medien, die Volksbewegungen, die Einrichtungen zur Verteidigung der Menschenrechte, die Frauenbewegung, die Minderheitenverbände, die Nichtregierungsorganisationen, die UNO und andere internationale Organisationen. "Der Aufruf, global zu denken und lokal zu handeln, bedeutet für uns eine Herausforderung in unserem Bestreben, eine neue Welt zu errichten ... Bei den Treffen in Rio (während des Umweltgipfels im Juni 1992 in Brasilien) bin ich mir darüber bewusster geworden, welch großes Potenzial, aber auch welch große Defizite unsere Franziskanische Familie aufweist, wenn es um eine bedeutende Präsenz im Herzen unserer Erde geht ... Unsere Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen folgt auch einer praktischen Logik: Sie bietet uns die Möglichkeit, uns Menschen guten Willens anzuschließen, Ungerechtigkeit und Leiden auf der Welt zu beseitigen. Wir müssen gemeinsam das tun, was ein Mensch allein oder nur ein Zweig unserer Familie nicht leisten könnte" (Hermann Schalück, vor den Vereinten Nationen in New York am 27. Oktober 1993). Es wäre eine große Unterlassungssünde, wenn man den politischen Einfluss nicht klug und organisiert nutzen würde, den die internationale franziskanische Bewegung für die Durchsetzung konkreter und erreichbarer Ziele ausüben kann. Dieses Verständnis liegt auch den Generalkonstitutionen des Minderbrüderordens zu Grunde: "Ein großer Teil der Menschen lebt noch in Not, Ungerechtigkeit und Unterdrückung; darum sollen die Brüder sich mit allen Menschen guten Willens für die Erneuerung der Gesellschaft zu Gerechtigkeit, Befreiung und Frieden im auferstandenen Christus einsetzen, die Ursachen der einzelnen Situationen durchdenken und sich entsprechend an Unternehmungen der Liebe, der Gerechtigkeit und der internationalen Solidarität beteiligen" (Art. 96, §2). Damit die politische Aktion nicht wirkungslos bleibt und es zu einem gemeinsamen politischen Handeln und zur Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen Kräften kommt, sind folgende Voraussetzungen zu erfüllen: · ein tiefes franziskanisches und mystisches Empfinden, · die Kenntnis der wichtigsten franziskanischen Texte, · persönliche Motivation und Vorbereitung, · eine gute Kenntnis der historischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Gesellschaft, · Kenntnis der konkurrierenden Gruppierungen und der Konflikte und Interessen, · Bündnisse mit verschiedenen Organisationen, · Vernetzung mit Menschen und Gruppen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Ländern, · Mobilität und Kommunikationsfähigkeit auf interkultureller und internationaler Ebene. Daraus ergeben sich Verhaltensweisen und Handlungsperspektiven: · Ausstieg aus dem System, welches so viel Armut erzeugt. · Annäherung an die Armen, wie es uns Franziskus und Klara vorgelebt haben. · Eingliederung in das Volk als Wegbegleiter, die solidarisch mit dem Volk den Glauben, die Symbole, die Religiosität, die Hoffnung auf Befreiung teilen. · Zusammenarbeit mit den Volksbewegungen, um unseren Glauben und unser Charisma in sie einzubringen. · Wiederentdeckung lebensorientierter Werte, Absage an den verschwenderischen Konsum, Verpflichtung auf die Bewahrung der Schöpfung, Entwicklung einer Schöpfungsspiritualität.

2.3. Schlussfolgerungen

Heute können wir dank der Befreiungstheologie und ihrer Verpflichtung für die Sache Gottes und der Armen, dank ihrer Märtyrer, Propheten und Dichter, dank der Mitglieder der Franziskanischen Familie das Christentum mit anderen Augen sehen. Trotzdem besteht für die Kirche und alle Franziskaner und Franziskanerinnen ständig die Gefahr, die Armen außer Acht zu lassen. Wir sind uns bewusst, dass das 21. Jahrhundert mehr denn je Menschen und religiöse Vorbilder braucht, die von einer tiefen und gesunden Spiritualität durchdrungen sind, Menschen, die die Heiligkeit des Lebens mit politischer Heiligkeit verbinden können, Menschen, deren Glauben im Kampf gegen alle Formen der Entmenschlichung gewachsen ist, deren ethische Haltung durchsichtig ist, und die große Hoffnung in sich tragen. Solche Menschen, die uns an Franziskus und Klara erinnern, dienen uns als Beispiel und regen unser Tun an. Sie stellen eine Sinn- und Widerstandskraft dar in einer Gesellschaft, die den Sinn für Solidarität und die tiefsten menschlichen Werte verloren zu haben scheint. Als Töchter und Söhne Klaras und Franziskus’ dürfen wir dabei die Weltkirche nicht aus dem Auge verlieren. Es geht darum, dass die ganze Menschheit sich an einem Tisch im Reiche Gottes zusammenfindet.

Zephanja Kameeta





«Brüder!» - Hört das Wort!
Soll's ein Wort nur bleiben?
Soll's nicht Früchte treiben
fort und fort ?

Oft erscholl der Schwur!
Ward auch oft gehalten -
doch in engem, alten
Sinne nur.

O sein neuer Sinn!
Lernt ihn doch erkennen!
Lasst doch heiß ihn brennen
durch euch hin!

Allen Bruder sein!
Allen helfen, dienen!
Ist, seit ER erschienen,
Ziel allein!

Auch dem Bösewicht,
der uns widerstrebet!
Er auch ward gewebet
einst aus Licht.

«Liebt das Böse - gut!»
lehren tiefe Seelen.
Lernt am Hasse stählen -
Liebesmut!

«Brüder!» - Hört das Wort!
Dass es Wahrheit werde -
und dereinst die Erde
Gottes Ort.


Christian Morgenstern






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Politische Theologie



Zwischen allen Stühlen, oder was?

Wo steht die politische Theologie?
Heerschau in Ahaus.
»Mitleiden mit den Rechtlosen,
eine Haltung zwischen Aktion und Interpretation«.


Paolo Süß ist katholischer Priester. Er kämpft seit über dreißig Jahren in der Region von Sao Paulo, aber nicht nur dort, für die Rechte der Indios. Er steht an der Seite der Kleinbauern, die von skrupellosen Großgrundbesitzern ihrer Landflächen beraubt werden. Wehren sich die Campesinos gegen diese Willkür, müssen zumindest ihre Wortführer damit rechnen, brutal ermordet zu werden. Regierung und Polizei sehen meist tatenlos zu. »Diese Menschen in ihrem Kampf um ihre Lebensrechte zu unterstützen, ist das nicht das Kerngeschäft der Theologie?«, fragt Paolo Süß.

Vor ihm sitzen knapp fünfzig vor allem deutsche Theologinnen und Theologen, die sich der »neuen politischen Theologie« verschrieben haben, wie sie der jetzt 75-jährige Theologe Johann B. Metz entwickelt hat. Auf ihrem Zweiten Forum Politische Theologie im münsterländischen Ahaus fragen sie nach dem »Ort der Theologie«. Doch so genau ist dieser Ort nicht festzumachen. Paolo Süß kämpft sozusagen an vorderster Front. Er ist zusammen mit dem zuständigen Bischof dabei, als die Landlosen eine Hauptverkehrsstraße mitten in Sao Paolo blockieren. Was er seinen deutschen Zuhörern von dieser Aktion erzählt, beeindruckt sie und »beschämt«, wie einer der zuhörenden Professoren betroffen kommentiert.

Doch es wäre zu einfach, nun schlicht »die Straße« gegen das universitäre Lehrpult auszuspielen. Denn selbst Paolo Süß fragt sich immer wieder selbstkritisch, wie er zugibt, ob seine Teilnahme an solchen und ähnlichen Demonstrationen nicht vielleicht doch nur purer Aktionismus ist. Viele derer, die sich als politische Theologinnen und Theologen verstehen, arbeiten an der Universität. Ihr Ort ist der akademische Lehrbetrieb. »Ich versuche dort, befreiend zu arbeiten und ein kommunikatives Lernen zu
ermöglichen«, versichert zum Beispiel Tiemo Rainer Peters, der in Münster als Akademischer Rat Theologie lehrt (s. Interview).

Helmut Peukert, der in Hamburg eine Professur für Pädagogik erlangte, nachdem er vor mehr als zwanzig Jahren als politischer Theologe auf Grund oberhirtlichen Einspruchs keinen theologischen Lehrstuhl bekam, sagt: »Ein politischer Theologe setzt sich intensiv mit den anderen Wissenschaften
auseinander. Er zeigt die inneren Widersprüche und die problematischen Werthaltungen einer Wissenschaft auf und kritisiert sie immer dort, wo sich ihr Denken gegen den Menschen selbst kehrt« - wie etwa in der Bioethik.

