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Beispiele
Freier Seelsorge
& freien christlichen, kultischen Handelns

->
... in der BRD = Ausgestiegen: Anette Burkhart
-> ... in den NL = Theologische Praktiker - schon als Berufsverband
-> ... mittendrin ... = Ein Kneipentisch wird zum Altar
-> Jesus Christus mit uns = Ein Interview






... in der BRD



Rituale für unkirchliche Zeitgenossen

Seelsorge als Dienstleistung:
Die Theologin Anette Burkhart
kehrte der katholischen Kirche den Rücken
und arbeitet nun freiberuflich.

Es ist eine Premiere und ein Abschluss zugleich. Eine Feier, wie sie Anette Burkhart selbst noch nie gefeiert hat – und sie kennt sich wahrlich aus mit Feiern. Gleichzeitig ein Fest, das das Ende eines neunmonatigen Prozesses markiert.

Da stehen sie nun, ihre Schützlinge, drei 14-jährige Jungs, stehen am Mikrofon und sprechen die vorbereiteten Texte. Und sie ist selbst überrascht, wird Anette Burkhart später sagen, »wie exzellent sie stehen, nicht nur cool und locker, sondern mit einem richtigen Stand«. Die Jungen erzählen von ihrer Kindheit und wie sie sich das Erwachsenwerden vorstellen. Später kommen die Mütter und Väter mit Erinnerungen zu Wort, die Paten mit guten Wünschen. Auf Tischen sind Fotos aufgestellt, Teddybären und Puppen, ein Korb mit Muscheln – Dinge, die an die Kindheit erinnern. Bunte Stoffbänder symbolisieren die Verbundenheit zwischen den Eltern und ihren Sprösslingen. Auf dem Höhepunkt der Feier werden die Eltern die Bänder zu ihren Söhnen loslassen, »sie freigeben«, wie Anette Burkhart erklärt. Die Paten werden einander an den Händen halten und ein Tor bilden, durch das die Jungen schreiten – hinein in die neue, die Erwachsenenwelt. Es wird viel gesprochen in den anderthalb Stunden, es werden Hoffnungen und Befürchtungen geäußert, es wird »Imagine« von John Lennon gespielt, und es fließt die eine oder andere Träne. Anette Burkhart hält sich bei alledem im Hintergrund, spricht die Begrüßung, die eine oder andere Überleitung, mehr nicht. »Initiationsfeier« nennt die 41-jährige Theologin das Ritual, das sie über ein Dreivierteljahr mit den drei Jungen und ihren Eltern vorbereitet hat und das alle Beteiligten einstimmen soll aufs Loslassen, auf einen neuen Lebensabschnitt. Man könnte auch alternative Konfirmation oder Firmung dazu sagen.

Gut 35 Stunden Vorbereitung: Einzel- und Gruppengespräche, Nachdenken über Vergangenheit und Zukunft, aber auch ein Nachmittag in der Kletterwand, der den Jungen »die eigenen Kräfte zeigen« sollte, wie Anette Burkhart sagt. Oder ein Hüttenwochenende der Väter mit ihren Söhnen. Das Dreivierteljahr, sagen die Eltern, habe man an der Entwicklung der Söhne deutlich gemerkt, die Auseinandersetzung miteinander sei sehr intensiv gewesen. »Es wurden Ängste sichtbar, spürbar und auch geäußert«, erzählt Anette Burkhart. Und einer der Jungen sagt: »Wann hat man schon mal die Zeit, so intensiv miteinander zu sprechen und sich mit sich zu beschäftigen?«

Freie Seelsorgerin: So bezeichnet sich Anette Burkhart, seit sie sich vor anderthalb Jahren in der badischen Kleinstadt Emmendingen selbstständig gemacht hat. Ein kleines fensterloses Büro in einem Hinterhof-Erdgeschoss, zwei Gruppenräume, frisch renoviert in Gelb- und Rottönen, Orangenduft aus einem Duftlämpchen, Kräutertee aus gelben Tassen, die auf dem Heizkörper vorgewärmt wurden. Mit ihrem orangefarbenen Seidenschal und der roten Perlenkette passt Anette Burkhart in das sorgsam gestaltete Ambiente. Zierliche Figur, schulterlange blonde Haare, randlose Brille. Sie fühlt sich eins mit sich, das wird aus ihren Äußerungen deutlich. Wohl, weil es schon mal ganz anders war. Damals, bevor sie den großen Bruch in ihrem Leben »inszenierte«, wie sie sich ausdrückt. Als sie 85 Kilo wog und ihr Haar hüftlang trug – die Theologin im Dienst der katholischen Kirche. Oder auch kurz danach, mit dem Bürstenschnitt und der auffällig kantigen Brille – die Rebellin, die sich mit der Kirche angelegt und ihr schließlich den Rücken gekehrt hatte. Es ist eine lange Emanzipationsgeschichte, die Anette Burkhart an diesem Vormittag in ihrem orange-roten Reich Revue passieren lässt. Ein Weg zu sich selbst, vielleicht auch ein Weg zu Gott. »In der Kirche hatte ich das Gefühl, meine Religiosität und meine Spiritualität immer mehr zu verlieren«, sagt sie rückblickend. Jetzt dagegen werde sie immer gläubiger, an die Stelle von Zweifeln sei mehr Gewissheit getreten.

