Umgekehrter Kultus - umgekehrte Liturgien
Praktisch angewandte Apokalyptik


Hergen Noordendorp

Einleitend zu diesem Artikel möchte der Verfasser zunächst seinen Dank an den Novalis Verlag aussprechen für die Publikation seines Buches "Die Offenbarung des Johannes - eine okkulte Zahlenlehre". Die Betrachtung des Zahlenwesens der Apokalypse führte nämlich auch zu einem gewissen Verständnis des kultischen Archetyps, der sich in Bildform im vierten Kapitel der Offenbarung vor den Leser hinstellt und sich insbesondere in dem Element des Throns mit dem namenlosen Einen darauf und den vier Buddhiwesen Adler, Löwe, Rind und Engel zum Ausdruck bringt. Wie ist das gemeint?

Was im genannten Buch ausführlich dargelegt wird, kann hier allerdings nur skizzenhaft umrissen werden. Dem Verfasser zeigte sich, dass in den genannten vier Buddhiwesen - auch Lebewesen oder apokalyptische Tiere genannt - die vier unterschiedlichen Prinzipien sichtbar werden, die in den vier liturgischen Abteilungen einer Eucharistiefeier wirken: Im Adler das Prinzip des ewigen Evangeliums oder des Dharma, nach dem ein Schöpfungszyklus sich vollzieht. Im Löwen erscheint das Prinzip des Opfers der göttlichen Substanz, an der sich Schöpfung vollzieht. In der Verdauungsnatur des Rindes verbildlicht sich die Transsubstanziation dieser göttlichen Substanz, mit der die Schöpfung einen höheren Zyklus ihres unendlichen Werdens erreichen kann. Und im Engel erscheint bildlich die Wiedervereinigung dieser Substanz mit ihrem göttlichen Ursprung, das Streben in die wahre Kommunion. Es konnte in dem Buch ferner gezeigt werden, dass Ewiges Evangelium und Kommunion in ihrer archetypischen Ausprägung außerhalb allen Zeitlichen liegen. In der Anthroposophie haben sich hierfür die Ausdrücke Weltennacht oder Pralaya eingebürgert; für die Teile, die im Zeitlichen liegen - also Opfer und Wandlung - die Bezeichnungen Weltentag oder Manvantara.

Jede Liturgie, die nicht in Widerspruch mit dem Urprinzip alles Kultischen stehen will, muss, um wahrhaftig zu sein, sich als Projektion hiervon offenbaren. Weil solche Projektionen aber im Zeitlichen sichtbar werden, zeigen sie sich ständig in anderer Ausformung. Dennoch sind die unterschiedlichen Gestaltungen gültig, weil sie alle aus einem einzigen Urbild hervorgehen.

Woher aber begründet sich der Wandel des zeitlich sich ändernden Kleides? Er begründet sich aus den jeweils sich wandelnden Gegebenheiten im Evolutionsfortschritt selbst. Und da diese fließend sind, erhalten sich zu bestimmten Epochen unterschiedlich entwickelte Kultusgestaltungen, die, solange sie noch bestehen, auf Grund von evolutionären Bedürfnissen da sein müssen, aber doch unterschiedliche Evolutionsimpulse transportieren. Für ihre Daseinsberechtigung spielt keine Rolle, ob ihre Bekenner sich möglicherweise mit dogmatischen Fundamentalismen gewaltsam bekämpfen. Wenn solches geschieht, sagt das vielleicht etwas über die Gesinnung der Bekenner aus, nicht aber über die Berechtigung und Notwendigkeit der Kultformen. ...