So pendelten die politischen Theologinnen und Theologen »zwischen Aktion und Interpretation« hin und her, hieß es in Ahaus. Wer der politischen Theologie böse will, könnte sagen, dass sie im Grunde nicht recht greifbar sei; wer sie wertschätzt, erkennt in diesem »Zwischen« ein biblisches Markenzeichen: die selbst gewählte Ortlosigkeit, wie sie auch der Mann aus Nazareth vorgelebt hat.

Mit dem Wort »Dazwischen« ist die politische Theologie auch sonst ganz gut gekennzeichnet. Denn einerseits will sie Kirche und Theologie immer wieder kritisch daran erinnern, über den Glauben so nachzudenken und ihn in einer Weise weiterzugeben, dass die theologischen Aussagen vom Leid und der Not der Menschen sozusagen imprägniert sind, das heißt: Wer das Grauen von Auschwitz und den vielfachen Völkermord der Gegenwart wirklich an sich
heranlasse, könne zum Beispiel nicht mehr einfach weltabgewandt und -abgehoben, also unpolitisch, einen gütigen Gott preisen, der die Welt so herrlich regieret. »Wir müssen teilnehmen am Leid der anderen«, mahnt Metz immer wieder; Jesu erster Blick habe nicht »der Sünde und der Schuld gegolten, sondern dem Leid der Menschen«; ihm sei es nicht »um die Erlösung der Schuldigen gegangen, sondern um Gerechtigkeit für die unschuldig Leidenden«. Von diesen unschuldig Leidenden her müsse zum Beispiel auch ein gemeinsames Weltethos der Religionen konzipiert werden, sagt Metz und lehnt damit ein Weltethos-Konzept ab, das - wie der Tübinger Theologe Hans Küng vorschlägt - auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner übereinstimmender ethischer Grundüberzeugungen der Religionen aufbauen soll.

Auf der anderen Seite kritisiert ein politischer Theologe oder eine politische Theologin immer auch die Gesellschaft, wenn diese Gott aus ihrem Umkreis vertreibt und der Mensch sich selbst nur noch zum Material und Spielball seelenloser Wissenschaft macht. Der politische Theologe entlarvt, wie und warum heute dem Markt von Wirtschaftswissenschaftlern und Politikern eine quasi-religiöse Funktion zugeschrieben und die Solidarität mit den Schwachen diffamiert und ausgetrieben wird. - Kritik also nach beiden Seiten: zur Kirche und zur Welt hin, eine Theologie zwischen allen Stühlen.

Wer die »Weltverantwortung aus dem Geist der Compassion, verstanden als Mitleidenschaft« (Metz), zum Herzstück und Ausgangspunkt der Theologie macht, hat es nicht leicht, weder in der Kirche noch in der Gesellschaft. Von außen wird ihm entgegengehalten, dass »die charismatische Religiosität des Papstes viel mehr bewirkt habe als alle linkskatholischen theologischen Debatten«, so provozierend der Politikwissenschaftler und Philosoph Otto Kallscheuer; und der jüdische Pädagogikprofessor Micha Brumlik meint während einer Podiumsdiskussion mit Metz zum Abschluss des Ahauser Treffens etwas schlicht, die Befreiungstheologie sei eher zu Recht vom Vatikan diszipliniert worden, weil sie im Kern gewalttätig und marxistisch sei. An den theologischen Fakultäten selbst werden die politischen Theologen ausgegrenzt; die Sympathisanten müssen sich ihre Arbeitsfelder außerhalb suchen, wie etwa im Münsteraner »Institut für Theologie und Politik«, das sich im Geist der politischen Theologie die Gesellschafts- und vor allem die Kapitalismuskritik auf die Fahnen geschrieben hat.

Skeptisch wirken sie, die politischen Theologinnen und Theologen, ernst, mitunter depressiv, mindestens aber grüblerisch und melancholisch. Viele schwanken zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Immer sehen sie das mögliche Scheitern, die Vergeblichkeit. Den heiteren Ego-Trip »psychologischer Wellness-Theologie« sehen sie mit Schaudern.
Politische Theologie ist eine Haltung, kein theologisches System.

Der religiöse Charakter des Kapitalismus und das zunehmende Verschwinden politisch denkender Menschen setzt den politischen Theologen derart zu, dass sie ihres Glaubens und ihrer Hoffnung mitunter nicht recht froh werden (können). Deshalb setzt die politische Theologie so entschieden auf die in der Zukunft erwartete »Unterbrechung« der unheilvollen und gewalttätigen Geschichte des Menschen durch Gott. Deshalb hofft sie darauf, dass Gott einmal eingreifen und sich als der wahre Tröster und Richter offenbare möge.
Dieser Glaube an den kommenden Gott, der sein letztes Wort über Welt und Menschen noch nicht gesprochen hat - das ist der mystische Kern politischer Theologie.

Hartmut Meesmann



* * *




Im Glutkern des Glaubens

Fragen an den politischen Theologen Tiemo Rainer Peters
von Hartmut Meesmann (Publik-Forum)


Publik-Forum: Herr Peters, teilen Sie den Eindruck, dass es um die politische Theologie inzwischen doch eher still geworden ist, in der Gesellschaft genauso wie in der Kirche?

Tiemo Rainer Peters: Der Eindruck trifft zu. Aber es ist um die Theologie insgesamt still geworden.

Publik-Forum: Hat die politische Theologie an Einfluss verloren?

Peters: Eine Reihe von Einsichten der politischen Theologie sind inzwischen angekommen und in die allgemeine Theologie eingeflossen: die große Bedeutung der Erinnerung an die unschuldig Leidenden, das Ernstnehmen der Solidarität, die Auseinandersetzung mit Auschwitz.

Publik-Forum: In der Breite des Kirchenvolkes hat die politische Theologie jedenfalls kaum Resonanz gefunden.

Peters: Das ist ein altes Problem dieser Theologie: Sie lebt vor allem in den Köpfen kritischer Intellektueller. Sie ist nicht wirklich an der Kirchenbasis präsent. Das hat auch damit zu tun, dass die Theologie von Metz am Anfang sehr akademisch war. Seine Theologie fand dann allerdings in verständlicher Form Eingang in das Dokument der Würzburger Synode »Unsere Hoffnung«. Nur leider ist vieles von dem, was in diesem Dokument ausgesagt wird (zum Beispiel zu Israel und zum Völkermord an den Juden) im Bewusstsein der Menschen in der Kirche nicht wirklich aufgenommen worden. Man kann den Kirchengemeinden den Vorwurf nicht ersparen, solche Themen abgeblockt zu haben.

Publik-Forum: In welchen Streitfragen sieht sich die politische Theologie derzeit am meisten herausgefordert?

Peters: Die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen des Menschen, wie sie derzeit vor allem in der Bioethik auftaucht, fordert uns besonders heraus. Bei der Verteidigung des Menschen ist die politische Theologie fast schon traditionalistisch. Sie erinnert daran, dass hier nicht beliebig manipuliert
werden darf. Aber es geht der politischen Theologie vor allem auch darum, die Welt der Armut und des Leidens als Orte der Theologie ins Bewusstsein zu heben. Wir dürfen uns in der Kirche nicht von diesen eher unbequemen Themen verabschieden.

Publik-Forum: Konjunktur hat heute eher eine psychologisch unterfütterte, mystisch-spirituelle Theologie.

Peters: Ja. Die Auseinandersetzung mit der psychologisch orientierten Theologie wäre sehr wichtig, zum Beispiel mit Leuten wie Eugen Drewermann oder Anselm Grün. Wir haben dieses Gespräch einmal begonnen und dann leider abgebrochen. Wir müssten es wieder aufnehmen.

Publik-Forum: Was zum Beispiel gefällt Ihnen nicht an der Theologie des Benediktinerpaters Anselm Grün?

Peters: Dass sie den christlichen Glauben zunehmend der psychologischen Weltsicht unterzuordnen scheint und sich den Interessen des Esoterikmarktes unterwirft.

Publik-Forum: Aber es gibt heute einen großen Hunger nach Mystik und Spiritualität!

Peters: Auch die politische Theologie hält am »Glutkern« des Glaubens fest, der nicht mehr analysierbar und diskutierbar ist. Es sind doch Leute wie
Johann Baptist Metz und auch Dorothee Sölle gewesen, die auf Grund ihrer politisch-theologischen Grundhaltung die mystische Spiritualität entdeckt und eingeklagt haben. Sie haben gesehen, dass Theologie einseitig und falsch wird, wenn sie sich nur politisch artikuliert. Genauso einseitig und falsch
aber ist die Wendung nach innen, wenn sie nicht zugleich auch politisch ist. Über Mystik und Spiritualität muss man die politische Theologie nun wahrlich nicht aufklären.