Dabei macht Anette Burkhart heute gar nicht so viel anderes als früher, als sie von 1988 bis 1994 katholische Pastoralreferentin in der Erzdiözese Freiburg war. Auch damals war sie Seelsorgerin, begleitete Gefangene und psychisch Kranke. Auch damals betreute sie Liturgien, gestaltete Tauf- oder Hochzeitsfeiern. Nach dem Theologiestudium und neben dem Beruf absolvierte sie eine psychotherapeutische Zusatzausbildung. Sie arbeitete viel, auch damals schon, selbst als im Abstand von drei Jahren ihre beiden Kinder geboren wurden. »Ich hänge mit Leib und Seele an meinem Beruf«, sagt sie, und das gilt heute, wie es damals galt. Aber damals, im Dienst der Kirche, muss sie irgendwie zornig geworden sein, verbittert schließlich. Denn obwohl sie ihren Beruf liebte und obwohl er ihr eine sichere Existenz gewährte, schmiss sie schließlich alles hin.

Ein langer Kampf ging dem voraus, ein Kampf mit sich und mit der katholischen Amtskirche. Im Zuge des Priestermangels, erzählt sie, hatte sie nach und nach praktisch alle Arbeiten eines Priesters gemacht. Sie betreute neun Kirchengemeinden, und sie hatte das Gefühl, dass sie das gut machte. Nur versagte ihr die Amtskirche die Anerkennung, die ihr dafür zustand – so empfand sie es. Als Frau in der katholischen Kirche gab es für sie nicht den adäquaten Platz. Sie sei behandelt worden »wie eine Handlangerin, nicht wie eine kompetente, ausgebildete Frau«. Sie fühlte sich »beschnitten«, sagt sie heute. Dabei habe sie im Umgang mit den Menschen, die sie betreute, gesehen, »wie notwendig es war, dass Frauen in diesen spirituellen Tätigkeiten präsent sind«. Schließlich, 1994, »nach langen inneren Kämpfen und Konflikten«, legte Anette Burkhart es auf die Konfrontation an: Sie beantragte das Amt der Priesterin.

Als Rebellin wurde sie damals von Talkshow zu Talkshow gereicht, und selbstverständlich war ihr klar, dass diese Provokation den Bruch bedeutete. Dass diese »gravierende Lebensentscheidung« auch bedeutete, dass sie ihrer Kirche komplett den Rücken kehren musste. Leicht fiel ihr das nicht, und sie hat sieben Jahre gebraucht, in denen sie sich weiterbildete, jobbte, die Kinder erzog, sich wieder und wieder versicherte: »Ich kann etwas, ich bin nicht von der Kirche abhängig.« Sieben Jahre, bis sie schließlich Ende 2001 in ihrem neuen Reich in dem Hinterhof-Erdgeschoss ankam. »Mein Eigenes«, sagt sie liebevoll zu ihrer Existenz als Freiberuflerin. »Endlich spüre ich, dass die Institution Kirche nicht mehr zwischen mir und den Menschen steht.« Was die katholische Kirche selbst dazu meint, kann sie nur ahnen. »Ich werde kritisch beäugt«, glaubt sie. Allerdings nur von katholischen Kollegen. Von der protestantischen Kirche hingegen wird sie schon mal als Referentin zu einem Vortrag eingeladen.

Was sie den Menschen als freie Seelsorgerin anbietet, umschreibt Anette Burkhart so: »Die Möglichkeit, die eigene Person ausfindig zu machen, zu ihr in Kommunikation zu treten, Grenzen und Leiden ausfindig zu machen. Und dabei nicht zu vergessen, dass der Mensch sich bezieht auf eine andere, göttliche Macht.« Praktisch heißt das: Sie veranstaltet alternative Tauf-, Hochzeits- oder Trauerfeiern. Dafür erdenkt sie Rituale, die über die kirchlichen Vorbilder hinausgehen, die fernen Kulturen und Zeiten entlehnt sind. Oder sie lädt zu seelsorgerischen Gesprächen ein. Begleitet Menschen in Übergangsphasen, bei Trennung, Krankheit, nach Todesfällen oder Fehlgeburten. Und immer wieder wird im Gespräch an diesem Morgen deutlich, dass sie sich bei alledem mit ihren Fähigkeiten und Ausbildungen genau an der richtigen Stelle fühlt. Angekommen.

