Die unsterbliche Gesellschaft
Hartwig Schiller

Die Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft wird sehr unterschiedlich beurteilt.
Dazu gab es im Oktober 2008 Perspektiven und Thesen in einem Schwerpunktheft der Zeitschrift "Anthroposophie im Dialog - Info3". Insbesondere der Vorschlag Ramon Brülls, die Gesellschaft aufzulösen, sorgt für Diskussion.









Hartwig Schiller - der Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland -
antwortet darauf.

«Eine Menschengeneration von 33 Jahren reift einen Gedankenkeim, einen Tatenkeim aus. Ist er dann ausgereift, so wirkt er durch 66 Jahre weiter noch im geschichtlichen Werden. Man erkennt die Intensität eines Impulses, den der Mensch ins geschichtliche Werden hineinlegt, auch in seiner Wirksamkeit durch drei Generationen, durch ein ganzes Jahrhundert hindurch. (GA 180)»
Immer deutlicher wird die Tragweite dieses Hinweises sichtbar, den Rudolf Steiner am 26. Dezember 1917 in Basel zu der Bedeutung des 33-Jahre-Rhythmus für das Verständnis geschichtlicher Ereignisse gegeben hat - auch in Hinsicht auf die Entwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft. So zeigt sich der aufmerksamen Beobachtung seit einigen Jahren ein verstärktes Fragen sowohl nach dem Kern der Gesellschaft als auch nach den Grundlagen der Anthroposophie, ihrer Nachvollziehbarkeit und Aktualität sowie der Kongruenz von Bewegung und Gesellschaft.
Vielfach ist der Ton der Debatte dabei für ältere Mitglieder nicht leicht zu ertragen, da scheinbar an sicheren Grundlagen und bewährten Tugenden gerüttelt wird. Manches tritt als Provokation oder Ketzerei auf, was sich bei eingehender Betrachtung als ein gewissenhaftes Bedürfnis nach schöpferischem, initiativ-verantwortlichen Aufgreifen und Voranbringen der Ursprungsimpulse Rudolf Steiners erweist. Unverständnis und Ablehnung hundertjähriger Lebensformen werden mit einer Abkehr vom anthroposophischen Ursprungsimpuls verwechselt.
Auf der anderen Seite wird Marottenhaftes, Vereinsmäßiges oder Skurriles mit dem Wesen der Anthroposophischen Gesellschaft gleichgesetzt. Das gegenseitige Unverständnis mündet dann in dem jüngst vorgetragenen Vorschlag, die Anthroposophische Gesellschaft im Jahre 2012 aufzulösen. Unverkennbar liegt dieser Äußerung die Kenntnis des Gesetzes der drei mal 33 Jahre zugrunde, sie verliert aber angesichts äußerer Missstände die eigentliche Sache aus dem Blick. Rudolf Steiners Perspektive für den anthroposophischen Impuls, der unter günstigen Voraussetzungen über Jahrhunderte wirkt, wird durch einen solchen Vorschlag jedenfalls nicht getroffen.Zuweilen hat es den Anschein als verstünde mancher, dem die Anthroposophische Gesellschaft ein Anliegen ist, unter Neubeginn ein radikal Neues, das mit einer Abkehr vom bisher Entstandenen verbunden sein müsse und allein das aus dem Eigenen Erwachsende gelten lassen dürfe. Im Geistigen gilt jedoch das Prinzip von Anknüpfung und Sukzession. Das setzt gründliche Werkkenntnis, liebevolle Auseinandersetzung, mündige Selbständigkeit und sachbezogene Kompetenz voraus, - alles im Sinne eines fortwährenden und schöpferischen Neuimpulsierens. Dazu muss man die Grundlagen und Intentionen dieser Gesellschaft kennen. Sonst irrt man sich bezüglich ihrer Identität.