(Tiemo Rainer Peters lehrt als Akademischer Rat am Seminar für
Fundamentaltheologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität
Münster)

Aus: Publik-Forum, 25.10.2003
Quelle: http://www.publik-forum.de/aktuell/SUB_AKT3.HTM



* * *


Literaturhinweis zum Thema:

Johann Baptist Metz: Zum Begriff der neuen Politischen Theologie.
211 Seiten, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1997
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3786720290/wystrach





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Bund der religiösen Sozialisten



Leitsätze für die Arbeit des Bundes der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands e.V. (BRSD)

1. Einleitung: Allgemeine Zielsetzung

1.1. Als Christinnen und Christen sind wir Teil einer Bewegung, die auf Sozialismus zielt. In unserer Arbeit nehmen wir Bezug auf biblische Traditionen und Erfahrungen. Wo Menschen für eine gerechte und humane Gesellschaft kämpfen und sich nach Befreiung von Unterdrückung sehnen, erkennen wir die Hoffnung auf das Reich Gottes, von der der Schweizer religiöse Sozialist Leonhard Ragaz sagt: "Gottes Reich ist nicht von dieser Welt, aber für diese Welt!" Wir wissen: Das Reich Gottes ist uns nicht verfügbar; dennoch ist es unsere Aufgabe, daran mitzuarbeiten. Den Weg des Sozialismus sehen wir als eine unserer Möglichkeiten, am Reich Gottes mitzuarbeiten.

1.2. Unser Ziel ist eine solidarische Gesellschaftsordnung, in der die Menschen im Mittelpunkt stehen. Richtschnur dieser Praxis ist für uns das Evangelium und das verheißene Reich Gottes. Die Bibel spricht von dem Gott, der aus Unterdrückung und Ausbeutung befreit, der Unrecht anprangert und Gerechtigkeit will, der "die Mächtigen vom Thron stößt und die Erniedrigten aufrichtet". Jesus von Nazareth hat das "Reich Gottes" für diese Erde verkündet.

1.3. Wo wir als Christinnen und Christen innerhalb von Kirchen und Religionsgemeinschaften leben, achten wir darauf, daß sich in ihnen die folgenden biblischen und theologischen Impulse durchsetzen können:

- Option für die Armen (d.h. unter anderem Zuwendung zu den gesellschaftlich Ausgegrenzten und Hinwendung zum Fremden)
- Bewahrung der Schöpfung
- gesellschaftliche Arbeit in der Nachfolge Jesu und der Jesusbewegung.

In ihrer Geschichte haben sich die Kirchen aller Bekenntnisse nur selten auf die Seite der Unterdrückten und Entrechteten gestellt und dadurch das Evangelium verfehlt. Das Erbe der religiösen Sozialistinnen und Sozialisten nach 1918, die ökumenische Bewegung und die Bekehrung weiter Teile der Kirchen "durch die Armen" im Zusammenhang der "Theologie der Befreiung" in den letzten Jahrzehnten führte inzwischen in den Kirchen, die sich in ihrer Geschichte so gleichförmig dem Kapitalismus angepaßt haben, zu einer Öffnung, die zu einer grundlegenden Erneuerung führen kann.

1.4. Als religiöse Sozialistinnen und Sozialisten sind wir für alle theologischen Richtungen offen, die keinen Absolutheitsanspruch erheben und sich einem rationalen Diskurs nicht verschließen. Theologien und Kirchen dürfen nicht hinter die bürgerliche Aufklärung zurückfallen, wie es in den christlichen Kirchen leider von fundamentalistischen Gruppen angestrebt und versucht wird. Dogmatismus, Fanatismus und moralischen Rigorismus lehnen wir ab. Innerhalb der sozialistischen Bewegung geben Christinnen und Christen darauf acht, daß nicht "der Zweck die Mittel heiligt". Seine Feinde zu lieben, bedeutet dabei aber z.B. nicht, Konflikte zu umgehen , sondern nach gewaltfreien Wegen zu suchen, um Gegensätze auszutragen und zu überwinden. Gewalt kann nur ein letztes Mittel sein, wenn andere Wege versagen.

1.5. Als religiöse Sozialistinnen und Sozialisten setzen wir uns für eine radikale und grundsätzliche Veränderung der privat-kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu einer sozialistischen Gesellschaft durch einen Prozeß der Solidarisierung, Selbstbestimmung und Vergesellschaftung ein. Von diesem Prozeß erwarten wir, daß er schwierig und langwierig sein wird. Der unmittelbare Ansatzpunkt unserer Arbeit ist die Situation in der Bundesrepublik und in Europa.

1.6. Die kapitalistische Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, daß ihre Produktivkräfte in Destruktivkräfte umschlagen. Die sozialistische Bewegung ist seit ihren Anfängen als Protestbewegung gegen diese, dem Kapitalismus innewohnende Tendenz zu verstehen. Als Teil dieser Bewegung stellen wir fest:

Unser kapitalistisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist über Privateigentum an den Produktionsmitteln und freie Konkurrenz an Profitmaximierung und Warenproduktion orientiert und wird dadurch den Bedürfnissen der Menschen und dem, was sie benötigen, nicht gerecht. Diese Gesellschaftsordnung produziert Arbeitslosigkeit, Armut, ökologische Zerrüttung und weltweite Verelendung, selbst bei gleichzeitig steigenden Profitraten, und löst ihre periodisch auftretenden Krisen durch Problemabwälzung auf die Schwächsten. Wir sind der Überzeugung, daß der Kapitalismus auch in Zukunft diese von ihm erzeugten und reproduzierten Probleme lediglich zu verwalten, nicht aber zu lösen imstande sein wird, da die Probleme strukturell bedingt sind und systematischen Charakter haben. Die kapitalistische Ordnung der Produktion, Verteilung und des gesellschaftlichen und privaten Verbrauchs selbst steht der Lösung dieser Probleme entgegen.

1.7. In unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem sind die Menschen weitgehend nicht selbstbestimmt handelnde Subjekte, sondern sie werden als Abhängige fremdbestimmt und zu Objekten der Produktionsverhältnisse erniedrigt. Dies betrifft auch ihre Rolle als Konsumentinnen und Konsumenten, denn die moderne kapitalistische Bedürfnisweckung und -steuerung und die damit einhergehende zentralistische Lenkung des Konsumsverhaltens sind Fremdbestimmungen, denen sich nur wenige entziehen können. In der kapitalistischen Gesellschaft erscheinen alle sozialen Beziehungen der Individuen zueinander als gesellschaftliche Beziehungen der Sachen. Dieses Phänomen wurde in der sozialistischen Theorie als Entpersönlichung, als Verdinglichung bezeichnet.

Für uns folgt daraus, daß der Kampf für eine Transformation der kapitalistischen Gesellschaftsordnung das vernünftige Ziel von Sozialistinnen und Sozialisten war und bleibt. Es gilt, die Ausbeutung der Vielen durch die Wenigen, das Leben der Wenigen auf Kosten der Vielen zu überwinden und eine demokratische Gesellschaftsordnung durchzusetzen, in der die Klassengegensätze abgeschafft, die Teilhabe aller am Sagen und Haben durchgesetzt sind und vernunftgeleitete Planung möglich wird.

Es gilt, einen Weg zu einer neuen Gesellschaftsordnung zu beschreiten, in der die Verdinglichung der Menschen überwunden werden kann. Zweck, Inhalt und die Art und Weise der gesellschaftlichen Produktion und Verteilung müssen vom grundlegenden Prinzip einer konsequenten Demokratisierung des Wirtschaftslebens ausgehen. Diese Demokratisierung können wir uns nur als basisdemokratisches Selbstverwaltungsmodell vorstellen.

"Der Sozialist kämpft für eine strukturelle Veränderung, insofern ist er revolutionär. Die Veränderung, um die es geht, ist ein langer Prozeß, insofern denkt er evolutionär". (Helmut Gollwitzer)

1.8. Uns ist bewußt, daß die Durchsetzung der sozialistischen Demokratie auf größte Widerstände stößt.

- Wir sehen die Fähigkeit des kapitalistischen Systems, gerade auch seine Opfer an sich zu binden, indem die zerstörerischen Folgewirkungen als schicksalhafte Naturereignisse erscheinen und durch die Hoffnung auf zukünftige Privilegien gegenwärtige Loyalität auch bei den Unterprivilegierten sichergestellt werden kann.
- Wir sehen die Bereitschaft weiter Teile der herrschenden Eliten in den kapitalistischen Zentren, jede Art von fundamentaler Systemveränderung effizient zu verhindern, unter Androhung und Anwendung aller zur Verfügung stehenden ideologischen und militärischen Mittel.