Ihre Klientel – »Gäste«, sagt sie – sind Menschen, die mit der Kirche nichts am Hut haben, aber für bestimmte Lebensphasen auf Rituale nicht verzichten möchten. Sie werden immer zahlreicher, und Anette Burkhart ist nicht die einzige, die diese Marktlücke entdeckt hat. Konfessionsungebundene Grabredner gibt es – nicht nur in Ostdeutschland – seit langem. Und im Januar 2003 gründete sich etwa in Freiburg ein Verein, der ebenfalls freie Seelsorge anbietet.

Für den Wechsel in die Freiberuflichkeit hat Anette Burkhart keinen geringen Preis bezahlt. Eine gesicherte berufliche Existenz mit festem Einkommen hat sie gegen wirtschaftliche Unsicherheit eingetauscht. Und gegen einen Lohn, der bei gut 40 Wochenstunden gerade ihre Kosten deckt, zum Familieneinkommen jedoch nichts beiträgt. Für eine sorgsam vorbereitete Hochzeit oder Taufe nimmt sie gerade mal 180 Euro, für die aufwändige Initiationsfeier der drei Jungen inklusive Vorbereitung 400 Euro pro Familie. Nicht gerade eine Bezahlung, die einer kompetenten, ausgebildeten Frau angemessen ist. Doch Anette Burkhart hadert nicht. »Ich kann in einer Qualität arbeiten, die mich bereichert«, sagt sie. »Es hat sich gelohnt. Ich bin so viel zufriedener und glücklicher.«


ULRICKE SCHNELLBACH
«PUBLIK-FORUM », 6/2004, 26.3.2004


Freier Seelsorgedienst - Anette Burkhart
http://www.seelsorgedienst.de/







... in den NL



Gottsucher im Salon

Niederlande: Theologen geben in freien Praxen Orientierungshilfe


Für die konfessionslosen Gott- und Sinnsucher in den Niederlanden gibt es bereits siebzig «Theologische Praktiker». Einer von ihnen ist Ko Bordens. Im Paterre seiner Wohnung hat er für seine Klienten ein großes Zimmer umgestaltet. Sechs Stühle stehen an der Wand, in der Mitte hängt ein kunstvoller Teppich, auch zwei selbst gemalte Mandalas sind zu sehen.