Man darf berechtigterweise fragen, ob es nicht ein Sakrileg sei, schon wieder nach kultisch-liturgischen Formen zu suchen, wo doch Rudolf Steiner gerade erst einer religiösen Erneuerungsbewegung, die als die "Christengemeinschaft" bekannt geworden ist, in den Sattel verholfen hat.
Tatsache ist aber, dass es unter den Menschen des 21. Jahrhunderts doch viele gibt, die sich in ihren religiösen Bedürfnissen nicht mehr von den bestehenden institutionellen Gemeinschaften vertreten fühlen. Unter ihnen findet man insbesondere solche, die ein großes Problem haben mit der passiven Teilnahme als Schäfchen der Gemeinde am Vollzug des Kultusgeschehens, weil die eigentlichen kultischen Handlungen von der zwischengeschalteten Priesterschaft vorgenommen werden. Diese sieht die Autorisierung zum kultischem Handeln als ein ihr durch Weihe zugeeignetes geistiges Recht an. Menschen mit dem genannten Problem hingegen suchen nach einer Kultusform, in der sie als Mündige in einer Weise wirksam werden können, wie bisher nur eine durch Weihe von oben her "ermündigte" Priesterschaft. Und sie möchten kultisch handeln, ohne von außen her ein Weihesakrament erhalten zu haben. Menschen mit solch einem in der Freiheit verwurzelten Kultus-Bedürfnis gibt es. ..

Denn aus einer modernen innermenschlichen Christuserfahrung heraus ist es möglich, IHN als den Urpriester selbst während des Gottesdienstes zu erleben, der die priesterlichen Handlungen aus dem Wesenszentrum des Menschen gültig und wirklich macht, wie es zuvor durch Weihe von oben her geschah. Im Prolog des Johannesevangeliums finden sich folgende Verse über Christus als schaffendes Wort:

11 Es (das Weltenwort) kam in das ihm Eigene, und die ihm Eigenen verbanden sich nicht mit ihm. 12 Wer es aber nahm, dem gab es die Weihekraft zur Gotteskindschaft, denen, die Vertrauen in seine Wesenswirklichkeit setzten; 13 denen, die nicht dem Vererbungsprinzip, noch aus Naturgesetzes-Zwängen, noch aus männlichem Dominanzwillen, sondern aus dem Göttlichen selbst entsprungen sind. (Modernisierte Übersetzung und Akzentuierung durch den Verfasser)

Menschen, die in dieser Weise eine Christus-Präsenz in ihrem Leben fühlen, streben danach, IHN in sich die priesterlichen Handlungen vollziehen zu lassen nach Seiner Verheißung: "Wenn zwei oder mehr in Meiner Wesenswirklichkeit zusammen sind, dann bin ich ihre wirkende Mitte."

Dass seit einigen Jahrzehnten solches nicht nur der Möglichkeit nach in der Welt vorhanden ist, sondern als wirksame Realität, hängt nach Auffassung des Verfassers mit dem Opfer Christi zusammen, welches sich im 19. Jahrhundert im Reich der Engel vollzogen hat und sowohl seinen irdischen Spiegel als auch seine Einkraftung ins Reich der Menschen in Leben und Schicksal Kaspar Hausers fand. Nach Rudolf Steiners Angaben diente dieses Christusopfer dazu, dem Menschen die reale Grundlage zum Erleben für Seine ätherische Wiederkunft zu erbilden.

Worin bestand das Substanzielle dieses Christusopfers? Es bestand darin, dass Er sein Bewusstsein so im Ätherleib eines Engels geopfert und sich dann eine Zeit lang der Bewusstseinsfinsternis (ätherische Höllenfahrt) überlassen hat, wie Er im Jahr 33 sein Leben im toddurchdrungenen physischen Leib des Menschen opferte und nach einer physischen Höllenfahrt dieses geistig wiedererrang. Mit anderen Worten: im Menschenleib errang Christus den lebendigen Geistesmenschen (Atman) und im Engelätherleib die wahre Buddhi, welche sich auch Lebens-Wahrheits-Geist nennen ließe.

