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Aus aktuellem Anlass noch folgende Meldung :
Sargnagel Kapitalismus
Die Gier der Märkte = nichts gelernt,
rausholen was geht, nach mir die Sintflut





Den Feind zu bekämpfen macht nötig ihn zu erkennen.

Folgend soll keine Weltuntergangsstimmung gefördert werden,
aber, machen wir unsere Augen nicht viel zu oft zu:
"wir können ja doch nichts - oder nur viel zu wenig - tun..." ?
Michael kämpft
mit dem Drachen
Also: Augen auf und dem Feind ins Auge geschaut:
erkannt ist er schon wesentlich machtloser, halten wir die Waffe ihn zu besiegen in der Hand!



Aus den alltäglichen Nachrichten erfahren Sie ja was in der Welt vorgeht ...
allerdings werden die Informationen immer mehr gefiltert, werden unsere Meinungen manipuliert, konstruktive Vorschläge sind immer seltener, die Ratlosigkeit und der Rückgriff auf "alte Rezepte" immer häufiger und uns dadurch ein echtes, objektives Urteil immer weniger möglich ...
Es gibt aber noch einige kritische Medien, die ich Ihnen deshalb empfehle :


Hierzu darf ich die Zeitschrift
p u b l i k - f o r u m
http://www.publik-forum.de
nennen !
Schauen Sie mal nach, bestellen Sie einmal Probeexemplare, es lohnt sich!

Die undogmatische, anthroposophische Scene findet sich in der Zeitschrift
I n f o 3
http://www.info3.de


Weitere Infos erhalten Sie
über die Friedensbewegung
bei der DFG-VK
(Deutsche Friedens-Gesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen) :
http://www.dfg-vk.de/
über die ökologische Bewegung
bei Greenpeace :
http://www.greenpeace.de
über Initiativen der Kirche von unten :
http://www.ikvu.de/
zur Globalisierung - attac :
http://www.attac.de/index.php
oder bei
Norbert's Bookmarks für engagierte Leute :
http://www.dfg-vk.de/links/bookmark.htm


Siehe weitere Infos speziell zu Kultus-Fragen!




Aus der Vielfalt der Nachrichten
seien hier nur einige exemplarisch heraus gezogen !! :


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K o m m e n t a r e :
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Inhalt - hier klicken :

- Prognose...
UNGERECHTIGKEIT
- Sargnagel Kapitalismus
- Mammon - DIE Religion heute
- Kapitalismus zerstört die Demokratie
- Es reicht!
- Schieflage...
- Entwicklungshilfe ?
- Unkompetentes Handeln
RELIGION und TERROR
- Kritik am Islam verboten
- Islam - Hat der Papst Recht?
- Ernesto Cardenal : Zweierlei Maß
- DREWERMANN ZUM IRAK
- DIE LÜGNER
- Ursachen des Terrors
- Es ist Krieg im Heiligen Land
- Strategie des Terrors
- Kinder als Bomben
KLIMA
- Warnung vor Klimawandel
- alles noch viel schlimmer und schneller !?
- Teuflische Verkettung
- Das Ende: Bio-Waffen
- Stromausfall - der ganz banale Weltuntergang
NEUE WEGE
- Nichts Neues
- Lösungen ?

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Prognose...



Warum unser Planet auf totales Chaos zusteuert

Hungerrevolten in der Dritten Welt, Aufstand gegen teures Benzin in Europa: Alles noch gar nichts im Vergleich zu dem, was noch kommen wird, meint der Wissenschaftler Dennis Meadows. Der Mitautor des Buchs "Grenzen des Wachstums" fürchtete schon 1972 um unseren Planeten.

WELT ONLINE sprach mit dem Apokalyptiker.
Wer Dennis Meadows in seinem Haus in Durham, US-Bundesstaat New Hampshire, besucht, wird von einem freundlichen Gastgeber auf einem idyllischen Anwesen empfangen - und bekommt bald darauf Angst. Denn Meadows malt die Zukunft der Welt in düsteren Farben. Der Wissenschaftler sorgte 1972 als Autor des Buches "Grenzen des Wachstums" für Furore. Hauptthese: Die wachsende Weltbevölkerung und der damit einhergehende Ressourcenverbrauch sorgen um das Jahr 2100 herum für einen globalen Kollaps.
Umweltzerstörung, Kampf um Nahrung und Rohstoffe wie Erdöl führen zu weltweitem Chaos. Nur ein radikales Umsteuern könne dies verhindern. Die Thesen von Meadows und seinen Mitautoren wurden heftig angegriffen und galten spätestens in den 90er-Jahren als überholt. Doch nun, angesichts von Nahrungsmittelknappheit und teurem Öl, finden die wenig hoffnungsvollen Visionen wieder Gehör. Meadows selbst sagt, seit den 70er-Jahren ist die Wahrscheinlichkeit für einen Kollaps deutlich gestiegen. Den Club of Rome hat der Wissenschaftler kürzlich verlassen.

WELT ONLINE: Professor Meadows, 1972 haben Sie vorhergesagt, dass wegen Bevölkerungswachstum, Umweltbelastung und Energieverschwendung spätestens 2100 ein Zusammenbruch der Zivilisation bevorsteht. Bleiben Sie dabei?

Dennis Meadows: Was wir damals veröffentlicht haben, waren mögliche Szenarien für die Zukunft - die meisten endeten aber ohne einen Kollaps in einem nachhaltigen Gleichgewicht, vorausgesetzt, wir beschränken das Wachstum. Doch seitdem hat die Wahrscheinlichkeit abgenommen, ein Gleichgewicht zu erreichen. Die Inanspruchnahme des Planeten etwa durch Ölverbrauch und Bevölkerungswachstum ist über ein nachhaltiges Niveau geklettert. Ein Kollaps ist heute wahrscheinlicher als damals und wird wohl noch früher geschehen.

WELT ONLINE: Bestätigen steigende Ölpreise, teurere Nahrungsmittel und erste Anzeichen für die Auswirkungen des Klimawandels Ihre Prognose?

Meadows: Seit einem Jahr bekomme ich deutlich mehr Anfragen, Gastvorträge zu halten und Artikel zu schreiben. Und Leute sagen: Hm, vielleicht hatte er schon damals recht. Aber die von Ihnen beschriebenen Ereignisse sind alles noch gar nichts im Vergleich zu dem, was noch kommen wird.

WELT ONLINE: Tote bei Benzinpreis-Protesten in Spanien und Unruhen in mehr als zwei Dutzend Ländern wegen teurem Reis und Brot. Wie schlimm wird es denn noch?

Meadows: Solche Ereignisse verhalten sich wie der Wetterbericht zur Klimaprognose. Heute ist es zum Beispiel heiß, aber das beweist nicht den Klimawandel. Das gilt für die Truckerstreiks auch: Das Ereignis allein beweist nicht die langfristige Entwicklung, aber so etwas erwartet man vor einem Kollaps.

WELT ONLINE: Klingt nicht ermutigend.

Meadows: Ich weiß von meinen Studenten, dass ich nicht so reden darf. Ihnen hilft es nur, wenn ich Wissen und Optimismus weitergebe und zu konstruktivem Wandel anrege. Daher bemühe ich mich, nicht allzu katastrophal zu klingen. Aber die meisten Menschen haben halt einfach ein Zukunftsbild, das in nichts begründet ist.

WELT ONLINE: Wie sieht denn Ihr Szenario aus?

Meadows: Ich erwarte wie etwa auch die deutsche "Energy Watch Group", dass in den nächsten Jahrzehnten die Ölproduktion rasch fallen wird. Das wird so plötzlich geschehen, dass wir keine Chance haben werden, schnell genug alternative Energiequellen zu finden und die Energieeffizienz zu steigern, um gegenwärtige Lebensstandards aufrechtzuerhalten. Das muss nicht in einer Katastrophe enden, aber es wird sich vieles ändern.

WELT ONLINE: Was denn?

Meadows: In den kommenden 25 Jahren werden die Industrienationen wie USA und Deutschland mehr Wandel sehen, als es im gesamten vergangenen Jahrhundert der Fall war - politisch, wirtschaftlich und auch ökologisch. Meine Modelle zeigen Spannungen wie in einer Erdbebenzone: Man weiß nicht genau, wann etwas passiert. Aber es ist ganz klar, dass es ein Beben mit schlimmen Folgen geben wird.

WELT ONLINE: Ist ein plötzlicher Schock realistisch? Globale Prozesse ziehen sich doch über viele Jahrzehnte hin.

Meadows: Es gibt jede Menge Potenzial für plötzliche Wendepunkte, etwa beim Klima. Ein anderer Auslöser könnte sein, dass weltweiter Nahrungsmangel zu intensiverer Landnutzung führt, was die Böden weniger fruchtbarer macht, was zu noch intensiverer Landnutzung führt und das wird dann zu einer Abwärtsspirale. Das Tückische daran ist: Lange Zeit sieht es so aus, als würde nichts passieren, und dann gibt es auf einmal einen plötzlichen Wandel.

WELT ONLINE: Aber es werden doch überall Ziele zum Klimaschutz und Energiesparen verabschiedet.

Meadows: Die meisten Politiker glauben, dass wir Probleme haben, die wir lösen können, und dabei gleichzeitig den Lebensstil der westlichen Welt aufrechterhalten. Das ist reines Wunschdenken.

WELT ONLINE: Ist die Lage wirklich aussichtslos?

Meadows: Der Globus kann einfach nicht 6,5 Milliarden Menschen so versorgen, dass der gegenwärtige Lebensstandard langfristig gehalten wird. Entweder der Standard sinkt oder es wird einige Hundert Millionen reiche Menschen und sehr viele arme Menschen geben. Wie viele Menschen Platz haben werden, hängt ganz vom angestrebten durchschnittlichen Lebensstandard und der gewährten persönlichen Freiheit ab.

WELT ONLINE: Also wollen Sie der Menschheit vorschreiben, weniger zu konsumieren, um Leben zu retten?

Meadows: Ich muss gar nichts verbieten. Es wird einfach zwangsläufig so sein, dass der Konsum fallen wird. Etwas, was nicht mehr da ist - wie etwa billiges Öl - kann man nicht verbrauchen. Wir müssen uns daher bemühen, dass die Anpassung zu geringerem Konsum geordnet und nicht chaotisch verlaufen wird. Ihre Kinder werden Sie fragen: Papa, wieso habt Ihr damals gedacht, Ihr dürftet das ganze Öl verbrauchen?

WELT ONLINE: Die Einsicht, weniger zu verbrauchen, könnte also zu spät kommen?

Meadows: Wenn Sie auf ein Stoppschild zufahren, können sie weit vorher Tempo rausnehmen oder kurz zuvor voll in die Eisen steigen. Wir fahren mit vollem Tempo auf die Kreuzung zu.

WELT ONLINE: Aber wir wissen ja gar nicht, ob und wo wir anhalten müssen.

Meadows: Stimmt, wir stecken mitten im Nebel. Und da ist es doch wohl sinnvoll, langsamer zu fahren. Denn vielleicht taucht ja ein Stoppschild auf. Doch wir werden nicht langsamer. Wachstum wird als Lösung für alle Probleme gesehen.

WELT ONLINE: Kann die Menschheit wirklich ihre Gewohnheiten ändern? Jeder hat doch Verlangen nach mehr. Wir wollen alle ein besseres Leben für uns und die eigene Kinder ermöglichen.

Meadows: Was Menschen wirklich wollen, ist doch nicht, reich zu sein und möglichst viel zu haben. Sie brauchen genug zu essen und trinken, wollen eine Familie haben, nette Freunde, nachts gut schlafen und gesund sein.

WELT ONLINE: Aber um gesund zu sein, brauche ich die beste Krankenversicherung. Und die wird immer teurer. Also muss ich nach mehr streben.

Meadows: Das stimmt, aber in diesen Kreislauf haben wir uns selber gebracht. Um manche Bedürfnisse zu decken, brauchen wir viel Geld. Wir müssen aber zu einer Gesellschaft, die im Gleichgewicht mit der Natur ist und nicht ständig den Energieverbrauch steigert und nur auf Wirtschaftswachstum aus ist. Ansonsten werden die Reichen und Mächtigen ihren Lebensstandard bewahren und die Armen auf der Strecke bleiben. Und der Markt wird dafür nicht immer die richtigen Signale senden.

WELT ONLINE: Sie sehen also ein anderes System als Ausweg - mit kulturellem Wandel und politischem Wandel -, wissen aber nicht, wie es aussehen sollte?

Meadows: Niemand weiß, was für eine Zukunft wir benötigen. Aber wenn zwei Milliarden Menschen mit einem Dollar am Tag auskommen müssen und Kinder hungern, dann funktioniert das gegenwärtige Konstrukt einfach nicht.

WELT ONLINE: Wenn Rohstoffe und Nahrungsmittel so knapp werden, wie Sie sagen, dann müsste es schon bald zu Verteilungskriegen kommen?

Meadows: Der Irak-Krieg ist ja bereits im Prinzip ein Rohstoffkrieg, ein Kampf um Öl. Und solche Konflikte hat es schon immer in der Geschichte gegeben und wird es auch in der Zukunft geben. Aber das wird nicht der wichtigste Mechanismus für die Verteilung von Rohstoffen sein, weil Kriege ineffizient sind und nicht unbedingt schnell zum Ziel führen. Aber Konflikte zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen wird es sicherlich geben.

WELT ONLINE: Ihre Kritiker werfen Ihnen Schwarzmalerei vor. Im Gegensatz zu Ihnen argumentieren sie, dass sich die Probleme vor allem durch technischen Fortschritt lösen lassen.

Meadows: Die meisten Menschen denken tatsächlich, dass es Lösungen geben wird, die uns besser dastehen lassen werden als jetzt. Und das glaube ich eben nicht. Es gibt natürlich immer einen Anpassungsmechanismus. Für Nahrungsmittelknappheit können das aber einfach auch Hungertote sein, so wie wir es heute bereits sehen.

WELT ONLINE: Kann der Club of Rome einen Ausweg finden?

Meadows: Die Organisation ist mittlerweile außerstande, mit diesen Fragen fertig zu werden. Ich bin daher gerade nach 37 Jahren aus dem Club of Rome ausgetreten.

WELT ONLINE: Warum?

Meadows: Das will ich hier lieber nicht ausführen.

WELT ONLINE: Aber Sie setzen Ihre Arbeit fort?

Meadows: Natürlich werde ich das. Ich bin gerade mit dem Aufbau eines neuen Zentrums beschäftigt, das seinen Sitz voraussichtlich in Wien haben wird. Es soll sich auf die Lösung von lokalen und regionalen Energie- und Klimaproblemen konzentrieren.

Und es wird von der Annahme geleitet werden, dass wir nicht mehr viel Zeit haben. Denn wir müssen mittlerweile nicht mehr nur unsere Enkel retten, sondern auch uns selbst.


AOL, 22.6.2008




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U N G E R E C H T I G K E I T





Sargnagel Kapitalismus



Gier an den Märkten

Casino-Kapitalismus feiert Comeback

SPIEGEL-ONLINE - Von Anne Seith, Frankfurt am Main


Die Gier ist zurück: An der Wall Street werden Rekordvergütungen ausgezahlt, in Europa klagen Investmentbanker zu Dutzenden ihre Boni für das Katastrophenjahr 2008 ein. In den Geldinstituten werden den Kunden hemmungslos Zertifikate aufgeschwatzt - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben.
Die dunklen Zeiten sind vergessen, bei den Investmentbankern ist wieder Partystimmung angesagt. Vor allem dank ihrer blühenden Geschäfte mit Währungen, Rohstoffen, Anleihen kann so manche Bank schon wieder satte Gewinne verbuchen. Goldman Sachs etwa brachte es auf 3,2 Milliarden Dollar Gewinn in nur drei Monaten. Rivale JP Morgan Chase machte sogar 3,6 Milliarden Dollar im abgelaufenen Quartal. Auch der Deutschen Bank prognostizieren Experten eine rosige Bilanz für die Monate Juni bis September.
Damit dürfen die kurzzeitig in Misskredit geratenen Investmentbanker am Ende des Jahres wieder mit satten Boni rechnen. Man müsse ja "fair sein" zu den Jungs, findet Goldman-Finanzchef David Viniar. "Sie haben einen guten Job gemacht." Das "Wall Street Journal" rechnet deshalb mit einem neuen Rekordjahr für die Branche. Auf bis zu 140 Milliarden Dollar Gehalt und Sonderzahlung dürfen sich die Mitarbeiter der 23 wichtigsten US-Finanzinstitute Berechnungen der Zeitung zufolge freuen. Das wären zehn Milliarden Dollar mehr als 2007. Den absoluten Rekord stellte damals Goldman-Chef Lloyd Blankfein selbst auf - er sackte unglaubliche 67 Millionen Dollar ein.
Die Bemühungen der Politik, die Gier in der Branche zu zügeln, wirken angesichts solcher Zahlen reichlich verzweifelt. Zwar sind die Extrazahlungen in vielen Banken der Welt inzwischen stärker vom Erfolg des Unternehmens abhängig als früher. An den absurden Summen, die in der Branche gezahlt werden, ändert das freilich nichts. Auch in Europa lässt man sich nicht lumpen. "Banking ist ein Peoples Business", sagt Deutsche-Bank-Chef Ackermann kühl im SPIEGEL-Interview: "Wenn Sie zu den Besten gehören wollen, müssen Sie die Besten haben. Und dafür müssen Sie bezahlen, was der Markt verlangt."
Das Casino ist offensichtlich wieder eröffnet. Während die Welt nach den Beben auf den Finanzmärkten noch mit den Aufräumarbeiten beschäftigt ist, widmen sich die Protagonisten der Finanzwelt schon wieder ihren gefährlichen Geschäften.
Ohne das eigene Handeln zu hinterfragen.
Einsicht, dass für den Zusammenbruch eines Systems viele Einzelne ihre Beiträge leisten? Fehlanzeige. Die Elite der Finanzwelt schiebt die Verantwortung von sich. Von persönlichen Fehlern wollen die Wenigsten sprechen. Wenn jemand Schuld trägt, dann immer die anderen.

Schuld sind immer die anderen
Geschätzte 15 Billionen Dollar hat die Finanzkrise die Welt an Wohlstand Schätzungen zufolge gekostet. Ganze Staaten standen kurz vor der Pleite. Regierungen haben Hunderte Milliarden in die Wirtschaft gepumpt, um das Schlimmste zu verhindern. Die Finanzströme in die Entwicklungsländer sind so gut wie versiegt, die Industrienationen kämpfen gegen Insolvenzwellen und Massenarbeitslosigkeit.
Natürlich demonstrieren auch Bankmanager mit schöner Regelmäßigkeit Nachdenklichkeit, erklären mehr oder minder offen, dass Gier, völlige Verantwortungslosigkeit und eine unfassbare Zockerei mit schwindelerregenden Summen an den globalen Finanzmärkten zu der Katastrophe führten. Doch von der eigenen Habsucht redet niemand.
Goldman-Sachs-Chef Blankfein etwa spricht im SPIEGEL-Interview die Führungsriege seines Geldinstituts mit wenigen Worten frei vom Verdacht, sich persönlich bereichern zu wollen. "Nach ihrem Ausscheiden wechseln viele zu wohltätigen Organisationen oder auch in politische Ämter mit wesentlich geringeren finanziellen Anreizen. Diese Eigenschaften verbinde ich nicht mit dem Wort 'Gier'", lautet die überraschende Begründung.
Und nicht nur in den Führungsetagen waschen die Manager ihre Hände in Unschuld. Auch ein paar Hierarchiestufen weiter unten sind viele Banker von der eigenen Lauterkeit überzeugt. "Fakt ist doch", sagt etwa ein ehemaliger Lehman-Mitarbeiter, der eine leitende Funktion innehatte, "acht Leute haben eine Einrichtung ruiniert, in der mehr als 20.000 Mitarbeiter gute Arbeit gemacht und Geld verdient haben".

Investmentbanker klagen zu Dutzenden Boni ein
Auch viele ehemalige Investmentbanker der Dresdner Bank scheinen der festen Überzeugung zu sein, einfach immer nur ihren Job gemacht zu haben. Jens-Peter Neumann, der frühere Leiter des Kapitalmarktgeschäftes etwa, hat sich am Donnerstag vom neuen Bank-Eigner Commerzbank eine Abfindung von 1,5 Millionen Euro erklagt. Dabei hat er für 2008 schon einen Bonus von drei Millionen Euro eingestrichen - während sein Geschäftsbereich 5,7 Milliarden Euro Verlust produzierte. Insgesamt belief sich das Minus bei der Dresdner-Investmentbanktochter Kleinwort auf mehr als 6,2 Milliarden Euro.
Die haarsträubende Bilanz hält aber auch zahlreiche ehemalige Kollegen Neumanns nicht davon ab, noch Geld zu fordern von der Commerzbank. Und damit indirekt auch vom Steuerzahler, denn immerhin gehört die Bank mittlerweile zu einem Viertel dem Staat. Zu Dutzenden ziehen die ehemaligen Kleinwort-Mitarbeiter dennoch vor Gericht. Ausgelöst hat die aktuelle Klagewelle ein Urteil aus London. Der High Court sprach im Sommer vier Ex-Kleinwort-Managern Garantieprämien von zehn Millionen Euro zu.

Auch die Politik hat versagt
In den Finanzhäusern der Welt ist man derweil längst wieder zum Alltag zurückgekehrt. Die Geldinstitute, die das Desaster weitgehend unbeschadet überlebt haben, machen sogar ziemlich gute Gewinne mit der Krise. Sie profitieren vom Geschäft mit Staats- und Unternehmensanleihen und von dem Niedrigzinsgeld, mit dem die Notenbanken die Märkte überschwemmen. Weitergegeben an die Kunden werden die günstigen Bedingungen freilich kaum.
Auch in den Bankfilialen ist man schnell zu alten Sitten zurückgekehrt. In Deutschland etwa klagen Berater und Verbraucherschützer über den nach wie vor hohen Verkaufsdruck, unter dem die Kundenbetreuer stehen. Schon werden ahnungslosen Anlegern wieder eifrig Zertifikate angedreht, also Wetten auf alle möglichen Preis- und Marktentwicklungen, die selbst Fachleute oft nur mit Mühe verstehen. In nur drei Monaten stieg das Marktvolumen der Zockerpapiere von 80 Milliarden auf 89 Milliarden Euro.
Die neuen Regeln der Politik versucht die Branche auf allen Ebenen zu umgehen so gut es geht. Ein globales Schuldenregister für die Finanzwelt wurde genauso vehement bekämpft wie allzu harte Beratungsregeln für deutsche Kunden. So machte es die Bundesregierung zwar für die Banken zur Pflicht, Anlegern nach einem Gespräch mit dem Kundenbetreuer ein Beratungsprotokoll auszuhändigen. Auf gemeinsame Standards, wie die Dokumente auszusehen haben, wollten sich die Geldinstitute der "Financial Times Deutschland" zufolge aber zunächst nicht einigen.
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat schon im August gewarnt, es drohe die Rückkehr zum "Casino-Kapitalismus". Mancher Manager habe einfach "den Knall nicht gehört", erklärte der SPD-Politiker.
Aber auch die Politik hat versäumt, im richtigen Moment hart durchzugreifen - als der Schreck allen Beteiligten noch in den Knochen saß. Die Bemühungen zur Regulierung der Finanzmärkte vor allem auf globaler Ebene sind seitdem ins Stocken geraten, viele Initiativen drohen zu versanden.
Der "zentrale Orientierungspunkt" einer Bank sei der Gewinn, sagt Josef Ackermann. Aus seiner Sicht ist das verständlich, denn Ackermann ist Geschäftsmann. Die Politik hat es verpasst, ihm und seinen Kollegen genügend Grenzen zu setzen.
Zyniker sagen: Dafür war die Finanzkrise einfach noch nicht schlimm genug.




URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,655185,00.html
FORUM: Finanzkrise schon vergessen?
http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=7821&goto=newpost
ZUM THEMA AUF SPIEGEL ONLINE:
Gerichtsurteil in Frankfurt: Ex-Banker erstreitet Millionenabfindung (15.10.2009)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,655327,00.html
Gier an der Wall Street: Börse bestraft Goldman für Spitzenergebnis (15.10.2009)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,655366,00.html
Wall Street: JP Morgan überrascht mit hohem Milliardengewinn (14.10.2009)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,655120,00.html
Schlechte Bankberatung: Teufelszeug für Ahnungslose (11.09.2009)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,647857,00.html
Finanzkrise: "Es hat alles einen Preis" (05.10.2009)
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,653050,00.html
SPIEGEL-Gespräch: "Wir stehen im Scheinwerferlicht" (21.09.2009)
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,650827,00.html

© SPIEGEL ONLINE 2009, 15.10.2009





Mammon - DIE Religion heute



WIRD DIE USA UNTERGEHEN ! ?

Sorglosigkeit, Verschwendung, Gier
- das Modell des US-Kapitalismus ist in der Finanzkrise mit einem großen Knall implodiert.
Nur hat die Bush-Regierung das nicht gemerkt:
Sie will das Feuer nicht mit Wasser, sondern mit Brennstoff löschen
und belohnt die Zocker der Wall Street für ihr Versagen !

Größer und mächtiger als die Kirchen seien die Banken, klagte der deutsche Soziologe Georg Simmel schon vor über 100 Jahren. Sein Stoßseufzer hallt bis in diese Tage: Das Geld sei der neue Gott unserer Zeit. Wenn Simmel Recht hat, wofür einiges spricht, dann müssen wir seine Aussage heute verfeinern: Nicht alle Menschen beten zum gleichen Gott. Es gibt innerhalb der Geldgläubigen mindestens drei Glaubensrichtungen.
Da sind zunächst die Puritaner, die ihr Geld geduldig in die neuen Gotteshäuser tragen, in der Hoffnung, es möge sich vermehren. Der durchschnittliche Chinese parkt 40 Prozent seines Einkommens bei der Bank. Ein Lob der Disziplin! Daneben gibt es die Pragmatiker. Sie sparen und leihen, aber in dieser Reihenfolge. Ihr Wagemut befindet sich in Sichtweite des Ersparten. Diese Glaubensrichtung ist vor allem im Germanischen weit verbreitet. Ihr Schrein ist die Sparkasse.
Und dann ist da noch die Religionsgemeinschaft der Enthemmten, die sich vor allem in Amerika großer Beliebtheit erfreut. Diese Menschen bekennen sich zu vorsätzlicher Sorglosigkeit, lustvoller Verschwendung und allgegenwärtiger Gier.
"American way of life" nennen sie das.
Ihre Mitglieder leben im Hier und Jetzt – und fragen nicht nach dem Morgen. Der eine leiht dem anderen Geld, das er selbst nicht besitzt. Das hat er sich bei einem Dritten besorgt, der versprach, es vom Vierten zu holen. Und so weiter.