Vierzig Kirchen in der Innenstadt von Amsterdam wurden in den letzten Jahren abgerissen, verkauft oder in weltliche Gebäude umgewandelt. Aber nach dem Unendlichen oder dem Sinn des Lebens, Liebens und Sterbens wollen auch unkirchliche Amsterdamer weiterhin fragen. Zwar sind in der Grachtenmetropole nur noch zehn Prozent der Bürger Mitglieder einer Kirche; aber viele Menschen verspüren doch den Wunsch, beten zu lernen oder die Bibel unter fachkundiger Anleitung zu lesen, An wen sollen sie sich wenden? Die Gemeinden kommen für viele nicht mehr in Frage, schließlich hat man doch den Austritt aus der Kirche erklärt.
Für diese konfessionslosen Gott- und Sinnsucher besteht neuerdings ein Angebot. In den Niederlanden gibt es bereits 70 Theologische Praktiker. Einer von ihnen ist Ko Bordens: Der katholische Theologe und einstige Dominikaner hat seine Theologische Praxis in der schönsten Gegend von Amsterdam, an der Herengracht; dies ist eine jener Wasserstraßen, die kein Touristenboot auslässt. Und während die Reiseleiter ins Schwärmen kommen angesichts der prächtigen Fassaden der stolzen Bürgerhäuser, sitzt Ko Bordens mit seinen Gott- und Sinnsucher im Grachtenhaus. Im Parterre hat er für seine Klienten ein grosses Wohnzimmer umgestaltet. Der Raum wirkt eher leer: Sechs Stühle stehen an der Wand, in der Mitte liegt ein kunstvoller Teppich, an den Wänden hängen Arbeiten moderner Künstler. Bordens hat auch zwei seiner selbst gemalten Mandalas ausgestellt. In diesem nüchternen Raum besprechen die Klienten ihre Fragen, reden von ihren Verletzungen, von ihren Ängsten, Zweifeln und Lebenskrisen. Manchmal werden auf Wunsch kleine Riten zelebriert: Eine Frau will nach der Scheidung von ihrem Mann ein neues Leben beginnen; deshalb werden ein paar Briefe von früher verbrannt, Symbol des Abschieds von einer Lebensphase. Manche Klienten bitten um Hilfe beim Verstehen der Bibel, andere kommen mit östlichen Seelenwanderungslehren nicht zurecht.
Ko Bordens versucht, Antwort zu geben, aber nicht als der überlegene Lehrmeister. sondern als ein theologischer Spezialist und psychologisch gebildeter Ratgeber. vor allem als ein Mensch, der zuhören kann und sich in die Probleme des Klienten hineindenkt. Der Theologe will nicht seine christliche Überzeugung anderen aufdrängen. Eine kirchliche Sendung hat Bordens nicht. Er will die Gesprächspartner tiefer zu sich selbst führen. Der theologische Praktiker arbeitet nicht für die Kirche, er arbeitet außerhalb der religiösen Institutionen, überlässt dem Klienten seine persönliche Wahl; Mission ist ausgeschlossen. Auch Gruppengespräche finden in Bordens Praxis statt. In einer Stadt mit vielen Museen und Galerien ist es nahe liegend, Bilder moderner Künstler auf ihren religiösen Gehalt zu befragen. Immer geht es um die geistliche, religiöse oder auch theologische Vertiefung des einzelnen.
Gemeindebildung ist nicht das Ziel theologischer Praxen: Wer Kontakt zu einer Gemeinde will, bekommt natürlich entsprechende Hinweise. Wichtig ist die überkonfessionelle Onentierung: Auch Fragen muslimischer, buddhistischer oder auch humanistisch-atheistischer Lebensorientierung können besprochen werden.
Für eine Sitzung mit dem theologischen Praktiker muss man natürlich bezahlen, je nach Größe des Geldbeutels zwischen 50 und 100 Gulden pro Stunde. Nicht nur ärztliche oder psychologische Hilfe, auch theologische Lebensberatung hat ihren Preis.
Bordens hat zusammen mit Ko Burger 1994 den Berufsverband der theologischen und religiösen Praktiker begründet Den französischen Schriftsteller Albert Camus (1913-1960) haben sie sich als Schutzpatron gewählt. Denn Camus gilt ihnen als Vorläufer der postmodernen, individuell geprägten Spintualität. 70 Frauen und Männer sind Mitglied, zum ersten Landeskongress kamen 150 Teilnehmer. Dabei wurde klar, dass theologisch-religiöse Lebensberater heute auch in Altersheimen arbeiten oder in Betrieben ethisch-religiöse Informationen geben. Ein großes Aufgabengebiet kommt auf sie zu. Immer mehr Niederländer planen ganz indinduell ihre eigene Bestattung, die Riten am Grab und die Feier danach. Da sind theologische Berater gefragt; von ihnen erwartet man die nötige Einfühlung, etwa wenn ein Sarg rosarot gefärbt, durch die Grachten gefahren werden und Musik der Beatles am Grab erklingen soll.
Möglicherweise steht den freien theologischen Praxen eine große Zukunft bevor. Denn Arbeit gibt es genug. Nicht nur bei Trauer und Abschied benötigen Menschen rituelle Spezialisten, auch frei gestaltete religiöse Feiern anlässlich von Geburt oder Hochzeit werden zunehmend verlangt. Das Aufgabengebiet eines theologischen Praktikers ist grenzenlos: Warum soll er oder sie nicht auch Stadtführungen machen - unter religiösen Aspekten? Warum nicht die Tradition der Salons wiederaufleben lassen und in schönem privatem Rahmen über Gott und die Welt reden?
Religion und Glaube haben sich in den Ballungsgebieten der Niederlanden aus den großen Kirchen und ihren Gebäuden in die Wohnzimmer verlagert; Religion wird auf diese Weise nicht nur individualistischer, sondern auch individueller. Die niederländischen Kirchenleitungen beobachten die theologischen Praxen mit wohl wollender Skepsis. Und in der «Hollandse Hoogschool» von Diemen werden bereits 100 junge Leute zu freien theologischen Praktikern ausgebildet. Ko Bordens hat dort das Studienprogramm entwickelt. Die Priester und Pastoren bekommen also Konkurrenten; Religion wird ein bisschen zum Markt. Mal sehen, wer letztlich mehr Klienten und Kunden hat, heißt es ein wenig ironisch in unserem Nachbarland.


