«Alle freie Religiosität, die sich in der Zukunft innerhalb der Menschheit entwickeln wird,
wird darauf beruhen, dass in jedem Menschen das Ebenbild der Gottheit
wirklich in unmittelbarer Lebenspraxis, nicht bloß in der Theorie, anerkannt werde.
Dann wird es keinen Religionszwang geben können, dann wird es keinen Religionszwang
zu geben brauchen, denn dann wird die Begegnung jedes Menschen mit jedem Menschen
von vornherein eine religiöse Handlung, ein Sakrament sein,
und niemand wird eine besondere Kirche, die äußere Einrichtungen auf dem physischen Plan hat,
nötig haben, das religiöse Leben aufrechtzuerhalten.
Die Kirche kann, wenn sie sich richtig versteht, nur die eine Absicht haben,
sich unnötig zu machen auf dem physischen Plane,
indem das ganze Leben zum Ausdruck des Übersinnlichen gemacht wird.»
(Rudolf Steiner, «Was tut der Engel in unserem Astralleib?...», 9.10.1918)



Jeder Kultus ist ein "Krücke", ein Hilfsmittel,
bis wir so weit sind, die Kommunikation mit der Geistigen Welt aus uns selbst zu führen, ohne äußere Symbole und Vermittler zu brauchen,
wenn wir die Geistigen Welt direkt im DU und der Schöpfung wahrnehmen und begegnen.
Die Anthroposophie soll letztlich dahin führen.
Wege dahin werden geübt.

Als praktisches Beispiel will ich hier das Konzept und die Gruppe um
Gerhard von Beckerath
in einer Skizze vorstellen :

«Wir beginnen das erste Verständnis für die geistige Welt erst zu entwickeln,
wenn wir am Seelisch-Geistigen des anderen Menschen erwachen.
Dann beginnt erst das wirkliche Verständnis für Anthroposophie.
Ja, es obliegt uns, auszugehen von jenem Zustande für das wirkliche Verständnis der Anthroposophie, den man nennen kann:
Erwachen des Menschen an dem Geistig-Seelischen des anderen Menschen.»
(Rudolf Steiner, GA 257/6, S.116)


Der UMGEKEHRTE KULTUS
lässt uns nach oben schauen. ER stellt uns auf die eigenen Füße.
Das Urbild ist die Fußwaschung,
sie fasst das Wesentliche des ganzen Christentums zusammen.
Ihr Vollzug geschieht heute in der sozialen Welt als Menschenbegegnung,
als Gespräch und ist ein Kultusgeschehen.
Christus ist jetzt der Geist der Erde, Christus finden wir im DU.
Das Du nehmen wir im Gespräch wahr. Es geht dabei um das Aufwachen «als Mensch am Menschen,
am tiefsten Inneren des (anderen) Menschen».
Der «umgekehrte Kultus» ist ein Kultus des Sohnes. ER wirkt im Horizontalen, es gibt keine Hierarchie,
nur Brüder und ist so auch unabhängig von jeder Institution. Vorgaben dafür kann es nicht geben.
Das höher entwickelte Wesen herrscht nicht mehr, sondern wird zum Diener der anderen.
Die "Kultus"-handlungen sind geistig-seelisch-sozial und äußern sich in Worten
und der Art und Weise der Haltungen und Verhaltensweisen.
Damit ist gebrochen mit dem, was im Zeitalter des Vaters (bis zum Mysterium v. Golgatha)
und bis in unsere Zeit der Bewusstseinsseele, dem Zeitalter Michaels hinein in allen Mysterien
und kultischen Handlungen galt.
Jeder kann nun - sich der geistigen Welt zuwendend - Priester für den/die anderen und für sich sein.


«Durch den (Kirchen-)Kultus wird das Übersinnliche in Wort und Handlung heruntergeholt in die physische Welt. Durch den anthroposophischen Zweig werden die Gedanken und Empfindungen der Anthroposophengruppe hinauferhoben in die übersinnliche Welt. ...wird tatsächlich diese Menschenseele erhoben zur Geistgemeinschaft. ...dann ist in diesem, wenn ich so sagen darf, umgekehrten Kultus, in dem andern Pol des Kultus, etwas Gemeinschaftsbildendes im eminentesten Sinne vorhanden. Man möchte sagen, wenn man bildlich sprechen will: die (kirchliche) Kultgemeinde versucht die Engel des Himmels zu veranlassen, herunterzugehen in den Kultraum, damit sie unter den Menschen seien. Die anthroposophische Gemeinde versucht, die Menschenseelen zu erheben in die übersinnliche Welt, damit sie unter die Engel kommen.»
(Rudolf Steiner, GA 257/6, S.179)




Der "Fußwaschungs-Kultus"

geschieht in fünf Stufen (siehe Beckerath, S.16 ff) :


1. Stufe der VERKÜNDIGUNG

In ersten Satz heißt es bei Johannes «dass der Vater alles in seine Hand gegeben hatte». Das weist nicht nur auf seinen Hingang und seine Auferstehung, sondern auch darauf, dass das Zeitalter des Sohnes für die Menschheit jetzt beginnt.
Das hat Verkündigungscharakter, das hat den Charakter des neuen Evangeliums.