Ein Hinweis aus dem Jahr 1908 besitzt in diesem Zusammenhang besondere Aktualität. Er ist das einzig erhaltene Zeugnis jener Zweiggründungen im deutschsprachigen Raum, die Rudolf Steiner vor gerade einhundert Jahren begleitet hat. In der Ansprache zur Gründung des Zweiges in Bielefeld formuliert er:«Wo Theosophen vereint sind, da wollen sie nicht alle durch gemeinschaftliche Wahrheiten, durch gemeinschaftliche Überzeugungen, durch Dogmen verbunden sein, sondern sie wollen vereint sein in dem, wozu nicht der Verstand, der Intellekt, sondern das Herz, das begreifende und von Weisheit erfüllte Herz, das zugleich das liebende Herz ist, dringen kann. Die Theosophen wollen erfüllt sein von einem gemeinsamen Leben. In ihrer Seele soll, wenn sie vereinigt sind, dieses gemeinsame spirituelle Leben fluten. Und da, wo eine theosophische Loge ist, wo mehr oder weniger theosophische Persönlichkeiten der Gegenwart sich vereinigt haben, da wollen sie einen Mittelpunkt bilden, indem sie diese Kraft der Seele und des Geistes sammeln, diese Kraft, von der dann nach allen Seiten das spirituelle Leben ausströmt.
Ein Mittelpunkt soll jede Versammlung, jeder Zweig in sich sein, und ausströmen soll davon etwas Unsichtbares. Nicht darauf kommt es an, was bei diesen Versammlungen der oder jener sagt, ob er etwas mehr oder weniger gelehrt ist, ob er dieses oder jenes ist, sondern darauf, ob diejenigen, die versammelt sind, von diesem richtigen spirituellen Leben erfüllt sind, das von ihrem Mittelpunkte ausströmt, damit die Menschheit der Gegenwart es immer mehr und mehr begreifen kann. Nicht auf das, was ich hier sage, kommt es an, nicht auf meine Worte, sondern auf jeden Einzelnen von uns, die wir hier versammelt sind. Das, was durch alle unsere Seelen zieht in den Augenblicken, wo wir uns hier vereinigt haben, darauf kommt es an. Zufällig nur spricht der eine, zufällig nur kleidet der eine das, was zu sagen ist, in Worte. Vor den Blicken derer, die die theosophische Bewegung leiten, ist dasjenige, was der eine sagt, nicht wichtiger als dasjenige, was durch die Seelen der anderen zieht. Worauf es ankommt, das ist das spirituelle Leben, das in diesen Momenten in allen Seelen erblühen soll und ausstrahlen soll in die übrige Welt, in die gegenwärtige Kulturmenschheit.» (GA 264, 3. Nov. 1908) Diese Zielsetzung anthroposophischer Gemeinschaftsarbeit bringt etwas in die Welt, das ohne sie nicht vorhanden wäre. Auf diese Realität weist Rudolf Steiner im Herbst 1915 angesichts einer schweren Gesellschaftskrise hin. Er geht dabei selber von der Frage aus, ob man die Anthroposophische Gesellschaft nicht auflösen könne, um sich von bestimmten Missständen zu befreien. Dabei kommt er zu einem Ergebnis, das genauso auch heute Gültigkeit besitzt, allerdings abhängig davon ist, ob die dargestellten Bedingungen jeweils aktuell, neu und schöpferisch erfüllt werden: «Nehmen Sie einmal an, bestimmte Vorgänge, wie sie ja in der letzten Zeit an unsere Seelen herangetreten sind, könnten uns in irgendeiner Weise den Gedanken nahe legen, die Anthroposophische Gesellschaft als solche aufzulösen. Nehmen wir als Hypothese an, man wolle, weil sich Mißstände in der Gesellschaft ergeben haben, die Gesellschaft auflösen. Nun, wenn die Anthroposophische Gesellschaft ein Verein wie viele Vereine wäre, so könnte man sie selbstverständlich ohne weiteres auflösen und irgend etwas anderes an die Stelle setzen, worin diese Missstände abgeschafft wären. Aber in etwas Gewichtigem unterscheidet sich eben unsere Anthroposophische Gesellschaft von anderen Vereinen oder Gesellschaften, die sehr häufig gegründet werden auf Grundlage eines Programms mit soundso vielen Programm- und Statutenpunkten. Eine solche Gesellschaft kann man in jedem Augenblick auflösen.