Spurensuche beginnt in Southampton
Diese Religionsgemeinschaft ist die gläubigste von allen. Vor einiger Zeit schon war man dazu übergegangen, erhofftes Geld wie tatsächliches Geld zu behandeln, den Wunsch also mit der Wirklichkeit gleichzustellen. Das war die Enthemmung der Enthemmten.
Da es bekanntlich mehr Wünsche als Dollarscheine gibt, war eine gewisse Unterdeckung über kurz oder lang nicht zu vermeiden. Ein Kapitalismus ohne Kapital, das war der kühne Kern der Innovation, konnte nicht funktionieren. Die diesseitige Erlösung findet nicht statt - zumindest darin scheinen sich der alte Gott, der mit dem Kreuz im Rücken, und der neue Gott, der mit dem Dollarzeichen im Auge, einig zu sein.
Also kam, was kommen musste: der große Knall. Immerhin drei von fünf US-Investmentbanken verloren ihre Selbständigkeit, die anderen zappeln noch. Zwei Immobilienbanken und ein Versicherungskonzern stehen unter staatlicher Verwaltung. Das Weltfinanzsystem hat gewackelt, was auch die Mitglieder der anderen Glaubensrichtungen mächtig erschreckte.
Es gibt zwar drei Religionen, aber nur einen Himmel. Wenn der einstürzt, sind wir alle tot.
Eine Spurensuche nach den Verantwortlichen müsste wahrscheinlich in Southampton beginnen, einem Badeort des Geldadels. Auf der Halbinsel Long Island vor den Toren New Yorks bekommt man eine Vorstellung, wie schön Gier aussehen kann.
Hier wurden Optionsscheine hundertfach in Märchenschlösser verwandelt, im Hintergrund rauscht das Meer. Durch ein Steuerschlupfloch haben die Geldgurus ihre Prämiengelder vergleichsweise ungeschmälert aus der Stadt geschafft. Für die Bezahlung in Aktien und Optionsscheinen muss in Amerika weniger als der halbe Spitzensteuersatz gezahlt werden, weshalb viele Banker einen geringeren Steuersatz entrichten als ihre Sekretärin.

Aus Minus wurde Plus
Die Herrschaften sind derzeit nicht zu Hause, also muss man für die weiteren Ermittlungen mit der Bahn nach New York fahren. Im Hochhaus der Lehmann Brothers, wo man gerade mit der Abwicklung der eigenen Geschichte beschäftigt ist, weiß man mehr über den Tathergang. Man verlieh Milliarden Dollar an Menschen, die nicht kreditwürdig waren, für Wohnungen und Häuser, die nicht wertvoll waren. "Nina" hieß das Geschäft im fröhlich-zynischen Jargon der Banker: No income, no asset - kein Einkommen, kein Vermögen.
Die Welt der Geldverleiher war dennoch in Ordnung. Die wundersame Geldvermehrung hat die Hauspreise vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2006 um über 70 Prozent steigen lassen. So war es gelungen, durch die Vermehrung von Risiken Gewinne zu erzeugen. Aus Minus wurde Plus, zumindest in den Bilanzen.
In besseren Zeiten hätte man gesagt, die Banker waren geschäftstüchtig. Heute heißt es, sie waren verantwortungslos. Karl Marx wusste, noch bevor das Wort Investmentbanking erfunden war, wie beides zusammenhängt: "Das Kapital hat einen Horror vor der Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital wach, zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; 100 Prozent, es stampft alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens."

Paulson vertraut auf den Staat, den Steuerzahler und Bush
Von New York nach Washington: In der Pennsylvania Avenue residiert Finanzminister Henry Paulson, dessen Ministerium so wichtig ist, dass eine Gartentür sein Parkgrundstück mit dem des Weißen Hauses verbindet. Paulson ließ die Banken gewähren und will nun auch deren Schaden übernehmen. Er funktioniert als eine Art Rückversicherung für die Hochfinanz. Er arbeitet daran, nicht die Gier, aber den Galgen zu beseitigen.
Paulson war früher selbst Wall-Street-Banker. Er ist ein Mann mit guten Manieren und festen Grundüberzeugungen. Er vertraut in normalen Zeiten auf den Markt, den lieben Gott und auf George W. Bush. In Zeiten wie diesen vertraut er lieber auf den Staat, den Steuerzahler und auf Bush.
Er will ja nicht, wie vielfach berichtet wird, Geld aus der Steuerkasse entnehmen. Er will im Namen der Steuerkasse neue Milliardenkredite aufnehmen. "Ich hasse es, was ich da tue, aber es ist besser als die Alternative", sagte er vergangene Woche. Der Präsident hat schon genickt.
So ist das nun mal mit Glaubensgemeinschaften, die in Bedrängnis geraten. Sie werden immer noch gläubiger. Dasselbe kurzfristige Denken, das die Affäre ausgelöst hat, soll sie nun also beenden. Die Regierung versucht, das Feuer nicht mit Wasser, sondern mit Brennstoff zu löschen. Und zwar mit genau jenem Brennstoff, der die Flammen an der Wall Street entfacht hat: geliehenem Geld.
Nur das die neuerlichen Kredite nicht mehr nur vom sechsten, siebten und achten Mitglied der Religionsgemeinschaft stammen, sondern von allen Steuerzahlern eingesammelt werden sollen. Die Trennung von Staat und Kirche wäre damit aufgehoben, Wall Street würde Staatsreligion.
Die Gemeinsamkeiten mit den anderen beiden Religionsgemeinschaften sind ohnehin dabei, sich zu verflüchtigen. Dinge, die in Zeiten der altehrwürdigen Marktwirtschaft untrennbar zusammengehörten, wie Wert und Gegenwert, Lohn und Leistung, Risiko und Verantwortung, werden nun auch von Staats wegen auseinandergerissen. Im Amerika dieser Tage ist ein aus der Art geschlagener, ein entarteter Kapitalismus zu besichtigen.
Das ökonomische Versagen wird durch das politische Vorgehen in seiner Wirkung nicht gemildert, sondern verstärkt. Der Kapitalismus amerikanischer Glaubensrichtung ist nicht untergegangen, er bereitet seinen Untergang erst noch vor. Die Geschichte dieser Tage ist die Geschichte eines angekündigten Todes, womit wir bei Miss Marple wären.

"Es fängt an", ruft Mrs. Harmon in Ekstase.
Die von Agatha Christie nach dem Vorbild ihrer Oma erfundene Kriminalistin besitzt nicht nur Humor und Menschenkenntnis. Sie besitzt vor allem Erfahrung mit dem Offensichtlichen, das keiner für möglich hält – bis es passiert. In dem Roman "Ein Mord wird angekündigt" hat sie unsere Zukunft auf komödiantische Art vorerlebt.
Die Geschichte geht so: Eines Morgens lesen die Bürger im Kleinanzeigenteil ihrer Lokalzeitung folgenden Text: "Ein Mord wird hiermit angekündigt. Er wird Freitag, dem 29. Oktober um 6.30 abends in Little Paddocks verübt. Freunde und Bekannte sind herzlich eingeladen, daran teilzunehmen. Eine zweite Aufforderung erfolgt nicht." Also trifft sich das halbe Dorf zur angegebenen Zeit im vermeintlichen Mordhaus. Man hält die Warnung für einen frivolen Scherz, den man keinesfalls verpassen möchte. Sherry wird gereicht. Ein kollektives Kribbeln setzt ein. Da geht pünktlich um halb sieben das Licht aus.
"'Ist das nicht wunderbar', kreischte eine weibliche Stimme. 'Ich bin ja so aufgeregt.'"
Als das Licht wieder anging war – zur allgemeinen Überraschung – ein Mord zu besichtigen. Nun stehen auch wir wie die Gäste in Little Paddocks beisammen, tuscheln, es kribbelt, wir warten, was wohl als Nächstes passiert. Und niemand glaubt ernsthaft daran, dass die eigentliche Tat erst noch bevorsteht.
"Alle verstummten, niemand rührte sich, jeder starrte wie hypnotisiert auf die Uhr. Als der letzte Ton verklang, erlosch das Licht. In der Finsternis ertönten begeisterte Ausrufe. 'Es fängt an', rief Mrs. Harmon in Ekstase."

Verkaufte Zukunft
Wer eine Vorahnung bekommen will, muss nur den Blick weiten, solange das Licht noch brennt. Die Kreditkartenunternehmen der USA stehen nicht viel besser da als die Banken. Auch sie haben die Zukunft verkauft und ein Stück von der Zeit danach.
Die amerikanische Autoindustrie ist ebenfalls schwer angeschlagen und hat Mühe, ihre Kreditlinien am freien Markt zu verlängern. Über 300.000 Jobs sind dort seit 1999 verloren gegangen, aber was nützt das, wenn die Krise nicht an den Arbeitern, sondern an den Managern liegt? Die enorme Ölrechnung Amerikas – rund 500 Milliarden Dollar pro Jahr – wird derzeit mit chinesischem Leihgeld beglichen. An jedem Werktag steigt die amerikanische Auslandsverschuldung um knapp eine Milliarde Dollar.
Die Privathaushalte, das ist die wohl bitterste Wahrheit im Amerika dieser Tage, wirtschaften nicht besser als die Bosse. Sie finden im Wall-Street-Banker nicht ihr Zerr-, sondern ihr Spiegelbild. "Ich kenne kein Land, in dem die Liebe zum Geld einen so großen Platz im Herzen der Menschen einnimmt", notierte Alexis de Tocqueville schon vor 170 Jahren.


Das überfällige Gespräch zwischen Regierung und Regierten kam bisher nicht zu Stande. Es müsste ein Gespräch über den Zusammenhang von Wirtschaft und Werten sein, über die Zurücknahme des Bisherigen und nicht seiner Expansion. Das Wort Sparsamkeit beispielsweise, das im Wörterbuch der Enthemmten nicht mehr vorkam, müsste neu eingeführt werden.
Daran ist bislang nicht zu denken. Das heutige Amerika ist zu amerikanisch, um in seiner heutigen Form zu überleben. Das heutige Amerika aber ist auch zu stolz, das einzusehen. Die Gläubigen werden freiwillig wohl kaum konvertieren.
So läuft denn die Erkenntnis den Ereignissen weiter hinterher. Ein gefährliches Spiel mit der Zeit hat begonnen.
"...... Zwei Kugeln pfiffen. Auf einmal war das Spiel kein Spiel mehr. Jemand schrie. "Licht! .... Wer hat ein Feuerzeug? ...... "Oh Archie, ich möchte heim."


Gabor Steingart, Washington, Der SPIEGEL
28. September 2008
URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,580935,00.html





. . . WALL-STREET-WAHNSINN
Einfach nur Egoismus und Kapitalismus...

Krisenbanker gönnen sich 70-Milliarden-Belohnung
Wo kann man pokern, alles verlieren und trotzdem kassieren?
In der Bankenwelt.
Wie der "Guardian" berichtet, zahlen Wall-Street-Firmen ihren erfolglosen Managern noch einmal 70 Milliarden an Gehältern und Sonderprämien - bevor sie in Washington um Hilfe betteln.


Hamburg - Während Politiker in Europa und Amerika Rettungspakete für den Finanzsektor schnüren, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, stellen manche Banker schnell noch ihre eigenen und großzügigen Notfallpläne auf. Wie die britische Tageszeitung "The Guardian" recherchiert hat, verteilen alleine die Geldhäuser an der Wall Street noch einmal 70 Milliarden Dollar an ihr Spitzenpersonal, das meiste davon in diskreten zusätzlichen Bonuszahlungen. Die Manager belohnten sich damit für ein Geschäftsjahr, schreibt der "Guardian", in dem sie das globale Finanzsystem in die schlimmste Krise seit dem Börsencrash von 1929 führten.

In Deutschland muss sich Josef Ackermann für seine Ankündigung ausbuhen lassen, dass er in diesem Jahr auf einen Teil seiner Bezüge verzichten werde. Angesichts der miesen Geschäftslage, sagen die Kritiker, würden in diesem Jahr eh kaum Beträge anfallen, die den Verzicht wirklich schmerzhaft machten. An der Wall Street aber füllt man sich schnell noch einmal die Taschen, bevor die Regelung der Regierung greift, wonach Bankmanager ihre Bezüge reduzieren müssen, wenn sie staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Sechs Bankhäuser, darunter Goldman Sachs und Citigroup, planen jedenfalls noch einmal bedeutende Auszahlungen an ihr Personal, obwohl man schon Hilfen aus dem 700-Milliarden-Rettungsplan aus Washington beantragt hat.

Was die Rechercheure beim "Guardian" am meisten wunderte: "Die Summen, die Wall-Street-Firmen weiterhin für Gehälter, Abfindungen und die - besonders umstrittenen - Boni zahlen, scheinen in keinem Verhältnis zu den Verlusten zu stehen, die sie auch für die Investoren eingefahren haben." Die Börsenkurse von Citigroup und Goldman Sachs sind seit Jahresbeginn um 45 Prozent gefallen, die Notierungen für Morgan Stanley und Merrill Lynch sind sogar um 60 Prozent eingebrochen. Und Lehman Brothers sind komplett untergegangen.

Der dramatische Rückgang der Unternehmenswerte bei gleichzeitigen Milliardenbonuszahlungen produziert dabei verrückte Szenarien wie diese: In der vergangenen Woche war der Kurs von Morgan Stanley so weit abgestürzt, dass im Topf für die Managergehälter und Prämien mit 10,7 Milliarden Dollar genügend Geld war, um die Bank komplett zu kaufen. Ähnlich interessant waren die Zahlenspielereien, die sich bei der Citigroup ergaben: Dort werden, trotz des Gewinneinbruchs, in diesem Jahr vier Prozent mehr für Gehälter und Boni ausgezahlt als im Vorjahr - insgesamt 25,9 Milliarden Dollar. Gleichzeitig hat die Bank im Rahmen des Finanzrettungsplans 25-Milliarden Dollar als Investition aus Washington akzeptiert.

Nach Angaben des "Guardian" sind auch der Konkurrenz erstaunliche Beträge für Gehälter und Sonderzahlungen aufgelaufen:
- bei Goldman Sachs 11,4 Milliarden,
- bei JP Morgan 6,53 Milliarden,
- bei Merrill Lynch allein im letzten Quartal 3,49 Milliarden,
- und selbst bei der Pleitebank Lehman Brothers waren noch 6,12 Milliarden
für derartige Zahlungen reserviert.
Keine der Banken war bereit, dem "Guardian" eine Stellungnahme zu geben und die Höhe der geplanten Prämienzahlungen zu kommentieren.

Kritiker der Investmentbanken bemängeln schon länger, dass die Geldhäuser Milliarden in die Bonustöpfe abzweigen, anstatt die Eigenkapitaldecke der krisengeschüttelten Unternehmen zu erhöhen. Der "Guardian" konnte immerhin einen Insider zu einem - wenn auch anonymen - Eingeständnis überreden: "Die Frage ist sicherlich berechtigt", sagte also dieser Banker, "und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Banken diese Praxis bis Jahresende überprüfen werden."

Vielleicht waren dann Leute wie Lehman-Brothers-Boss Dick Fuld oder Merrill-Lynch-Chef Stan O'Neal und ihre Kollegen die letzten einer Generation, die dank der Boni oder großzügigen Abfindungen - die sie in Amerika gerne auch den "golden parachute" nennen, also den goldenen Fallschirm - steinreich wurden.

Dick Fuld verdiente in den Jahren von 2000 und 2007 Gehälter und Sondervergütungen in einer Höhe von 485 Millionen Dollar. Stan O'Neal verkündete noch einen Verlust von acht Milliarden Dollar, bevor er mit einem Abschiedsgeld von 161 Millionen privatisierte. Citigroup-CEO Chuck Prince musste zig Milliarden abschreiben - und verabschiedete sich mit 38 Millionen Dollar in Boni, Aktien und Optionen aus dem Geschäft.



DER SPIEGEL online - 18. Oktober 2008

Die Master des Desasters - die Köpfe der Finanzkrise:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,584916,00.html



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Kapitalismus zerstört die Demokratie



POLITIKER VERSCHLAFEN DIE KAPITALISMUS-REVOLUTION

Von Andreas Nölting

Erst Conti und Siemens, jetzt BMW und Henkel: Deutsche Konzerne streichen massenweise Stellen - trotz dicker Milliardengewinne. Doch was fällt unseren Politikern dazu ein? Sie reden mit Klassenkampf-Rhetorik um das eigentliche Problem herum.


Hamburg - Dass Unternehmen Arbeitsplätze abbauen (müssen), wenn sie rote Zahlen schreiben, ist eine betriebswirtschaftliche Logik. Seit vielen Jahren konnten wir das beobachten und - wenn auch mit Kopfschmerzen - intellektuell nachvollziehen. Wenn Unternehmen zu teuer oder am Markt vorbei produzieren, steigen die Kosten, sinken die Umsätze, geraten die Bilanzen in eine Schieflage und drehen die Banken den Kredithahn zu. Für die Fehler des Managements müssen dann auch Arbeitnehmer bluten. So funktioniert halt die Marktwirtschaft, mag sich der ein oder andere getröstet haben, das ist der Preis des freien Wirtschaftens.

Dass aber renommierte Dax-Konzerne wie Siemens , BMW , Henkel oder Continental , also die Crème der deutschen Wirtschaft, Tausende ihrer Beschäftigten eiskalt auf die Straße schicken, obwohl sie hervorragende Produkte herstellen, in vielen Segmenten Marktführer sind und kräftige Milliardengewinne schreiben, das ist ein Phänomen, das nicht nur die betroffenen Arbeitnehmer und Gewerkschafter, sondern auch Politiker bis tief hinein in die CDU verunsichert und wütend macht.

Schnell haben Politik und Medien die Schuldigen für solch skrupelloses Wirtschaften ausgemacht: die gierigen und herzlosen Vorstände, deren kurzfristige, am eigenen Wohlergehen orientierte Denke und natürlich die Selbstbedienung in den Vorstandsetagen. Die Top-Manager machen ihren Kritikern eine solche Argumentation auch leicht: Während bei den Arbeitnehmern die Reallöhne vielfach bestenfalls stagnieren, erhöhten sich etwa die Gesamtbezüge des sechsköpfigen Daimler-Vorstandes im vergangenen Jahr um 14,8 Millionen auf rund 25 Millionen Euro. Im Schnitt sind die Bezüge deutscher Vorstände 2007 um 18 Prozent gestiegen, hat die Personalberatung Kienbaum jüngst errechnet.

Bei einer derart ungleichen Entwicklung werden schnell populistische Forderungen aufgestellt: Die Bezahlung von Managern mit Aktienoptionen müsse begrenzt werden, fordert etwa Rainer Wend, der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion. Zudem müsse überlegt werden, die Spekulationsfrist für Aktien zu verlängern und das Stimmrecht für Aktionäre an die Haltefrist zu knüpfen. "Wir müssen Anreize setzen, um kurzfristige Spekulationen zu reduzieren", sagte der SPD-Politiker der "Berliner Zeitung".

Zerstört der Super-Kapitalismus die Demokratie?

Aktienoptionen als Ursache der Massenentlassungen? Kalkulieren Vorstände tatsächlich so brutal, dass sie Beschäftigte rausschmeißen, um so den Aktienkurs und damit den Wert ihrer eigenen Optionen zu steigern, sich persönlich zu bereichern? Und wäre das System repariert, wenn es Optionen für Vorstände nicht mehr gäbe oder Spekulationsfristen verlängert würden?

Diese ökonomische Argumentation erstaunt dann doch, vor allem aus dem Mund eines "wirtschaftspolitischen Sprechers".
Denn sie personalisiert und stigmatisiert, wo viel dringender die Systemfrage gestellt werden sollte:
Wie lange kann eine Gesellschaft die Macht der Börse – also die pure Orientierung am Shareholder Value (der Aktienrendite) und die Zwänge der Globalisierung ertragen, bis sie auseinanderbricht?
Oder, anders formuliert: Zerstört der Super-Kapitalismus die Demokratie?

Mit aller Wucht bricht eine neue Epoche des Kapitalismus über uns herein.
Einst hatten Unternehmer in ihren Fabriken das Sagen. Als die Konzerne größer wurden und an die Börse gingen, übernahmen angestellte und oft selbstherrliche Manager die Regie. Jetzt allerdings bestimmen die weltweit agierenden Fondsfirmen, Hedgefonds und zunehmend auch die milliardenschweren Staatsfonds diktatorischer Länder die Regie. Die Vorstände sind die "Büttel", die Dienstleister ihrer mächtigen Großaktionäre. Wer nicht spurt, muss gehen.

Die Macht der Börse zwingt Manager zum Jobabbau

Wenn also Herr Reithofer von BMW ankündigt, in seinem Konzern weltweit 8100 Stellen zu streichen, dann macht er das nicht, um den Wert seiner eigenen Aktienoptionen zu maximieren. Bei seinem Millionengehalt muss er das auch nicht. Er macht den harten Schnitt, weil ihn das System, die Macht der Börse und die Globalisierung, dazu zwingen. Er will und muss mit aller Kraft die Eigenkapitalrendite steigern, um nicht aus dem System zu fallen oder übernommen zu werden (was wegen des Großaktionärs Quandt im Rücken allerdings wenig wahrscheinlich ist).

Die brisanten Fragen hingegen bleiben noch unbeantwortet.
Was passiert, wenn die Interessen der von den Finanzhaien getriebenen global agierenden Großkonzerne und der Gesellschaft immer weiter auseinander driften?
Mutiert die westliche Demokratie wieder zu einem planwirtschaftlich organisierten System – quasi eine DDR light? Kommt es zu Aufständen und Verstaatlichungen von Schlüsselindustrien wie etwa der Energiewirtschaft? Oder werden staatsdiktatorische Länder wie China, Saudi Arabien oder Russland die Probleme des Westens nutzen, um ihr Herrschaftsgebiet zu erweitern?

Das sind die Fragen, die man sich heute stellen sollte. Die populistische Vorstandsschelte der Politiker hilft nicht weiter.



Spiegel-online
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,538398,00.html



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Es reicht!



STOPPT DEN GEHALTSWAHN DER MANAGER

Von Lutz Kinkel

Die Gagen der Manager steigen ins Absurde:
Porsche-Chef Wiedeking kassiert vermutlich 60 Millionen Euro,
dagegen ist selbst Deutsche-Bank-Chef Ackermann ein kleines Licht.
Die Politik jammert - und tut nichts.



Es ist grotesk. Wir diskutieren über Mindestlöhne, Hartz-IV-Sätze und Kinderarmut. Gleichzeitig lechzt ganz Deutschland nach dem Lotto-Jackpot, dem Gewinner winken 38 Millionen Euro. Es ist allerdings wahrscheinlicher, vom Blitz erschlagen zu werden, als die richtigen Zahlen zu tippen. Einen Mann wie Porsche-Chef Wendelin Wiedeking muss das alles nicht kratzen. Er hat im vergangenen Geschäftsjahr geschätzte 50 Millionen Euro verdient. Exakte Zahlen gibt das Unternehmen nicht heraus. Jene 15 Millionen Euro, die Josef Ackermann kassiert, der Lieblingsfeind der Kapitalismuskritiker, sind dagegen Peanuts.

Wohl nicht zufällig klagte Bundespräsident Horst Köhler in einem aktuellen Interview mit dem "Handelsblatt", die hohen Managergehälter gefährdeten den Zusammenhalt in der Gesellschaft. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla schloss sich Köhler an, wandte sich aber gegen gesetzliche Regelungen. Es müsse vielmehr öffentlicher Druck aufgebaut werden. Das hatte zum Beispiel Ex-Arbeitsminister Franz Müntefering getan. Auf dem Hamburger SPD-Parteitag sagte er, es könne gar nicht sein, dass die Arbeitskraft eines Menschen tausendmal mehr wert sei als die Arbeitskraft eines anderen. Die Delegierten klatschten sich die Finger wund.

Verschleierung von Vorstandsbezügen
Passiert ist nichts. Und es wird vermutlich auch nichts passieren. Denn wer wäre in der Lage, Obergrenzen für Managerbezüge festzulegen? Sollen es 10, 20, 200 oder 1000 Mal so viel sein wie der Durchschnittsverdienst von Arbeitern und Angestellten? Oder sollte der Firmengewinn den Ausschlag geben? Sind vielleicht die Vorstandsgehälter vergleichbarer Firmen ein Maßstab? Niemand weiß es. Kriterien für angemessene Managergehälter aufzustellen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Außerdem kann der Gesetzgeber den Inhabern von Firmen schwerlich vorschreiben, wie viel sie ihren leitenden Angestellten zahlen sollen. Das ist eine Frage des Marktes, und der Jobmarkt für Spitzenkräfte ist frei.

Deswegen darf die Politik jedoch nicht die Hände in den Schoß legen. Denn es gibt zumindest eine wirksame Waffe gegen Gehaltsexzesse: Transparenz. Theoretisch müssen zumindest die börsennotierten Firmen die Vorstandsbezüge ausweisen. Der stern hat dies mal am Beispiel des Ex-RWE-Chefs Harry Roels überprüft. Der RWE-Geschäftsbericht beschäftigt sich mit diesem Thema auf sechs Seiten. Und zwar so, dass es unmöglich ist, den Verdienst von Roels auf den Cent genau auszurechnen. Warum werden die Vorschriften zur Offenlegung nicht so verschärft, dass jeder Kleinaktionär die Verdienste jedes einzelnen Vorstands auf einen Blick erkennen kann?

Wechselseitige Gehaltshilfe
Auch über die Kontrolle von Unternehmen ist viel geschrieben worden, verändert hat sich nichts. Die Manager beaufsichtigen sich nach wie vor gegenseitig, der eine sitzt hier im Aufsichtsrat, der andere dort. Also funktioniert das Spiel so: Winkst Du meine Gehaltserhöhung durch, winke ich Deine Gehaltserhöhung durch - wir sind doch alle eine Familie. Es wäre für den Gesetzgeber hohe Zeit, diesen Filz aufzubrechen. In die Aufsichtsräte gehören externe Experten, nicht nur "Freunde des Hauses" und gut gepamperte Gewerkschaftsmitglieder.