CHRISTIAN MODEHN,
PUBLIK-FORUM, Nr.19, 6.10.1995, S.24-25







... mittendrin ...



Ein Kneipentisch wird zum Altar


Zwei evangelische Theologen in Greifswald predigen
regelmäßig im Keller-Lokal.
Besuch in einem ungewöhnlichen Gottesdienst


«In der Kirche kriege ich nur schlechte Laune, da muss ich nicht hin», sagt Ingolf Berber: «Meist sind Prediger am Start, die tun, als trügen sie die ganze Last dieser Welt - wie wollen die Hoffnung verbreiten? Nee, das ärgert mich.» Er guckt dem Rauch seines Zigarillos hinterher: «Und bei diesem Gemurmel und Kirchenliedergesinge werde ich nur müde.»
Ingolf Berber hätte einen Gottesdienst ganz anders aufgezogen, viel frischer und heiterer. Wenn die Kirche ihn gelassen hätte. Nicht, weil er sich zehn Jahre lang mit seinem Theologiestudium aufgehalten hat. Sondern weil ein evangelischer Pfarrer so nicht rumläuft wie er noch heute, mit 34: schwarzes Seeräubertuch um den Kopf, Lederhosen und Trachtenjanker ...
Aber predigen musste Ingolf Berber, seit er die «tollen Pfarrer» in Christenlehre und Konfirmandenunterricht in seinem Heimatort bei Neuruppin erlebte. «Nie hatte ich wirklich was anderes vor», sagt er.
Nach einem Jahr PR-Arbeit im Greifwalder Umweltamt, einer Weiterbildung zur sozialpädagogischen Fachkraft und anschließender Arbeitslosigkeit kam ihm die «brachiale Idee»: Dort predigen, wo Leute sind, die miteinander reden wollen - in einer Kneipe. Das macht er nun seit vier Jahren, stets an einem Sonntagabend im Monat.
Wenn Ingolf Berber, den alle nur Inge nennen, sich neben dem Stehbiertisch auf dem kleinen Podest aufbaut, wird es augenblicklich still. An diesem Abend ist in der Kellerkneipe kein Stuhl mehr frei, die Leute sitzen sogar auf der Treppe. «Ich bin so aufgeregt, weil so viele gekommen sind. Micha, spiel noch mal was», sagt er. Und der Keyboarder spielt noch was. Berber sortiert sich und sein Manuskript. Er liest aus dem Johannesevangelium von der Hochzeit zu Kana. ... Und dann predigt, nein, dann redet Ingolf Berber darüber, wie wichtig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist. Er spricht von sich, von seiner Unsicherheit, seinen Ängsten und von der Sorge zu scheitern - ein Lebensgefühl, das wohl die meisten im Raum - die Verkäuferin und der Ingenieur, die Studentin und der Informatiker, die Sachbearbeiterin und der Bauarbeiter - nach der Wende gepackt hat. Ihnen macht er Mut: «Jeder ist zu was nütze. Gott produziert keine Nieten, schon gar nicht in Serie.» Alle lachen fröhlich, und eine junge Sängerin stimmt ein heiteres Lied an.
Zunächst wurde Berbers Treiben von der Kirche belächelt. Nur sein Professor für praktische Theologie, der in Greifswald auch einen alternativen Gottesdienst anbietet, bestärkte ihn. Half ihm, die Liturgie kneipentauglich zu straffen auf Psalm, Lesung, Predigt, Gebet, Segen; ermunterte ihn, so zu predigen, wie er im Alltag spricht. Es hat funktioniert; erst hörten ihm 20 Leute zu, dann 30, heute sind es etwa 60.
Und dann kam Raimund Nitzsche zurück nach Greifswald, sein Freund aus Studientagen. Der Pfarrerssohn aus dem Sächsischen war frustriert. Nach vier Jahren Vikariat und Pfarramt, in denen er sich herumgeschlagen hatte mit dem Finanzkram und den Pesonalproblemen der Kirchengemeinde, hat er «begriffen, dass ich nicht zum Management-Pfarrer tauge, wie er heute verlangt wird», sagt er. ...
Die Freunde waren sich schnell einig: Zwei kurze Predigten sind lebendiger, fordern die Zuhörer noch mehr zum Gespräch heraus als eine. Noch dazu, wo die beiden so grundverschieden sind; der «Freibeuter», wie es auf ihrer Homepage heißt, und der Musterschüler. ...
Ungenutzte Gotteshäuser werden zu Cafes, Laufstegen und Galerien umfunktioniert, also kann der umgekehrte Weg, Gottes Wort nach draußen zu verlagern, nicht falsch sein. Zumal in Ostdeutschland nur noch etwa 20 Prozent der Menschen einer Kirche angehören. Vielleicht sehen das die Vertreter der Kirche auch so. Raimund Nitzsche stopft sich eine Pfeife und lächelt leise: «Die ignorieren uns, tun gar nix. Aber sie lachen auch nicht mehr über uns. Ich habe etliche Pastoren eingeladen und davon überzeugt, dass wir keine Freak-Show machen.» Und dass sie keine Konkurrenz sind. Einen solchen Aufwand kann sich die Institution Kirche nämlich gar nicht leisten. Ingolf Berber und Raimund Nitzsche aber nehmen sich, frei von einengenden Strukturen, Zeit für die Sorgen ihrer Mitmenschen, ob für ein verabredetes Gespräch oder bei einer zufälligen Begegnung. Sie basteln mit Hilfe eines Freundes eine muntere Website, auf der ihre Predigten nachzulesen sind. Seit dem Sommer wird dort in einem Forum über Gott und die Welt debattiert. Sie haben einen Männerabend eingeführt und wollen irgendwann einen Bibelkreis anbieten. Sogar zu «Auswärtsspielen», wie Ingolf Berber sagt, sind sie schon in eine Autobahnkirche gebeten worden. Und weil sein brandenburgischer Heimatpfarrer am 24. Dezember in sieben Dörfern die Weihnachtsgeschichte hätte erzählen müssen, «haben wir ihm zwei Gottesdienste abgenommen: Ich habe gepredigt, und Raimund hat Orgel gespielt.»
Sie bekommen keinen Cent für ihre Arbeit. Die Kollekte spenden sie Menschen und Projekten, die es nötig haben. Raimund Nitzsche verdient seinen bescheidenen Unterhalt als Journalist. «Wir haben niemanden zu versorgen, brauchen keinen Luxus, und Zukunftsplanung haben wir uns längst abgewöhnt», sagt der eine. «Aber jetzt leben wir unseren Traumberuf», ergänzt der andere.