Aber, meine lieben Freunde, wenn wir die Anthroposophische Gesellschaft auflösen würden, so wäre sie gar nicht aufgelöst. Wir haben gar nicht so wie andere Gesellschaften und Vereine die Möglichkeit, die Anthroposophische Gesellschaft so ohne weiteres aufzulösen. Denn wir unterscheiden uns als Anthroposophische Gesellschaft, die eine Gesellschaft für eine geisteswissenschaftliche Bewegung ist, von anderen Gesellschaften gerade dadurch, dass wir nicht auf Programmpunkte, das heißt nicht auf Irreales, bloß Gedachtes, sondern uns auf Reales begründen, auf einer wirklichen Basis stehen.» (GA 253, 10. September 1915)
Es ist dieses Reale, auf der von Menschen gelebte Anthroposophie als Basis steht und gründet. Es ist ihr spirituelles Bauprinzip, das als ätherisches Geschehen sich durch die Herzen der Mitglieder verwirklicht. Im Werk Rudolf Steiners zeigt sich diese Qualität als roter Faden. So die Bemerkung aus dem Jugendkurs: «Was der Mensch im Kopfe trägt, verliert er unterwegs. Aber was er in das Herz aufnimmt, bewahrt das Herz in alle Wirkungskreise hinein, in die der Mensch versetzt werden wird.» (GA 217,15. Oktober 1922)
Oder die Worte aus der Gründungsversammlung der holländischen Landesgesellschaft: «Wenn wir in der Lage sind, anthroposophische Erkenntnis nicht bloß lesend oder anhörend aufzunehmen, sondern wenn wir durch lebendige anthroposophische Betrachtung immer mehr und mehr dahin kommen, den Inhalt der Anthroposophie mit unserem Herzen, unserem Gemüt zu erleben, dann wird es uns wirklich so, als ob nicht bloß der Sinn von Ideen eindringe in unsere Seelen, wenn wir in den anthroposophischen Zweigen beisammen sind und mit anderen Menschen Anthroposophie treiben oder wenn wir im einsamen Kämmerchen bleiben; sondern dann wird es uns so, als ob lebendige Weltenwesen in unsere Seelen einzögen. Dann erscheint uns immer mehr und mehr die Anthroposophie selber als etwas lebendig Wesenhaftes. Und wir werden dann schon gewahr, wie etwas an die Pforte unseres Herzens klopft mit der Anthroposophie und sagt: Laß mich ein, denn ich bin Du selbst; ich bin deine wahre Menschenwesenheit! » (GA 259,18. November 1923)
Schließlich die Worte aus dem Michaelbrief über den Anbruch des Michaelzeitalters: «Die Herzen beginnen, Gedanken zu haben; die Begeisterung entströmt nicht mehr bloß mystischem Dunkel, sondern gedankengetragener Seelenklarheit.» (GA 26, August 1924)Immer wird auf dieses Element der gemütsgetragenen Arbeit hingewiesen. Das Herz ist die ätherische Pforte, welche sowohl den liebevollen Blick zur Verwandlung der Erde öffnet als auch den Blick zur Wesensschau im geistigen Bereich. Die Anthroposophische Gesellschaft will Basis, Werkzeug und Vollzug einer solchen Bewegung sein. Das war sie in derVergangenheit zu großen Teilen, ist es in der Gegenwart und wird es bei hinreichender Anstrengung auch in der Zukunft sein können.



aus «Mitteilungen Anthroposophie weltweit», 10/2008













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