Der Worte sind genug gewechselt, die Probleme sind bekannt. Die Politik ist nicht hilflos, sie kann reagieren. Mit wohlfeilen Reden allein ist der soziale Frieden nicht herzustellen.


stern.de - 29.11.2007 - 17:44
URL: http://www.stern.de/wirtschaft/arbeit-karriere/603992.html





Unkompetentes Handeln



"Milliarden werden ohne Sinn und Verstand verschleudert"


Die Regierung gibt für die Bankenrettung Milliarden aus - was künftige Generationen massiv belastet, kritisiert Volker Hauff.
Im Interview mit SPIEGEL ONLINE wirft der Zukunftsberater der Regierung dem Staat vor, keine Strategie zu haben und die "Lahmen und Fußkranken" zu retten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hauff, sparen Sie schon für Ihre Kinder und Enkel?
Hauff: Das tue ich schon seit langem. Wir haben ihnen eine gute Ausbildung zukommen lassen und ihnen auch schon ein Haus vererbt. Man muss schließlich nicht alles aufbrauchen, was man hat.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Kinder müssen sich also keine Sorgen um die rasante Staatsverschuldung machen?
Hauff: Doch - denn die wird sie auf jeden Fall treffen. Dabei irritiert mich am meisten, dass die Politik trotz der immensen Summen nicht klar und eindeutig sagt, welche Probleme sie lösen will und wie. Ich habe noch kein Wort dazu gehört, wie ein nachhaltiges Finanzsystem aussehen soll. Es werden noch nicht mal die Ursachen klar beim Namen genannt: Das alte Finanzsystem hat uns die Probleme beschert, deshalb müssen wir ein neues entsprechend anpassen.
SPIEGEL ONLINE: Weiß die Bundesregierung nicht, was sie tun soll?
Hauff: Mir ist egal, ob die Politik überfordert ist. Ihr Job ist es, das Land in die Zukunft zu führen und das tut sie zurzeit nicht. An den entscheidenden Punkten wird nicht über das neue Finanzsystem nachgedacht. Und da geht es mir nicht nur um tagespolitische Dinge wie die Austrocknung von Steueroasen. Mich interessieren die langfristigen Linien.
SPIEGEL ONLINE: Was also schlagen Sie vor?
Hauff: Mir sind drei Punkte wichtig: Es darf erstens keine Finanzinstitutionen mehr außerhalb der Bankenaufsicht geben. Zweitens muss jeder Handel mit Produkten strafbar werden, die nicht an der Börse zugelassen sind. Und drittens muss der Handel mit Finanzprodukten strafbar werden, die nicht im Besitz desjenigen sind, der mit ihnen handelt. Das sind einige wenige, aber wirkungsvolle Punkte, auf die man sich verständigen muss. Mir gefällt in diesem Zusammenhang gut, wie der neue US-Präsident Barack Obama es schafft, die Öffentlichkeit zu mobilisieren und damit diese Veränderungen durchzusetzen.
SPIEGEL ONLINE: Warum macht die deutsche Bundesregierung das nicht?
Hauff: Das müssen Sie die Regierung schon selbst fragen. Zum Beispiel hat kaum jemand nachgefragt, warum Karlheinz Bentele nach wenigen Wochen aus dem Leitungsausschuss des Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung ausschied. Der wollte nämlich nicht nur Gelder verteilen, sondern insbesondere über die Zukunft des Finanzsektors reden. Aber stattdessen erwägt die Regierung die Rettung der Lahmen und Fußkranken, die unternehmerische Fehlentscheidungen zu verantworten haben, wie etwa die Firma Schaeffler. Das ist doch ein absurdes Theater - auf Kosten der Steuerzahler.
SPIEGEL ONLINE: Aber warum schweigt die Öffentlichkeit?
Hauff: Weil niemand im politischen Bereich die Dinge auf den Punkt bringt. Weil es niemanden gibt, der eine langfristige Strategie entwickelt. Stattdessen werden ohne Sinn und Verstand Milliarden verschleudert. Mich erinnert das an die Erdölkrise in den siebziger Jahren - das damalige Zukunftsinvestitionsprogramm ist komplett verpufft. Deshalb sollte man Verantwortliche fragen, die mit solchen Entwicklungen Erfahrungen haben und Lehren daraus gezogen haben. Stattdessen sind überall die Akteure am Werk, die die Krise verursacht haben. Das kann nicht gut gehen - denn keiner im Bankenbereich redet bislang über die Fehler. Stattdessen sind alle dabei, die Situation schön zu reden.
SPIEGEL ONLINE: Traut sich in der Politik niemand, Klartext zu reden?
Hauff: Die Strategie der Bundesregierung kreist um das Wort "Retten" - was ich schon für falsch halte. Man muss nicht alles und jeden retten - schon gar nicht im Finanzbereich. Es wird so getan, als ob man nach kurzer Zeit so weitermachen könnte wie bisher. Dabei lauert die nächste Krise um die Ecke, nämlich im Bereich der Warentermingeschäfte. Doch statt das klar zu analysieren, beugt man sich den Lobbyinteressen ...
SPIEGEL ONLINE: ... und vergibt Milliarden, die die kommenden Generationen zurückzahlen müssen ...
Hauff: ... das ärgert mich - und wenn dann noch einzelne Politiker sagen, es stünden demnächst große Steuersenkungen ins Haus, werde ich wirklich wütend. Das, was wir hier derzeit erleben, stellt kommende Generationen schon jetzt vor immense Schwierigkeiten. Es ist absurd, dann auch noch Steuersenkungen zu versprechen.
SPIEGEL ONLINE: Wie werden sich die Schulden auswirken?
Hauff: Wegen der Haushaltskonsolidierung werden Zukunftsinnovationen zu kurz kommen und allem Gerede zum Trotz müssen wir uns mittelfristig auf Steuererhöhungen einstellen. Allerdings haben wir uns noch überhaupt nicht klar gemacht, was die Krise weltweit für Auswirkungen hat.
SPIEGEL ONLINE: Nämlich?
Hauff: Staaten wie Island, Lettland oder Rumänien sind nicht mehr in der Lage, ihre Finanzverpflichtungen zu erfüllen. In den Ländern der dritten Welt bricht das ganze Finanzsystem zusammen. Die Weltbank hat ausgerechnet, dass nur aufgrund der Finanzkrise Millionen von Menschen in die Armut rutschen, Hunderttausende Kinder werden sterben. Das, was momentan noch an Entwicklungshilfe geleistet wird, ist ein Bruchteil dessen, was dort an Geldern abfließt. Die Entwicklung in diesen Regionen wird um bis zu 20 Jahre zurückgeworfen.
SPIEGEL ONLINE: Ist es dann nicht zynisch, dass wir uns in Europa vor ein bisschen Arbeitsplatzverlust fürchten?
Hauff: Im Bankenbereich hat eine hohe Professionalisierung bei völliger sozialer Verantwortungslosigkeit und eiserner Habgier stattgefunden. Die kritischen Finanzprodukte sind von Wissenschaftlern, von Nobelpreisträgern mitentwickelt worden. Doch genau diese Leute tun jetzt so, als hätten sie die Folgen nicht vorausgesehen. Das glaube ich denen nicht, so ahnungslos waren die nicht. Die haben sich benommen wie im Casino.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem lässt sich die deutsche Politik von genau diesen Menschen beraten - etwa vom Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ...
Hauff: Die Regierung tut so, als ob sie das Problem schnell lösen kann. Das ist aber keine Strategie, die wirklich trägt. In dem Augenblick, in dem die Konsequenzen klarer werden, wird der Druck der Öffentlichkeit zunehmen.
SPIEGEL ONLINE: Was können wir aus der Krise lernen?
Hauff: Wir müssen es schaffen, die Krise auch für die Realwirtschaft als Chance zu nutzen und eine nachhaltige Entwicklung anzustoßen, um unser Land zukunftsfähig für kommende Generationen zu machen. Etwa indem wir energieeffizientere Autos bauen, eine neue Energiepolitik einläuten und mit der Kreislaufwirtschaft wirklich ernst machen.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem sind die großen Themen des vergangenen Jahres wie der Klimawandel und die Welthungerkrise quasi aus der Öffentlichkeit verschwunden ...
Hauff: Nicht ganz - man muss nur genau hinhören: So wird etwa momentan bei Opel diskutiert, welche Produkte zukunftsfähig sind. Auch andere Autohersteller bieten plötzlich sehr viel mehr energieeffizientere Wagen an also vorher. Und das ist richtig so - denn die Klimakatastrophe macht ja nicht halt, nur weil es auch eine Finanzkrise gibt.
Das Interview führte Susanne Amann





URL:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,615094,00.html








Schieflage...










(...vergrößern Sie die Bilder, indem Sie darauf klicken!)

... natürlich ohne Aktionoptionen und Nebeneinkünften ...
... ach ja, das ist natürlich nur die Spitze des Eisberges,
z.B. fehlen da auch noch die 60 Millionen von Porsche-Chef Wiedeking ...
und natürlich die Einkommen der Oberen in den USA ...
u.s.w. ...
Nein, das hier ist keine billige Polemik,
sondern Hungerrealität durch Schundlöhne von Millionen "da unten" ...
Eine christlich gerechte Gesellschaft
muss Raffgier und Hungerarmut verhindern!





So ... das waren die Nachrichten 2008 !!
Und heute, 2009... wo stehen wir da ?
Hat sich etwas zum Besseren verändert ?
Nein, es geht weiter bergab.......




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Entwicklungshilfe ?

Wie funktioniert Entwicklungshilfe heute ? :


Nehme von den Armen in den reichen Ländern
und gebe es
den Reichen in den armen Ländern.


(Ein Afrikaner im Deutschlandfunk, 12.1.05)



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R E L I G I O N und T E R R O R







Kritik verboten



Religionsfreiheit vor Menschenrecht?

Der Menschenrechtsrat der Uno ist ein Gremium mit wenig Tatkraft, aber viel Symbolwirkung.
Umso schlimmer, dass er sich jetzt selbst damit ausgehebelt hat,
indem er die islamische Scharia für sakrosankt erklärt.
Wie weit darf Rücksicht auf Religion gehen, fragt
Henryk M. Broder.


Alles, was man über den Menschenrechtsrat der Uno wissen muss, um verlässlich seine Arbeit beurteilen zu können, ist eine Episode aus dem Jahr seiner Gründung, 2006. Weil sich der Rat aufgrund der damals vorliegenden Berichte internationaler Menschenrechtsorganisationen nicht auf eine Verurteilung der sudanesischen Regierung wegen der Darfur-Krise verständigen konnte, setzte er eine eigene Untersuchungskommission unter dem Vorsitz der amerikanischen Friedensnobelpreisträgerin Jody Williams ein.
Als diese im März 2007 einen Bericht vorlegte, in dem die sudanesische Regierung beschuldigt wurde, für das Blutbad in Darfur verantwortlich zu sein, wurde der Bericht verworfen und eine neue Kommission eingesetzt. Die kam im Dezember 2007 zu den gleichen Erkenntnissen – und wurde kurzerhand vom Rat aufgelöst.
Immerhin hat der Menschenrechtsrat in anderen Fällen bewiesen, dass er auch entschlossen zur Tat schreiten kann und dabei keine Konfrontation scheut. Er empfahl beispielsweise England, die Monarchie abzuschaffen und endlich eine geschriebene Verfassung einzuführen. Die Schweiz wurde aufgefordert, den Rassismus im eigenen Land intensiver zu bekämpfen.
Und nun hat der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen, dessen Mitglieder sich regelmäßig im schönen und weltoffenen Genf treffen, das Meisterstück seiner inzwischen zweijährigen Existenz abgeliefert und die Scharia, das islamische Gesetz, für sakrosankt erklärt.
Dabei waren es genau solche Eskapaden zwischen Impotenz und Selbstüberhebung, die dazu geführt haben, dass die alte Menschenrechtskommission der Uno aufgelöst und an ihrer Stelle der Menschenrechtsrat etabliert wurde. Die "Reform", die der letzte Uno-Generalsekretär Kofi Annan mit viel Aufwand durchgesetzt hatte, war von Anfang an nichts als Etikettenschwindel. Die Zahl der Mitglieder wurde von 53 auf 47 reduziert, sonst änderte sich eigentlich nichts. Schon gar nicht die Zusammensetzung des Gremiums, das über die Einhaltung der Menschenrechte in den 191 Uno-Mitgliedsstaaten wachen soll.
Die Organisation "Reporters sans frontières" (Reporter ohne Grenzen) nannte die Berufung von mindestens zehn Staaten, in denen die Meinungsfreiheit "massiv verletzt" wird, einen "Skandal": Algerien, Aserbaidschan, Bangladesch, China, Kuba, Nigeria, Pakistan, Russland, Saudi-Arabien und Tunesien. Allein die Tatsache, dass diese Staaten in dem Gremium sitzen, lasse "das Schlimmste" erwarten, hieß es in einer Erklärung von "Reporter ohne Grenzen".

Kartell der Täter
Wie in der alten Menschenrechtskommission sorgt also auch im neuen Menschenrechtsrat ein Kartell der Täter dafür, dass nichts debattiert oder beschlossen wird, das einem der ihren schaden könnte. Das Einzige, worauf man sich anscheinend mühelos und mehrheitlich einigen kann, sind Attacken auf den größten Dorn im Auge der Islamisten: 2007 hat sich der Menschenrechtsrat 120 Mal mit Israel befasst, doppelt so häufig wie mit jedem anderen Land.
Zwar kann der Menschenrechtsrat keine Sanktionen verhängen – das bleibt die Aufgabe des Uno-Sicherheitsrates -, er kann aber Druck ausüben, indem er Verurteilungen ausspricht und Empfehlungen gibt.
Nun aber ist der Menschenrechtsrat einen substantiellen Schritt weiter gegangen. Und im Gegensatz zu den bisherigen Beschlüssen, die, so bitter es ist, eher spielerischen Charakter hatten, könnten die Folgen erheblich sein.
Im vergangenen März stellte die "Organisation der Islamischen Konferenz" über eines ihrer Mitgliedsländer im Menschenrechtsrat den Antrag, der Rat sollte künftig über "Missbrauch der Meinungsfreiheit" berichten, wenn "rassistische oder religiöse Diskriminierung" vorliegen würde. Die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) ist eine Vereinigung von 57 Staaten, "in denen der Islam Staatsreligion, Religion der Bevölkerungsmehrheit oder Religion einer großen Minderheit ist" (Wikipedia) und die den Anspruch erhebt, die islamische Welt zu repräsentieren. Der Antrag wurde übernommen und als offizielle Entschließung des Rats verabschiedet.
Natürlich ging es der Organisation nicht darum, Schmähungen des Christentums durch muslimische Fanatiker zu ahnden oder antisemitische Karikaturen in der iranischen Presse zu verurteilen. Es ging darum, jede Kritik an der Praxis des Islam mit einem Bann zu belegen, eine Diskussion über den Islam und die Menschenrechte im Keim zu ersticken.

"Die Scharia steht hier nicht zu Diskussion"
Hätte ein Vertreter des Papstes einen solchen Antrag lanciert, wäre die Empörung in den westlichen Medien wohl maßlos gewesen. Etliche Kommentatoren hätten von "Anmaßung" und "Zensur" geschrieben. Weil es aber darum ging, die islamische "Religion des Friedens" vor Zumutungen zu schützen und sie vor einer weiteren Belastungsprobe ihrer Friedfertigkeit zu bewahren, war in den westlichen Medien nur lautes Schweigen zu vernehmen. Denn vielen, die sich sonst gerne und heftig empören, wenn ein katholischer Geistlicher von "entarteter Kunst" spricht, waren noch die gar nicht mehr friedlichen Reaktionen der Muslime nach dem Karikaturenstreit, der Regensburger Rede des Papstes und der Ernennung von Salman Rushdie zum Ritter in guter Erinnerung. Einzig der Weltverband der Zeitungsverleger (World Association of Newspapers, WAN) protestierte Anfang April bei Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon gegen die fragwürdige Entschließung, bisher ohne Effekt. Anfang Juni wiederholte die Verleger-Vereinigung ihren Appell.
Und so schaute und hörte auch kaum jemand hin, als es vor knapp zwei Wochen im Menschenrechtsrat der Uno zu einer Debatte kam, die jede weitere Diskussion über das Thema "Der Islam und die Meinungsfreiheit" ad absurdum führte. Der britische Historiker David Littman wollte im Auftrag einer NGO eine Erklärung über die Steinigung von Frauen und die Verheiratung von Mädchen in Ländern, in denen die Scharia angewandt wird, verlesen.
Er kam aber nicht dazu, weil er von den Vertretern Ägyptens und Pakistans mit Rufen zur Geschäftsordnung daran gehindert wurde. Bis der sichtlich genervte rumänische Präsident des Rats, Doru Romulus Costea, schließlich jedes Räsonieren ("judgements and evaluations") über die Scharia im Kontext einer Debatte über Menschenrechte für unzulässig erklärte. Wohlgemerkt: alles im Einklang mit den Grundsätzen und der Geschäftsordnung des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen.
Wer glaubt, dass es sich um ein Missverständnis oder eine fehlerhafte Übersetzung handeln muss, kann sich den entscheidenden Teil der Diskussion auf der Homepage der International Humanist And Ethical Union ansehen.
Es ist der "Distinguished Representative of Pakistan", der den entscheidenden Satz sagt: "It is insulting for our faith to discuss Sharia here in this forum", und es ist der Vertreter Ägyptens, der ergänzt: "Sharia is not under discussion here." Es sei eine Beleidigung des Glaubens seines Volkes, wenn die Scharia in diesem Forum diskutiert werde. Und: "Die Scharia steht hier nicht zu Diskussion."
So weit also können religiöse Empfindlichkeiten gehen. Allein schon eine Diskussion über die Scharia ist eine Beleidigung, die nicht hingenommen werden kann. Was im Umkehrschluss hingenommen werden muss, sind diverse Akte der praktizierten Barbarei, wie die Steinigung von Ehebrecherinnen, das öffentliche Erhängen von Homosexuellen und Frühehen mit Kindsfrauen, die alle ganz offenbar im Einklang mit der Scharia stehen. Und die deswegen vom Menschenrechtsrat der Uno unter dem Label der Religionsfreiheit respektiert werden müssen. Andere Länder, andere Unsitten.
Man könnte glatt von einer "schleichenden Islamisierung" des öffentlichen Lebens sprechen, wenn das nicht wieder so eine "Beleidigung" wäre, die man sich verkneifen muss, um das friedliche Zusammenleben der Kulturen nicht zu stören.


Spiegel-online, 4.7.2008
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,563714,00.html



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Islam - Hat der Papst Recht?



Muslimische Proteste

Kardinal sieht Papst-Aussagen bestätigt

Ein australischer Kardinal hat die gewalttätigen Proteste von Muslimen als Beleg für die Richtigkeit der umstrittenen Äußerungen des Papstes gewertet. Er wurde dafür umgehend von muslimischen Verbänden des Landes kritisiert.
Sydney - "Die gewalttätige Reaktion in vielen Teilen der islamischen Welt rechtfertigen eine der Haupt-Ängste von Papst Benedikt", sagte Kardinal George Pell, Erzbischof von Sydney und oberster Vertreter der römisch-katholischen Kirche Australiens. "Das zeigt, dass es für viele Islamisten eine Verbindung zwischen Religion und Gewalt gibt. Es zeigt ihre Verweigerung, auf Kritik mit rationalen Argumenten zu antworten, und stattdessen mit Demonstrationen, Drohungen und aktiver Gewalt zu reagieren", hieß es in der Stellungnahme des Chefs der 5,1 Millionen australischen Katholiken weiter, die heute auf der Internet-Seite der Kirche zu lesen war.
Einige muslimische Verbände in Australien kritisierten Pell umgehend wegen seiner Stellungnahme. Viele geistliche und politische Vertreter der islamischen Welt hatten Benedikt XVI. für Äußerungen zum Islam attackiert, die er in der vergangenen Woche während seiner Deutschland-Reise gemacht hatte. An einigen Orten kam es dabei auch zu Gewalt. Im palästinensischen Westjordanland wurden Brandanschläge auf Kirchen verübt, im Irak verbrannten Demonstranten ein Abbild des Papstes.


SPIEGEL ONLINE - 19. September 2006, 14:16
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,437893,00.html
als/Reuters


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Entlarvt die Ideologen!


Von Carolin Emcke

Er wollte eine innerchristliche Debatte anregen und löste einen Proteststurm von Muslimen aus. Der Konflikt um die Papst-Worte zum Islam belegt, wie wenig Religionen miteinander umzugehen wissen. Ihre Identität wahren sie nur, wenn sie das Recht verteidigen zu glauben - und nicht zu glauben.

Was konnte den Verfechtern des "Kampfs der Kulturen" gelegener kommen als das? Das Oberhaupt der katholischen Kirche kritisiert den Propheten Mohammed. Die Vertreter der religiösen Institutionen des Islam vereinen sich in einem Aufschrei der Empörung über die infame Beleidigung und verlangen eine Entschuldigung. Der Papst bedauert die Missverständnisse. Die Proteste gegen den Vatikan verteilen sich über die muslimische Welt. Die westlichen Kommentatoren echauffieren sich über die Rückständigkeit der Muslime. Und in all der Aufgeregtheit stilisieren sich die einen zu Verteidigern des Glaubens und des geschützten Worts des Propheten, die anderen zu Verteidigern der Säkularisierung und des ungeschützten Worts des Individuums.

Dass der Papst weder den Propheten Mohammed noch den Islam kritisiert hat, interessiert bei dieser Spirale der gegenseitigen Vorwürfe kaum jemanden. Es gehört zu den ironischen Facetten dieser religiös aufgeladenen Zeiten, dass ausgerechnet eine Rede des Papstes, die die theologische Rolle der Vernunft hervorzuheben suchte, als Projektionsfläche für diese Kontroverse dient. Schon jetzt kursiert die Angst, der Papst bereite einen neuen Kreuzzug vor. Stattdessen war die Argumentation des kirchlichen Oberhaupts eher dazu angetan, innerchristliche Debatten auszulösen. Denn Benedikt XVI zielte keineswegs auf den Islam, sondern auf jene Denkschule, die den Einfluss der griechischen Philosophie und ihres Logos-Gedankens auf die christliche Gottesvorstellung abwehrt. Darin, in dieser Aufwertung der Vernünftigkeit im Glauben, liegt eine philosophische Position, die sich sowohl zur modernen Entwicklung Europas als auch zu anderen Religionen und Kulturen anderer Teile der Welt hin öffnen ließe.

Doch ein einziger Satz wird aus dem Zusammenhang gerissen, was ein bloßes Zitat der Sekundärliteratur war, wird dem Sprecher selbst zugeschrieben, das filigrane Argument des Vortrags auf ein Schnipsel reduziert. Der Tempowahn des globalen Medienzeitalters zeigt hier ebenso seine selbstzerstörerischen Züge wie die gedankliche Kurzatmigkeit der religiösen wie atheistischen Ideologen.

Reflexhafte Verletztheit

Wie der kleine Spielzeugvogel mit der unausgeglichenen inneren Balance, der, einmal angestoßen, immer nur mit dem Kopf abwärts picken kann - so agieren beide Seiten reflexartig im ewig selben Affekt der Verletztheit und der selbstzufriedenen Gewissheit, der reinen Lehre zu dienen. Seht her, scheinen die einen zu sagen, schon wieder ein Beleg für den demütigenden Hochmut des christlichen Westens gegenüber dem Islam, erneut ein Anzeichen für die verletzende Missachtung gegenüber der muslimischen Religionsgemeinschaft. Seht her, scheinen die anderen zu sagen, schon wieder ein Beleg für die aggressive Natur der muslimischen Gemeinschaft, erneut ein Anzeichen für die vormoderne Unfähigkeit des Islam, mit Kritik umzugehen.

In diesem hysterischen Schauspiel verlieren alle, denn niemand ist sich treu. Der christliche Theologe, der einen universalen Glauben predigt, aber nicht bedenkt, dass seine Rede auch global gehört und (miss-) verstanden wird. Der muslimische Gläubige, der einen Propheten der Schrift-besitzenden Religion verteidigt, aber nicht bereit ist, Schriften in ihrer Gänze zu lesen. Der europäische Kritiker, der sich der Aufklärung rühmt, aber die Unmündigkeit immer nur am anderen erkennen will.

Was alle eint, ist die Überzeugung, die eigene Identität verteidigen zu müssen gegen die Identität der anderen. Was alle eint, ist die Illusion, dies ohne den jeweils anderen zu können. Dabei bestätigt dieses erneute Aufbrechen der gegenseitigen Vorwürfe und Ängste doch vor allem, wie abhängig jede Kultur von den anderen, wie verwoben die jeweiligen Welten sich exakt in dem Moment erweisen, in dem sie auf ihrer Verschiedenartigkeit insistieren.

Atheist muss mit dem Gläubigen für Glaubensfreiheit streiten

Warum sonst sollte es Muslime in Indien oder Ägypten kränken, wenn ein christlicher Theologe bei einem Vortrag in der Universität Regensburg einen byzantischen Kaiser aus dem 14. Jahrhundert zitiert, der sich in einem Gespräch mit einem persischen Gegenüber über das Verhältnis von Glauben und Zwang unterhält? Warum sonst sollte es Atheisten in Berlin oder Stockholm stören, wenn sich muslimische und christliche Gläubige über heilige Propheten oder göttlichen Willen entzweien? Warum sonst sollte es Liberalisten ereifern, wenn sie sprachlich beschimpft werden?

Weil jede Identität sich erst im Dialog, mit und durch den anderen ausbildet. Weil wer wir sind, nicht allein durch unsere Herkunft, unsere Sprache, unser Begehren, unsere Erzählungen und unseren Hoffnungen bestimmt wird, sondern auch dadurch, wer wir für und durch andere sind. Anerkennung wie Missachtung, Zustimmung wie Ablehnung, prägen unser Selbstverständnis gleichermaßen. In dieser Abhängigkeit von anderen, in dieser sprachlichen Verletzbarkeit liegt unsere Menschlichkeit begründet - und in dieser Gemeinsamkeit liegt die Quelle für Zerwürfnisse wie für Versöhnung.

So wäre es an der Zeit, sich darauf zu einigen, das Eigene mit dem anderen zu verteidigen. Wer seinen orthodoxen Glauben erhalten will (ob Muslim, Jude oder Christ), muss mit dem Atheisten gemeinsam für eine säkulare Ordnung ringen - denn nur in diesem geschützten Rahmen lassen sich die religiösen Verschiedenheiten leben. Wer seine Ungläubigkeit erhalten will, muss mit dem Religiösen für die Glaubensfreiheit streiten, denn nur so lässt sich die Vielheit der Lebensformen aushalten. Wessen Glaube abweichende Überzeugungen nicht ertragen kann, der ist nicht gefestigt im Glauben. Wessen Atheismus traditionelle Gläubigkeit nicht ertragen kann, der ist nicht frei von Orthodoxie. Wessen Feminismus gläubige Frauen nicht akzeptieren kann, der ist nicht für die Selbstbestimmung der Frau. Wessen Toleranz nur die Toleranz Gleichgesinnter meint, der ist nicht tolerant. Wessen Glaubensfreiheit nur den eigenen Glauben meint, der gestattet keine Freiheit. Wessen Überzeugung keine Kritik aushält, der hat keine guten Gründe für die eigene Überzeugung. Wessen Selbstbild sich nur mit Beleidigung anderer stärkt, der traut sich nicht viel zu.

Mitschuld an den Ängsten der anderen

Und so wäre es an der Zeit, achtsamer mit der nicht ganz unberechtigten Furcht des anderen umzugehen, denn die Geschichte dieser kollektiven Ängste des jeweils anderen verweisen immer auch auf die Geschichte der eigenen Versäumnisse und Verbrechen. Jede dahingeworfene Beleidigung, jedes kränkende Wort wäre bedeutungslos, würden sie nicht in einen historischen Zusammenhang der Gewalt gerückt werden. Wer die eigene Mitschuld an den Ängsten des anderen bedenkt, der wird den Krieg gegen den Terror nicht fahrlässig als "Kreuzzug" bezeichnen, wer die eigene Verantwortung für die Folgen der Rede bedenkt, der wird nicht fahrlässig einen "Glaubenskrieg" gegen Künstler oder Satiriker ausrufen.

Das Wir, das die einen wie die anderen zu verteidigen meint, entsteht erst in dieser Auseinandersetzung mit dem anderen, den es einschließt.

Wenn wir es ernst meinen mit der Säkularisierung, dann bedeutet sie einen Freiraum, in dem individuelle oder kollektive Neigungen, Überzeugungen und Hoffnungen gelebt werden können - ohne dass der Staat oder Nachbar zu intervenieren aufgerufen ist. Sie bedeutet die Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben. Die Freiheit, sich nach einer anderen Welt, nach einer anderen Ordnung zu sehnen - aber die rechtliche Ordnung der gesellschaftlichen Verfasstheit anzuerkennen. Das bedeutet im Übrigen auch, irrational sein zu dürfen, aus Liebe zu einem Text, einer Person, einer alten Geschichte, die eigene Herkunft, den kulturellen oder sozialen Kontext, die Wirklichkeit um einen herum überschreiten zu dürfen - im Glauben oder im Unglauben.

Diese Freiheit, sich selbst oder die Realität zu überschreiten, ist es, die Menschen kreativ sein lässt. Aus diesen Sehnsüchten erwächst die Kunst, die Musik, die Philosophie. Es mögen religiöse oder atheistische Visionen sein, die uns über uns hinaus wachsen lassen. Aber wir verarmten kreativ in unserem Gemeinwesen, in unserer Lebensfreude, wenn wir sie in die eine oder in die andere Richtung beschneiden wollten.

Entlarvt die Ideologen!