Brigitte Biermann
PUBLIK-FORUM, 8 / 2004









Jesus Christus mit uns



FREIE SEELSORGER

Kultus ohne Kirche

Auf den deutschen Friedhöfen ist vieles in Bewegung gekommen. War noch vor einigen Jahren eine Bestattung durch die Kirche die Regel, so nimmt deren Anteil von Jahr zu Jahr weiter ab (in Berlin z. B. noch 35 %). Auch Kirchenmitglieder, die zu Lebzeiten Zehntausende Euro an Kirchensteuer bezahlten, verzichten zunehmend auf den »letzten Dienst« ihrer Kirche und wählen lieber eine Feier mit einem »weltlichen« Redner. Dieser Umstand hatte einen evangelischen Pfarrer aus Bayern so »aufgebracht, gekränkt und wütend« gemacht, dass er an die Seelsorge-Sprechstunde seines Sonntagsblatts schrieb: »Ich bin verletzt, weil uns hier etwas aus den Händen gleitet, was ja uns als Kirche gehört. In manchen meiner Fantasien taucht die Angst auf, ich könnte in ein paar Jahren überhaupt nicht mehr als Seelsorger gefragt sein. Übrigens stehe ich nicht ganz allein. Im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen bin ich vielleicht der Sensibelste, aber die anderen teilen meine Sorgen schon lange.« (4.7.2004) Wir befragten zu diesem Thema Dieter Potzel, früher selbst evangelischer Pfarrer, der Hochzeiten und Bestattungen ohne Kirche anbietet.

Frage: Herr Potzel, könnte es tatsächlich dazu kommen, dass Ihre ehemaligen Kollegen in ein paar Jahren überhaupt nicht mehr als Seelsorger gefragt sind, nicht einmal mehr aus Anlass eines Todes?

Potzel: Das weiß ich nicht. Tatsache ist jedoch, dass sich heute immer mehr Menschen zu Lebzeiten Gedanken über ihren späteren Tod machen, und das ist auch gut so. Dabei taucht auch bei Kirchenmitgliedern häufig die Frage auf: »Ja, will ich denn überhaupt, dass mein Körper so bestattet wird, wie das in meiner Kirche üblich ist? Und möchte ich, dass der Pfarrer dazu eine Predigt hält?« Und die Antwort lautet häufig: »Wenn ich ehrlich bin, nein.« Menschen möchten zunehmend selbst entscheiden, was bei der späteren Bestattung geschieht, und sie wünschen sich dafür einen anderen äußeren Rahmen als die Totenmessen oder konfessionellen Bestattungsgottesdienste, die ihnen fremd sind. So suchen sie lieber nach einer Person ihres Vertrauens, die den Abschied z. B. persönlicher gestalten kann.