- Wir sehen die geringe Akzeptanz für sozialistische Politik und Inhalte in der Öffentlichkeit durch die Gleichsetzung solcher Ansätze mit dem, was "im Namen des Sozialismus" in der Vergangenheit Menschen angetan wurde.

- Wir sehen auch, daß durch den Zusammenbruch der "real-sozialistischen" Ostblockstaaten die Resignation im Angesicht des übermächtig erscheinenden kapitalistischen Weltsystems auch bei solchen Sozialistinnen und Sozialisten zugenommen hat, die sich mit diesem "Realsozialismus" nie identifizierten.

So droht in dieser Gesellschaftsordnung ausschließlich jene Geisteshaltung als vernünftig anerkannt zu werden, die sich mit der unvernünftigen kapitalistischen Produktionsweise einverstanden und sie als beste aller Welten erklärt.

Dagegen halten wir daran fest, daß die Überwindung des Kapitalismus und die Durchsetzung einer neuen, sozialistischen Gesellschaftsordnung von Vernunft und Moral geboten bleiben und daher auch in Zukunft die Zielrichtung für unser politisches Handeln bestimmen werden.

1.9. Diese Überwindung des Kapitalismus und der Aufbau einer neuen, sozialistischen Gesellschaftsordnung erfaßt die Gesellschaft als Totalität. Sie verändert nicht nur das Eigentum an Produktionsmitteln, sondern betrifft ebenso die Formen und die Inhalte des menschlichen Zusammenlebens. Der Bereich der Geschlechterverhältnisse, der Erziehung, der Ausbildung, der Sozialbezüge, der Stellung im Arbeitsprozeß, die Rolle der Medien und der Kulturindustrie, der Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen sind in der Geschichte der sozialistischen Bewegung nur unzureichend beachtet worden. Für eine neue sozialistische Bewegung, zu der wir uns zählen und an deren Stärkung wir mitarbeiten, sind diese Bereiche keine zu vernachlässigenden Nebenwidersprüche mehr, sondern zentrale Fragen und Aufgaben, an denen sich die Legitimation und die Chancen einer sozialistischen Alternative entscheiden.

1.10. Das Scheitern des staatssozialistischen Weges im Osten ("realer Sozialismus") und das ebensolche Scheitern (allerdings nicht in so spektakulärer Form wie beim "Realsozialismus") des sozialdemokratischen Sozialstaats-Sozialismus stellen einen nicht-staatsfixierten Sozialismus auf die historische Tagesordnung. Macht- und Herrschaftsverhältnisse wie z.B. Hierarchien und Bürokratien müssen abgebaut werden. Die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln ist für uns die notwendige Voraussetzung einer sozialistischen Gesellschaft, aber nicht ihr zentraler oder gar alleiniger Inhalt.

2. Historische Wurzeln

2.1. Die Bezeichnung "religiöse Sozialistinnen und Sozialisten" ist in Deutschland 1919 in einer bestimmten historischen Situation und Kampfstellung entstanden. Diese Bezeichnung ist eine Quelle ständiger Fehlinterpretationen und Mißverständnisse. Nicht gemeint ist:

- religiös im Sinne eines allgemeinen Religionsbegriffes (Jede/r glaubt doch an irgend etwas!)
- "religiöser Sozialismus" als etwas unterschiedliches zu nicht-religiösen Sozialismusdefinitionen und Konzeptionen (dies hat die CDU 1947 als
"christlichen Sozialismus" im Ahlener Programm versucht und manche Vertreter der SPD nach dem Zusammenbruch des Ostblocks)
- die Ineinssetzung von Reich Gottes und Sozialismus
- die Herbeiführung des Reiches Gottes durch menschliches Tun.

Mit "religiöse Sozialistinnen und Sozialisten" war und ist immer gemeint:
a.) wir sind als Christinnen und Christen zugleich Sozialistinnen und Sozialisten.
b.) wir sind dies aus christlichem Glauben heraus, wir warten auf Gottes kommendes Reich - aber wir warten "tätig".
c.) Die Verwirklichung des Liebesgebotes und die Befreiung des Menschen durch Jesus läßt uns nach sozialistischen Konzeptionen suchen, in denen die gegenseitige geschwisterliche Hilfe und die Möglichkeit und die Selbstentfaltung des einzelnen Menschen - als Bedingung der Selbstentfaltung aller - Leitlinien sind.

2.2. Sozialismus

a.) Frühsozialismus:

Etwa seit Beginn des 19. Jahrhunderts machten sich vor allem in Frankreich und England politische Lehren bemerkbar, die ideengeschichtlich als "utopischer oder Früh-Sozialismus" eingeordnet werden. Der Begriff "Sozialismus" wird seit 1830 gebraucht und bedeutete im damaligen Kontext eine neue Lebensform. Der "utopische Sozialist" Karl Grün sprach vom Sozialismus als dem "alles bezeichnenden Wort für die neue Epoche, für die neue wahre Bildung; das schön unruhige Wogen der Menschheit im sichern Kahne neuer organischer Lebensgesetze wird wesentlich und durchaus sozial sein." Der "Frühsozialismus" brachte eine Vielzahl unterschiedlichster Modelle und Ansätze heraus, die allesamt eine bessere Gesellschaft schaffen sollten. Da konkurrierte ein Agrarsozialismus mit Modellen, in denen das Geld abgeschafft war, Vertreter von Konzepten, die auf Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln abzielten, mußten sich in den eigenen Reihen mit Verfechtern des Privateigentums auseinandersetzen.

In dieser Vielzahl von Tendenzen und Ansätzen gab es auch eine Strömung, die von einem Bergpredigt-Christentum ausgehend argumentierte. So trat etwa Moses Heß (1812-1875) für eine "Religion der Liebe und Menschlichkeit" ein. Schon vor ihm hatte der französische Priester und Abt Felicite de Lamenais (1782-1854) die Vision eines Gottesreiches auf Erden entworfen. Dieses Gottesreich verwirklichen bedeute, die natürliche Gleichheit und Freiheit der Menschen sowie die Brüderlichkeit unter ihnen wiederherzustellen. In Deutschland ist dieser "Liebeskommmunismus" vor allem mit der Person des Schneiders und "Handwerker-Kommunisten" Wilhelm Weitling (1808-1878) verbunden. Weitling vertrat im jesuanischen Sinne die Gütergemeinschaft und entwarf eine Verfassung der künftigen kommunistischen Gesellschaft, die bereits Ankläge an spätere räte-kommunistische Konzepte aufweist.
Eine besondere Bedeutung kommt den Frühsozialisten Charles Fourier, Robert Owen und Saint-Simon zu. Charles Fourier steht dabei für seine phantasievolle Denkweise bei allgemein anerkanntem soziologischem Scharfsinn gegen einseitig rationale Handlungsschemata wie sie bspw. der Stalinismus hervorgebracht hat.

b.) Anarchismus

Ein bedeutsamer Traditionstrang ist die breit ausdifferenzierte Bewegung des Anarchismus. Anarchismus wird zu Unrecht auf seinen kleinen terroristischen Flügel reduziert, und die theoretischen und praktischen Leistungen werden ignoriert. Der Anarchismus wurde oft durch die Brille bürgerlicher und stalinistischer Darstellung gesehen und verzerrt und als Synonym für Unordnung und Chaos betrachtet. Der französische Anarchist Pierre Joseph Proudhon definierte Anarchie demgegenüber so: "Anarchie ist nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft". Im Zentrum des Anarchismus, der von vielen seiner VetreterInnen auch als "libertärer Sozialismus" definiert wird, steht der sozialistische Freiheitsgedanke und die Abschaffung des Staates, der als Zwangsgewalt verstanden wird. Wesentlich ist die Freiheit des Individuums und seine Assoziation mit anderen. Gegen den in der marxistischen Arbeiterbewegung herrschenden Zentralismus setzte die anarchistische Kritik auf dezentrale Strukturen, gegen die Tendenz der Bürokratisierung die Selbstverwaltung der ProduzentInnen und KonsumentInnen. Sozialismus ist keine Parteisache, sondern die Sache der Menschen selbst! Auch wenn es der anarchistischen Bewegung nicht gelang, ihre Ziele zu realisieren, und es über kleine Ansätze etwa 1920/21 in der Ukraine und 1936 in Katalonien nicht hinausging, hat die anarchistische Bewegung wichtige Impulse für Theorie und Praxis religiöser SozialistInnen geliefert. So hat etwa der Anarchist Gustav Landauer stark Martin Buber beeinflußt und auch die Kibbuzimbewegung steht in der Traditionslinie anarchistischer Kommunen. Leonhard Ragaz zog Analogien zwischen dem "heiligen Anarchismus" der Bibel und einem Anarchismus, wie er etwa von Tolstoj vertreten wurde. Gerade nach dem Ende der staatssozialistischen Experimente ist es wichtig, sich der Kritik des Anarchismus an einer "Verstaatlichung" des Sozialismus zu erinnern und die Anfragen nach individueller Freiheit, kommunitärem Aufbau, Selbstverwaltung und Dezentralisierung aufzunehmen.