Und so wäre es auch an der Zeit, die rückwärtsgewandten Ideologen dort zu entlarven, wo sie wirklich zu finden sind: überall dort, wo soziale, ästhetische und politische Fragen als vermeintlich religiöse deklariert werden. Überall dort, wo Rassismus und Anti-Islamismus als Säkularisierung verklärt werden. Überall dort, wo christlicher Fundamentalismus als aufgeklärte Moderne ausgegeben wird. Überall dort, wo Rassismus als muslimische Selbstbestimmung verkleidet wird. Überall dort, wo Fragen der Integration, der Bildung, des Patriarchats, der sozialen Mobilität, der Anerkennung als angeblich religiöse Fragen ins Reich des Unbeantwortbaren abgeschoben werden. Die religiöse Lesart der Konflikte unserer Zeit kennzeichnet vor allem eine Verweigerungshaltung, uns mit ihnen auseinanderzusetzen und an einer Lösung zu arbeiten. Stattdessen ziehen wir uns auf unsere geliebten, vertrauten Gewissheiten zurück, loben die eigene Überlegenheit und schütteln den Kopf über die Unverständigkeit und Gewaltbereitschaft des anderen.

So aber erfüllen wir genau die perfiden Erwartungen der wirklich Gewaltbereiten und anverwandeln uns jenem verzerrten Bild, das die Fundamentalisten von uns zeichnen. Das jedoch wäre die eigentliche terroristische Bedrohung, möglicherweise nachhaltiger und gefährlicher als die traurigen Verluste unschuldigen Lebens, nämlich, dass es den Fanatikern gelungen sein könnte, uns im Kern unseres Selbstverständnisses zu treffen, und eine Reaktion zu provozieren, in der wir uns bar all jener demokratischen und liberalen Werte zeigen, die uns ursprünglich auszeichneten.

Dies jedoch ist eine Bedrohung, die wir innerhalb, nicht außerhalb unserer Kultur bekämpfen müssen.


SPIEGEL ONLINE - 24. September 2006
URL: http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,438714,00.html



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= Hass

... Baby mißbraucht als Selbstmordwaffe


Ernesto Cardenal : Zweierlei Maß



Ernesto Cardenal

Wenn George und Laura beten

FRAGEN EINES ZEITUNGSLESERS
Warum schützt der amerikanische Präsident den Terrorismus auf Kuba?

Der nikaraguanische Dichter und Priester Ernesto Cardenal - er war nach dem Sturz des Diktators Somoza 1979 viele Jahre Kulturminister des Landes - hat in einem Artikel für die in Managua erscheinende Zeitung El Nuevo Diario einige Fragen zur Politik Kubas und der Debatte darüber formuliert. Gemäß unserer Ankündigung aus der Vorwoche eröffnen wir damit eine Folge von Artikeln, die sich nicht nur der Lage des Karibikstaates widmen, sondern auch dessen Wahrnehmung unter Sympathisanten und Gegnern.

Niemand kann abstreiten, dass auf Kuba eine hohe Zahl von Gefangenen unter extrem harten Haftbedingungen leidet. Für die Gefangenen gibt es weder Tag noch Nacht, sie leben in vollständiger Finsternis, denn ihre Augen sind die ganze Zeit verbunden. Auch ihre Ohren wurden zugestopft, sie werden nun in einer fast absoluten Geräuschlosigkeit und in tiefem Schweigen gehalten. Ihnen wird jegliche Wahrnehmung über den Tastsinn verwehrt, denn ihre Hände sind mit einer Art von Handschuhen umhüllt. Es handelt sich um Hunderte von Gefangenen, deren Namen nicht bekannt gegeben wurden. Man weiß nicht, was ihnen vorgeworfen wird, sie sind nicht einmal vor Gericht gestellt, geschweige denn verurteilt worden - sie haben keinen Verteidiger und sitzen eine fristlose Strafe ab. Es handelt sich um Gefangene auf Kuba, die nicht auf Anordnung Fidel Castros festgehalten werden, es sind die Gefangenen vom Präsident Bush. Sie befinden sich in individuellen Käfigen, sind in rot gekleidet, wie wir alle gesehen haben, aber man weiß nichts über sie. Da sie die Gefangenen von Bush und nicht von Castro sind, schweigt die US-amerikanische Presse über sie. Ich frage mich, ob die Europäische Union wegen dieser Gefangenen auf Guantanamo protestierte. Haben die Europäer die USA dringend aufgefordert, diese Gefangenen frei zu lassen, wie sie von Kuba die sofortige Freilassung von 75 Gefangenen gefordert haben? Ich frage mich auch, ob man auf Kuba den Terrorismus schützt - und ich antworte mit einem eindeutigen ja. Auf Kuba schützt George Bush den Terrorismus durch ein Gesetz, das Ajuste Cubano - "Kubanische Anpassung" - heißt. Es handelt sich um ein Gesetz, das nicht kubanisch, sondern US-amerikanisch ist und ausschließlich auf Kuba Anwendung findet. Nach diesem Gesetz wird jemandem, der in den USA eintrifft, nachdem er/sie ein Flugzeug oder ein Schiff entführt hat, ipso facto eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erteilt und sofort ein Job besorgt. Normalerweise wird Kubanern kein Visum für eine Einreise in die USA gewährt, aber wenn sie es illegal versuchen, bekommen sie sogar eine Belohnung. Handelt es sich dabei um nicht eine Förderung des Terrorismus auf Kuba? Eine gängige Praxis der USA besteht darin, die Sprache zu manipulieren, indem bestimmte Wörter durch andere ersetzt werden. Das ist in der Tat eine dreiste Art zu lügen. So benutzen sie - zum Beispiel - das Wort libertar (befreien) anstatt des Wortes conquistar (erobern). Vor kurzem wurde ein Wörtchen ausgedacht, das nur für Kubaner Anwendung findet: disidentes (Dissidenten). Die eigentliche Bedeutung eines solchen Wortes ist disentir - anderer Meinung, nicht einverstanden sein. Aber das Wort disidentes verwenden die Amerikaner für diejenigen, die Verschwörungen organisieren, sich für Aufstände einsetzen und auf den Sturz der kubanischen Regierung zielen. Promover la transición - den Übergang zur Demokratie fördern - nennen sie es auch. Ich frage: Wer protestiert, wenn in irgendeinem anderen Land der Welt, das nicht Kuba ist, diejenigen gefangen genommen werden, die ihre Regierung stürzen wollen? Jüngst habe ich in einer Zeitung die Kritik an einer Entscheidung der kubanischen Regierung gelesen: Zwei chilenische Abgeordnete wollten sich im Rahmen eines offiziellen Besuches mit Dissidenten treffen. Man teilte ihnen mit, dass sie zu diesem Zweck als Touristen ins Land kommen könnten, aber nicht als offizielle Besucher. Ich frage: Würden die USA jemandem ein Visum erteilen, der es mit dem Anliegen beantragt, sich mit Dissidenten zu treffen? Ich habe auch gelesen, dass Präsident Bush einem der 75 dicidentes, die auf Kuba inhaftiert sind, einen Brief geschrieben hat, mit dem er ihm zu seinen Heldentaten gratulierte. Ist dies nicht eine Bestätigung der verbrecherischen Umsturzabsichten, die dem Kubaner vorgeworfen werden, wenn Kubas Feind Nummer 1 ihm gratuliert, obwohl er doch gerade schwer beschäftigt war, weil der Irak-Krieg auf Hochtouren lief? Etwas Unglaubliches kam in diesem Fall dazu: Der amerikanische Präsident teilte dem Kubaner mit, er und seine Ehefrau würden ihn in ihr Gebet einschließen - "Laura und ich beten weiter für Sie". Ich frage mich, wie es ankäme, wollte Fidel Castro jemandem, der in einem anderen Land wegen einer Verschwörung in Haft genommen ist, schreiben: er hätte für ihn gebetet. Mein Kommentar dazu: Wenn es um Gebete geht, würde ich eher dem Gebet von Castro als dem von Bush trauen. Meine erste Bemerkung zu dem ethischen Problem der Todesstrafe ist folgende: Es stimmt, dass in der Bibel das Gebot: DU SOLLST NICHT TÖTEN steht. Aber es stimmt auch, dass in derselben Bibel, in der dieses Gebot steht, minutiös beschrieben wird, wie die Todesstrafe angewendet werden muss bei demjenigen, der gegen das Gebot des Nichttötens verstoßen hat. Ich gehöre zu denen, die gegen die Todesstrafe sind oder genauer gesagt - ich gehöre zu denen, die es vorziehen, dass sie nicht angewendet wird. Und Fidel gehört zu denen, die so denken, wie er das in seiner Rede am 25. April erklärte, als er darstellte, warum die Todesstrafe ausnahmsweise gegen drei Kubaner verhängt wurde. Meine weitere Frage lautet: Wenn jemand - es könnte auch ein aufrichtiger Intellektueller aus der Europäischen Union sein - gegen die Hinrichtung dreier Menschen auf Kuba protestiert, die eine Entführung geplant hatten, sollte er nicht noch stärker gegen die 165 Hinrichtungen protestieren, die es in Texas gegeben hat, während Bush dort Gouverneur war? Ist es überhaupt ethisch, dass man vehement protestiert, wenn es um Kuba geht, aber überhaupt nicht protestiert, wenn es um die USA geht? Im Falle der USA kommt erschwerend hinzu, dass dort die allermeisten Hingerichteten Schwarze und in vielen Fällen sogar Minderjährige und psychisch Kranke sind. Nach dem Bericht von amnesty international gab es 2002 auf der Welt insgesamt 1.560 Hinrichtungen. Keine einzige auf Kuba. Wie viel Protest gab es wegen dieser 1.560 Hinrichtungen? Die drei Exekutionen auf Kuba und die Inhaftierung von 75 Menschen fanden unter sehr spezifischen Umständen statt und diejenigen, die ehrlich genug sind, können sie nicht ignorieren. Es handelt sich um ein Land, dem eine Invasion droht. Die Bush-Regierung hat in der Zeit, als sie Krieg gegen den Irak führte, vor der Presse erklärt, sie habe Kuba auf der Liste ihrer militärischen Ziele. Und die Kubaner, die gegen Castro sind, haben die Losung ausgegeben: Heute Irak, morgen Kuba.

Fidel Castro hat in der erwähnten Rede erklärt, in welcher gefährlichen Lage Kuba sei, und weshalb sich die Regierung gezwungen sah, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Ich wollte gern die Rede in Managua hören, doch war das unmöglich. Sie wurde per Satellit aus Havanna übertragen, aber von jemandem gestört. Können wir vermuten, dass es die nikaraguanische Regierung war, die jene Übertragung interferierte? Ist es nicht verwerflich, einem Menschen, der weltweit Schuldzuweisungen ausgesetzt ist, nicht zu erlauben, sich im internationalen Rundfunk zu verteidigen? Dieselben, die Kuba wegen fehlender Meinungsfreiheit verurteilen, haben die Satelliten-Übertragung der Rede seines Regierungschefs gestört. Und dieselben, die Kuba der Menschenrechtsverletzungen beschuldigen, haben zu jener Zeit im Irak eine der größten Menschenrechtsverletzung begangenen, die es in der Welt seit Hitlers Zeiten gegeben hat. Diejenigen, die Kuba wegen drei Hinrichtungen verurteilen, zerstören Bagdad, wie es seit der Invasion der Mongolen im 13. Jahrhundert nicht zerstört wurde. Sie erklären sogar, notfalls Gleiches anderen Ländern - einschließlich Kuba - anzutun. Meine Fragen sind einfach die eines Zeitungslesers.


Übersetzung: Margarita Bonilla Lück

aus http://www.freitag.de/2003/34/03340701.php
Leicht gekürzte Fassung aus El Nuevo Diario, 25. Juni 2003



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DREWERMANN ZUM IRAK



Warum Bush diesen Krieg führen muss


Interview Alexander Schwabe mit Eugen Drewermann
SPIEGEL - Online

Getrieben von Versager-Komplexen, gestärkt vom fundamentalistischen Gotteswahn: George Bush ist für den Psychoanalytiker und Theologen Eugen Drewermann besessen davon, einen noch besseren Krieg als sein Vater zu führen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE seziert Deutschlands umstrittenster Kirchenkritiker die Psyche des US-Präsidenten.

Eugen Drewermann, 63, ist der meistgelesene und umstrittenste deutsche Theologe. Von 1979 bis 1991 lehrte er an der katholisch-theologischen Fakultät in Paderborn Dogmatik. Dann wurde ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. Ein Jahr später wurde er vom Priesteramt suspendiert. Drewermann, der auch Psychoanalyse studiert hat, hat mehr als 70 Bücher veröffentlicht und betreibt eine psychoanalytische Praxis.

SPIEGEL ONLINE: Herr Drewermann, US-Präsident George W. Bush benutzt oft religiöse Vokabeln: Er spricht von der Achse des "Bösen", vom "Kreuzzug" gegen den Terror. Nach dem Absturz der Raumfähre "Columbia" zitierte er den Propheten Jesaja, häufig schließt er Reden mit der Formel: "Gott schütze Amerika". Ist Bush ein überzeugender Christ?
DREWERMANN: Seine Rhetorik verrät sein Bemühen, die Öffentlichkeit mit religiösen Vorstellungen von seiner Art der Machtausübung zu überzeugen, insbesondere von den monumentalen Möglichkeiten eines Kreuzzuges gegen das Böse.
SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat die Einteilung der Menschheit in Gut und Böse?
DREWERMANN: Eine solche bipolare Betrachtungsweise der Geschichte ist ideologisch außerordentlich gefährlich und psychologisch geradezu blind. Man bedient sich der Mythen des persischen Dualismus zur Begründung einer absoluten Skrupellosigkeit. Merkt man denn nicht, dass man alles, was man böse nennt, längst in die eigene Praxis übernommen hat?
SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie etwa Saddam Hussein und George W. Bush gleichsetzen?
DREWERMANN: Wer wie Bush gegen den Terrorismus kämpft, potenziert das Unheil. Die Amerikaner sollten der Welt ein Beispiel geben für effektive Abrüstung, und sie sollten die Unsummen von Geld, das sie in den Krieg investieren, einsetzen zum Kampf gegen die Gründe des Krieges. Die Amerikaner haben ihre Ausgaben zur Bekämpfung der Armut in der Welt gerade auf 1,7 Milliarden Dollar reduziert. Das ist nicht einmal so viel, wie sie in zwei Tagen fürs Militär ausgeben.
SPIEGEL ONLINE: Sie halten Bush offenbar eher für einen Verbrecher als für einen Anhänger Jesus von Nazarets.
DREWERMANN: Wer aus dem Neuen Testament die Pflicht zum Präventivkrieg herausliest, wer aus der Bergpredigt die Legitimation nimmt, Hunderttausende Menschen mutwillig zu töten, hat entweder das Christentum nicht verstanden, oder er entfernt sich mit Siebenmeilenstiefeln davon. Man kann nicht über Leichen gehen, wenn man den Weg Christi gehen will.
SPIEGEL ONLINE: Warum benutzt Bush dennoch religiöse Sprache?
DREWERMANN: Es geht darum, die Stimmen aus dem amerikanischen Bibelgürtel zu gewinnen. Sie sind das religiöse Zünglein an der Waage. Inzwischen ist es üblich, sich als Präsident mit der Aura der Gotterwähltheit darzustellen. Damit verbunden ist die Stilisierung der USA als "God's own country". Man lebt dort in dem Wahn, als große Nation von Gott für die Lenkung der Weltgeschicke eine besondere missionarische Berufung zu besitzen.
SPIEGEL ONLINE: Rührt daher die Intoleranz der amerikanischen Regierung gegenüber der deutschen Haltung im Irak-Konflikt?
DREWERMANN: Bush verschiebt den religiösen Absolutheitsanspruch auf machtpolitische, geostrategische und wirtschaftliche Ziele. Daher seine Haltung: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. In diesen Zusammenhang muss man die unglaubliche Hybris einordnen, mit der Bush sich weigert, einem ihm nicht wie ein Hund nach dem Stöckchen springenden Bundeskanzler auch nur die Hand zu geben. Über einen derartig chauvinistischen, schein-religiös motivierten Allseligkeitsanspruch kann man nur erschrecken.
SPIEGEL ONLINE: Ist diese Haltung der amerikanischen Regierung allein auf Bush zurückzuführen?
DREWERMANN: In gewissem Sinne ist Bush Opfer einer Geisteshaltung, die bei den Evangelikalen, den Rechten und den Fundamentalisten christlicher Prägung außerordentlich tief geht. Darüber hinaus hat er sich mit einer Ministerriege aus der Zeit des Golfkrieges seines Vaters umgeben. Sein Vize Dick Cheney ist mit dem Öl-Ausrüster Halliburton zum Großlieferant fürs Pentagon aufgestiegen, Colin Powell erscheint zwar moderat, war aber in Wirklichkeit nie etwas anderes, als der jeweiligen Macht untertan. Condoleezza Rice ist eine absolut ehrgeizige Dame und predigt nichts als Krieg. Paul Wolfowitz beglückt die Welt mit der Vorstellung, dass ein Krieg im Irak weltweit Wohlstand, Demokratie und Menschenrechte bringen werde.
SPIEGEL ONLINE: Wenn fundamentalistische Positionen bei Bush anschlagen, wie ist seine Psyche gestrickt?
DREWERMANN: Psychoanalytisch dürfen wir annehmen, dass sich die religiöse Grundeinstellung nach den verinnerlichten Werten der Eltern richtet. Bush senior hatte schon im ersten Krieg gegen den Irak 1991 gesagt, der Ausgang des Krieges könne nur der Sieg des Guten sein. Dieser Sieg des Guten hat im Irak allein mehr als 200.000 Menschen das Leben gekostet und Hunderttausende zu Krüppeln gemacht. Die Embargopolitik hat mehr als eine Million Menschen in den Tod gedrückt. Wie kann man das Wort "gut" auf eine derart grausame Weise intonieren?
SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie allen Ernstes behaupten, Bushs Irak-Politik sei eine Synthese aus Vaterkomplex und religiösem Fundamentalismus?
DREWERMANN: Die religiöse Komponente kann sich mit der Beendigung seiner Alkoholismus-Probleme verbunden haben. Alkoholiker kompensieren schwere Minderwertigkeitskomplexe - Bush galt über Jahre als der Versager der Familie - durch die Droge und durch Loyalität und Jovialität. Trocken geworden, als Bekehrte sozusagen, strengen sie sich dann an, die verinnerlichten Maßstäbe ihres Über-Ichs perfekt zu erfüllen. Für George W. verschmelzen Gott und sein Vater zu dem Auftrag, einen noch größeren und noch besseren Krieg zu führen als der eigene Vater - mit dem Beistand des Vaters im Himmel. Das alles ist eine Verzahnung aus individueller Neurose und sozialpsychologischem Wahn: ein Überbietungssyndrom und eine Weltbeglückungskomponente.
SPIEGEL ONLINE: Besteht Hoffnung, dass sich der Präsident aus dieser Verfangenheit befreien kann?
DREWERMANN: Man müsste mit dem potenziellen Gegner, dem Irak, reden und gemeinsam Wege aus der Krise suchen. Das versuchen die Europäer. Doch Bush - im Alleinbesitz von Weisheit und Macht - verweigert dies der Welt. Er ist die einstudierte Sprechpuppe des Pentagons und der Ölindustrie.
SPIEGEL ONLINE: Sie bezeichneten Krieg einmal als eine Krankheit. Sitzt der Infektionsherd in Washington oder in Bagdad?
DREWERMANN: Der Infektionsherd sitzt in jedem, der glaubt, Probleme mit Gewalt lösen zu können. Der Krieg ist das Resultat der Wahnidee, dass man aus den Mündungsrohren der furchtbareren Kanonen und der effizienteren Raketensilos Recht herbeibomben könnte. Der Krieg ist das Scheitern, Menschen gerecht zu werden.
SPIEGEL ONLINE: Ein Scheitern, zu dem Saddam Hussein wesentlich beiträgt.
DREWERMANN: Der Irak stellt keine wirkliche Gefahr dar. Das Gerede vom Besitz der Atomwaffen wird nicht einmal mehr von Condoleezza Rice aufgelegt, simpel, weil es nicht stimmt. Die chemischen Waffen haben nach Auskunft von Scott Ritter, der bis 1998 die Waffenkontrollen im Irak geleitet hat, eine Verfallszeit von fünf Jahren. Das heißt, es gibt solche Bestände nicht mehr. Es sei denn, sie wären in der Zwischenzeit unter dem außerordentlich strengen Auge der amerikanischen Kontrollen nachgerüstet worden. Dafür gibt es definitiv nicht den geringsten Beweis. Die Amerikaner haben selbst behauptet, alles, was sich auf dem Boden bewegt, könnten sie sehen - und zerstören.
SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie zu ihrer optimistischen Einschätzung? Im Irak werden angeblich 8500 Liter Anthrax versteckt.
DREWERMANN: Kein Geringerer als Donald Rumsfeld hat den Irak 1983 in den Besitz der Milzbranderreger gebracht, als er Saddam Hussein als Kettenhund gegen die Ajatollahs im Iran scharf machen wollte. Rings um den Irak herum existiert übrigens kaum ein Staat, der nicht über solche Mittel verfügt.
SPIEGEL ONLINE: Das macht den Irak nicht besser.
DREWERMANN: Man kann aber nicht einen Staat einseitig abrüsten wollen, wenn man mit dem Faktor eins zu tausend all das im eigenen Arsenal hält, was man beim anderen abschaffen will. Der Irak ist im Vergleich zu anderen aufgerüsteten Staaten wie eine Ratte gegenüber einem Elefanten.
SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie keinen Unterschied darin, dass die USA demokratisch konstituiert sind, im Irak aber ein Diktator herrscht? Drewermann: Der Unterschied wird immer hinfälliger. In den USA können Sie sich die Macht kaufen. Mit der Folge, dass Bush nun den Interessen der Rüstungs- und Erdölindustrie huldigen muss, von denen er gesponsert wurde. Wir haben keine Demokratie, sondern eine Plutokratie in den Vereinigten Staaten. Der Wahlkampf ist daher eine inhaltsleere Propagandashow. Ein Großteil der Amerikaner bleibt selbst der Präsidentenwahl fern.
SPIEGEL ONLINE: Seit dem 11. September ist den meisten Amerikanern zumindest die Sicherheitspolitik nicht gleichgültig.
DREWERMANN: Es ist vor allem die Angst, die die Amerikaner dazu bringt, sich hinter ihrem Präsidenten zu scharen. Es gibt keine Medien mehr, die das amerikanische Volk objektiv informieren könnten. Die Regierung ist inzwischen so zynisch, die Medien in die propagandistische Kriegführung einbinden zu wollen.
SPIEGEL ONLINE: Noch gibt es aber eine garantierte Freiheit der Presse.
DREWERMANN: Nur nominell. De facto erleben sie die Pressefreiheit doch so, dass die Medien von den 25.000 Menschen der amerikanischen Friedensbewegung, die vor dem Weißen Haus gegen den Krieg demonstrieren, kaum noch Notiz nehmen. Kritische Stimmen wie Gore Vidal, Noam Chomsky oder Howard Zinn können schreiben oder sagen, was sie wollen, sie haben keine Resonanz in den Medien. Auch in Deutschland wird es immer schwieriger, eine kriegskritische Meinung offen zu äußern, obwohl die Regierung sich gegen eine Beteiligung am Irak-Krieg ausgesprochen hat.

Das Gespräch führte Alexander Schwabe, Feb.2003



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DIE LÜGNER



DIRTY TRICKS
Wenn Kriegsgründe erfunden werden


Von Jochen Bölsche - SPIEGEL Online

Von der Emser Depesche bis zum Hufeisenplan, vom erstunkenen
Tonkin-Zwischenfall bis zum erlogenen Babymord - immer wieder haben auch
deutsche und amerikanische Militärs mit Propagandalügen und Provokationen
die Kriegslust im eigenen Land zu schüren versucht. Derzeit, argwöhnen
US-Friedenskämpfer, arbeiteten Bushs Psychokrieger an einem "neuen
Tonkin".

Wann immer es der Regierung Bush in den letzten Monaten darum ging, die
Welt von der Notwendigkeit eines US-Angriffskriegs auf den Irak zu
überzeugen, zählte ein General namens Hussein Kamal zu den meistzitierten
Zeugen.
Erst nachdem der Ex-Schwiegersohn Saddam Husseins, oberster Chef der
irakischen Rüstungsindustrie, 1995 nach Jordanien übergelaufen sei und
ausgepackt habe, sei das Regime in Bagdad bereit gewesen, "die Produktion
von über 30 000 Litern Anthrax und anderer tödlicher B-Waffen-Stoffe
zuzugeben", sagte Präsident George W. Bush im Oktober vorigen Jahres in
einer Rede, um die Heimtücke des Schurkenstaates zu belegen.
Bushs Außenminister Colin Powell zitierte den Überläufer noch am 5.
Februar dieses Jahres vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, um
Saddams Gier nach Massenvernichtungsmitteln und die Unfähigkeit der
UN-Inspektoren anzuprangern.
"Der Irak benötigte Jahre, um endlich die Produktion von vier Tonnen des
tödlichen Nervengases VX zuzugeben," erklärte Powell. "Das Eingeständnis
erfolgte erst, nachdem den Inspektoren auf Grund der Aussagen des
geflohenen Kamal Hussein bestimmte Dokumente in die Hände gefallen waren."

Kriegspropaganda mit verfälschten Aussagen
Seit einigen Tagen ist alles ganz anders: Bushs Kronzeuge Kamal - der
sofort ermordet wurde, nachdem der Tyrann von Bagdad ihn 1996 mit einer
Amnestiegarantie zur Rückkehr in den Irak gelockt hatte - dient jetzt der
US-Friedensbewegung als Kronzeuge gegen Bush.
Die Art und Weise, wie Washington in den letzten Wochen mit Kamals
Aussagen operiert hat, verstärkt amerikanische Pazifisten und Publizisten
in dem Verdacht, die Falken im Weißen Haus wollten das amerikanische Volk
mit gezielt verbreiteten Falschinformationen in den Krieg gegen den Irak
hetzen.

Denn wie das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" in seiner Ausgabe vom 3.
März enthüllte, haben die Bushisten, die sich so lange und so gern auf
Kamal beriefen, einen wesentlichen Teil der Aussagen unterschlagen, die
der Überläufer 1995 in einer dreistündigen Unterredung mit den
UN-Inspektoren gemacht hat.
"Ich habe die Zerstörung aller chemischen Waffen befohlen. Alle Waffen -
biologische, chemische, Trägerraketen, nukleare - sind zerstört worden,"
hatte Kamal in seiner Vernehmung erklärt.
Lediglich Bauanleitungen seien archiviert worden, heisst es in dem von
"Newsweek" überprüften und zitierten Protokoll, das, wie das Magazin
herausfand, auch amerikanischen und britischen Geheimdiensten zuging (und
dessen voller Wortlaut neuerdings auch im Internet verfügbar ist).

Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst
Dass die US-Regierung die Kernaussage ihres Starzeugen jahrelang der
Öffentlichkeit verschwiegen habe, sei der dickste Hund ("the biggest
story") seit Beginn der Irakkrise, kommentieren die Medienwächter von der
New Yorker Bürgerinitiative FAIR ("Fairness & Accuracy In Reporting").
Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst - diese alte Erfahrung sehen die
amerikanischen Bush-Kritiker durch die regierungsamtliche Verfälschung der
Kamal-Aussage aufs Neue bestätigt.
Warum die Hardliner in Washington zu derartigen Methoden greifen, ist
nachvollziehbar.
Schon vor mehr als zehn Jahren ersehnten die Bushisten und ihre Vordenker
in den rechten, von Öl- und Rüstungskonzernen geförderten "Think Tanks"
eine auf Dauer angelegte Vorherrschaft Amerikas über Eurasien -
insbesondere mehr Einfluss auf Afghanistan ("das Cockpit Asiens") und
einen Zugriff auf den Irak, eines der rohstoffreichsten Länder der Erde
(siehe Folge 8 dieser Serie).
Spekulationen über ein "neues Pearl Harbour"
Um für solche kühnen Unternehmungen gerüstet zu sein, verlangte die
Lobby-Organisation "Project for the New American Century" (PNAC) eine -zig
Milliarden Dollar teure "Transformation" des US-Militärs in eine jederzeit
global einsetzbare Kriegsmaschinerie. "Dieser Umwandlungsprozess wird
wahrscheinlich sehr lange dauern," hiess es noch in einem
PNAC-Strategiepapier aus dem September 2000, "es sei denn, ein
katastrophales Ereignis tritt ein, das als Katalysator dient - wie ein
neues Pearl Habour".
Kurz nachdem das katastrophale Ereignis - am 11. September 2001 -
eingetreten war, sah Bush den rechten Zeitpunkt gekommen. Wenig später
ordnete er per geheimem Exekutivbefehl nicht nur den Kreuzzug gegen den
Terrorismus an, sondern auch die Erarbeitung von Plänen für einen
Irakkrieg.
Doch der Präsident hatte die Rechnung ohne die Öffentlichkeit gemacht. So
bereitwillig die Amerikaner und ihre Verbündeten dem Präsidenten in seinen
"Krieg gegen den Terrorismus" und auch in den Feldzug gegen das
afghanische Taliban-Regime folgten, so schwierig war es, dem gemeinen Volk
rasch auch noch die Notwendigkeit eines so genannten Präventivkrieges
gegen den Irak zu vermitteln.
Die CIA widerlegt das Weiße Haus

Erst vorigen Monat beklagte der New Yorker Kolumnist (und
Kriegsbefürworter) Thomas Friedman: "Ich hatte seit September die
Möglichkeit, durch das ganze Land zu reisen, und kann mit Bestimmtheit
sagen, dass ich nicht ein einziges Mal zu einem Publikum sprach, von dem
ich den Eindruck hatte, es sei mehrheitlich für den Krieg im Irak."
Dabei hatte Bushs Regierung schon gleich nach dem 11. September 2001 die
Version verbreitet, die Attentäter seien vom Irak unterstützt worden.
Viele Amerikaner allerdings glaubten offenbar eher der CIA, die Bush
öffentlich widersprach: Sie sehe keine Verbindung zwischen Saddam und der
al-Qaida.
Ebenso rasch platzte die von Washington zunächst lancierte Lesart, die
mysteriösen Anthrax-Briefe, die im Herbst 2001 für Panik in der
Bevölkerung sorgten, seien im Auftrage des Irak verschickt worden.
FBI-Ermittler stießen auf eine ganz andere Spur: Die tödlichen Sporen
stammten mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem US-Militärlabor.
Ein Phantom, das "Mr. Anthrax" heißt
Ins Visier geriet ein amerikanischer Biowissenschaftler mit intensiven
CIA-Kontakten und einem denkbar dubiosen Lebenslauf: Angehöriger einer
Killertruppe im einstigen Rassistenstaat Rhodesien; Bioforscher im Auftrag
des südafrikanischen Apartheid-Regimes; ABC-Waffen-Inspektor der UN im
Irak; Wissenschaftler in der Biowaffen-Forschung; Reisender in geheimer
US-Mission in Zentralasien.
Als die Ermittlungen voriges Jahr ins Stocken zu geraten schienen,
kommentierte die "New York Times": Wäre der Mann ein Araber, "wäre er
längst verhaftet. Aber es handelt sich um einen blauäugigen Amerikaner mit
Verbindung zum Pentagon, zur CIA und zum Bioabwehrprogramm."
Und auch die Hamburger "Zeit" argwöhnte: "Gibt es eine Macht, die will,
dass Mr. Anthrax ein Phantom bleibt?... Haben die Anthrax-Anschläge etwas
mit den Geheimnissen der amerikanischen Regierung zu tun?"

Während es um den mysteriösen "Mr. Anthrax" seltsam still wurde, widmeten
sich Washingtons Kriegspropagandisten um so intensiver der Behauptung,
Saddam Hussein bedrohe die USA mit Massenvernichtungswaffen.
Peinlich, dass die CIA dieser Behauptung schon im Juli vorigen Jahres
widersprach: Der Irak stelle in "absehbarer Zukunft" keine unmittelbare
Gefahr für die Vereinigten Staaten dar; ein Irakkrieg jedoch würde das
Terror-Risiko in den USA deutlich erhöhen - Einschätzungen, mit denen sich
der Geheimdienst prompt den Zorn der Washingtoner Bellizisten zuzog.
Rüge vom "Fürsten der Finsternis"
Oberfalke und PNAC-Stratege Richard Perle - der stolz darauf ist, von
Friedenskämpfern als "Fürst der Finsternis" tituliert zu werden - rügte
die CIA, sie versage in Sachen Irak. Pentagon-Chef Donald Rumsfeld
schäumte, der Dienst sei "kurzsichtig".
Letzte Woche kündigte Rumsfeld den Aufbau einer weiteren Agententruppe an
- zusätzlich zu den bereits bestehenden 14 US-Geheimdiensten. Die Spione
sollen dem Verteidigungsministerium direkt unterstellt sein und "origineller" denken als die CIA.
Obwohl Rumsfeld wiederholt die Vorlage von "Beweisen" für das
Vorhandensein von ABC-Waffen angekündigt hat, fehlt es bis heute an
völkerrechtlich relevanten Belegen, die einen Krieg rechtfertigen würden.
In der Bundesrepublik, kommentierte die "Süddeutsche Zeitung", würde
Material von solcher Qualität nicht einmal zur Verurteilung eines
"Hühnerdiebes" ausreichen.
Rumsfeld reagierte auf Kritik schlicht mit der Forderung nach einer Umkehr
der Beweislast ("Das Fehlen von Beweisen ist kein Beweis für das Fehlen
von Massenvernichtungswaffen") - und, ebenso wie Bush, mit sinnentstellend
verkürzten Zitaten aus dem Kamal-Protokoll.

Als der Trick vorige Woche aufflog, war in der US-Friedensbewegung
sogleich von einem "neuen Tonkin" die Rede.
Am Beginn des Vietnamkriegs stand eine Lüge
Tonkin - dieser Terminus steht nicht nur in den USA für den Versuch, den
Gegner durch Intrigen zum Erstschlag zu provozieren, einen Angriffskrieg
als Verteidigung zu tarnen oder das eigene Volk durch Gräuelmärchen in
eine Schlacht zu hetzen.
Die Tonkin-Lüge stand am Beginn des Vietnamkrieges in Südostasien:
Berichte über einen (in Wahrheit nicht erfolgten) Überfall
nordvietnamesischer Boote auf den US-Zerstörer "Maddox" im Golf von Tonkin
nahm US-Präsident Lyndon B. Johnson 1964 zum Anlass, sich vom Kongress zu
einer lange vorbereiteten Serie von Luftschlägen gegen Vietnam ermächtigen
zu lassen - Auftakt zu einer mörderischen Völkerschlacht.
Kriegslisten dieser Art sind so alt wie die Menschheit. Und sie sind auch
den Deutschen auf verhängnisvolle Weise vertraut.
Otto von Bismarck veröffentlichte 1870 die berüchtigte "Emser Depesche"
von Kaiser Wilhelm I. in einer derart verstümmelten Fassung, dass Napoleon
III. sie als Kriegserklärung wertete - und selber eine abgab. Adolf Hitler
liess 1939 einen polnischen Angriff auf den Reichssender Gleiwitz
vortäuschen, um mitteilen zu können: "Seit 5.45 Uhr wird
zurückgeschossen." Rudolf Scharping förderte 1999 die
Kosovo-Kriegsbereitschaft der Deutschen mit einem angeblichen
"Hufeisenplan", der sich als Fälschung erwies.
"Die Geheimoperation war eine exzellente Idee"
Die Amerikaner stehen den Deutschen auf diesem Gebiet kaum nach. So
bekennt der einstige CIA-Direktor Robert Gates in seinen Memoiren, dass
die USA im Sommer 1979 mit verdeckten Hilfsaktionen für islamische
Untergrundkämpfer die Sowjetunion zur Intervention in Afghanistan
provoziert zu haben.
"Die Geheimoperation war eine exzellente Idee," erklärte der vormalige
US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski Jahre später in einem Interview,
"sie hatte den Effekt, die Russen in die afghanische Falle zu locken." Als
die Sowjets einmarschiert seien, so Brzezinski im "Nouvel Observateur",
habe er an Präsident Carter geschrieben, nun hätten auch die Russen "ihren
Vietnamkrieg". Und tatsächlich habe der zermürbende Krieg am Ende "zur
Demoralisierung und zum Zusammenbruch" des Sowjetreichs geführt.
Gut zehn Jahre nach der "covert operation" in Afghanistan - bei der die
Amerikaner die Vorläufer der WTC-Terroristen bewaffneten, munitionierten
und instrumentalisierten - begleiteten schmutzige Propagandatricks den
Golfkrieg.

Babymorde, von PR-Agenten erfunden
Unvergessen sind in den USA die TV-Bilder von jener angeblichen
Krankenschwester, die unter Tränen irakische Soldaten beschuldigte,
Brutkästen geöffnet und kuweitische Säuglinge massakriert zu haben. Die
Lüge hatte kurze Beine: Eine PR-Agentur aus dem Umfeld der
neokonservativen Think Tanks hatte die Geschichte frei erfunden. In die
Rolle der Krankenschwester war die Tochter des Botschafters von Kuweit
geschlüpft.
Als Washington nach den WTC-Anschlägen erklärte, im Krieg gegen den
Terrorismus sei die Waffe der Desinformation unverzichtbar, stieg in einem
Teil der US-Gesellschaft das Misstrauen in die Regierenden schlagartig an.

Bei manchem wuchsen sich die Zweifel an der Wahrheitstreue Washingtons zur
Paranoia aus. Andere Bürger hingegen legen seither eine bemerkenswerte
Wachsamkeit an den Tag.

Besonders mißtrauisch beäugen US-Friedensfreunde seit langem das wohl
merkwürdigste territoriale Konstrukt der Welt: die beiden Flugverbotszonen
im Norden und im Süden des Irak. Dort, wo amerikanische und britische
Maschinen unablässig irakisches Territorium kontrollieren und
bombardieren, so fürchteten sie schon voriges Jahr, könnten sich schon
bald Dinge ereignen, die den Persischen Golf in einen "Tonkin-Golf"
verwandeln würden.
Die "no-fly zones" (NFZ) waren nach dem Golfkrieg, 1991 und 1992, von den
westlichen Siegermächten eingerichtet worden. Weil keine eindeutige
Zustimmung der Uno vorlag, nannte die "New York Times" diesen Schritt
"vermutlich unklug und womöglich illegal".
"Hidden trigger" in der Wüste?
Die Zweifel von damals sind vergessen, Amerikaner und Briten reklamieren
für ihre Präsenz in den NFZ mittlerweile das Gewohnheitsrecht.
US-Oppositionsblätter wie das liberale Magazin "The American Prospect"
wiederum sehen in den verbotenen Wüstenzonen einen verborgenen Auslöser
("hidden trigger") für einen möglichen Krieg.
Schüsse auf amerikanische oder britische Militärmaschinen in den NFZ,
betonen Washingtoner Regierungssprecher, würden als ernsthafte Verletzung
einschlägiger UN-Resolutionen angesehen - als casus belli. Damit aber,
argumentiert "Prospect"-Kolumnist Robert Dreyfuss, hätten es die auf einen
Angriff erpichten amerikanischen Strategen in der Hand, jederzeit einen
Kriegsanlass zu provozieren oder vorzutäuschen. Absurd?
Kaum einem gesunden Hirn würden solche Gedanken entspringen - wenn, ja
wenn nicht Pläne für eine Geheimoperation mit dem Codenamen "Northwoods"
existierten, die 1962 entwickelt wurden und gespenstische Einblicke in die
menschenverachtende Mentalität der höchsten US-Militärs jener Jahre geben.

"Wir könnten ein US-Schiff in die Luft jagen"
Die "Top secret" gestempelten Dokumente, die mittlerweile auf Grund eines
Kongressbeschlusses freigegeben und voriges Jahr erstmals veröffentlicht
worden sind, hatte der Chef des Vereinigten Generalstabs in Washington,
General Lyman L. Lemnitzer, ausarbeiten lassen. Darin aufgeführt sind
seitenweise Vorschläge für dirty tricks, von deren Ausführung sich die
Militärs öffentliche Unterstützung für einen zeitweise geplanten
US-Überfall auf das kommunistische Kuba versprachen.
Die schriftlich niedergelegten Ideen der Top-Militärs reichen von der
Ermordung unschuldiger Bewohner von US-Städten bis hin zu vorgetäuschten
Anschlägen auf US-Kriegsschiffe, die Fidel Castro in die Schuhe geschoben
werden sollten: "Wir könnten ein US-Schiff in der Bucht von Guantanamo in
die Luft jagen und Kuba beschuldigen," heisst es da, und: "Die Listen der
Todesopfer in den US-Zeitungen würden eine hilfreiche Welle nationaler
Empörung auslösen."
Auch Flugzeugentführungen und Bombenattentate in US-Großstädten wurden in
Erwägung gezogen, um "die kubanische Regierung vor den Augen der
internationalen Öffentlichkeit so darzustellen, dass sie ... als
alarmierende und unkalkulierbare Bedrohung für den Frieden der westlichen
Hemisphäre erscheint".
Ein toter Astronaut als Kriegsvorwand
Detailliert ist in den "Northwoods"-Papieren auch dargestellt, wie sich
mit Hilfe raffiniert gestalteter Flugrouten, gefälschter Kennzeichen und
präparierter Wracktrümmer der Eindruck erwecken lässt, ein US-Flugzeug sei
durch kubanisches Militär abgeschossen worden.
Sogar für einen möglichen Tod des Astronauten John Glenn wollten die
Militärplaner Kuba verantwortlich machen: Sollte beim ersten Versuch der
USA, einen Menschen ins All zu befördern, die Rakete explodieren, könne
das Unglück kubanischen Saboteuren angelastet und als Vorwand für einen
Krieg genutzt werden.
Als die Papiere voriges Jahr durch den Buchautor James Bamford ("Body of
Secrets") und den TV-Sender ABC bekannt wurden, vernahm die Öffentlichkeit
erleichtert, dass der einstige Präsident John F. Kennedy die Umsetzung der
"Northwoods"-Pläne abgelehnt habe.
Erst "top secret", jetzt im Internet
Zwei Jahre später allerdings startete Kennedy-Nachfolger Johnson die
Tonkin-Intrige, womöglich nach einem ganz ähnlichen Drehbuch.
Mittlerweile stehen die Faksimiles der "Northwoods"-Akte also im Internet
- gleichsam als ein virtuelles Mahnmal, das daran erinnert, zu welchen
Teufeleien selbst in der grössten Demokratie der Welt Obskuranten in
Uniform fähig sein können, sofern nicht im Weißen Haus ein Mann mit einem
Minimum an Anstand sitzt, der sie bremst.


AUS SPIEGEL-ONLINE



Nachtrag:

«Die angeblichen amerikanischen Beweise über irakische Massenvernichtungswaffen und deren Verstecke sind nach Aussage zweier Uno-Waffenkontrolleure zum großen Teil falsch gewesen. In einem Fernsehinterview machten die beiden den USA jetzt schwere Vorwürfe, die mit diesen Beweisen den Krieg gegen Saddam Hussein gerechtfertigt hatten.»

Spiegel-Online, 14.4.2003


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Ursachen des Terrors? :



Armut und Unterdrückung




Macht und Ohnmacht...



Hass auf die Unterdrücker und Ausbeuter ...
überall das gleiche Schema ...
wir überwinden es nur wenn wir überall Bedingungen schaffen,
dass ALLE menschenwürdig leben können ...
Aber das scheint das "Nadelöhr" zu sein,
durch das wir als «Erste Welt» nicht hindurchkommen ...
und so schaufeln wir unser eigenes Grab ...



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Es ist Krieg im Heiligen Land


LEBEN IN ISRAEL
Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner schaut hin

Von Henryk M. Broder


Wird das Haus noch stehen, wenn ich zurück komme? Wird die Schule der Kinder heute explodieren? Wird es nachts wieder Sirenengeheul geben?
Könnten Sie so leben?
Seit Jahren ertragen die Menschen im israelischen Sderot diesen Terror - ohne Hoffnung auf Besserung.


Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer Kleinstadt, sagen wir in Nordhorn, stehen jeden morgen auf, bringen Ihre Kinder zur Schule, fahren zur Arbeit - und wissen nicht, ob das Haus, in dem Sie leben, am Abend noch bewohnbar ist. Oder ob die Schule, in der Sie Ihre Kinder abgesetzt haben, im Laufe des Tages von einer Rakete getroffen wurde.
Sie überlegen sich zweimal, bevor Sie auf den Markt oder in ein Café gehen; aber auch Daheim sind Sie nicht sicher, es sei denn, Sie leben in einem fensterlosen Bunker. Nachts werden Sie vom schrillen Ton der Alarmsirenen wach, dann haben Sie ein paar Sekunden Zeit, einen "geschützten Raum" auf der anderen Straßenseite aufzusuchen. Sie leiden ständig unter Schlafstörungen, ihre Kinder können sich im Unterricht nicht konzentrieren. So geht das schon seit Jahren, tagaus, tagein - weil irgendwelche Irren im holländischen Hengelo Raketen auf Nordhorn abfeuern.

Die Situation besteht seit sechs Jahren
Auch die Behörden in Hengelo können oder wollen nichts unternehmen, die Raketen werden von mobilen Rampen abgefeuert, die leicht aufzubauen und schwer zu lokalisieren sind. Oft stehen sie mitten in Wohngebieten.
So was gibt es nicht, werden Sie sagen, so was Absurdes kann es nicht geben. Jedenfalls nicht zwischen Nordhorn und Hengelo. Stimmt. Aber es ist genau die Situation, in der die Bürger von Sderot seit sechs Jahren leben.
Sderot ist eine israelische Kleinstadt, 70 Kilometer südlich von Tel Aviv und 40 Kilometer nördlich von Beer-Scheva. Sderot liegt nicht in den "besetzten Gebieten", sondern mitten in Israel in den Grenzen von 1967. Sderot wurde nicht auf den Ruinen eines palästinensischen Dorfes erbaut, sondern Anfang der 50er Jahre aus dem Wüstenboden gestampft.
In Sderot leben vor allem Einwanderer aus Nordafrika und der ehemaligen Sowjetunion, die sich eine Wohnung in Tel Aviv oder Jerusalem nicht leisten können. Das Leben in Sderot ist preiswert, aber auch gefährlich. Denn gleich nebenan ist Gaza. Und obwohl der Gaza-Streifen von den Israelis im Sommer 2005 komplett geräumt wurde, wird die Gegend um Sderot jeden Tag von Gaza aus mit "Kassam"-Raketen beschossen. Allein am vergangenen Mittwoch wurden mindestens 18 Einschläge gezählt. Dass dabei nur eine Wohnung zerstört und nur eine Frau verletzt wurde, ist allein dem glücklichen Zufall zu verdanken.

Hauptsache, es kracht
Dennoch kommt Sderot in den Nachrichten so gut wie nicht vor - es sei denn, eine Kassam-Rakete richtet mehr als nur "Sachschaden" an. Wobei regelmäßig hinzugefügt wird, die Kassam-Raketen seien "primitiv" und "selbst gebaut", als würde es sich nicht um fliegende Bomben von immerhin 15 bis 20 Kilometer Reichweite handeln, sondern um Feuerwerkskörper, die gleich nach der Zündung verpuffen.
Sie werden sich nun fragen, was die Terroristen mit ihren Aktionen erreichen wollen. Soll Sderot geräumt werden? Das wird natürlich nicht passieren. Soll Israel zu Verhandlungen mit den Palästinensern gezwungen werden? Die finden bereits statt. Diejenigen, die in Gaza das Sagen haben, ob es nun die Hamas, der Jihad oder andere sind, wollen nur eines: Israel zu einem massiven Gegenschlag provozieren, um sich hinterher als die Opfer einer Aggression darstellen zu können.
Den Terroristen sind nicht nur die Leiden der Israelis sondern auch die der eigenen Bevölkerung völlig egal. Hauptsache, es kracht. Für alles Übrige sind die PR-Agenturen und die Uno zuständig.

Nicht einmal solidarische Lippenbekenntisse
In Deutschland, wo man bei jeder Gelegenheit die "besondere deutsche Verantwortung" für Israel betont, die ihren Ursprung in der Geschichte hat, gibt es nur eine einzige Gemeinde, die eine Städtepartnerschaft mit Sderot unterhält: Es ist der Berliner Bezirk Zehlendorf. Ansonsten gibt es nicht einmal solidarische Lippenbekenntnisse.
Haben sich vor dem Ausbruch des Irak-Krieges zahlreiche deutsche Friedensfreunde als "menschliche Schutzschilder" gegen amerikanische Bomben auf den Weg in das Krisengebiet gemacht, so bleiben sie nun lieber zu Hause, um sich mit der Hamas und der Hisbollah zu solidarisieren.
Konstantin Wecker, der im Januar 2003 nach Bagdad reiste, um dort ein Solidaritätskonzert zu geben, plant keinen Besuch in Sderot. Die Osnabrücker Symphoniker, die im August dieses Jahres in Teheran zwei Konzerte gaben, um den "kulturellen Dialog" zwischen der Bundesrepublik und der Islamischen Republik Iran zu fördern, würden ihre wertvollen Instrumente nicht riskieren, um den Einwohnern von Sderot eine musikalische Freude zu bereiten.

Köhler besuchte Sderot heimlich
Auch das Berliner Ensemble unter Claus Peymann, das im Februar kommenden Jahres Brechts "Mutter Courage" in Teheran aufführen will, wird auf seinem Weg in den Mittleren Osten einen weiten Bogen um Sderot machen. Nicht einmal Karl Moik oder James Last, die schon Arabien bespielt haben, mögen die Kleinstadt am Rande der Negev-Wüste besuchen.
Der einzige deutsche Politiker, der bis jetzt Sederot besucht hat, war Bundespräsident Köhler im Rahmen eines Israel-Besuches im Februar 2005. Die kurze Visite stand nicht im offiziellen Programm und wurde bis zuletzt geheim gehalten, um Köhler nicht zu gefährden.
Stattdessen fordern immer mehr deutsche Politiker ein Ende des Hamas-Boykotts und "Verhandlungen" mit der "Regierung" des Gaza-Streifens, um eine "humanitäre Katastrophe" in Gaza abzuwenden, wo es den Einwohnern an allem mangelt, nur nicht an Waffen und Munition.
Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie leben in Sderot, stehen jeden morgen auf, bringen Ihre Kinder zur Schule, fahren zur Arbeit...
Würden Sie nicht viel lieber in Nordhorn leben, mit den netten Nachbarn von Hengelo nebenan?



SPIEGEL ONLINE - 16. Dezember 2007, 16:21
URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,523593,00.html




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Strategie des Terrors



Dank für den einseitige Rückzug
Das Ziel bleibt:
Kampf bis zur Zerstörung Israels


Der Kommandeur der militärischen Abteilung der Hamas, Muhammad Deif, gab in einer Mitteilung an die Palästinenser bekannt, dass seine Kämpfer den Krieg gegen Israel solange weiterführen werden, bis der jüdische Staat zerstört ist. Deif ist seit 1992 der von Israel meistgesuchte Terrorist, da er an zahlreichen Terroranschlägen, bei denen hunderte Israelis getötet wurden, beteiligt war. Seine Ansprache wurde als Video-Clip auf der Hamas-Webseite gezeigt. Weiterhin meinte Deif, dass die Hamas die Waffen nicht niederlegen werde und warnte die PA davor, einen Entwaffnungsversuch zu unternehmen. Er nannte den Abzug Israels aus dem Gazastreifen einen Sieg des Terrors. Im Jahr 2003 war er bei einem gezielten Angriff Israels schwer verletzt worden und verlor ein Auge. „Wir versprechen euch Israelis, dass mit Allahs Hilfe der gesamte palästinensische Boden für euch zu einer Hölle werden wird.“


Nachrichten aus Israel - nai - 28.9.2005



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Kinder als Bomben



Kinder als Terrorhelfer


Für ein Taschengeld in den Tod


Die Methoden der palästinensischen Terror-Drahtzieher werden immer perfider. In den letzten Wochen schickten die radikalen Anführer zunehmend Kinder mit Bomben in tödliche Missionen. Nach dem Einsatz von Frauen als Selbstmord-Attentäterinnen fällt nun das letzte Tabu.

Berlin - Es war ein erschreckendes Bild aus Israel, das am Mittwoch um die Welt ging. Mit den Händen hinter dem Kopf sah man einen Jungen zwischen zwei Straßensperren aus Beton. Die Angst stand dem jungen Palästinenser ins Gesicht geschrieben. Allerdings musste sich der 16-jährige Hussam Abdu an dem Checkpoint bei Nablus nicht so sehr vor den Gewehrschüssen der israelischen Soldaten fürchten.

Viel gefährlicher war der etwa acht Kilogramm schwere Sprenggürtel, der um seine Brust geschnallt war. Wenig später schnitt er sich den Gürtel mit einer Schere vom Leib, die ihm die Soldaten mittels eines Roboters gebracht hatten. Die Militärs stellten das tödliche Gepäck sicher und brachten es kontrolliert zur Explosion.

Was Hussam Abdu den Soldaten später beim Verhör erzählte, scheint immer mehr zu einem neuen Rekrutierungsmuster der Terror-Drahtzieher in den Palästinenser-Gebieten zu werden. Der Junge berichtete, er sei von Mitgliedern einer Terror-Zelle aus den Flüchtlingslagern bei Nablus in seiner Schule für den Suizid-Einsatz geworben worden. Nur 100 Schekel, umgerechnet 20 Euro, hätten ihm seine Anwerber für den sicheren Tod versprochen. Außerdem versicherten sie dem leicht geistig behinderten Jungen, dass er mit den vermeintlich für die Märtyrer bereitstehenden Jungfrauen im Himmel sogar Sex haben könne.

Die Geschichte von Hussam ist kein Einzellfall. In den letzten Wochen mussten die Antiterroreinheiten der israelischen Armee einen neuen und hochgefährlichen Trend des bewaffneten Widerstands diagnostizieren. Immer häufiger senden radikale Gruppen wie die Hamas, die al-Aksa-Brigaden oder der militante Flügel der Fatah-Bewegung Jugendliche oder sogar Kinder mit Bomben los. Erst vor einigen Tagen entdeckten Soldaten an einem Checkpoint einen 11-jährigen Jungen, der offenbar ohne sein Wissen eine Bombe in einer Tasche mit sich herumfuhr.

Die letzten Tabus

Schritt für Schritt reißt der Terror gegen die israelischen Besatzer mit dem neuen Trend der Bombenkinder alle Tabus nieder. War der Selbstmordeinsatz gegen die verhassten Israelis zu Beginn der zweiten Intifada noch eine Männerdomäne, wächst der Wille zum Widerstand mit allen Mitteln und zum Tod für den Kampf, in allen Gesellschaftsebenen. Vor Monaten registrierten die israelischen Soldaten plötzlich immer mehr Frauen unter den Selbstmordtätern. Als letzte und schwächste Mitglieder der Palästinenser-Gesellschaft kommen nun die Kinder an die Reihe.