Die Apokalypse umschreibt die Opfertaten des Christus oft mit dem Begriff: "der uns zu Königen und Priestern macht". Das Königstum urständet in dem errungenen Geistesmenschen, das Priestertum im Lebensgeist. Der Leib Christi, als welchen man auch den von Ihm errungenen Geistesmenschen im Jahre 33 bezeichnen kann, bildet den physischen Leib des Menschen so um, dass dieser Träger eines Ichs werden kann, in dem Christus die väterliche Substanz in höchster Innerlichkeit zur Erscheinung bringt. Das Blut Christi wirkt in Seiner erlösenden Buddhikraft und stellt für den Engel die Substanz der Wahrheit des Weltenwortes dar, welche dieser benötigt, damit sein Ätherleib in geeigneter Weise als Träger für seine Geistselbstwerdung dienen könne.

Um es noch einmal anders zu sagen: Dem Menschen schenkt Christus durch sein Golgathaopfer das Leben fürs Ich, indem er das Tote des physischen Leibes in Leben umwandelt. Dem Engel schenkt Christus durch sein Ätheropfer die Wahrheit für dessen Geistselbst, indem er durch sein Bewusstseinsopfer dessen Ätherleib aus einer Anlage zum Irrtum erlöst.

Es klingt das Wort auf: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben". Leben fürs Menschen-Ich, Wahrheit für das Geistselbst des Engels.

Und was ist mit dem Weg?

Nach Rudolf Steiner droht den Engeln möglicherweise eine Krisis. Im Vortrag "Was tut der Engel in unserem Astralleib?" schildert er, dass die rechte Tätigkeit der Engel bezüglich des Menschen auf den Astralleib des Menschen gerichtet sein muss. Dieser steht wegen seiner engen Koppelung an das Menschen-Ich mit der im Menschen sich entwickelnden Freiheit in Resonanz. Der Engel verwandelt seinen eigenen Astralleib in Geistselbst. Und diese Tätigkeit berührt die Astralität des Menschen mittelbar dadurch, dass sie verbunden ist mit der Lenkung des Menschenkarmas, welches dem Menschen zu seiner Ichentwicklung dient. Bei der Arbeit am Menschen zur Entwicklung seines Geistselbstes wird ein Engel mit der im Menschen veranlagten Freiheit konfrontiert. Und da aus dieser heraus dem Mensch Unterlassungen möglich sind, kann er auch die Arbeit des Engels im menschlichen Astralleib behindern. Die Freiheit erhielt der Mensch durch das Wirken Luzifers in menschlichen Astralleib. Luzifer wird von Rudolf Steiner als gefallener Engel geschildert. Der nicht gefallene Engel des Menschen begegnet im Menschen daher seinem Bruderengel Luzifer und erlöst diesen, wenn er im und am menschlichen Astralleib sein Geistselbst so entwickeln kann, wie die Evolution es erfordert. Im menschlichen Ätherleib hingegen betätigt sich von den Widersachern Ahriman, der Geist des Irrtums und der Lüge. Mit Luzifer kann der Engel insofern eine Auseinandersetzung erfolgreich führen, als Luzifer seiner Art nach vom Reich der Engel ist. Und diese Auseinandersetzung hat große Aussicht auf Erfolg, wenn dem Engel die Errungenschaft Luzifers im Menschen, die Freiheit, von einem Menschen dargereicht wird. Geschieht dies aber nicht, so führt Rudolf Steiner aus, muss der Engel seine Geistselbstentwicklung vielleicht über den Ätherleib des Menschen anstreben. Dort würde er aber der Widersachermacht des Irrtums begegnen, die mächtiger ist als er. Und dadurch liefe er Gefahr, von diesem die Geistselbstigkeit geraubt zu bekommen. Hier muss man sich ganz klare Vorstellungen machen.

Der Mensch entwickelt sein Ich am physischen Leib. Dieses Ich ist aber nicht identisch mit dem physischen Leib, es wird sich an diesem aber seiner selbst bewusst, wenn auch als sterblich. Dass es lebe, ist eine Opfergabe Christi.