2.3. Marxismus

a.) Marxismus als pluraler Marxismus

Der Marxismus, verstanden als Lehre von Karl Marx und Friedrich Engels, ist wirksam als radikale Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus. Hierin liegt für uns die bleibende Aktualität marxistischer Ansätze. Wir wählen den Plural bewußt, denn den "einen" Marxismus hat es schon zu Lebzeiten von Marx nicht gegeben. Das Werk von Marx und Engels teilt das Schicksal der Interpretationsfähigkeit mit vielen Philosophen, und bei Gesellschaftswissenschaftlern wie diesen ist die Vielzahl der Interpretationsmöglichkeiten eher noch größer. Dies belegt die kaum noch zu überblickende Zahl von "Schulen". Angesichts starker Bestrebungen in der Öffentlichkeit, mit dem Verweis auf Irrtümer von Marx und Engels sich auch ihrer zutreffenden Gesellschaftsanalyse zu entledigen, stellen wir fest: Ein pluraler Marxismus, verstanden als Soziologie, d.h. als Theorie gesellschaftlicher Entwicklungen, ist für uns überaus nützlich und bei der Beurteilung gesellschaftlicher Vorgänge unverzichtbar.

Die Schwächen der marxistischen Theorie, wie z.B. Ausblendung der ökologischen Fragestellung und die Bewertung der Frauen(/Männer)-Frage als Nebenwiderspruch gilt es in der Fortentwicklung der Theorie aufzuheben.

Allerdings wissen wir uns mit Marxistinnen und Marxisten in der Ablehnung verschiedener Marx-Deutungen einig.

- Dazu gehört ein Marxismus, der zur Behördenverwaltung durch das ZK einer Partei führt, welches verfügt, was im Sinne des "Marxismus" falsch oder richtig zu sein hat.

- Dazu gehört ein Marxismus, der sich zu einer totalen Philosophie aufwirft, ideologisiert, kanonisiert und undialektisch zu einer Weltanschauung gerinnt, vor der sich Religion, Philosophie und alle anderen Wissenschaften zu verantworten haben. Der ideologische Kollaps der ehemaligen Ostblock-Staaten ist auch ein Ausfluß dieser Marx-Fehldeutungen.

- Dazu gehört ein Marxismus im Sinne einer Theorie, die entweder ganz zu akzeptieren ist, oder gar nicht. Eine solche Forderung widerspricht allen Voraussetzungen wissenschaftlichen Denkens.

Im Gegensatz zu denen, die an den Marxismus "glauben" und denen, die von uns eine Distanzierung vom Marxismus verlangen, halten wir an den Errungenschaften von 130 Jahren marxistischer Theorie- und Strategiebildung fest.

b.) Leninismus

Lenin und die alte Garde der Bolschewiki haben eine Revolution in einem Land durchgeführt, in dem alle Voraussetzungen für einen Sozialismus fehlten. Dies wissend, weigerte sich Lenin lange, von einer "sozialistischen Revolution" in Rußland zu sprechen und sah in keiner Weise die russische Erfahrung als Vorbild und nachzuahmendes Beispiel für die internationale sozialistische Bewegung an. Erst die Isolierung Rußlands durch das Ausbleiben der Revolution im Westen und der daraufhin proklamierte Aufbau des "Sozialismus in einem Land" und die Kanonisierung eines "Marxismus-Leninismus" durch Stalin und seine Epigonen machte die Ausnahme zur Regel. Die Herrschaft der Sowjets (= Räte) wurde durch die Herrschaft der Bürokratie ersetzt, in der Partei herrschte erst das ZK und dann nur noch Stalin, Abweichler wurden erst wie Trotzki ins Exil geschickt, später zu Millionen umgebracht. Die Diktatur des Proletariats wurde zu einer Diktatur über das Proletariat pervertiert.

Gegenüber dieser Ausprägung des Leninismus, die kenntlich machte, zu welchen fürchterlichen Konsequenzen Systeme kommen können, in denen der Zweck die Mittel heiligt und in der die bürgerliche Demokratie, statt zu einer sozialistischen Demokratie weiterentwickelt zu werden, ersatzlos abgeschafft wurde, vertreten wir den Gedanken und das ursprüngliche Konzept einer sozialistischen Demokratie.

Streikrecht, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit, Meinungsfreiheit und die Freiheit der Reise sind kein Luxus, sondern unverzichtbare Voraussetzungen eines Sozialismus, für den sich Menschen engagieren können. Auch im Sozialismus wird es weiterhin einen Streit unterschiedlicher Positionen geben. Diese Positionen bedürfen ihres organisatorischen Ausdrucks, seien es nun Parteien oder andere Organisationsformen.

2.4. Der historische Strang des religiösen Sozialismus

In Anknüpfung an den "Liebeskommunismus", wie er von der christlichen Urgemeinde berichtet wurde (Pazifismus, Güter-gemeinschaft etc.), zieht sich durch die Kirchengeschichte eine Unterströmung von sozialen und revolutionären Ideen und Bewegungen. Diese Unterströmung trat manchmal als Teil der "offiziellen Kirche" in Erscheinung, zu nennen sind hier u.a. Tho-mas von Aquin, Thomas Morus (der Verfasser von "Utopia") und der Jesuitenstaat in Paraguay. Häufiger aber standen diese Bewegungen im Widerspruch zur "offiziellen Kirche" und wurden von dieser aus-gegrenzt, verfolgt, ihre Anhänger getötet. Als einige Beispiele seien die Franziskaner-Spiritualen, die Beginen, die Waldenser, die Anhänger Wyclifs, die Hussiten und die Täufer genannt. Evangelische und katholische Kirche verfolgten ihre jeweiligen Ketzer in einer beinahe "Ökumene von oben". Diese Ideen haben aus den unterschiedlichsten Entwürfen heraus immer wieder fortgelebt.

Als 1899 und 1900 mit Christoph Blumhardt, einem Pietisten, und Paul Göhre, einem Liberalen, unabhängig voneinander zwei bekanntere evangelische Theologen der SPD beitraten, begann eine Bewegung zu entstehen, die ihren Ausdruck und ihre Form im religiösen Sozialismus fand. Von Anfang an kamen religiöse Sozialistinnen und Sozialisten aus den verschiedensten theologischen Lagern des jüdisch-christlichen Spektrums. Es gehört zu den Kennzeichen des religiösen Sozialismus, selbst keine neue theologische Richtung geschaffen zu haben. Auch die oft mit dem religiösen Sozialismus gleichgesetzten Theologien der Schweizer Hermann Kutter und Leonhard Ragaz sind nur zwei von vielen Entwürfen, die diese Bewegung geprägt haben. Nach 1920 wendeten sich verstärkt auch Mitglieder des liberalen evangelisch-sozialen Kongresses dem Sozialismus zu. So fanden sich im Religiösen Sozialismus schon bald neben Liberalen und PietistInnen auch orthodoxe LutheranerInnen, katholische MontanistInnen, AnhängerInnen der dialektischen Theologie wie auch orthodoxe, zionistische und liberale Jüdinnen und Juden. Diese Liste läßt sich heute, nach fast 100 Jahren, sicher noch erweitern. Aus der Arbeit religiöser Sozialistinnen und Sozialisten sind der Theologie wichtige Anstöße erwachsen. Vor allem die evangelische Sozial- und Wirtschaftsethik hat davon profitiert.

Dieses Erbe der theologischen Pluralität und Kompetenz gilt es in Zeiten, in denen auf der einen Seite Fundamentalismus und auf der anderen moralischer Rigorismus fröhliche Urständ feiern, zu bewahren und neu zu beleben.