2. Stufe der OPFERUNG

Nach dieser Vorbereitung legt er zur Einführung in eine zweite Stufe zunächst sein Obergewand ab. Je stärker eine Gesellschaft hierarchisch gegliedert ist, umso deutlicher erkennt man am Obergewand den Rang eines Menschen.
ER opfert seinen hohen Rang. Dann nahm er einen Schurz und umgürtete sich damit. Das ist ein symbolischer Brauch, wie er in bruderschaftlichen Vereinigungen üblich war und ist. Die Umgürtung mit dem Schurz deckt auch die Geschlechtlichkeit / Triebnatur ab, die in der Menschheit veredelt und schließlich überwunden werden soll. Bei IHM steht dieser Schurz auch für die nun erfolgen sollende Aufhebung des Sündenfalls.

3. Stufe der WANDLUNG

hier findet das Gespräch mit Simon Petrus statt. Er wollte sich nicht die Füße von Christus waschen lassen. Da antwortet Christus: «Wenn ich dich nicht wasche, so hast du keinen Teil an mir.» Petrus stimmt zu. In seinem Verstehen zeigt er eine Wandlung. Wer sich von Christus in die Selbstverantwortung für seine Schicksalsgestaltung stellen lässt, fängt an, sich von Grund auf zu wandeln.

4. Stufe der KOMMUNION

sie ist das Ergebnis des bisherigen Prozesses und wird als solche nur kurz erwähnt in der Teilhabe am Christus.

5. Stufe der RÜCKSCHAU

Dann nahm Christus «sein Gewand und setzte sich wieder zu ihnen und sprach: Versteht ihr wohl, was ich jetzt an euch getan habe?» Er erläutert und erklärt ihnen jetzt, was eigentlich geschehen ist und vollzieht mit ihnen eine Rückschau.

Und dann sprach ER: «Ich habe euch ein Vorbild gegeben, damit ihr, was ich an euch getan habe, selber auch einer an dem anderen tun könnt.
Diese anschließende Aufforderung ist zugleich Sein Auftrag:
Die Bruder(nicht "Priester-")schaft in Christo wird gestiftet.





DAS GESPRÄCH ALS KULTUS


1. Stufe der VERKÜNDIGUNG

Frage stellen / Gesprächsthema benennen. Hinhören
Phase der ERwärmung. Vereinigung im gemeinsamen Problem, im Beschreitenwollen eines gemeinsamen Problemlösungs-, Erkenntnis-, Leitbildarbeitsweges und so als eine Wahrnehmung, Verkündigung von Erdenproblemen, Erkenntnisfragen, Menschennöte.
Intuitives, willentliches Element. Wärme erzeugen (alter Saturn), herantasten, planen.
Bewusstsein der Anwesenheit von Geistig-Wesenhaftem, dass dadurch angezogen wird.

2. Stufe der OPFERUNG

Opfer des Ego-Wollens in einer wertfreien Bildgestaltung.
Erfahrung, Beispiel und Wissen der anderen erfragen und (sonnenhaft) beleuchten.
Bei Textarbeit: Dessen Phänomene erarbeiten, ohne schon zu urteilen oder sonst wie abzuschweifen. Entsprechend bei der Problemlösung. Direkte Verbindung im Zuhören, Nachklingenlassen und Verstehen. Intuitiv-inspirative Elemente. Konkret werden.

3. Stufe der WANDLUNG

Das Wesentliche - die Kernpunkte - aus der hier inspirativ-imaginativ zusammenzufassenden Bildgestaltung. Wandlung der eignen Vorurteile des Ego-Wollens, -Fühlens und -Denkens zum gemeinsamen Urteil (Weisheit, alter Mond). Sich in einen größeren Zusammenhang stellen.

4. Stufe der KOMMUNION

Vereinigung im Geiste Christi, aufgefasst als Kommunion. Gemeinsame lichte Bildelemente (befriedeter alter Mars = Erdentwicklung bis zum Mysterium von Golgatha). Führt zu Lösungen, zum Beispiel bei Konflikten; oder Perspektiven bei Erkenntnisfragen. Konkret.

5. Stufe der RÜCKSCHAU

Rückschau bzw. Auswertung in Bezug auf den gemeinsam durchschrittenen Prozess, tieferes Verstehen und Bewusstseinsbildung bis zur Gewissenserweckung.










Sie finden diese Skizze ausführlich dargelegt in:
Gerhard von Beckerath
GESPRÄCH ALS KULTUS
Verlag am Goetheanum
ISBN 3-7235-1238-0



Die Thematik wird hier auf dieser Website auch angesprochen in :
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