Befreiung und Erleichterung

Frage: Ihr ehemaliger Kollege reagiert darauf gekränkt und wütend, weil dieser Bereich nach seiner Ansicht der Kirche »gehört«. Und eine aktuelle Erklärung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aus dem Jahr 2004 geht sogar noch einen Schritt weiter. Darin heißt es im Hinblick auf die Bestattung von Kirchenaussteigern: »Unbestritten ist die Einsicht, dass die Kirche eine bleibende Zuständigkeit behält, auch für die Getauften, die aus der Kirche ausgetreten sind.« Während sich einerseits also schon Kirchenmitglieder nicht mehr kirchlich bestatten lassen, beruft sich die Kirche auf der anderen Seite sogar auf eine angebliche Zuständigkeit für die Bestattung Ausgetretener. Wie lässt sich das erklären?

Potzel: Das hängt damit zusammen, dass die Kirchen bei der Taufe Gott vereinnahmen, indem sie lehren, dass angeblich Gott durch den Priester oder Pfarrer taufe, was aus kirchlicher Sicht niemals rückgängig gemacht werden könne. Und weil die Taufe automatisch die Kirchenmitgliedschaft beinhaltet, begründen die Kirchen damit eine angeblich unkündbare Zuständigkeit für diesen Menschen bis zum Tod. Eine solche Position weisen aber viele Menschen, die ja meist als Säuglinge ohne ihr Zutun kirchlich getauft worden sind, mit Entschiedenheit und mit Recht zurück. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen wissen, glauben oder ahnen, dass der Tod und das Leben danach ganz anders sind, als sie es früher in den Kirchen gelernt hatten. Die Kirche ist für sie bei diesem Thema nicht mehr kompetent. Diese Einsicht ist für sie mit einem Gefühl der inneren Befreiung und mit großer Erleichterung verbunden. Man ist einer Institution und ihren teilweise bedrohlichen Ritualen und Lehren, etwa einer angeblich leidvollen ewigen Trennung zahlloser Menschen von Gott, nicht mehr ausgeliefert. Dies gilt auch beim Sterben und bei der Beerdigung. Mittlerweile vermittelt nahezu jeder Bestatter die Möglichkeit einer nichtkirchlichen Abschiedsfeier, die z. B. atheistisch oder auch sehr religiös sein kann, aber eben dann nicht konfessionell-kirchlich. Mir ist es in diesem Zusammenhang wichtig, dass man gerade ohne Kirche sich von Jesus, dem Christus, begleitet wissen kann, wenn man das möchte.

Er liegt nicht »dort unten«

Frage: Aus diesem Grund bieten Sie ja selbst im ganzen deutschsprachigen Raum Abschiedsfeiern an und seit kurzem auch die Bestattungen selbst. Gehen Sie dabei auf alle Wünsche der Menschen ein oder fühlen Sie sich mehr Ihren Überzeugungen verpflichtet?

Potzel: Erfahrungsgemäß lässt sich immer eine gute Lösung finden. In einem Vorgespräch mit den Angehörigen erfahre ich, was der Verstorbene glaubte und was die Angehörigen glauben, was ja auch ganz verschieden sein kann. Deckt sich das nicht mit meinem eigenen Glauben, kann man vieles auch offener formulieren, so dass möglichst vielen Menschen in ihrer augenblicklichen Situation der Trauer bzw. des Abschieds weitergeholfen wird. Dazu dient ja auch der äußere Rahmen eines Abschieds, den man bei einer Feier ohne Kirche frei wählen kann und für den ich den Angehörigen einen Vorschlag machen kann. Wenn dann gegen Ende z. B. der Sarg in die Erde gelassen wurde, weise ich oft noch einmal darauf hin, dass der liebgewordene Mensch jetzt nicht tot dort unten liegt, sondern dass seine unsterbliche Seele den Körper verlassen hat und ihren Weg in der für uns unsichtbaren Welt fortsetzt. Wenn das allerdings nicht im Sinne des Verstorbenen bzw. der Angehörigen ist, sage ich es nicht. Bei unterschiedlichen Glaubensvorstellungen kann man in der Ansprache z. B. daran erinnern, was der Verstorbene selbst geglaubt hat, wodurch sich niemand vereinnahmt fühlt. Im Gegenteil: Es gehört zum Respekt, den man ihm noch einmal zeigen möchte. Oder man weist auf unterschiedliche Arten der Trauer oder des Trostes hin bzw. verwendet die Frageform, die den Verstorbenen und alle Anwesenden frei lässt.