Der Engel entwickelt sein Geistelbst (Manas) ebenfalls an seinem untersten Wesensglied. Das ist der Ätherleib. Auch wenn das Geistselbst des Engels ein verwandelter Astralleib ist, wird ihm die Verwandlungsarbeit bewusst an seinem Ätherleib. Widersacherkräfte, die auf dieses Wesensglied zuzugreifen trachten, sind Irrtum und Lüge, verursacht durch Ahriman, der aus dem Ätherischen des Menschen bis zum Engel heraufwirkt.

Der Tod, welcher für ein Menschen-Ich erlebbar wird, rührt von einer dritten Widersacherkraft her, die Rudolf Steiner Asuras nennt. Indem Christus die Asuras im Physischen des Menschen bannt im Jahr 33, erringt er Leben aus dem Tod. Indem er Ahriman im Ätherischen des Menschen bannt, nachdem er im Engelreich 1833 sein Bewusstsein hingeopfert hat, um im Erdenäther darin aufzuerstehen, erringt er aus Irrtum und Lüge Wahrheit.

Der Weg besteht nun darin, dass Engel und Mensch ihre Evolution in einer unmittelbareren Verknüpfung miteinander gemeinsam gehen müssen, als es vorher geschah. Ein anderes Wort für Weg wäre Karma.

Die Engel sind nach anthroposophischer Auffassung wirksam im Menschenkarma, haben dafür zu sorgen, dass dieses in rechter Weise zur Ausführung gelangt. Dazu schauen sie in die Akasha-Chronik, die jener großartige Ätherplan ist, in welchem der Gesamtinhalt einer Evolution wie in einem Gedächtnis aufbewahrt ist, und in welchen sich jede noch so kleine Begebenheit unauslöschlich einzeichnet.

Das Ätheropfer Christi vollzog sich im Engelreich im Jahre 1833, dem Todesjahr Kaspar Hausers, 1800 Jahre nach dem Ereignis von Golgatha. ER ist seither der Herr des Karma und der Akasha-Chronik. ER opferte sein Bewusstsein auf dem Plan der Engel als Substanz der Wahrheit hin. Auferstanden ist der Christus aus diesem Bewusstseinsopfer 100 Jahre später, als er wieder im Menschenreich ankam. Dies ist der Zeitpunkt, den Rudolf Steiner als Zeitpunkt der ätherischen Wiederkunft bezeichnet, wo Menschen beginnen, IHN wahrzunehmen als eine Lichtgestalt in der Buddhi. (Man sollte das nicht verwechseln mit Seiner Erscheinung im Auferstehungsleib, der ein verwandelter physischer Leib ist und so wenig leuchtet, wie es der alte Saturn getan hat, als auf ihm des Menschen physischer Leib veranlagt wurde. Entsprechend ist auch der Atman (künftiger Vulkan) nicht leuchtend. Ätherleib und Buddhi sind hingegen sonnenverwandt und leuchten.)

Für die Engel bedeutet die Auferstehung des Christus nach seinem ätherischen Bewusstseinsopfer im Menschenreich, dass sie das Prinzip des Wahren nun dort suchen müssen, wo ihre karmaschutzbefohlenen Menschen sind und woher es ihnen vom Christus als Wahrheit entgegenstrahlt. Seit 1933 also suchen sie das für sie existenziell unerlässliche Wahrheitslicht im Menschen. Genau gesprochen suchen sie den Christus im Menschen, um so ihre Arbeit am Menschenkarma und damit auch an ihrer eigenen Evolution zum Geistselbst wahrhaftig durchführen zu können. In diesem Sinne ist Christus der Weg für den Engel.

In rechter Weise geht das aber nur, wenn sich der Mensch, für den ein Engel Obhut trägt, des Christuslichtes in sich auch bewusst wird und aus diesen Impuls mit seinem Engel "kooperiert". In diesem Sinne ist Christus der Weg für den Menschen.