Die Suche nach einer neuen Spiritualität war der Laiinnen- und Laienbewegung religiöser Sozialismus ein wichtiges Anliegen. Schon früh wurden Gottesdienste und andere Formen von Glaubensfeiern (z.B. zum ArbeiterInnenkampftag, zum Anti-Kriegstag etc.) erprobt. Auch dieses Bemühen um eine Verbindung von Spiritualität und politischer Arbeit gilt es heute weiterzuführen und weiterzuentwickeln.

2.5 Der Bund der religiösen Sozialistinnen und Sozialisten (BRSD)

Nach dem 1. Weltkrieg bildeten sich in Baden, Thüringen, im Rheinland und in Norddeutschland Gruppen religiöser SozialistInnen. Im Dezember 1919 entstand in Berlin die erste Organisation, die den Namen "Bund der religiösen Sozialisten" trug. 1924 schlossen sich diese regionalen Verbände zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen und 1926 entstand daraus die Reichsorganisation des BRSD.

1933 bestanden 11 Landesverbände mit ca. 25.000 Mitgliedern. An überregionalen Organen erschien die Wochenzeitung "Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes" und die theoretische "Zeitschrift für Religion und Sozialismus". Neben den Landesverbänden bestanden:

- eine AG der katholischen Sozialisten, die von Heinrich Mertens und Otto Bauer geleitet wurde
- und eine AG jüdischer Sozialisten, die besonders stark in Berlin und Frankfurt vertreten war
- die Bruderschaft sozialistischer Theologen, die 1930 210 von 16.000 ev. Pfarrern umfaßte.

Von seinem Ursprung her war der BRSD ein doppelter Versuch :

- einerseits ging es darum, in der bürgerlichen-deutschnationalen Kirche das "Heimatrecht" für sozialistische Arbeiterinnen und Ar-beiter durchzusetzen und die Kirche so zu verändern, daß sich diese auch in ihr wohlfühlen konnten. Dies charakterisiert den BRSD als Kirchenreformbewegung in seinem klassischen Drei-Schritt: "In der Kirche - Gegen die Kirche - Für die Kirche!"

- andererseits war er der Versuch, die sozialistische Option für religiöse (christliche wie jüdische!) Bevölkerungsgruppen aus der Arbeiterschaft und den Zwischenschichten attraktiv und gangbar zu machen!

Der BRSD führte in der Weimarer Republik einen entschiedenen Kampf gegen Militarismus, Nationalismus und sehr früh gegen den aufkommenden Faschismus.
Dies machte den BRSD gerade bei der gesellschaftlichen Rechten verhaßt und bedeutete nach dem Beginn der Nazi-Ära sein Ende durch die staatliche Repression. Nach 1945 entstand der BRSD neu. Die 1946 in der SBZ entstandenen Regionalgruppen verfielen der Auflösung, viele ihrer InitiatorInnen flohen in den Westen, einzelne wurden inhaftiert. Im Westen wurde der Bund im kalten Krieg zwischen den Machtblöcken zerrieben. In den 70er Jahren war nur ein kleiner Rest übriggeblieben, der zusammen mit Christinnen und Christen aus der Studentenbewegung den Bund neu aufbaute.

Der "Internationale Bund der religiösen Sozialistinnen und Sozialisten" wurde 1928 gegründet und umfaßt heute Organisationen in einer Vielzahl von Ländern in den meisten Erdteilen, darunter u.a. in Nicaragua, Schweden, den USA, Österreich und den Niederlanden. Der BRSD ist seit Gründung des Internationalen Bundes Mitglied.

2.6. Die religiösen Sozialistinnen

Eine weitere Wurzel ist die breite Frauenbewegung der Weimarer Zeit. Es war kein Zufall, daß etwa der rheinische BRSD 1929 auf der Kirchensynode ein Vikarinnen-Gesetz beantragte, daß den Frauen die gleichen Rechte wie den Männern im Pfarramt bis hin zur Ordination gewährte. Namen wie Minna Cauer, Lydia Stöcker, Hildegard Wegscheider usw. sind als aktive BRSD\'lerinnen zu nennen. Ihrem Wirken ist es zu verdanken, daß sich der Bund in der Bewegung zur Abschaffung des Paragraph 218 engagierte und die Arbeit der von der Frauenbewegung und fortschrittlichen Medizinern eingerichteten Sexualaufklärungs- und -beratungsstellen unterstützte. Der BRSD hatte unter seinen Mitgliedern sehr viele Frauen (z.B. in Berlin lag der Frauenanteil bei ca. 40%), was sich im Gegensatz zu anderen Organisationen auch in den Funktionen auswirkte. Arbeiterinnen, Lehrerinnen usw. waren in vielen Bereichen die Trägerinnen der örtlichen und regionalen Arbeit. Da die bisherige Geschichtsschreibung des religiösen Sozialismus sich überwiegend mit den "großen Männern" beschäftigt hat, ist die Geschichte der religiösen Sozialistinnen noch nicht geschrieben. Diese steht noch aus und wird hoffentlich bald geschrieben werden.

3. Hauptziele und Perspektiven unserer Arbeit

3.1. Der "fortschrittliche Block" und die "Hegemoniegewinnung"

In der Weimarer Republik und in den ersten Jahren nach 1945 verstand sich der BRSD als Einheitsorganisation, die Mitglieder christlichen und jüdischen Glaubens umfaßte, die sich politisch in den beiden Arbeiterparteien SPD und KPD beheimatet fühlten. Ebenso war die Mitgliedschaft und das Engagement in den DGB-Gewerkschaften selbstverständlich. Durch die Transformation der SPD zur Volkspartei und die Veränderung der gesamten politischen Landschaft der BRD ist zu konstatieren, daß es eine sozialistische Bewegung in der BRD nur marginal gibt und daß diese gerade im klassischen ArbeiterInnenbereich äußerst schwach ist. In den Parteien links von der Mitte gibt es wie in SPD und PDS nur sozialistische Minderheiten unterschiedlicher Stärke und die Herausbildung einer grün-alternativen Partei hat das traditionelle Parteiensystem nachhaltig verändert. Es gibt seit der 68er Bewegung eine Vielzahl von kleinen Gruppierungen, in denen (auch) SozialistInnen organisiert sind. Die linke Bewegung ist heute keine Parteienbewegung mehr, sondern besteht aus unterschiedlichsten Tendenzen, Motivationen und Konzeptionen. In dieser pluralen und bunten Gesamtheit haben wir unseren Platz im Spannungsfeld von Kirche und Gesellschaft.

Der BRSD versteht sich als linke Bündnisorganisation und ist mit keiner Partei verbunden. Wir unterstützen alle Bestrebungen in den Parteien, die auf soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung gerichtet sind. Wir sehen für die Zukunft die Notwendigkeit der Herausbildung eines fortschrittlichen Blocks über die Parteigrenzen hinweg. Dieser "fortschrittliche Block" konstituiert sich aus einer ökologisch neuorientierten ArbeiterInnenbewegung, den sozialen Bewegungen und den progressiven Teilen der Kirchen. Hieran und bei der Gewinnung der gesellschaftlichen Hegemonie für ökologische und sozialistische Positionen mitzuwirken, ist Hauptziel unserer Arbeit.

Die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und das Verhältnis zu Parteien bestimmt sich durch unsere Grundauffassung, wie sie in diesen "Leitsätzen" definiert sind. Auf diesem Hintergrund können wir uns nicht vorstellen, daß derzeit etwa BRSD-Mitglieder sich politisch in CDU oder FDP oder in stalinistischen Sekten wiederfinden können.

Wir fühlen uns mit Gruppen und Bewegungen verbunden, die in basisdemokratischen Strukturen und in der Tendenz in die gleiche Richtung arbeiten wie wir. Dazu rechnen wir Friedensgruppen, Umwelt- und Frauengruppen, Gruppen, die sich für die Solidarität mit der 3/4-Welt engagieren, Initiativen in Schulen und Hochschule, Selbstorganisationen von Arbeitslosen, SozialhilfeempfängerInnen u.v.m. Ebenfalls wollen wir alternative Netzwerke unterstützen und in ihnen mitarbeiten.