Schon vor rund einem Monat hatte die israelische Armee einen ähnlichen Fall aufgedeckt. An einem Checkpoint im Norden Israels stoppte sie drei Jungen im Alter von 13 bis 15 Jahren. Alle drei hatten selbstgebaute Bomben und Schusswaffen bei sich. Nach einem längeren Verhör gestanden sie, dass sie in der israelischen Stadt Afula mehrere Menschen töten wollten. Wer sie zu der tödlichen Mission angestiftet hatte, verrieten sie nicht. Vorsichtshalber aber hatten sie in ihrem Heimatort zu Hause Abschiedsbriefe hinterlassen und sich in ihnen stolz als Märtyrer bezeichnet.

Vollkommen neu ist die Instrumentalisierung von Kindern für die Intifada nicht. Bei den routinemäßigen Straßenschlachten mit der israelischen Armee spielen Kinder und Jugendliche als Steinewerfer und Randalierer eine feste Rolle. Auch nachts dienen sie den Widerstandskämpfern seit Jahren als Vorposten, um die Lage zu observieren. Oft machen die Kinder auch ohne Lohn mit, allein die Vorstellung des mystifizierten Märtyrertums reicht ihnen als Motivation. Für die Drahtzieher haben die Kinder viele Vorteile. Sie sind schnell und unauffällig. Außerdem werden sie von den Soldaten bisher nicht als potenzielle Täter gesehen.

Rekrutierung in den Schulen

Neu hingegen ist der konsequente Einsatz der Kinder als Todes-Schwadrone. Der ARD-Korrespondent Peter Dudzik berichtete dieser Tage in einer seiner Reportagen aus Israel, dass in den Schulen rund um Nablus Kinder und Jugendliche von radikalen Gruppen geworben würden. Laut seinen Recherchen fällt den Rekrutierern ihre Arbeit nicht schwer. "Mehr als die Hälfte der Schüler" sei zu den tödlichen Missionen gegen den Feind Israel bereit, berichtete Dudzek. Insgesamt haben bereits 29 Minderjährige seit dem Beginn der zweiten Intifada den Tod bei Selbstmordaktionen gefunden. Der 16-jährige Hussam wäre die Nummer 30 geworden - wenn er seinen Sprengsatz gezündet hätte.

Von den radikalen Gruppen gab es nach dem Zwischenfall von Nablus wie gewöhnlich keine Reaktion. Gleichwohl forderten israelische Menschenrechtsorganisationen wie die "Physicians for Human Rights", die sonst meist die Besatzer-Armee kritisieren, eine sofortige Beendigung der neuen Taktik des Terrors. "Die Erwachsenen sollten sofort aufhören, ihre Kinder auszubeuten, indem sie sie in solche Missionen drängen", schrieb die Organisation in einem Statement. Für die israelische Regierung hingegen ist die neue Form des Terrors nur ein Zeichen für die Skrupellosigkeit der Widerstandsbewegung. "Diese Kinder werden zu lebenden Bomben gemacht um den Terror so weit wie möglich nach Israel zu tragen", sagte ein Sprecher des Präsidenten Ariel Sharon.


Matthias Gebauer
SPIEGEL ONLINE - 25. März 2004, 16:24
URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,292415,00.html


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K L I M A




Warnung vor Klimawandel



Pentagon-Studie

Yodas apokalyptische Visionen

Sie nennen ihn Yoda, sein Report bringt Präsident Bush zusehends in die Klemme:
Einer der schärfsten Denker des Pentagons warnt in einer aufrüttelnden Studie, dass Klimaschwankungen die Sicherheit der USA mehr gefährden als Terroristen. Die Bush-Administration schweigt zu dem Dokument, weil sie Druck auf die US-Industrie fürchtet.


Das Szenario ist ebenso bedrohlich wie realistisch: Der Golfstrom, der wie eine riesige Warmwasserheizung Milliarden Liter von Tropen-Wasser in den Norden pumpt, verliert an Kraft, ändert seine Richtung und kollabiert plötzlich ganz. Eisige Winde brausen über Nordeuropa hinweg, verheerende Stürme und Fluten verwüsten die Küsten. Die Wälder sterben ab, die Ebenen an Nord- und Ostsee gefrieren zur Tundra.
Die dramatischen Klimaänderungen bringen Menschen und Regierungen in Not. Öl wird knapp, die friedenssichernden Bündnisse erodieren. Blutige Konflikte brechen aus, Kriege um Rohstoffe und Nahrung verwüsten die Kontinente. Innerhalb weniger Jahre gerät die Welt an den Rand der totalen Anarchie.
Seit Jahren warnen Forscher vor den Folgen eines abrupten Klimawechsels, doch die US-Administration unter George W. Bush negierte jede Notwendigkeit, im Land der weltgrößten Energieverbraucher etwas zu ändern. Nun bringt eine neue Studie die Regierung in die Klemme und sie kommt aus einem Ministerium, auf dessen Rat der Präsident in den vergangenen Jahren stets gehört hatte: Dem im Washingtoner Pentagon untergebrachten Verteidigungsministerium.

Kriege bestimmen wieder die Geschicke der Menschheit
Das Papier wird von der Bush-Regierung als so brisant eingestuft, dass sie dazu bisher nicht Stellung genommen hat. Details aus dem Bericht erschienen im US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" und im britischen "Observer". Die Schlussfolgerung der Forscher: Die Regierung solle den Klimawechsel nicht nur als eine wissenschaftliche Debatte betrachten, sondern als ernste Bedrohung für die Sicherheit des Landes. Sobald das Klima kippe, und dies könne jeden Moment passieren, würden wieder einmal "Kriege das Leben der Menschen bestimmen."
Die Autoren sind über jeden Verdacht erhaben: Die Pentagon-Studie wurde von den Amerikanern Andrew Marshall und Peter Schwartz beaufsichtigt. Der 82 Jahre alte Marshall gilt in Militärkreisen als schillernde Legende. Sein Spitzname "Yoda" rührt von seinen Arbeiten am Star-Wars-Programm der US-Regierung her, als einer dessen Väter er gilt. Seit 1973 führt er eine geheime Denkfabrik an, die oft weit im Voraus Risiken für die Sicherheit der Vereinigten Staaten analysiert.
Vor drei Jahre bekam er von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld den Auftrag, das umstrittene Programm zur Entwicklung von sogenannten "smart weapons" - denkenden Waffen - voranzubringen. Als Co-Autor zog sich Marshall einen Mann aus der Ölindustrie ins Team: Schwartz leitete jahrelang die Planungstruppe beim Ölmulti Shell geleitet und danach als Berater gearbeitet.
Sollte der Pentagon-Report von den oppositionellen Demokraten im Wahlkampf aufgenommen werden, gerät Bush in eine pikante Situation: Er müsste sich den Vorwurf gefallen lassen, warum er eine Studie, die so ernste Folgen für die Sicherheit des Landes skizziert, nicht ernst nimmt. Würde er dies indes tun, müsste er seinen Landsleuten und den Konzernen drastische Auflagen machen. Die großvolumigen Automotoren der Amerikaner, besonders beliebt unter der ländlichen Klientel, gelten neben Klimaanlagen und ineffizienten Maschinen als Hauptverursacher der globalen Erwärmung.
Schon haben Wissenschaftler das Thema aufgegriffen und vergangene Woche den Präsidenten attackiert. Es sei ein Skandal, dass die Administration den ihr offenbar unangenehmen Bericht seit Monaten ignoriere.

Apokalyptische Visionen
Die Hauptsorge der Wissenschaftler ist, dass der Klimawechsel die Welt innerhalb kürzester Zeit destabilisieren könnte. Durch die enormen Süßwassermengen, die von schmelzenden Gletschern und Polareis freigesetzt werden, könnte der Golfstrom schon in den nächsten Jahren an Kraft verlieren. Die Folge wären verheerende Dürren im Süden der USA, Überschwemmungen in China. Skandinavien würde sich in eine Eiswüste verwandeln, dicht besiedelte Küstenstaaten wie Holland oder Bangladesh würden überflutet. Millionen hungernder Flüchtlinge würden ihre Heimat verlassen und in die reichen Länder drängen.
Länder mit labiler Regierung wie Pakistan oder Russland könnten versucht sein, ihr Nukleararsenal einzusetzen, um sich Nahrung oder Rohstoffe zu erkämpfen. Etliche Untersuchungen haben ergeben, dass es in der Vergangenheit immer wieder abrupte Klimaschwankungen gegeben haben muss, als Ursache vermuten die Forscher abrupte Wechsel in den gigantischen Ozeanströmungen. Die Welt könnte in Anarchie versinken - und das nicht erst in tausend Jahren, sondern innerhalb der nächsten drei Dekaden. Überraschendes Fazit des Pentagon-Berichts: Der Klimawandel birgt viel größere Risiken als der Terrorismus.


SPIEGEL ONLINE - 22. Februar 2004, 16:38
URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,287518,00.html



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Neues von der Apokalypse...



ALARMIERENDE SZENARIEN

Forscher warnen vor Öl- und Klima-Apokalypse

Von Markus Becker

Flüchtlingsströme, Kriege, Hungersnöte: Neue Studien warnen vor geradezu apokalyptischen Folgen des Klimawandels und der Ausbeutung des Planeten. Fast drei Milliarden Menschen sind demnach von bewaffneten Konflikten bedroht, die Globalisierung weicht dem globalen Verteilungskampf.

Wer in westlichen Industriestaaten lebt, so viel scheint klar, wird kaum am Klimawandel sterben: Deiche werden noch höher gebaut, die Landwirtschaft den neuen Gegebenheiten angepasst, Infrastrukturen für die Katastrophenbekämpfung geschaffen, Krankenhäuser auf Hitze-Opfer vorbereitet.
In den ärmeren Ländern sieht die Lage dagegen anders aus - und die verheerenden Folgen, die dort durch den Klimawandel drohen, könnten auf die ganze Welt zurückschlagen, wie Wissenschaftler in neuen Studien warnen.
Abfallsammler auf der Olusosun Müllhalde in der nigerianischen Metropole Lagos: Der Klimawandel bedroht vor allem die Lebensgrundlage der Ärmsten
Die Londoner Forschergruppe International Alert etwa hat jetzt ihren Report "A Climate of Conflict" vorgestellt. In 46 Staaten mit insgesamt 2,7 Milliarden Einwohnern "werden die Folgen des Klimawandels im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen, sozialen und politischen Problemen zu einem hohen Risiko bewaffneter Konflikte führen", heißt es darin. In weiteren 56 Staaten mit 1,2 Milliarden Einwohnern würden die Effekte der globalen Erwärmung voraussichtlich politische Instabilitäten auslösen, die langfristig auch dort zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen könnten (siehe Grafik).

"Die Zahlen sind verlässlich"
3,9 Milliarden Menschen bedroht von klimabedingten Gewaltausbrüchen - eine übertriebene Annahme? "Die Zahlen sind verlässlich", sagt Dan Smith von International Alert, einer der beiden Autoren der Studie, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Unter den Nationen, in denen nicht nur das Risiko, sondern die Gewissheit bewaffneter Konflikte bestehen könnte, befindet sich Indien. Allein dort gibt es mehr als eine Milliarde Menschen."
Fraglich erscheint auf den ersten Blick, ob gleich alle Bewohner eines solchen Riesenstaats betroffen wären und nicht nur einzelne Regionen. "Die Wasserversorgung von 400 Millionen Menschen hängt vom Ganges-Flusssystem ab, und die Wasserstände fallen spürbar", hält Smith dem entgegen. "Die dadurch verursachten Konflikte werden sehr direkte Folgen für diese 400 Millionen Menschen haben."
Tatsächlich gilt die Wasserwirtschaft in Asien als einer der gefährlichsten Aspekte der globalen Erwärmung. Der Himalaya zählt neben der Arktis zu den Gebieten der Welt, die sich am schnellsten erwärmen. Zwischen 1977 und 2000 ist die dortige Durchschnittstemperatur viermal schneller gestiegen als die globale. Die Folgen sind schon heute sichtbar: Die Gletscher des Himalaya schmelzen rapide.
Hunderte Millionen Menschen sind dadurch von Überflutungen und anschließend von Wassermangel bedroht. Denn im Himalaya-Gebiet entspringen unter anderem der Jangtse, der Mekong, der Indus und der Brahmaputra - vier der größten Flüsse Asiens. Für sie würde ein Verschwinden der Himalaya-Gletscher verheerende Folgen haben.

Kriege und Migration durch fehlende Versorgungssicherheit
Ähnliches befürchten die Londoner Experten für Teile Südamerikas. Die meisten der peruanischen Anden-Gletscher seien voraussichtlich bis 2015 verschwunden, heißt es in der Studie. Zwei Drittel von Perus 27 Millionen Einwohnern leben demnach in Küstengebieten, wo die natürlichen Quellen nur rund 1,8 Prozent des Wasserbedarfs deckten. Sowohl die Städte als auch die Landwirtschaft hängen deshalb vom Wasserstrom aus den Gebirgen ab.
Auch in Regionen, die eher vom Grund- als vom Gletscherwasser leben, birgt der Klimawandel bisher ungeahnte Gefahren. Erst am Mittwoch haben US-Forscher eine Studie veröffentlicht, der zufolge die steigenden Meeresspiegel die Grundwasserversorgung in Küstenstädten weit stärker schmälern werden als bisher vermutet.
Da Süßwasser auch zum Getreideanbau verwendet wird, gefährdet der Klimawandel die Nahrungsversorgung. Das gleiche gilt für Gebiete, in denen die steigenden Temperaturen Dürren und Wüstenbildung nach sich ziehen. Was die Fachleute am meisten beunruhigt: Es handelt sich dabei nicht um vorübergehende Engpässe. "Humanitäre Hilfe kann kurzfristig Lücken füllen, aber keine grundlegende Nahrungsmittel-Unsicherheit beseitigen", heißt es in dem Report von International Alert. Und wo die Nahrungsversorgung grundsätzlich unsicher sei, "sind Abwanderungen und Konflikte praktisch unvermeidbar".
Zu allem kommt nun die wachsende Gefahr einer Ölkrise. In dieser Woche läuft in Großbritannien der Film "A Crude Awakening: The Oil Crash" an, der nach Al Gores "Eine Unbequeme Wahrheit" der zweite große Kinoerfolg über die Folgen der Ausbeutung der Erde werden könnte.
Der Streifen, der bei den Filmfestivals in Zürich und Palm Beach mit Preisen bedacht wurde, platzt präzise in eine Zeit rasant steigender Ölpreise und Prognosen, denen zufolge die Ölförderung schon bald ihren Höhepunkt überschreiten wird. Kollabierende Wirtschaftssysteme in Amerika, Benzin-Aufstände in Afrika - die Folgen der Ölkrise seien "beängstigender als ein Horrorfilm", glauben die Macher des Films, Ray McCormack und Basil Gelpke.

Öl- und Klimakrise: Die doppelte Gefahr
Mit dieser Meinung sind sie nicht allein. Die rapide steigenden Ölpreise seien nicht nur eine Bedrohung für die Verkehrssysteme und damit vor allem für westliche Gesellschaften, sagte David Strahan, Autor des Buchs "The Last Oil Shock", der britischen Zeitung "The Observer". "Überall in Asien, insbesondere in Indien und Bangladesch, pumpen Bauern das Wasser mit Diesel-Generatoren auf ihre Felder. Können sie den Treibstoff nicht mehr bezahlen, könnte es zu Hungersnöten und Unruhen kommen."
Da Öl nicht nur zu Treibstoffen, sondern auch zu Materialien wie Asphalt und Kunststoffen verarbeitet wird, hängt praktisch die gesamte Weltwirtschaft am Öltropf. Ob Techniken wie die Kohleverflüssigung oder neue Fördermethoden den rasanten Anstieg des Ölpreises verhindern können, erscheint fraglich.
Das größte Verheerungspotential des Zusammenspiels von Klima- und Ölkrise sehen die Experten wiederum in den armen Ländern - vorerst. "Staaten, die mit den Folgen des Klimawandels ein Problem haben, werden auch mit steigenden Ölpreisen ein Problem haben", meint der Londoner Experte Smith.

Das Ende der Globalisierung
Der Kampf um die Ressourcen des Planeten könnte gar der Globalisierung ein baldiges Ende bereiten - und das schon bis 2040, wie eine aktuelle Studie des Washingtoner Center for Strategic & International Studies (CSIS) besagt. An die Stelle des freien Handels in einer ressourcenreichen Welt werde womöglich schon bald ein brutaler Verteilungskampf um die schwindenden Schätze des Planeten beginnen. "Unterschiedliche Teile der Welt könnten sich abschotten, um zu sichern, was sie zum Überleben brauchen", sagte Leon Fuerth, einer der Autoren des Papiers mit dem Titel "The Age of Consequences".
Beispiele für das Gewaltpotential gibt es bereits, wie Susanne Dröge von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik bemerkt: "Die USA etwa hatten kein Problem damit, wegen Öl Krieg zu führen." Auch die Öl-Politik Chinas in Afrika sei durchaus fragwürdig. Unter den Industriestaaten sei zudem eine verschärfte Gangart zu beobachten, wenn es um die Erschließung neuer Ressourcen geht - abzulesen etwa am Beispiel der jüngsten Auseinandersetzungen um mutmaßliche Öl- und Gasvorkommen in der Arktis.
Fuerth befürchtet, dass die reichen Nationen in den kommenden 30 Jahren "andere Menschen vom Rettungsboot heruntertreten". Denn was die Umweltveränderungen den Ärmsten der Welt brächten, werde "moralisch extrem verstörend" sein. Der Hass, der zwischen unterschiedlichen Gruppen ohnehin besteht, werde verstärkt, wenn Flüchtlinge gleichzeitig in mildere Klimaregionen wanderten.

"Unausweichliches" Horrorszenario
Fuerth, Al Gore Sicherheitsberater in dessen Zeit als US-Vizepräsident, ist nicht der einzige ranghohe Ex-Regierungsmitarbeiter mit düsteren Zukunftsvisionen. John Podesta, US-Präsident Bill Clintons Stabschef und inzwischen Präsident des Think Tanks Center for American Progress, vertritt eine ähnliche Meinung. "Wir sagen ein Szenario voraus, in dem Menschen und Nationen von massiven Nahrungs- und Wasserengpässen bedroht sind." Podesta geht sogar so weit, dieses Ergebnis als "unausweichlich" zu bezeichnen - selbst wenn die USA, neben China der weltgrößte Verursacher von Treibhausgasen, sofort einem globalen Klimaabkommen beitreten würden.
Der künftige Wasser- und Nahrungsmangel, steigende Meeresspiegel, Dürren, Stürme und Überflutungen würden gewaltige Wanderungsbewegungen auslösen, glaubt Podesta. Als Schwerpunkte nannte er Südasien, Afrika und Europa.

Klimawandel als Chance
Dennoch gibt es auch vereinzelte Anlässe zum Optimismus. Im Nahen Osten etwa könnte die einsetzende Wasserknappheit die verfeindeten Gruppen zusammenrücken lassen, glauben sowohl Podesta als auch Dröge - denn Syrien, Jordanien, Israel und die Palästinenser müssen sich das Wasser aus dem Jordan teilen.
Überhaupt geht die Londoner Studie für Dröges Geschmack zu sehr davon aus, dass die politischen Systeme so bleiben, wie sie heute sind. "Man kann manche Probleme durchaus auch in den Griff kriegen", meint die Wirtschaftsforscherin. Ähnliche Hoffnungen hegt der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung in seiner Klimawandel- Studie, die im Juni veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler warnen darin zwar vor dem Zerfall staatlicher Strukturen, begreifen den Klimawandel aber auch als Chance - wenn die Welt ihn "als Menschheitsbedrohung versteht und die Weichen für die Vermeidung eines gefährlichen anthropogenen Klimawandels stellt".
Dafür aber ist es nach Meinung anderer Experten mancherorts schon zu spät. Unter den zwölf Empfehlungen des Reports von International Alert befindet sich die Mahnung, der Anpassung an die Klimawandel-Folgen eine höhere Priorität einzuräumen als der Bekämpfung der Erwärmung - zumindest in labilen Staaten. Denn die westliche Welt sei keinesfalls sicher vor den Folgen der Tragödie, die den Schwellenländern und der Dritten Welt droht.
Zu den Gefahren zählen Sicherheitsexperten nicht nur steigenden Einwanderungsdruck in den westlichen Ländern und neue Brutstätten des Terrorismus, sondern auch die Atomwaffen Indiens und Pakistans. "Diese Staaten sind Teil eines globalen Systems", sagt Smith. "Wenn sie instabil werden, sind ihre Atomwaffen eine Gefahr für die ganze Welt."


DER SPIEGEL - online, 8.11.2007



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alles noch viel schlimmer und schneller !?



ALARMIERENDER BERICHT

Uno-Klimarat warnt vor abrupter, unumkehrbarer Erderwärmung

Rasend schnell und unwiderruflich verändert sich das Klima auf der Welt:
Der Uno-Expertenrat IPCC hat nach jahrelanger Debatte seinen neuen, dramatischen Bericht fertigestellt. Deutlich wie nie wird der Mensch als Verursacher der Erderwärmung genannt.

Valencia - Die Sprache des neuen Klimareports des IPCC ist drastisch. Das Dokument fasst die schon bekannten drei Teilberichte zusammen - die Forscher warnen darin aber klarer denn je vor "abrupten und unumkehrbaren" Folgen des Klimawandels. Gletscher könnten sehr schnell abschmelzen, Tier- und Pflanzenarten aussterben. Bei steigender Temperatur drohen Überschwemmungen, Dürren, der Verlust küstennaher Landstriche, mehr Infektionskrankheiten und ein großflächiges Korallensterben.

Wer Schuld daran hat, ist eindeutig benannt: Deutlich wie nie verweist der Report auf den Menschen als Verursacher der Erderwärmung. Der Klimawandel sei "sehr wahrscheinlich" auf die Verfeuerung fossiler Brennstoffe zurückzuführen. Katastrophale Folgen drohten, wenn sich die Atmosphäre um mehr als zwei Grad Celsius erwärmt. Rund 0,7 Grad seien schon erreicht. Die Erderwärmung ist laut IPCC nicht mehr zu stoppen - sondern allenfalls zu bremsen.

Die Delegierten des Uno-Klimarats verabschiedeten den Entwurf des Dokuments heute in Valencia. Morgen soll der Report von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und IPCC-Chef Rajendra Pachauri präsentiert werden - die ersten Inhalte sind allerdings schon vorab bekannt geworden.

Hitzewelle, Verschwinden des arktischen Eises

Laut "BBC" beträgt der wahrscheinliche Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 je nach Szenario zwischen 1,8 und 4 Grad Celsius, möglicherweise aber auch bis zu 6,4 Grad. Sehr wahrscheinlich sei ein Anstieg des Meeresspiegels um 28 bis 43 Zentimeter. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts werde im Sommer das Eis in der Arktis verschwunden sein. Hitzewellen werden demnach wahrscheinlich in Zukunft häufiger auftreten, genauso tropische Stürme häufiger Verwüstungen anrichten.

Umweltschützer hoffen auf eine starke Wirkung des Berichts. Der Mensch sollte dem von ihm verursachten Klimawandel entschieden entgegentreten und den Ausstoß von Treibhausgasen so schnell und so weit wie möglich verringern, forderten Teilnehmer der Sitzung des Uno-Klimarates. "Kein Politiker wird jetzt mehr sagen können, er wisse nicht, was los sei", sagte der Klimaexperte Han Verolme von der WWF. Die Beratungen in Valencia seien ein Meilenstein und würden den Kurs der Politik auf Jahrzehnte beeinflussen. "Eine starke Wortwahl des IPCC macht entschlossenes Handeln der Regierungen erforderlich. Der Ball liegt jetzt im Feld der Politik", sagte Verolme.

Amerikaner hielten Passagen sehr vage

Nach Angaben des deutschen Umweltstaatssekretärs Michael Müller ist das neue IPCC-Dokument auf Druck der US-Delegation jedoch besonders an jenen Stellen "interpretationsfähig", an denen es um die konkreten Maßnahmen zum Bremsen der menschengemachten Erderwärmung geht. An der Tragweite der wissenschaftlichen Ergebnisse habe dies jedoch nichts geändert, sagte Greenpeace-Sprecherin Gabriela von Goerne. "140 Staaten haben diese Resultate anerkannt", sagte sie. Die Frage sei nun, ob und welche Reduktionsziele sich die Staaten bei der am 3. Dezember auf Bali beginnenden Klimakonferenz auf dieser Grundlage setzten. Ausreden lasse die IPCC-Zusammenfassung nicht mehr zu.

Weil immer noch viele Menschen vor dem Klimawandel die Augen verschlössen, hat der WWF unterdessen ein Klimazeugenprogramm gestartet: Geprüfte Berichte von Menschen aus aller Welt sollen zeigen, das der Klimawandel bereits jetzt das Leben der Menschen rings um den Globus beeinträchtigt. Ein Unternehmen für Tauchtouristen fürchtet demnach durch die vom Klimawandel ausgelöste Korallenbleiche ebenso um seine Existenz wie ein Rentierzüchter aus Norwegen.


Das Treffen in Spanien war das erste, nachdem der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Der jetzt fertiggestellte Report bildet die wissenschaftliche Grundlage für die Uno-Klimakonferenz auf Bali. Er soll die Klimaveränderungen auch anschaulicher machen: Verschiedene Grafiken werden in dem Papier zu einer großen kombiniert. So wird auf einen Blick deutlich, welche Mengen von Treibhausgasen zu welcher Temperaturerhöhung führen werden und was dann vermutlich auf der Erde passiert. Bislang musste vielfach geblättert werden, um zu einer eingängigen Gesamtaussage zu kommen.

Auf Bali wird das Nachfolge- Abkommen des 2012 auslaufenden Kyoto-Protokolls verhandelt. Darin hatten sich die Industriestaaten erstmals zur Reduktion ihrer Treibhausgas-Emissionen verpflichtet. Die USA aber auch aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China sind dem Abkommen nicht beigetreten. Die Forscher betonen, dass künftige Regelungen deutlich stärker ausfallen müssen.


SPIEGEL ONLINE - 16. November 2007
URL: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,517922,00.html







N A C H T R A G ! ! :


Uno-Klimareport ignoriert jüngste Studien

"Furchterregend wie ein Science-Fiction-Film" - so bewertet Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon den neuen Weltklimabericht. Doch es steht zu befürchten, dass der IPCC-Report in zahlreichen Punkten überholt ist, dass die Lage also viel ernster ist, als bislang bekannt.