Ein Mensch muss den Weg seiner Christussuche in sein Wesenszentrum hinein einschlagen. Und wegen seiner Freiheitsmöglichkeiten drängt ihn hierzu nichts. Ehrliche Christussuche kann sich deshalb nur als angewandte Freiheit vollziehen. Christus als Weg für den Menschen geht durch die Freiheit.

Wo Menschen ihn nicht gehen wollen, weil sie allen möglichen Zwängen aus einer materiell dunklen und von Todeskräften durchsetzen Welt folgen, wird ihr Ichwesen für den lenkenden Engel finster erscheinen. Hell würde es erst für diesen, wenn der Mensch mit der ihm von Luzifer geschenkten Freiheit den Christus in sich als den wahren Lichtträger aufsucht. In diesem Licht kann ein Engel wahres Karma schauen und aus diesem wirken. Ist ein Mensch aus Nachlässigkeit für den Christus unachtsam, kann er zum Damoklesschwert über der Evolution seines Engels werden. Er würde Ahriman erlauben, dem Engel Kräfte der Dunkelheit und des Irrtums entgegenzuschleudern, die sich auf dessen Geistselbstentwicklung auswirken. Die engelische Karmaarbeit am Menschen würde unwahr, die Unwahrheit zu einer Selbstverleugnung des Engels führen und die Selbstverleugnung seinen Sturz einleiten. Damit wäre aber der Sturz eines christvergessenen Menschen zwangsläufig mit einem Sturz des ihn lenkenden Engels verkoppelt:

Der Engel würde in seinem Manas (Geistselbst) verlöschen, der Mensch parallel dazu in seinem Ich.

Die Darlegungen hier möchten folgendes deutlich machen: Durch die beiden Opfer des Christus - 33 im physischen Leib des Menschen zur Überwindung des Todes und zur Heiligung der menschlichen Freiheit, 1833 im ätherischen Leib des Engels zur Überwindung eines Manasverlustes und drohender falscher der Karmaarbeit - wurden diese beiden Wesensreiche in einer sehr engen Weise aufeinander bezogen; so eng wie niemals vorher. Das wahre Königstum des Menschen, also sein durch den Christus errungener Atman und das wahre Priestertum des Engels, also dessen durch Christus errungene Buddhi, vereinigen sich zum Königspriestertum. Man kann diesen Begriff als ein Weltenzusammenwirken von Mensch und Engel aus der Stiftung Christi verstehen: Der Weg. Der Mensch strahlt dem Engel aus seiner christdurchdrungenen Freiheit das Licht entgegen, das dieser zum rechten Erkennen des Karmas für den ihm anbefohlenen Menschen benötigt und dadurch essentiell auch zur rechten Entwicklung seines Geistselbstes. Und der Mensch gesundet an recht geführtem Karma.

Geistlicht, das dem Engel aus christdurchdrungener Freiheit des Menschen entgegenleuchtet, strahlt dieser dem Menschen wieder zurück. Es erlöst Luzifers Licht zum Licht des Pfingstgeistes oder zum Heiligen Geist, zum Parakleten, zum Herbeigerufenen. Aus dem Menschen reicht Christus dem Engel die Krone des menschlichen Königstums, und aus dem Engel reicht ER dem Menschen die Tiara des engelischen Priestertums. Hierdurch ereignet sich sowohl beim Menschen als auch beim Engel eine fundamentale Umstülpung in der Evolution. Wie ist das gemeint?

Der Mensch blickte bisher stets zu Göttern auf. Selbst im 20./21. Jahrhundert nahen sich viele Menschen dem Christus noch in dieser Attitüde. Seit Golgatha und insbesondere seit 1933 geht diese Blickrichtung aber nicht mehr so ohne weiteres. Christus kann innerlich nur noch in der Wesensmitte gesucht und gefunden werden. Aber für diese Suche muss ein Mensch die Kraft der Freiheit in Tätigkeit setzen. Christus lässt sich nicht durch einen Heilsautomatismus finden.