3.2. Wir betrachten die DGB-Gewerkschaften als die historisch als Selbsthilfeorganisationen der Lohnabhängigen entstandenen Organisationen. Hierin haben sie auch heute noch ihre Legitimation. Aber ebenso wie die traditionellen Parteien der Arbeiterbewegung haben sich auch die Gewerkschaften verändert. Die gesellschaftlichen Brüche und der Niedergang der traditionellen Arbeiterbewegung bilden sich auch in den Gewerkschaften ab, große Einzelgewerkschaften orientieren sich mehr an einer abstrakten Sozialpartnerschaft, was oftmals völlig konträr zu den Interessen der Mitglieder steht, während andere DGB-Gewerkschaften weiterhin vom Interessengegensatz von Lohnarbeit und Kapital ausgehen. Hinzu kommt eine weitgehende Verbürokratisierung, mit der ein immer stärker werdender Verlust der gewerkschaftlichen Ethik einhergeht. Die Skandale um die Neue Heimat, COOP, individuelle Bereicherung von Gewerkschaftsführern etc. macht die DGB-Gewerkschaften im Bewußtsein ihrer Mitglieder und der übrigen Bevölkerung als gesellschaftliche Alternative immer unglaubwürdiger. Aber die Alternative zum DGB wäre eine atomisierte Masse von Einzelwesen, die individuell mit den Arbeitgebern kämpfen müßte und dabei nur verlieren kann. Wir ermuntern unsere Mitglieder, den Schritt zu einer Organisierung in ihrer zuständigen DGB-Gewerkschaft zu tun und sich möglichst aktiv darin betätigen. Dies mit dem Ziel, auch im DGB für die klassischen gewerkschaftlichen Ziele einzutreten: die Demokratisierung der Wirtschaft, Humanisierung der Arbeitswelt, Sicherung der sozialen Systeme und des Wertes der Ware Arbeitskraft, Ausweitung der Mitbestimmung und für eine stärker konfliktorientierte Gewerkschaftspolitik. Wir unterstützen alle Bestrebungen, die Mitgliedsrechte auszuweiten, den Einfluß der Basisgliederungen zu stärken und in den Gewerkschaften eine Kultur des Streites, der Selbstverwaltung und der Gleichberechtigung der Geschlechter, der Nationalitäten und der Generationen zu erreichen.

3.3. Die Kirchen von heute sind nicht mehr die Kirchen der Weimarer Republik. In der katholischen Kirche ist es den herrschenden Konservativen nicht gelungen, alle Veränderungen im Gefolge des 2. Vaticanums zurückzuschrauben, und die Theologie der Befreiung ist immer noch eine wichtige Kraft. Millionen von BasischristInnen und Zehntausende von Priestern und Nonnen stehen an der Seite der Armen, der gesellschaftlich Ausgegrenzten und Vergessenen. Auch in Deutschland ermutigt uns das Beispiel und das Zeugnis vieler katholischer Geschwister.

Die evangelische Kirche hatte 1945 die Veränderung von einer mehrheitlich monarchistisch-reaktionären Amtskirche zu einer den kapitalistischen Verhältnissen mehr entsprechenden demokratischen Volkskirche vollzogen. In ihr machte sich der Einfluß des linken Flügels der Bekennenden Kirche und die Langzeitwirkung des religiösen Sozialismus (Stichwort: Darmstädter Wort 1947) im Sinne einer wichtigen Minderheitsströmung bemerkbar. Im Gefolge der 68er-Bewegung bekam diese Minderheit breite Unterstützung. Die Politisierung breiter Teile der Gemeinden durch die Kirchentage, die Friedensbewegung, die Frauenbewegung und die ökumenische und 3/4-Weltbewegung hat es erreicht, daß vielerorts die evangelische Kirche in Verlautbarungen und gesellschaftlichem Zeugnis links von der gesellschaftlichen Mehrheit steht. Demgegenüber ist die Aufnahme sozialer und wirtschaftlicher Fragestellungen als Ursache gesellschaftlicher Probleme kaum geleistet worden.

Den biblischen Auftrag der Kirche als Gemeinde der Jesus Nachfolgenden, wie er uns z.B. in der Bergpredigt (Mt 5-7) entgegentritt, vergleichen wir mit dem Erscheinungsbild der Kirche in der spät-kapitalistischen Gesellschaft. Wir möchten zu ihrer weiter notwendigen Erneuerung und Umkehr beitragen. Noch immer stehen viele ChristInnen gesellschaftlichen Systemen und Parteien nahe, die unter Berufung auf vorgeblich christliche Werte soziale und ethnische Ungleichheit oder sogar politische Unterdrückung befürworten: noch immer finden sich ChristInnen, die unter Hinweis auf äußere Feinde (früher der Weltkommunismus, heute der Islam, morgen??) eine Politik der militärischen Stärke, der wirtschaftlichen und politischen Abschottung in der "Festung Europa", der Rassendiskriminierung und der Privilegiensicherung betreiben.
Wir sehe u.a. unsere Aufgabe darin, in den Kirchen die Interessen der Unterprivilegierten bei uns und in der Welt zur Sprache zu bringen, die Ursachen von Armut, Verelendung und ökologischer Krise zu benennen und für die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft zu arbeiten. Wir solidarisieren uns mit allen Bestrebungen in den Kirchen, die bisherige Rolle der Kirche im Kapitalismus zu überdenken und diese von einer Volkskirche zu einer Kirche des Volkes weiterzuentwickeln.

Wir orientieren uns am Priestertum aller Gläubigen und wenden uns gegen eine Pastorenkirche. Auch in den Kirchen sind die Rechte der Basis, d.h. der Gemeinden zu stärken. Tendenzen zu einer Behördenkirche müssen beseitigt werden.

4. Konkretionen:

Die folgenden Ausführungen sind auf unsere augenblickliche Situation bezogen und bedürfen der regelmäßigen Fortschreibung.

4.1. Basisarbeit

Vordringlich ist eine Erweiterung und Festigung unserer Basis, insbesondere durch folgende Aktivitäten

- Aufbau von lokalen und regionalen Basisgruppen
- Arbeit in thematischen Projektgruppen
- Kooperation mit anderen Gruppen und Mitarbeit in Netzwerken wie z.B. der "Initiative Katholikentag von Unten"
- Informationsarbeit durch Tagungen
- Beteiligung an Kirchentag und Katholikentag
- Herausgabe einer Zeitschrift und von Info-Material
- Vertiefung und Präzisierung des Selbstverständnisses und der Zielsetzungen religiöser SozialistInnen

4.2. Christliche Verkündigung

In Einzelveranstaltungen, Tagungen und ggf. Freizeiten suchen wir nach Erneuerung im Glauben. Dabei sollen Umkehr und persönlicher Glaube immer in ihre politische Tragweite und Auswirkung eingebunden bleiben. Individuelle Hoffnung und gesellschaftliche Wirksamkeit auf das Reich Gottes hin bilden eine Einheit.

4.3. Individuelle Praxis

Für unsere Arbeit erachten wir als entscheidend, daß die Erfahrungen der einzelnen im Beruf, in der Ausbildung und in der kirchlichen wie gesellschaftlichen Praxis in die Gruppe und den Gesamtbund eingebracht werden. Je nach Gruppentypus kann dies unterschiedlich geschehen:

a.) In einer BRSD-Gruppe, die sich mehr als Reflektionsgruppe versteht, wird ein Beitrag zur Rückkoppelung von Theorie und Praxis geleistet. Zweitens erhält jedeR Mitarbeiter/in Ermutigung und Unterstützung in ihrem/seinem Engagement. Drittens wird das so über die christliche Verkündigung Gesagte konkretisiert. Bei den regelmäßigen Treffen einer derart strukturierten BRSD-Gruppe gehören daher Erfahrungsaustausch, Analyse von Erfahrungen und Zuspruch für die nächsten Schritte eines/einer Jeden in seiner Praxis zu den permanenten Themen.

b.) In einer thematisch ausgerichteten BRSD-Gruppe wird durch Bildungsarbeit, Diskussion und Reflexion versucht, die gesellschaftliche Wirklichkeit von der religiös-sozialistischen Sichtweise her zu betrachten und zu verstehen. Die Erfahrungen der Mitglieder werden hier gebündelt und bilden die Grundlage politischer und theologischer Stellungnahmen. Die konkrete politische Praxis kann nur von den Einzelnen im konkreten Arbeitsfeld geleistet werden, die Gruppe leistet hierzu nach Möglichkeit Hilfestellung.

c.) In einer BRSD-Basisgruppe in einer Kleinstadt, einer Hochschule oder ähnlich überschaubaren Bereichen gibt es auch einen Gruppentyp, der auch als Gruppe eine kontinuierliche praktisch-politische Arbeit ermöglicht. Das betrifft z.B. die Hochschulpolitik etwa an einer Fakultät oder die konkrete Kommunalpolitik über einzelne Aktionen hinaus.

Wichtig ist bei allen verschiedenen Typen der Austausch und die lebendige Wechselbeziehung von Theorie und Praxis. Richtschnur ist für uns der Dreischnitt der Befreiungstheologie: Sehen - urteilen - handeln.