... Vor allem aber versäumt es der IPCC, zum Abschluss seines Veröffentlichungsmarathons darauf hinzuweisen, dass der inzwischen 4. Welt-Klimabericht bereits in zahlreichen Punkten überholt sein dürfte. Und dass das Problem noch ernster sein könnte, als auf den mehr als 3000 Seiten des Hauptberichtes geschildert.
Die angeblich neue Klima-Bibel ist nämlich gar nicht auf dem neuesten Stand. Sondern auf dem von Mitte 2006. Die IPCC-Autoren und -Gutachter haben alle Fachartikel im Feld der Klimaforschung gesichtet und bewertet, die bis dahin veröffentlicht worden sind. Das war von vorneherein die Deadline. Doch inzwischen sind weitere 15 Monate vergangen.
Und jüngere, nicht einmal im Synthese-Report erwähnte Studien lassen vermuten, dass der IPCC-Report ein zu rosiges Bild von der Lage zeichnet:
Die globalen Emissionen von Kohlendioxid aus der Verbrennung fossiler Energieträger steigen immer schneller. Seit 2000 beträgt der Zuwachs mehr als drei Prozent pro Jahr. In den Jahrzehnten davor waren es im Mittel lediglich 1,3%. "Der CO2-Ausstoß übertrifft mittlerweile die Wachstumsraten sämtlicher Emissionsszenarien, die der IPCC in seinem neuen Bericht abhandelt", sagt Michael Raupach, australischer Physiker und Leiter des "Globalen Kohlenstoffprojektes".Rund die Hälfte der anthropogenen CO2-Emissionen verbleibt nicht in der Atmosphäre, sondern wird postwendend von Ozean und Landpflanzen aufgenommen. Doch diese natürlichen "Kohlenstoffsenken" könnten überschätzt worden sein. So nehmen Wälder der mittleren und hohen nördlichen Breiten vermutlich 40 Prozent weniger Kohlendioxid auf als in den Klimarechenmodellen vorgegeben. Das ergab eine multinationale Studie, die das Fachmagazin "Science" kürzlich veröffentlichte. "Die Vorstellung, dass uns die Biosphäre schon irgendwie retten wird, ist falsch!", folgert Kevin Gurney, Klimaforscher an der Purdue University in West Lafayette in den USA: "So viel zusätzliches CO2 können Bäume gar nicht aufnehmen."Auch die Helfershelfer-Rolle der Weltmeere wird von Wissenschaftlern inzwischen vorsichtiger eingeschätzt. So zeigen aktuelle Messungen, dass die CO2-Aufnahmefähigkeit der Nordsee schon heute abnimmt. Belgische, niederländische, kanadische und US-amerikanische Forscher berichteten darüber jetzt in der Fachzeitschrift "Global Biogeochemical Cycles". Sie sprechen sogar von einer "rapiden Abnahme der CO2-Pufferkapazität". Andere Studien sehen eine ähnliche Entwicklung im ganzen Nordatlantik.Im Arktischen Ozean ist von Sommer zu Sommer immer weniger Meereis vorhanden. Anfang Oktober meldete das Nationale Schnee- und Eisdatenzentrum der USA (NSIDC) einen neuen Rekordtiefststand für 2007. Die gesamte Eisfläche habe nur noch 4,3 Millionen Quadratkilometer betragen - noch einmal 23 Prozent weniger als in 2005, der bisherigen Rekordsaison. Die legendäre Nordwestpassage sei komplett frei gewesen. Die NSIDC-Forscher gehen nunmehr davon aus, dass die Arktis schon 2030 im Sommer eisfrei sein könnte - Jahrzehnte früher als nach den Klimaprojektionen, die im neuen IPCC-Report erwähnt werden. Dort ist "vom späteren Teil des 21. Jahrhunderts" die Rede.Als zu konservativ erscheint mittlerweile auch der IPCC-Ausblick für den weiteren Anstieg des Meeresspiegels. Der kommt allein dadurch zustande, dass sich wärmeres Wasser ausdehnt. In der taufrischen Synthese-Zusammenfassung taucht noch einmal eine Tabelle aus Berichtsteil I auf, wonach der Meeresspiegel bis 2099 um 18 bis 59 Zentimeter steigen könnte - je nachdem, welche Treibhausgas-Mengen in Zukunft ausgestoßen werden. Doch diese Zahlen sind nach Auffassung verschiedener Forscher korrekturbedürftig. Denn sie lassen einen wichtigen Aspekt außer Acht: Das ins Meer abfließende Tauwasser schmelzender Festlandsgletscher wird die Pegelstände zusätzlich in die Höhe treiben. Weil unklar ist, wie stark der Effekt ist, verzichtet der IPCC darauf, ihn zu quantifizieren.Wenigstens in diesem Punkt rafft sich der Welt-Klimarat zu einer Art aktuellem Update auf. Da "künftige rapide Veränderungen der Eisflüsse" nicht in den Szenarien für den Meeresspiegelanstieg berücksichtigt seien, dürfe man die genannten 59 Zentimeter nicht als Obergrenze auffassen.
IPCC-Chef Rajendra Pachauri wurde jetzt in Valencia sogar noch deutlicher. Selbst wenn es der Weltgemeinschaft gelinge, die CO2-Emissionen von 2015 an zu senken, sei auf lange Sicht mit einem (allein thermischen) Meeresspiegelanstieg um 0,40 bis 1,40 Meter zu rechnen, sagte der indische Ingenieur und Umweltwissenschaftler. "Das wird vielleicht nicht im 21. Jahrhundert geschehen, sondern eine Weile später", ergänzte Pachauri. Doch eine Beruhigung ist das kaum. Es zeigt nur: Das Klima reagiert äußerst träge, und schon die bisherigen Treibhausgas-Emissionen genügen, um am Ende gravierende Veränderungen hervorzurufen.
Auch das übrigens ein Punkt, den der IPCC in seinem neuen Weltreport nur flüchtig erwähnt: Nach aktuellen Studien wird ein gewisser Teil der anthropogenen Treibhausgase für Jahrtausende in der Erdatmosphäre verbleiben - und das Klima eine halbe Ewigkeit lang prägen.

Von Volker Mrasek
SPIEGEL ONLINE - 17. November 2007
URL: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,517999,00.html


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Teuflische Verkettung



TEUFLISCHE VERKETTUNG

Wassermangel bedroht globale Energieversorgung

Von Markus Becker, Boston


Es ist eine teuflische Verkettung, über die wenig diskutiert wird:
Der zunehmende Wassermangel auf der Erde wird zur ernsten Gefahr für die Energieversorgung von Entwicklungs- und Industrienationen.
Forscher in den USA suchen nun nach Auswegen aus der doppelten Versorgungskrise.

Boston - Peter Gleick ist überzeugt, dass die anderen etwas übersehen. Etwas Entscheidendes, das ebenso brisant sein könnte wie die globale Erwärmung. Das der Welt direkt vor Augen steht - und vielleicht gerade deshalb nicht erkannt wird.

Mit dieser Einschätzung ist Gleick nicht allein. Mit ihm auf dem AAAS-Podium sitzen Vince Tidwell von den regierungseigenen Sandia National Laboratories, Lisa Epifanie vom US- Energieministerium und Michael Webber vom Center for International Energy & Environmental Policy im texanischen Austin. Vier Fachleute, eine Meinung.

Wasser und Strom - wenn eine von beiden Ressourcen knapp wird, droht gleich eine doppelte Versorgungskrise. Auch in Ländern, die wenig Energie direkt durch Wasserkraft gewinnen, ist Wasser bei der Erzeugung elektrischer Energie nicht wegzudenken. In den USA etwa entfallen auf Trinken und Waschen nur drei Prozent des gesamten Verbrauchs - 39 Prozent dagegen auf die Kühlung von Kraftwerken, was laut aktuellen Zahlen etwa 760 Milliarden Litern Wasser entspricht.

Auch die Industrienationen tragen ein hohes Risiko

Nicht nur für die Energie aus der Steckdose werden Unmengen an Wasser benötigt. Das gleiche gilt für die Energie im Tank: Bei der Herstellung von Benzin und Diesel wird ebenfalls Wasser benötigt. Gleiches gilt für jene Energieträger, denen die automobile Zukunft gehören soll: Wasserstoff und Biosprit.

"Haben Sie schon einmal daran gedacht, wie viel Wasser Sie verbrauchen, wenn Sie Ihr Auto volltanken?", fragt Webber. Ein mit Wasserstoff betriebenes Auto wiederum verbrauche umgerechnet rund 60 Liter Wasser pro Kilometer. Bei einem Auto mit Ethanol-Motor seien es gar 90 bis 300 Liter, weil die Ethanol-Lieferanten Mais und Sojabohnen in Amerika großzügig bewässert werden müssten.

Bedenkliche Aussichten. Denn schon allein wegen des Klimawandels prognostizieren Wissenschaftler teils dramatische Engpässe in der Wasserversorgung. Die potentiell bedrohten Regionen liegen nicht nur in der Dritten Welt, sondern auch in den Industriestaaten wie den USA. Erst in dieser Woche wurde eine Studie veröffentlicht, laut der Lake Mead - der größte Stausee der USA - mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit in den nächsten 13 Jahren komplett austrocknen wird. "Ohne Lake Mead und den benachbarten Lake Powell besitzt das Colorado-Flusssystem keinen Puffer mehr, um die Bevölkerung der Südwest-USA in einem trockenen Jahr zu versorgen", warnen die Forscher der American Geophysical Union und der Scripps Institution of Oceanography im Fachblatt "Water Resources Research". Im Falle einer längeren Dürre sähe es noch schlimmer aus.

Derzeit bekommen die USA einen Vorgeschmack auf eine solche Zukunft: Lake Mead und Lake Powell sind nach lang anhaltender Trockenheit nur noch etwa zur Hälfte gefüllt, die Wasserversorgung von Las Vegas ist bereits gefährdet. Sollte es im Frühling nicht zu ergiebigen Regenfällen kommen, droht im Sommer die Krise.

Gefährliche Rückkopplung

Noch fataler: Es wird nicht nur Wasser für die Energiegewinnung, sondern auch Energie für die Wassergewinnung benötigt. Wird das Wasser knapp, steht weniger für die Energieproduktion zur Verfügung. Zugleich muss immer mehr Energie in die Wasserversorgung gesteckt werden - etwa für den Wassertransport in austrocknende Gebiete. "Wasser von Nord- nach Südkalifornien zu bringen frisst kaum weniger Energie als die extrem energieintensive Entsalzung von Meerwasser", sagt Gleick. Die Folge könnten weit verbreitete Engpässe in der Energie- und Wasserversorgung sein.

Als Gegenmaßnahme schlagen die Experten in erster Linie einen sparsameren Umgang mit den Ressourcen und deren effizientere Nutzung vor. Wind- und Sonnenkraft sind laut Gleick, der am Pacific Institute for Studies in Development, Environment, and Security im kalifornischen Oakland forscht, die wassersparendsten Energieträger. Der Atomstrom sei, je nach Effizienz des Kraftwerks, der wasserintensivste Energieträger, dicht gefolgt von fossilen Brennstoffen.

Lange wird es nicht mehr so weiter gehen.




http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,535889,00.html



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Das Ende: Bio-Waffen



A R S E N A L . D E S . T O D E S

Baukasten für Gruselkeime

Genforscher haben schon heute ein Arsenal maßgeschneiderter Super-Erreger im Repertoire, die kaum zu bekämpfen wären.
Können diese Killer auch in die Hände von Terroristen fallen?

Das Unbegreifliche beginnt als leichte Erkältung an einem lauen Frühlingsmorgen.
Kate Morgan ist auf dem Schulweg, als die Seuche ausbricht. Erst läuft ihr nur die Nase. Doch schon bald bekommt die 17-Jährige hohes Fieber. Hilflos müssen ihre Mitschüler zusehen, wie Kate von Krämpfen geschüttelt einen grausamen Tod stirbt.

Die Szene stammt aus Richard Prestons Roman "The Cobra Event" von 1997.
Der Autor beschreibt den Feldzug eines verrückten Forschers, der die Welt mit einer Designer-Seuche bedroht. Pocken und einen Insekten-Virus hat der Wahnsinnige kombiniert - "Hirnpocken", die das Gehirn zerfressen, extrem ansteckend sind und eine nationale Katastrophe auslösen.
Ex-Präsident Bill Clinton war von dem Buch so bewegt, dass er seinem ganzen Stab nahe legte, es zu lesen. Dem Verteidigungsexperten John Hamre trug er auf, die Glaubwürdigkeit zu prüfen. Die Antwort: ein theoretisch plausibles Szenario.
Hat Hamre Recht? Könnten Terroristen in der Lage sein, weit verheerendere Bioattacken zu führen als die derzeitigen, vergleichsweise harmlosen Milzbrandanschläge? Spätestens seit in der vergangenen Woche im Washingtoner Büro des Senators Tom Daschle ein verfeinertes, besonders gefährliches Milzbrandpulver auftauchte, fürchten Experten, dass Terroristen doch über bessere Biotechniken verfügen könnten als bislang angenommen.

Die Angst vor dem "Superbug" geht um: dem genoptimierten Killerbakterium. Schon länger warnen Mikrobiologen vor den möglichen Folgen der gentechnischen Revolution für die Entwicklung von Biowaffen. Das "Maßschneidern" biologischer Kampfstoffe könne dazu führen, dass die Erreger schwieriger zu entdecken, zu diagnostizieren und zu behandeln seien, warnen der Friedensforscher Malcolm Dando und die Genetikerin Claire Fraser in der neuesten Ausgabe des Fachblatts "Nature Genetics":
"Kurz gesagt, könnte es die militärische Nutzbarkeit der Erreger verbessern und die Versuchung erhöhen, offensive Biowaffenprogramme zu starten."

Tödliche Bakterien, die Impfungen überwinden und Antibiotika überleben, rücken in greifbare Nähe.
Die komplette Gensequenz von mehr als 70 Bakterien, Pilzen und Parasiten werde bereits in Kürze entschlüsselt sein, schreiben Dando und Fraser.
Längst hätten Forscher spezifische Genabschnitte pathogener Organismen identifiziert, die etwa für Infektion, Virulenz und Antibiotikaresistenz verantwortlich sind.

Für Terroristen mit dem nötigen Knowhow gleichen solche Techniken und Gensequenzen einem Baukasten für Gruselkeime: Tödliche Bakterien, die Impfungen überwinden, Antibiotika überleben und nicht von Nachweissystemen erfasst werden, rücken in greifbare Nõhe. Schon haben Forscher die ersten genmanipulierten Erreger im Repertoire:
1986 gelang es US-Forschern, den letalen Faktor des Milzbranderregers auf die harmlose Darmbakterie "Escherichia coli" zu übertragen. Tatsächlich produzierten die veränderten Darmbewohner fortan das tödliche Milzbrandgift.
Wissenschaftler der russischen Forschungslabors Obolensk bei Moskau schleusten ein Gen für das Glückshormon Endorphin in den Erreger der Hasenpest ein. Die Diagnose eines mit dem Bakterium infizierten Menschen würde erschwert, da er nicht nur die Symptome der Hasenpest, sondern auch starke Verhaltensänderungen zeigen würde.
Forschern aus dem gleichen Institut gelang es 1997, in Milzbrandbakterien Gene eines nah verwandten Erregers einzuschleusen und so die Oberflächenstruktur des Bakteriums zu verändern. Weder Impfungen noch Nachweisverfahren sprangen fortan auf die manipulierten Killer an.

Gensequenzen, die Antibiotika-Resistenzen hervorrufen, werden in Labors standardmäßig als Markergene benutzt. Die Bundeswehr etwa betreibt an der Sanitätsakademie in München Grundlagenforschung an Antibiotika-resistenten Hasenpest-Bakterien. Eine terroristische Attacke mit derart veränderten Erregern wäre verheerend, weil den Opfern kaum noch geholfen werden könnte.

Diese Techniken - allesamt in Wissenschaftsmagazinen veröffentlicht - sind wohl noch die harmloseren Entwicklungen der Bioforscher. Vieles deutet darauf hin, dass der Kalte Krieg der Welt bereits weit gefährlichere Super-Erreger beschert hat.
In ihrem soeben erschienenen Bestseller beschreiben Journalisten der "New York Times", wie die US-Militärs in den achtziger Jahren massiv im Bereich Biotechnik aufrüsteten. Bis zu 91 Millionen Dollar jährlich standen demnach zeitweise für Biowaffenprojekte zur Verfügung. Allein zwischen 1980 und 1986 soll das Pentagon unter anderem 51 Forschungsvorhaben zur Entwicklung neuer Erreger finanziert haben sowie 23 Projekte, deren Ziel es war, bekannte Impfstoffe zu umgehen.
Weit intensiver noch waren offenbar die sowjetischen Bemühungen im Wettlauf um den Superbug. Einen ersten Einblick in die geheime Forschung erhielt die westliche Welt im Oktober 1989, als der nach England emigrierte Biologe Wladimir Passetschnik die Aktivitäten in der Biowaffenfabrik Swerdlowsk beschrieb. Neben Langstreckenraketen, die in der Lage seien, Erreger zu transportieren, erwähnte Passetschnik ein gentechnisch verändertes, gegen bekannte Impfstoffe und Antibiotika unempfindliches Pestbakterium.
Weitere, in den neunziger Jahren übergelaufene Bioforscher, darunter der frühere Vizechef des sowjetischen Biowaffenprogramms Ken Alibek, enthüllten schließlich das ganze Ausmaß der sowjetischen Forschung. Alibek berichtete beispielsweise von einem gegen Impfungen gefeiten Designer-Keim, der die Eigenschaften von Ebola und Pocken in sich vereint. Der "Ebolapox" genannte Erreger übertreffe alle bisher bekannten Pockenformen und führe zu starken inneren Blutungen und fast sicher zum Tod: "Als Waffe eingesetzt, würde Ebolapox die hohe Mortalität des Ebola-Virus mit der sehr hohen Ansteckungsgefahr der Pocken kombinieren."
Alibeks Schilderungen sind unter Fachleuten verschiedentlich umstritten, weil der Forscher eher als Manager denn als Konstrukteur des Grauens arbeitete. Als glaubwürdiger gelten die Aussagen des Biologen Sergej Popow, der 1992 nach England emigrierte und heute in Amerika lebt. Popow will an einem Erregertyp gearbeitet haben, der den Körper gleichsam in die Selbstzerstörung treibt. Angeblich gelang es dem Forscher, eine Gensequenz in Viren und später auch in Bakterien einzuschleusen, die ein Fragment des Proteins Myelin herstellen. Das Eiweiß umhüllt normalerweise die Nervenbahnen im Körper. Im Tierversuch sollen die so veränderten Erreger eine so genannte Autoimmunreaktion ausgelöst haben: Erst bekämpfte das körpereigene Abwehrsystem der infizierten Tiere die eingedrungenen Myelinfragmente. Dann nahm es sich die eigenen Nervenscheiden vor. Das Gehirn der Versuchstiere zerfiel.

Experten wie Popow soll es in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion noch zu Hunderten geben. Sie gelten als Sicherheitsrisiko, weil über sie möglicherweise auch Terroristen Zugang zu den Super-Erregern bekommen könnten. Denn ohne Expertenhilfe und geeignete Laborausrüstung gilt die Entwicklung von Killerbakterien als fast unmöglich. "Dafür ist molekularbiologisches Spezialwissen nötig, das nur ganz wenige führende Forschungslabors weltweit besitzen", beruhigt Wolfgang Beyer, Milzbrandexperte am Institut für Tiermedizin der Universität Hohenheim.
Als sehr schwierig stuft Beyer insbesondere Verfahren ein, bei denen bestimmte Virulenzeigenschaften auf andere Organismen übertragen werden. "Je mehr man reinpackt, desto schlechter funktionieren die Erreger", sagt der Forscher. Meistens seien die entstehenden Chimären kaum lebensfähig. Beyers Fazit: "Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendein Terrorist den Superbug hat."
Auch der Hamburger Zellbiologe Jan van Aken von der Anti-Biowaffen-Organisation "Sunshine Project" stuft die Gefahr von Anschlägen mit Killerbakterien als "extrem unwahrscheinlich" ein. Glücklicherweise falle es Terroristen schon schwer genug, die Erreger zu isolieren und in effektiver Form unter die Leute zu bringen.

Andererseits wird van Aken nicht müde, den leichtfertigen Umgang mit den tödlichen Keimen zu kritisieren. Den Amerikanern etwa wirft der Biowaffenspezialist vor, mit einem jüngst aufgedeckten Programm fortlaufend gegen die 1972 aufgelegte Biowaffenkonvention zu verstoßen.
Bereits seit 1997 soll die CIA in der Wüste Nevadas versuchen, russische Bomben zur Verbreitung von Biowaffen nachzubauen. Erst im vergangenen Monat wurde bekannt, dass die Operation "Clear Vision" auch Versuche beinhaltet, bei denen die gegen Impfstoffe gefeite Milzbrandvariante der Russen nachgebaut werden soll. Die Militärs begründen die Versuche mit Vorbeugung. Um besser auf Terroranschläge vorbereitet zu sein, müsse man die möglichen Techniken der Terrorbomber erforschen.

Dass selbst der Zufall ahnungslose Forscher schnell zu Biowaffenbauern machen kann, zeigt ein Wissenschaftskrimi, der sich erst kürzlich in Australien abspielte. Eigentlich wollten die Forscher der Australian National University in Canberra nur ein Mittel gegen die australische Mäuseplage finden. Ein gentechnisch abgeschwächter Ektromelie-Virus - normalerweise Auslöser der tödlichen Mäusepocken - sollte die Nager nur unfruchtbar machen.
Doch der gentechnische Eingriff schuf einen Killer. Selbst viele gegen Mäusepocken geimpfte Nager raffte der neue Erreger dahin, nachdem er in Windeseile ihr Immunsystem zerstört hatte. Der Forschungsbericht liefert seither eine Anleitung, wie man aus einer harmlosen Mikrobe ein Monster bastelt.



PHILIP BETHGE
DER SPIEGEL, Heft 43/2001





Zur Abwehr von Bioterrorismus entstehen überall in den USA neue Labore,
in denen an Killerviren geforscht wird - mit erheblichen Risiken.


Galveston ist Unheil gewohnt, regelmäßig ziehen Hurrikane über die vor Texas gelegene Insel. Der schlimmste Orkan, der die USA je erreichte, zerstörte am 8. September 1900 fast alle Häuser und tötete über 6000 Menschen.
Jetzt kommt die Pest nach Galveston.
Ausgerechnet diese Insel im Hurrikan-Gebiet haben die Amerikaner auserkoren, ein Arsenal des Todes zu beherbergen. In einem schlichten Gebäude der University of Texas ist gerade hinter extradicken Mauern ein Labor der höchsten Sicherheitsstufe 4 fertig gestellt worden. In diesen Tagen wird es beliefert mit ersten Killern - etwa den Erregern von Horrorkrankheiten wie Ebola, Lassa und Krim-Kongo.

Und das ist erst der Anfang. Bisher gab es nur drei Hochsicherheitslabore in den USA, und die Forscher mussten sich dort drängeln. Das ist für immer vorbei. Für 120 Millionen Dollar wird in Galveston bis 2007 das "National Biocontainment Laboratory" errichtet: ein Mega-Laborkomplex für Hunderte von Forschern. Ein Zwillingsinstitut ist in Boston geplant, weitere Großlabore in Montana und Maryland; und gleich neun kleinere Regionallabore der Sicherheitsstufen 2 und 3 werden über das Land verteilt.

Die USA betreiben einen beispiellosen Ausbau ihrer Forschungskapazität auf den Gebieten der Biowaffen und neuen Infektionskrankheiten wie Sars oder Vogelgrippe. Gefördert mit Milliardensummen aus Washington stürzen sich Tausende Wissenschaftler an Universitäten, öffentlichen Instituten und Firmen auf die Arbeit an todbringenden Viren und Bakterien. "Biodefense" lautet ihr Auftrag; denn die immer noch ungeklärten Anthrax-Anschläge im Herbst 2001 haben offenbart, dass die Amerikaner gefährlich wenig wissen über die Waffen von Bioterroristen.

In Zukunft jedoch, so mahnen Forscher, wissen sie gefährlich viel. Immer drängender wird das Problem, wie die zu erwartenden Forschungsergebnisse vor Missbrauch geschützt werden können. Manche Experten fordern bereits offen Zensur.

Noch herrscht ausgelassene Goldgräber-Stimmung. Vier Tage lang trafen sich Anti-Bioterror-Forscher Anfang März auf einer Tagung in Baltimore zum Expertenplausch über sowjetisches Anthrax und neue Impfstoffe gegen die Pocken. Gail Cassell, der Organisator der Konferenz, war hoch zufrieden. Hätte das Treffen vor wenigen Jahren stattgefunden, sagt er, wäre die Forscherschar "viel kleiner und viel älter" gewesen. Jetzt aber waren mehr als 800 gekommen - viele darunter, die den Antiterror-Kampf als Karrierechance für sich entdecken.

Dutzende Universitäten haben sich neue Zentren für die Erforschung des Bioterrorismus zugelegt, denn sie sind Garanten für reichliche Geldströme aus Washington. Unzählige junge Biotech-Firmen und viele Pharma-Riesen melken die diversen Anti-Bioterror-Etats in Höhe von insgesamt über sieben Milliarden Dollar. Der Bedarf an Sensoren, Tests, Impfstoffen und Medikamenten scheint fast grenzenlos.

Der Forschungsvorstoß lässt viele Durchbrüche erwarten - und dennoch ist das Getummel nicht allen geheuer. Richard Ebright von der Rutgers University hätte lieber nur ein einziges neues Hochsicherheitslabor gesehen - und zwar in Fort Detrick, dem medizinischen Forschungszentrum des Pentagons. Die Armee sei besser als eine Universität in der Lage, ein Institut voller tödlicher Erreger zu bewachen. Ihn beunruhigt auch, dass die Zahl der Personen mit Zugang zu Killerviren so schnell steigt: "Es erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Freisetzung."

Ebenso argumentiert Reinhard Kurth, der Leiter des Berliner Robert Koch Instituts. Der Virologe berichtet von "jeder Menge Unfällen" in Laboren, bei denen gefährliche Erreger entwischt sind. Mehr noch als Zwischenfälle fürchten manche Experten aber das, was die Forscher planmäßig tun werden. "Hier wird Information erzeugt", sagt Elisa Harris von der University of Maryland, "die missbraucht werden kann, um neue Biokampfstoffe herzustellen oder existierende tödlicher zu machen."

In der Biologie produzieren Forscher laufend so genanntes Dual-Use-Wissen - es kann für oder gegen die Menschheit benutzt werden. Eckard Wimmer von der University of New York hat schon vor zwei Jahren mit normalem Laborgerät ein synthetisches Polio-Virus hergestellt. Den genetischen Bauplan für den Erreger fand er im Internet. Wimmer brauchte noch drei Jahre für sein Projekt. Craig Venter, der Enträtsler des menschlichen Genoms, hat kürzlich in nur 14 Tagen ein synthetisches Mini-Virus gebaut. Sein Ziel ist die Erschaffung einer künstlichen Bakterie - eines Franken-Keims, den er programmieren will, um etwa Wasserstoff herzustellen oder Radioaktivität abzubauen. Terroristen würden andere Anwendungen einfallen.

Extremes Missbrauchspotenzial ist auch gegeben bei der Arbeit von Mark Buller von der University of St. Louis. Er hat die Mäusepocken genetisch frisiert. Er hat den Viren - nahen Verwandten der ausgerotteten Menschen-Pocken - ein paar Extra-Gene eingebaut und sie auf diese Weise in besonders effiziente Killer verwandelt: Kein Medikament und auch keine Impfung konnten damit infizierte Mäuse retten.

Bei den Centers for Disease Control (CDC) in Atlanta fingert die Medizinerin Jacqueline Katz gerade am 1997 aufgetretenen Erreger der Hongkong-Vogelgrippe. Sie will das so genannte H5N1-Virus, das damals sechs Menschen tötete, in eine Version verwandeln, die leichter Menschen befällt. Ihre Forschung soll helfen, neue gefährliche Stränge schneller zu identifizieren, wenn sie in der Natur auftauchen. So soll eine Wiederholung der Spanischen Grippe verhindert werden, an der 1918 weltweit 20 Millionen Menschen starben. Doch viele Forscher halten das Vorhaben für hochriskant.