Der Engel hingegen hatte bisher das Licht der karmischen Evidenz für den Menschen in seinem Bewusstsein selbst gefunden. Seit dem Opfer Christi im Äther geht auch das nicht mehr. Er muss seinen Blick nun nach außen richten und den Zugang zur Karmaevidenz des Menschen in diesem suchen, wohin Christus die Frucht des Opfers getragen hat. Der Christus im Wesenszentrum des Menschen ist dadurch für den Engel ein Außen geworden. Die angedeuteten Umstülpungen der Blickrichtungen bei Mensch und Engel bleiben nicht ohne Konsequenz.

Wenn ehemals Weihevorgänge am Menschen zum Priestertum stattfanden, dann geschah dieses gleichsam von oben herunter durch die Engelwelt hindurch. Der Engel wurde zum Verantwortlichen für eine hieraus entstehende kirchliche Gemeinschaft. Sie war hierarchisch strukturiert und trug die Priesterschaft in diesem Sinne zwischen sich und der Gemeinde. Verbunden hiermit waren strenge Vorlagen und Verhaltenskodizes für die Priesterschaft.

Nach 1933 können Weihevorgänge kaum noch von oben nach unten geschehen, weil die Buddhikraft Christi, die solche Weihevorgänge einstmals von oben herunter durch den Engel zum Menschen hin bewirkt hat, nicht mehr oben ist. Die Weihetätigkeit der Engel muss jetzt aus der Buddhikraft des Christus vom Zentrum des Menschenwesens hin zur Peripherie der Menschenpersönlichkeit vollzogen werden. Das bedeutet, dass ein Engel allmählich aufhört, noch von oben her das Haupt für eine irgendwie geartete äußerlich-kirchliche Gemeinschaft mit Vereins- oder Rechtscharakter zu sein. Dafür nimmt er mehr und mehr eine solche von innen nach außen ein für eine Menschengemeinschaft, die sich aus dem durchchristeten Menscheninneren in Freiheit zusammenfindet.

Was ehemals als ein "von oben nach unten" wirkte, stülpt sich um zu einem "von innen nach außen". Wenn Rudolf Steiner vom umgekehrten Kultus spricht, dann ist das, was er mit Umkehrung meint, eigentlich nur recht verständlich, wenn nicht eine Umkehrung lediglich in der Vertikalen vorgenommen wird, sondern die frühere unendlich ferne Höhe jetzt als unendlich ferne Mitte (was allerdings paradox klingt) verstanden wird, die im Menschen zu suchen ist, und aus der nun Kultisches so zur Persönlichkeit des Menschen oder zur Peripherie hin sich offenbart, wie früher von dem unendlich fernen Oben herunter. So radikal hat sich Kultisch-Wirksames seit 1933 verändert. Dagegen läuft aber eine auch noch im Jahr 2004 immer mächtiger werdende Finsternis des Antichristen Sturm.

So dürfte es zukünftig eine Fülle gültiger freier Kultusformen geben, die sich aus solch einer Umstülpung herleiten und sich dem antichristlichen Wirken stellen. Sie können es, weil sie nicht mehr von oben herunter gestiftet werden, sondern von innen heraus ihre Kraft erhalten, indem durch den Christus die Evolution von Mensch und Engel gerettet wird durch deren gemeinsamen Weg des Königspriestertums. ..

Der Verfasser ist sich des Provokativen in diesem Artikel voll bewusst, zumal ihm aus früheren Publikationen in solcher Richtung erhebliche Attacken seitens kirchlicher Vertreter entgegengetreten sind. Er nimmt daran nicht Anstoß. Allerdings möchte er sie auch nicht zum Gegenstand einer ins Fundamentalistische ausufernden Auseinandersetzung machen.










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