4.4. Stellungnahmen

Im Rahmen unserer Möglichkeiten nehmen wir zu politischen und theologischen Fragen Stellung. Insbesondere sehen wir dort unsere Aufgabe, wo die politischen Parteien und die Großorganisationen teils aus Überzeugung, teils aus Angst vor dem Verlust von Wahlstimmen oder Austritten von Mitgliedern sich nicht oder nicht klar genug gegen menschenunwürdige Handlungen und Verhältnisse aussprechen. Wir erheben unsere Stimme dort, wo wir die Überzeugungen und die Werte der Humanität, des Sozialismus und der Bibel beider Testamente verletzt sehen. Gegen die herrschende Meinung, die immer noch weitgehend die Meinung der Herrschenden ist, versuchen wir einen kleinen Beitrag zur Aufklärung zu leisten. (Beispiele: Golf-Krieg, Bürgerkrieg in Jugoslawien, Bundeswehreinsatz in Somalia, Abschaffung des Asylrechtes, Wirtschaftspolitik und Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Wohnungsnot). In Kirche und Gesellschaft unterstützen wir Stellungnahmen und Initiativen, die in unsere Richtung gehen und machen gleichzeitig unsere weitergehenden Positionen deutlich.

Nachbemerkung:

Dieser Text ist das Resultat einer sich über fast 2 Jahre erstreckenden Diskussion. Grundlage dieser Diskussionen war ein Entwurf der Berliner Gruppe, der erstmalig auf der BRSD-Frühjahrstagung 1994 diskutiert werden konnte. Zu einigen Abschnitten lag ein Änderungspapier von Matthias Nauerth/ Hamburg-Nordelbien vor, das mitberaten wurde. Für die Theologie-AG hatte Wolfgang Lünenbürger /Hamburg Ergänzungen und Kriterien vorgelegt. Änderungen aus der Regionalgruppe Frankfurt fanden ebenfalls Aufnahme in den Text. Die Diskussionen dieser Tagung und der anschließenden Herbsttagung sind danach eingearbeitet worden. Auf der Frühjahrstagung 1996 wurden diese neuen "Vorläufige Leitsätze" verabschiedet.



Siehe die Website des
Bundes der religiösen Sozialisten und Sozialistinnen :
http://www.brsd.de/

Siehe auch hier:
Neue Welt





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eine christliche Infrastruktur


Es ist jetzt unsere Aufgabe,
eine christliche Infrastruktur
zu gründen ...


Gekürztes Interview von Ramon Brüll mit
Bernard Lievegoed in der Zeitschrift «INFO-3», 11/90


Lievegoed: ... Und jetzt haben wir erneut eine Chance. Und ich meine, lasst uns bloß alle mitwirken, damit diese Chance nicht erneut vom Tisch gefegt wird. ...
Brüll: Darüber sind wir uns einig! Bloß warum passierte das so plötzlich. War das der Zeitgeist?
Lievegoed: Ein letztes Mal, wo der Zeitgeist noch direkt in die Geschichte eingriff, war durch Jeanne d'Arc. Der Zeitgeist Michael bediente sich eines einzelnen Menschen. Heute kann das so nicht mehr stattfinden. Wenn wir aber mit Überschusskräften und Begeisterung im Leben stehen, kann Michael durch diesen Überschuss, durch dieses Mehr wirksam werden.
Wir müssen selbst den Anfang machen. Michael wartet ab. Sobald man aber Mut fasst und etwas anfängt, dann hilft er.
Brüll: Der Anfang, die Tat, muss natürlich schon im richtigen Moment sein.
Lievegoed: Genau das ist ein wichtiger Punkt. Manche Menschen warten nur auf den Anlass, und wollen dann gleich alles und sofort. Auch Anthroposophen. Das kommt, weil sie zu wenig in Entwicklungen denken. ...
Aber der Weg dorthin? Dann kommt die Entwicklung, welche mit der Hoffnung endet: «Dass gut werde, was wir aus Herzen gründen». Das Gute ist gemeint, nicht das Richtige. Die Wahrheit, das Richtige zu finden, das ist die Aufgabe der Verstandesseele. Sie hatte zur Aufgabe, richtige Antworten zu finden. Die Bewusstseinsseele jedoch hat zur Aufgabe, das Gute zu tun. ... Angewandte Anthroposophie, "die richtige Methode", das ist sektiererisch. Nein, da muss man sich noch zu einer zweiten Phase durchringen, einer Phase, in der man tiefer eindringen kann, die esoterische Phase, wo Begriffe Wesen werden, die selber handeln. Dieses letzte Handeln nennt Rudolf Steiner die dritte Phase oder die moralische Phase, wo man im Einklang mit dem Zeitgeist handelt. Diese moralische Handlung ist unser höchstes Ideal, das Gute zu tun. ...
Damit komme ich zu einem weiteren zentralen Thema in meinem Leben. Wann ist eine Situation wahrhaftig? - Wenn jemand etwas erzählt, was er sich erarbeitet hat, wenn er große Schemata entwirft, wie die Welt aussehen sollte, nachdem die Dreigliederung eingeführt sein wird? Solche Darstellungen können richtig sein. Sie sind aber erst wahr, wenn die betroffenen Menschen sich begegnen auf der Ebene, auf der sie wirklich stehen. ...
Wenn man sozial sein will, muss man also auch den Mut haben, dem Widerstand der Wirklichkeit zu begegnen. ...
Brüll: Haben Sie solche Momente in Ihrem eigenen Leben auch bemerkt?
Lievegoed: Selbstverständlich gerätst du hinein und hast zum Beispiel etwas erkannt, das du gleich am nächsten Tag besprechen und dann ausführen willst. Also das Richtige, aber nicht das Gute. .. Das ist Luzifer!
In normalen Zeiten wirken Luzifer und Ahriman gegeneinander. Bei der Jahrtausendwende, also in dem Rhythmus 10 x 10 x 10, arbeiten sie zusammen und versuchen die Menschen vollends in den Griff zu bekommen. ...
Auch hier war es die Lichtaura der christlichen Eingeweihten, die die Dämonen in die Flucht trieb. Nun rechne ich mir aus, die nächste Runde wird 1950 bis 2050 sein. Bis zur Jahrtausendwende wird sich das alles in Asien abspielen, danach kommen sie in irgendeiner Form nach Westen. ...
Und ich füge selber hinzu: das wird davon abhängen, ob Europa genügend christliches Licht ausstrahlt. Die ersten Symptome sind bereits da. ...
Das Entscheidende wird die geistige Situation in Europa sein!
Unsere Aufgabe ist es daher, hier eine christliche Infrastruktur aufzubauen. ..
Wenn uns das gelingt, dann werden die Dämonen nicht hierher wollen, oder wenn sie dann doch kommen, dann werden sie zurückgeschreckt. Es ist unsere Aufgabe als Anthroposophen, diese christliche Infrastruktur zu bilden, damit die Atmosphäre mit einem christlichen Licht durchstrahlt wird.
Dieses können wir nicht sehen, aber es schreckt die Dämonen ab. Kanonen werden sie nicht aufhalten können, wohl aber eine christliche Infrastruktur. ..
Meine Bestrebung gilt seit den 50er-Jahren, diese Infrastruktur aufzubauen. Denken Sie aber bloß nicht, dass damit nur Kirchen und Schulen gemeint sind. Nein, das kann auch eine Fabrik sein, in der vielleicht drei oder vier Menschen tätig sind, die etwas verstanden haben von dem, was Anthroposophie will. ...
Rudolf Steiner hat, wenn er über die Zukunft sprach, immer über mögliche Entwicklungen gesprochen. Es liegt in der Freiheit des Menschen, das Eine oder das Andere heraufzurufen. Ich wiederhole:
Es ist jetzt unsere Aufgabe in Europa, eine christliche Infrastruktur zu gründen: überall kleine und größere Einrichtungen zu schaffen, wo intensiv geistig geübt und gearbeitet wird. Dann haben wir die Grundlage geschaffen für unsere Zukunft in dem großen Geisteskampf, worin wir stehen. ...
Das ist meine große Sorge, ob das gelingen wird. ...





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Priester der "Iglesia Filipina Independiente"
- einer von Rom unabhängigen katholischen Kirche von unten -
protestieren gegen die Ermordung ihrer Erzbischofs,
der sich für die Rechte der ausgebeuteten Billiglohnarbeiter einsetzte...

( Siehe dazu: "Publik Forum, Nr.23, 2008
von der Unterstützung des Kampfes der Billiglohnarbeiter:
http://www.youtube.com/user/austinaims2008 )










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-> Politische Theologie
-> Bund der religiösen Sozialisten
-> eine christliche Infrastruktur

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