Zeit zum Abschiednehmen

Frage: Nun kann eine solche Abschiedsfeier ja sehr intensiv sein oder äußerlich aufwändig, z. B. auch durch Musik. Mancher wünscht jedoch überhaupt keine Feier und möchte sich anonym bestatten lassen. Wie gehen Sie damit um?

Potzel: Für jede Form des Abschieds gibt es gute Gründe und Motive, und hier lässt sich meist ohne Probleme der jeweilige Wunsch verwirklichen. Wer z. B. anonym bestattet werden möchte, hat oft dafür gesorgt, dass sich alle Verwandten und Freunde noch einmal auf dem Sterbebett von ihm verabschieden konnten, was sehr wichtig sein kann. Auch muss der Bestatter nicht sofort kommen und den Körper abholen. Die Natur hat es so eingerichtet, dass sich das Leben, d. h. die Seele, meist langsam aus dem Körper zurückzieht. Und auch wenn der Arzt sichere Zeichen des Todes festgestellt hat, ist die Seele oft noch da. Von daher sollte man sich als Angehörige die Zeit lassen, die man braucht. Und später bei einer Feier auf dem Friedhof kann es für sie eine große Hilfe sein, wenn z. B. noch einmal das Lieblingslied des Verstorbenen gehört wird oder wenn man sich bewusst macht, was man von ihm lernen konnte oder wofür man danken kann. In jedem Fall sollte der Abschied von der inneren Haltung her niveauvoll, würdig, ehrfurchtsvoll und herzlich sein. Im Äußeren kann dies dann jeder nach seinen Möglichkeiten ausdrücken bzw. nach dem, was ihm wichtig ist. Hier finde ich es wesentlich, dass Verwandte und Freunde sich ganz frei machen von äußeren Erwartungen und nach ihrem Inneren entscheiden bzw. nach dem, was der Verstorbene sich gewünscht hat.

Frage: Sie deuten damit auch die Kosten an.

Potzel: Auch. Der eine legt Wert auf manches Äußere, weil er damit eine innere Haltung der Wertschätzung zum Ausdruck bringen will. Der andere möchte gerade aus diesem Grund äußere Möglichkeiten eher sparsam einsetzen. Hier lege ich Wert darauf, Angehörige unvoreingenommen zu beraten, dass sie für sich und im Sinne des Verstorbenen das Richtige tun. Wer seine Angehörigen hier entlasten möchte, kann schon zu Lebzeiten vorsorgen und alles Notwendige mit einem Bestatter seines Vertrauens besprechen.

Frage: Kann man auch Sie als Bestatter wählen und dennoch einen Pfarrer oder Priester für die Abschiedsfeier?

Potzel: Selbstverständlich. Dies kann unterschiedliche Gründe haben, und es ist mir ein Anliegen, meinen Teil der Verantwortung im Sinne des Verstorbenen und seiner Angehörigen wahrzunehmen. Das kann entweder bei der Abschiedsfeier sein oder bei all´ den Dienstleistungen, die zu einer Bestattung gehören oder bei beiden Bereichen. Bin ich nur für einen Bereich verantwortlich, kooperiere ich entweder mit dem jeweiligen Bestatter oder mit der jeweiligen Konfession oder Glaubensgemeinschaft, welche für die Feier verantwortlich ist. Wobei ich den Menschen in erster Linie Mut machen möchte, sich von kirchlichen Bindungen zu lösen, wenn diese nicht mehr zu ihnen passen.



Wer mit Herrn Potzel zu diesem Thema unverbindlich Kontakt aufnehmen möchte,
kann dies gerne unter folgender Telefonnummer tun: 09391/ 50 45 54.
Oder Sie schreiben eine E-Mail an info@wuerdige-bestattung.de.


aus «Das Friedensreich»
, Ausgabe Nr. 8/04





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Weitere Adressen,
soweit bekannt und im Internet vertreten, siehe -> Links

(Außer uns:) Andere anthroposophisch-kultisch arbeitende Gruppen:
http://www.hermetika-aorim.de/ mit einer «Freien Eucharistiefeier»

Freie theologische (nicht-anthroposophische) Praxen:
http://www.freie-theologen.de/ : Arbeitsgemeinschaft Freier Theologen
http://www.theologischepraxis.de/intro02.html : theologische Praxis - Peter Anhalt
Siehe weitere Adressen in der Linkliste:
Links

Siehe auch allgemein christlich/kirchlich kritische Gruppen in :
http://www.ikvu.de/






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