Anfang März hat die Bush-Administration die Bildung eines neuen Gremiums beschlossen, das Wildwuchs bei Forschungen an tödlichen Keimen regulieren soll. Das "National Science Advisory Board for Biosecurity" soll Richtlinien entwickeln, wie Wissenschaftler wichtige Forschungsergebnisse vor Missbrauch schützen können. Die Richtlinien, kritisiert Elisa Harris, werden aber nur den Charakter von Empfehlungen haben: "Das sind Papiertiger."

Seit Juni 2001 arbeitet Harris selbst an Plänen, wie sich potenziell gefahrvolle Forschungen regulieren lassen. Jetzt fordert sie ein weltweit gültiges Kontrollsystem in allen "Life Sciences", das hinauslaufen könnte auf eine Abkehr vom Gedanken der Offenheit, der bisher die Wissenschaft befruchtet: Wer an Dingen forsche, die zum Missbrauch geeignet seien, müsse im Besitz einer Lizenz sein. Aufsichtsgremien könnten bestimmte Experimente unterbinden oder in andere Hände geben.

In Galveston immerhin haben sich die Forscher Gedanken gemacht, wie sie sich schützen können vor einem neuen Hurrikan. Sobald sich ein übler Sturm der Insel nähert, geloben sie, alle infizierten Versuchtstiere zu töten und zu verbrennen.

Die Anwohner sind zufrieden. Sie haben ihren ursprünglichen Protest aufgegeben.


MARCO EVERS
DER SPIEGEL 13/2004 - 22. März 2004
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,291769,00.html

Weitere Infos :
· Regierungsauftrag: US-Forscher züchten tödliche Pockenviren (30.10.2003)
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,271857,00.html
· Verheerendes Virus: US-Armee experimentiert mit Spanischer Grippe (09.10.2003)
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,268984,00.html
· Antiterror-Gesetze: Bushs Hexenjagd auf US-Forscher (03.12.2003)
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,274896,00.html
· Venters Virus-Bauanleitung: Deutsche Forscher warnen vor Biowaffen-Bastlern (17.11.2003)
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,274316,00.html




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Stromausfall - der ganz banale Weltuntergang



WARNUNG VON IT-EXPERTEN

Hacker könnten USA den Strom ausknipsen

Von Frank Patalong


Marode, störanfällig, veraltet: Das amerikanische Stromnetz gilt als potentielles Sicherheitsrisiko.
Experten der US-Regierung haben jetzt vor gefährlichen Lecks gewarnt.
Hacker hätten manche Netze bereits infiltriert - und könnten im Ernstfall den USA möglicherweise den Strom abdrehen.

Das, berechneten die Nasa-Experten kühl, brächte binnen Tagen auch die Wasserversorgung zum Erliegen, der Rest wäre Domino:
Eine kollabierende Versorgungsinfrastruktur risse die nächste nieder.
Am Ende wären binnen kürzester Zeit Millionen Menschen tot und das Land in einem Zustand,
aus dem es sich aus eigener Kraft ohne Hilfe von außen kaum mehr erholen könne.
Die technisierte Welt, so die Nasa-Forscher, fiele im schlimmsten Fall zurück in ein vor-technisches Stadium.



Hamburg - Es wäre ein Alptraumszenario: Das "Wall Street Journal" berichtet auf seiner Webseite von Aussagen ungenannter IT-Security-Verantwortlicher aus US-Regierungskreisen, dass russische und chinesische Hacker mittlerweile in der Lage sein könnten, in kritische Infrastrukturen der USA einzugreifen, diese zu stören - und eventuell sogar abzuschalten.

So hätten Spezialisten amerikanischer Geheimdienste in den Netzwerken der Energieversorger fremde Programme mit nicht geklärten Aufgaben gefunden. Darüber hinaus hätten nicht näher benannte Chinesen und Russen versucht, "unsere Infrastrukturen zu kartieren", wie ein ungenannter, aber als führend bezeichneter Geheimdienst-Vertreter dem Blatt sagte.

Warnungen vor der Infiltration kritischer Infrastrukturen sind weder neu noch originell: Es gibt wohl keine digitale Netzinfrastruktur weltweit, in die keine Einbruchsversuche verübt würden, und kaum eine, die völlig frei von Schnüffelprogrammen, Trojanern oder Viren wäre.

Erst in der vergangenen Woche hatten IT-Sicherheitsforscher die Existenz eines gigantischen "Ghostnet" öffentlich gemacht und den nun an die Öffentlichkeit drängenden Geheimdienstlern damit die Argumente geliefert: Von China ausgehend gab es in den letzten Jahren nachweislich eine Flut von Hack-Attacken gegen Regierungen, Behörden und Institutionen. Auch deutsche Botschaften und Ministerien waren und sind betroffen.

Soweit, so trivial - und trotzdem so potentiell gefährlich. Die Geheimen nutzen die öffentliche Aufmerksamkeit für das Ghostnet, um wieder einmal ihre Botschaft an den Mann zu bringen: Es gibt Infrastrukturen, die sind so wichtig, dass es katastrophale Folgen hat, wenn die kollabieren. Und ja, sie sind auf vielfältige Weise gefährdet und stehen unter ständigem virtuellen Beschuss. Und nein, die Attacken erschienen nicht zielgerichtet, sagten die Experten dem "Wall Street Journal", man wisse nicht, wer da was genau wolle und ob überhaupt. Aber "Cyberattacks" sind allgegenwärtig und jederzeit nachweisbar.

Spionageversuche, sagte auch ein Vertreter des Heimatschutzministeriums dem Blatt, gebe es ständig gegen alle möglichen Netzwerke quer durchs Land. In Bezug auf die Stromversorger sagte er: "Da gibt es Einbrüche, und ihre Zahl wächst. Es waren eine Menge letztes Jahr."


Ist so etwas wirklich gefährlich?

Damit stützt er eine kürzlich gemachte Aussage des obersten Geheimdienst-Koordinators Dennis Blair, der US-Abgeordnete über Angriffe auf kritische Infrastrukturen im Ausland informierte und darüber, dass auch amerikanische nicht weniger gefährdet seien.

Dass gerade die Gefährdung des Stromnetzes so hervorgehoben wird, ist dabei kein Zufall. Das US-Stromnetz gilt als völlig marode, extrem störanfällig und überaltert. Immer wieder war es in den vergangenen Jahrzehnten durch teils minimale Ursachen zu großflächigen Stromausfällen gekommen: Allein in New York kam es 1977, 2003 und zuletzt 2006 zu Netzausfällen, die zum zeitweiligen Kollaps der Versorgung und der öffentlichen Ordnung führten.

Im Januar legte die Nasa einen Bericht vor, der viele Offizielle schockte: " Severe Space Weather Events - Understanding Societal and Economic Impacts" rechnete auf, wie ein natürliches, periodisch auftretendes Ereignis wie ein Sonnensturm im Extremfall zum Vollkollaps des US-Stromnetzes führen könnte.

Das, berechneten die Nasa-Experten kühl, brächte binnen Tagen auch die Wasserversorgung zum Erliegen, der Rest wäre Domino: Eine kollabierende Versorgungsinfrastruktur risse die nächste nieder. Am Ende wären binnen kürzester Zeit Millionen Menschen tot und das Land in einem Zustand, aus dem es sich aus eigener Kraft ohne Hilfe von außen kaum mehr erholen könne. Die technisierte Welt, so die Nasa-Forscher, fiele im schlimmsten Fall zurück in ein vor-technisches Stadium.


Cybersecurity kostet Geld

Das Beraterteam Barack Obamas hatte ein so krasses Szenario nicht gebraucht, um die Brisanz des Themas kritische Infrastrukturen zu begreifen. Die Obama-Administration setzte mit der Regierungsübernahme das Thema Stromnetze ganz nach oben auf die Agenda der Cybersecurity-Maßnahmen, die bis kommende Woche vorgelegt werden sollen.

Denn hinter den Kulissen sind die kritischen Infrastrukturen längst ein Dauerthema, das öffentlich regelmäßig dann hochgekocht wird, wenn größere Ausgaben anstehen und man öffentliche Akzeptanz dafür schaffen will. In solchen Zeiten verstiegen sich schon FBI-Lenker auf abstruse Szenarien wie Hack-Attacken auf Staudamm-Tore - der Aberwitz sollte Akzeptanz für den Ausbau der Geheimdienste und der Überwachung schaffen. Mit Erfolg.

Auch diesmal dürfte es ums Geld gehen, was das "Wall Street Journal" nur sehr implizit andeutet: Auch die Bush-Administration, heißt es da unter Bezug auf ungenannte Quellen, soll in den letzten Jahren 17 Milliarden Dollar in die Cybersecurity investiert haben. Nach offiziellen Angaben hat allein das Pentagon in den letzten sechs Monaten 100 Millionen Dollar für die Reparatur von Cyberschäden ausgegeben.


Der McKinnon-Faktor: Irgendwer schnüffelt immer

Was unter Umständen dramatischer klingt, als es ist. In solche Rechnungen fließen auch Update-Kosten für gefährdete Systeme ein, Mannstunden und Softwarekosten nach Virenbefällen wie im Fall Conficker. Und natürlich zählen dazu Schäden wie die durch den "Ufo-Hacker" Gary McKinnon, der sich auf der Suche nach Beweisen für Ufos auf 97 Nasa-, Pentagon- und anderen Regierungsrechnern umgesehen hatte.

McKinnon, der in Großbritannien immer noch gegen seine Auslieferung an die USA kämpft, wo ihn bis zu 70 Jahre Knast erwarten, soll dabei rund 700.000 Dollar Schaden verursacht haben - Lästermäuler sagen, vor allem durch Offenlegung faustgroßer Sicherheitslöcher, die gestopft werden mussten, nachdem McKinnons Einbrüche sie offensichtlich gemacht hattten. McKinnon selbst sagt zu seiner Entlastung, alles sei so einfach gewesen. So ist das wohl: Niemand weiß, wie viele McKinnons gerade unterwegs sind, wie viele Lücken in den so empfindlichen wie wichtigen Netzen klaffen.

Und natürlich sind darunter auch Hacker aus China und Russland, und vielleicht sogar Staatsangestellte, die sich in den Netzen virtuell mit ihren Kollegen von der NSA treffen und messen, dem größten und mächtigsten US-Geheimdienst.

Der hat zumindest formal keine andere Aufgabe als die elektronische Spionage und Spionageabwehr. Ob Chinesen und Russen den USA den Strom abdrehen können? Gut möglich, aber werden sie dabei schneller sein als die NSA, die beim potentiellen Gegner womöglich dasselbe versucht? Hinter den Kulissen läuft ein Rüstungswettbewerb der anderen, neuen Sorte. Und ja, Attacken auf kritische Infrastrukturen sind potentiell höchst gefährlich. Gut, wenn das ab und zu mal einer sagt - auch, wenn es eigentlich keinen konkreten Anlass dafür gibt.





Der Spiegel - online, 8.4.2009

http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,618239,00.html




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N E U E . W E G E




Erdachse gekippt ! ...



Nasa-Berechnungen

CHILE-BEBEN HAT ERDACHSE VERSCHOBEN


Von Axel Bojanowski

Das Erdbeben in Chile hat heftige Auswirkungen auf den gesamten Globus. Laut Nasa-Forschern haben die Erschütterungen die Erdachse verschoben, die Erdumdrehung beschleunigt - und so die Tage verkürzt. Geologen warnen vor drastischen Folgen: Scheinbar erloschene Vulkane könnten ausbrechen.
Das Erdbeben vor der Küste Chiles hat weite Teile des Landes ins Chaos gestürzt, die Zahl der Todesopfer stieg laut Regierung auf fast 800, es kam zu Plünderungen und Gewaltausbrüchen.
Aber auch die Erdkugel hat die Erschütterungen nicht so einfach weggesteckt. Das Beben - es war das fünftstärkste, das je gemessen wurde - hat die Erdachse verschoben: um acht Zentimeter, berichten Geophysiker der Nasa. Der Heimatplanet habe nun eine etwas schiefere Position, melden die Forscher. Das Beben hat der Erde demnach zudem einen Drall verpasst - sie dreht sich jetzt etwas schneller. Die Dauer eines Tages habe sich dadurch um 1,26 Millionstel Sekunden verkürzt, berichten die Forscher. Die Einbuße ist zwar zu gering, um sie messen, geschweige denn erleben zu können - aber berechnen ließ sie sich.
Wie heftig der Impuls war, verdeutlicht jedoch ein Vergleich: Würde man das Wasser im Drei-Schluchten-Staudamm in China entsprechend verschieben, würde sich der Planet nur um ein Zwanzigstel so stark beschleunigen wie beim Erdbeben vom Samstag.
Mit dem zusätzlichen Drall macht die Erde ein wenig Geschwindigkeit gut. Der Mond bremst ihre Umdrehung stetig ab, die Anziehungskraft des Trabanten wirkt wie ein Bremsklotz. Die astronomische Zeit fällt gegenüber der Zeit der Atomuhren daher stetig zurück. Früher kreiselte die Erde deutlich schneller, Urzeit-Wesen lebten in 23-Stunden-Tagen.
Damit wir nicht irgendwann im Dunkeln Mittag essen müssen, wird in der Silvesternacht alle paar Jahre eine Sekunde eingefügt, die sogenannte Schaltsekunde. Das Chilebeben hat die nächste Schaltsekunde nun ein wenig hinausgezögert.

Schon der Tsunami 2004 hatte der Erde einen Drall verpasst

Ursache für die Beschleunigung der Erddrehung ist der Eistänzerin-Effekt: Wenn eine Eistänzerin bei einer Pirouette ihre ausgestreckten Arme anzieht, dreht sie sich schneller - die höhere Drehgeschwindigkeit ihrer Arme überträgt sich auf ihren Körper. Gleiches passierte am Samstag mit der Erde: Das Chile-Beben hat massenhaft Gestein ins Erdinnere verschoben, sogleich beschleunigte sich die Rotation des Planeten.
Auch das schwere Tsunami-Erdbeben Ende 2004 in Südasien hatte der Erde einen zusätzlichen Drall verpasst, es verkürzte die Tageslänge um acht Millionstel Sekunden. Obwohl jenes Beben aber noch deutlich heftiger ausfiel als das von Chile, hatte es weniger Auswirkungen auf die Erdachse - es verschob sie um sieben Zentimeter, also um einen Zentimeter weniger als das Chile-Beben.
Das Chile-Beben habe den größeren Effekt gehabt, weil das Gestein steiler ins Erdinnere geschoben wurde, schreibt Nasa-Forscher Richard Gross, der Autor der Berechnungen. Zudem ereignete sich das Beben am Samstag wesentlich weiter entfernt vom Äquator als das Tsunami-Beben 2004.
Nahe des Äquators wirken sich Erdstöße weniger auf die Achse aus, denn dort liegt die Achsenmitte. Die sogenannte Figurenachse der Erde teilt zwei Erd-Halbkugeln gleicher Masse. Ein Stoß in ihre Mitte am Äquator verschiebt sie nicht. Die Nord-Süd-Achse der Erde liegt etwa zehn Meter neben der Figurenachse, ihre Veränderung haben die Nasa-Forscher nicht berechnet.

Die schweren Erdstöße könnten Vulkane wachrütteln
Womöglich zeigt das Beben vom Samstag aber auch spürbare Spätfolgen - in Chile könnten Vulkane erwachen. Denn was den meisten Experten lange abwegig erschien, haben deutsche Forscher unlängst bewiesen: Erdbeben können Vulkane explodieren lassen. Nach besonders starken Beben in Kamtschatka im Jahr 1952, in Chile 1960, in Alaska 1964 und in Indonesien 2004 hatte es in der Umgebung deutlich mehr Eruptionen als sonst. Die Aktivität der Vulkane hielt jahrelang an.
Das war kein Zufall, haben Thomas Walter vom Geoforschungszentrum Potsdam und Falk Amelung von der Universität Miami belegt. Nach einem Beben weite sich das Gestein unter den Vulkanen, es werde durchlässiger für Magma und Gase.
Solch ein explosives Szenario drohe nun in Chile, mutmaßen Geoforscher der Universität Oxford im Wissenschaftsmagazin New Scientist. Die schweren Stöße vom Samstag könnten Vulkane wachrütteln. Der Blick in die Vergangenheit verheißt jedenfalls nichts Gutes: Nach einem äußerst starken Beben am 22. Mai 1960 vor der Küste Chiles brachen in den Monaten darauf fünf Vulkane aus.

SPIEGEL-ONLINE, 02. März 2010, 21:11 Uhr








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N E U E . W E G E




Nichts Neues





SPRACHLOSE LINKE
Die Stille nach dem Crash

Werden die Ostermärsche zu Trauerkundgebungen? Eigentlich sollte die Krise des Kapitalismus der Linken jede Gelegenheit bieten, den Systemwechsel zu fordern. Aber welche Utopie, welche Alternative ist noch übrig? Reinhard Mohr über die Sprach- und Kraftlosigkeit der Alt-Revolutionäre.



Bertolt Brecht hätte natürlich längst schon seine Worte wiedergefunden. Listig hätte er gefragt: Was sind das für Zeiten, in denen das Feuilleton so viel langweiliger ist als der Wirtschaftsteil der großen Zeitungen? Was sind das bloß für Zeiten, in denen man im täglichen Dauerfeuer der Zahlen zwischen Millionen, Milliarden und Billionen, Zeichen des historischen Quantensprungs, fast keinen Unterschied mehr spürt? Was sind das für Zeiten, in denen selbst die konservative "FAZ" titelt: "Wohin nur mit unserer Wut?"

Dies aber ist das Signum der Krise: Das Pendeln zwischen Wut und Sprachlosigkeit. Zwischen ungläubigem Zorn und abgebrühter Resignation. Zwischen revolutionärem Bauchgefühl - Hängt sie! Hängt sie höher!" - und pragmatischer Vernunft. Der Mund steht offen, aber ein richtiger Schrei kommt nicht heraus.

Dankbar stürzen wir uns da auf die Abwrackprämie und die Dauerdebatte über sie - eine schöne und sehr deutsche Ersatzhandlung. Das Schnäppchen als Revolte des kleinen Mannes. Zugleich eine willkommene Ablenkung von unserer Hilflosigkeit.
An der Stille nach dem Crash ändert das nichts.

Denn inmitten aller großen Worte herrscht ein gespenstisches Schweigen. Über allen Krisengipfeln ist eine merkwürdige Ruh', und das vom "schwarzen Block" abgefackelte Hotel in Straßburg ist nur das Fanal eines kleinen, sinnlos wütenden Mobs, der der weltweiten Kapitalvernichtung wenigstens ein kleines autonomes Feuerchen eigenhändiger Destruktion entgegensetzen will.

Mehr ist nicht, allen politischen Parolen zum Trotz.

Denn die "Linke", ob als SED/PDS-Erbin oder vollautonom und linksradikal, ob Attac oder alt-DKP-istisch, ist von der Krise auf dem falschen Fuß erwischt worden. Offenbar hatte sie selbst nicht daran geglaubt, dass sich ihre Warnungen vor Globalisierung und ausuferndem Finanzkapitalismus und sogar noch das Klischeebild vom grenzenlos geldgierigen Kapitalisten derart mustergültig bewahrheiten würde.

In jenem Augenblick also, da die globalisierungs- und kapitalismuskritische Linke sich vollauf bestätigt fühlen könnte, scheint sie schwach wie nie. Lafontaines Truppen stehen in den Umfragen bei zehn Prozent, weniger als vor einem Jahr. CDU und FDP dagegen, eben noch Protagonisten des allseits bekämpften Neoliberalismus, gewinnen. Was in den Talkshows gerade noch so wortmächtig klang, wirkt nun fast kleinmütig und abgestanden, jetzt, da es mehr oder weniger fast alle sagen.

Von den üblichen Verdächtigen, den linken Intellektuellen, ist schon lange nichts mehr zu hören, von Ausnahmen hier und da abgesehen. Nur Günter Grass brummelt ab und zu etwas über den "Raubtierkapitalismus", bevor er sich die nächste Pfeife stopft und im Übrigen dazu aufruft, die SPD "nicht im Stich zu lassen".

Nebenbei gefragt: Warum eigentlich nicht?

Nein, in der größten Krise des weltweiten Kapitalismus seit Menschengedenken weht der Zeitgeist keineswegs links - trotz aller Empörung über unverschämte Manager-Boni und die organisierte Verantwortungslosigkeit einer moralisch verkommenen Spekulantenkaste. "Rot stellt sich tot", resümiert Christian Geyer in der "FAZ". Wie hätte etwa der Grafiker Klaus Staeck, nun Präsident der Akademie der Künste zu Berlin, vor vierzig Jahren das sinnstrotzende Bild von der gigantischen Privatburg des verurteilten Steuerbetrügers und Ex-Postchefs, Klaus Zumwinkel, am Gardasee zum revolutionären - und witzigen! - Plakatmotiv umgestaltet!?



Die Revolutionäre von einst sehen heute ganz schön alt aus

Auch die Demonstrationen in London, Straßburg und Baden-Baden waren lächerlich klein, misst man sie an den historischen Umständen und den vollmundigen Ankündigungen. Selbst die konzertierte Aktion "Wir zahlen nicht für Eure Krise" Ende März in mehreren deutschen Großstädten brachte keinen frischen Schwung in den revolutionären Kampf.

Wie auch? Das "breite" und "bunte" Bündnis bestand zum größten Teil aus genau jenen berühmt-berüchtigten Parteien, Grüppchen und Politsekten mit den tiefroten Fahnen, die schon seit Jahrzehnten dasselbe sagen und glauben, recht zu haben, weil die Geschichte des Fortschritts und der Gerechtigkeit auf ihrer Seite stehe. Wer aber gleichsam immer recht hat, dem kommt es weniger auf den konkreten Augenblick an als aufs Prinzip. Da verpasst man schon mal den rasanten Steilpass, den die Geschichte schlägt, den Anhauch des historischen Augenblicks.

So ist die offensichtliche Schwäche der Linken nicht zuletzt ihre Unfähigkeit, angemessen auf den einmaligen geschichtlichen Moment, auf die für viele Menschen ebenso verwirrende wie bedrohliche Realität der Krise zu reagieren.

Genau das war stets die Stärke einer erfolgreichen Protestbewegung: Der Wirklichkeit (oder Teilen von ihr) zur Sprache zu verhelfen, um sie zu verändern. Ganz konkret. Und überraschend. Wie 1968. Wie in den siebziger und achtziger Jahren bei der Ökologie- und Anti-Atomkraftbewegung. Wie im Herbst 1989, als die Mauer fiel. Stets spielte dabei das Aussprechen von unterdrückten oder verdrängten Gefühlen und Wahrheiten eine entscheidende Rolle, Witz, Esprit, Unverschämtheit, Leidenschaft und ein Schuss Genialität, die in einer "konkreten Utopie" zusammenschossen.

"Unter dem Pflaster liegt der Strand!" - der revolutionäre Traum des Pariser Mai 1968 artikulierte die Sehnsucht nach Freiheit, Glück und Liebe und traf auf millionenfache Resonanz. "Wir sind das Volk!" riefen die mutigen Leipziger im Oktober 1989 und sprachen damit eine schlichte, aber umstürzlerische Wahrheit aus, die das SED-Regime kollabieren ließ.

Die Mächtigen von einst sahen plötzlich sehr alt aus.

Heute sehen die selbst ernannten Revolutionäre ziemlich alt aus.
Zwanzig Jahre später, in der Krise des real existierenden Kapitalismus, scheinen die alten Gewissheiten der traditionalistischen Linken wie eine Barrikade zwischen ihr und der neuen Wirklichkeit zu stehen. Was vermeintlich zeitlos "wahr" schien, wirkt nun anachronistisch, irgendwie gestrig, verbraucht und altbacken, zu mickrig und verstaubt für die neue große Herausforderung.

Den "revolutionären" Moment nutzen andere. Nicht Gregor Gysi, sondern Barack Obama. Recht verstanden: Der neue charismatische Präsident der Vereinigten Staaten ist alles andere als ein Revolutionär. Aber er versucht, auf der Höhe der Zeit zu sein und zu tun, was in seiner Macht steht. Sein Vorteil: Er hält das Heft des Handelns in der Hand. Er versucht, Vertrauen zu schaffen. Und Hoffnung auf bessere Zeiten.



Nach Habermas kam wenig Neues

Das tun allerdings auch andere, die in Regierungsverantwortung stehen. Die Besten und Klügsten unter ihnen lassen sich sogar von den neuen Realitäten verunsichern. Lernen hilft bei der Krisenbewältigung. Neue Einsichten sind willkommen. Hier und da keimt sogar Selbstkritik auf, auch Selbsterforschung: Wieso hatten viele Befürworter der Marktwirtschaft die Gefahren außer Rand und Band geratener Finanzmärkte nicht in der richtigen Schärfe und Größenordnung gesehen? Waren hier zu viel Gutgläubigkeit und Vertrauen aufs Prinzip am Werke?

Die Linke stellt solche Fragen nicht. Sie weiß ja schon alles. Hat immer schon alles gewusst.

Das ist ihr Problem.

Das war einmal ein bisschen anders. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert veröffentlichte Jürgen Habermas, bis heute einer der führenden Theoretiker der aufgeklärten Linken, ein 200-seitiges Büchlein. Titel: "Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus". Marxistisch inspiriert, aber kommunikations- und diskurstheoretisch abgefedert, fragte der Philosoph und Soziologe 1973:

"Ist der Grundwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaftsformation unter den Erscheinungsformen des organisierten Kapitalismus unverändert wirksam, oder hat sich die Logik der Krise geändert? Ist der Kapitalismus gar in eine nachkapitalistische Gesellschaftsformation überführt worden, die die krisenhafte Verlaufsform des ökonomischen Wachstums überwunden hat?"

Viel weiter scheint die Debatte innerhalb der Linken bis heute nicht gediehen zu sein. In der Verurteilung des globalisierten Kapitalismus ist man sich, so oder so, einig. Keine weiteren Fragen. Bei der Formulierung einer grundsätzlichen Systemalternative aber - soll es etwa eine "gebrauchswertorientierte", global gesteuerte sozialistische Planwirtschaft sein? - passt man lieber. Kunststück: Die linken Utopien aus dem 20. Jahrhundert haben sich allesamt verbraucht oder historisch erledigt.

Einen Gipfel der Konkretion hat da schon der linke Publizist und Attac-Aktivist Mathias Greffrath erklommen. Er empfiehlt ganz aktuell, ausgerechnet die Wirtschaftswissenschaften "umzurüsten für die gigantische Aufgabe, die Märkte der Welt so zu regeln, dass Ungleichheit und Ausbeutung aufhören und die Erde bewohnbar bleibt".

Ein schöner Kindertraum, dem sogar Theodor Freiherr zu Guttenberg zustimmen würde. Ein geradezu biedermeierliches Stillleben jenseits von Zeit und Raum.

Aber auch eine Kapitulation vor der Wirklichkeit.





Spiegel-online, 10.4.2009
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,618304,00.html




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Lösungen ?



Wir brauchen eine Gesellschaft die christlich handelt... :
Bewahrung der Schöpfung, soziale Gerechtigkeit, Menschlichkeit,
die Anerkennung der Liebe...

Seien wir realistisch: Das wird es nicht (so bald) geben...
Würde es möglich sein, Oasen zu bauen, Rettungsinseln in der Wüste der Zeit ?

Als engagierte Christen von unten, sehe ich auch für uns
die Aufgabe hieran mitzubauen.


Wollen Sie dazu weiterlesen, finden Sie Hinweise auf Anregungen, praktische Versuche u.a. in

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-> Befreiungtheologie
-> Gemeinschaft - praktisch

















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