Was ist Kultus ?


Hergen Noordendorp


Die Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten, weil der Begriff Kultus im Laufe der Jahrhunderte mit ganz bestimmten Inhalten besetzt worden ist, die sehr stark von einer Eigeninteressenlage der Verantwortlichen für eine Kultusgemeinschaft geprägt wurden.

Dazu gehört,
dass er eine Stiftung von göttlicher Seite her sei,
dass er nur gültig vollzogen werden könne von geweihten Priestern,
und dass ein Laie ohne Teilnahme an solchen kultischen Vollzügen von seinen göttlichen Ursprüngen abgeschnitten sei.

Räumt man einmal alle Aspekte religiöser Gruppenideologien weg, dann lässt sich Kultus als eine Abfolge von vier »Sätzen« verfolgen. »Satz« ist hier etwa im Sinne des Satzes einer Sinfonie gemeint, welche sich traditionell aus vier solchen aufbaut.

Die Titel dieser kultischen Sätze lauten:
1. Verkündigung oder Lesung einer göttlichen Satzung, in vielen Fällen verbunden mit einem Bekenntnis hierzu und einer lehrartigen Auslegung.
2. Darbringung von Gaben im Sinne von Opfergaben.
3. Metamorphose der Substanz dieser Opfergaben.
4. Vereinigung mit dem Göttlichen oder Wiederaufnahme in das Göttliche.

In seiner Tiefe betrachtet fußen diese vier kultischen Sätze oder Teile auf den Grundvorgängen eines irgendwie gearteten Schöpfungstages inklusive seiner Nachtphase. Wie ist das zu verstehen?

Schöpfung tritt esoterisch verstanden stets aus einem Zustand der Nichtmanifestation hervor. Sie durchläuft dann eine Phase der Manifestation und kehrt in verwandelter Weise wieder in den Zustand der Nichtmanifestation zurück.
Wenn sie in die Erscheinung tritt, trägt sie gewissermaßen ihren Evolutionsauftrag so in sich, dass er »das Gesetz ist, nach dem diese Evolution antritt«. Jedes Wesen, welches eine Evolution innerhalb eines solchen Evolutionszyklus durchmacht, gehört innerlich untrennbar mit diesem Gesetz zusammen.

Dieses Gesetz beinhaltet von allen Wesen, die ihm unterstehen:
was sie sein sollen,
was sie einmal sein werden
und was sie auf dem Weg vom Ausgang zur Rückkehr an Herausforderungen des Werdens durchzumachen haben.
Dieser Werdeweg führt die Wesen an allen Klippen und Fahrnissen der Evolution vorbei und setzt sie fortwährend der Möglichkeit des Straucheln aus.

Als innere Orientierung gegenüber solchen Gefahren des Strauchelns, wird einem Wesen daher immer wieder eine Erinnerung an das Gesetz gegeben, nach dem es angetreten ist, damit es sich nicht verliere, oder, wenn es schon auf einem solchen Weg ist, sich auf seine Evolutionseigentlichkeit wieder besinnen könne.
Dasjenige, was hierzu nötig ist, bildet den Inhalt des ersten kultischen Satzes oder Hauptteils. Will dieser in sich wahrhaftig sein, dann muss er das Evolutionsgesetz von Wesenheiten spiegeln. Das Spiegeln ist das Wichtige, wie diese Spiegelung dann ausfällt, hängt jedoch davon ab, woran und wie sie sich während der sich metamorphosierenden Zustände einer Evolutionsphase zum Ausdruck bringen kann.

Während einer Evolutionsphase muss eine Wesenheit an der Entwicklung des in ihm liegenden Gesetzes tätig werden. Es muss fortwährend neue Impulse aufnehmen, diese in ein Verhältnis zu dem bereits Gewordenen setzen und phasenweise dieses Gewordene immer wieder hingeben, damit es nicht zum Hindernis der Entwicklung werde. Wird ein Gewordenes in dem Augenblick hingegeben, wo es seine edelste Gestaltung erfahren hat, wird es eine wahrhafte Opfergabe. Dem Göttlichen wird gegeben, was diesem in einem jeweiligen Evolutionsaugenblick seine wahrhaftigste Offenbarung ermöglicht.
Diese Verhältnisse spiegeln sich im zweiten Hauptteil oder Satz von Kultus, in der Darbringung der Gaben, wieder.

Ist die Gabe dargebracht worden, ergibt sich an ihrer Stelle ein Freiraum, in welchem sich ein Verwandlungsschritt vollziehen kann und soll, der die zuvor als Opfer dargebrachte Erscheinung einer Evolutionssubstanz in eine höhere und vollkommenere Erscheinungsform umgießt, die sodann wieder geopfert werden kann und so fort. Die innere Dynamik der Metamorphose ist dabei abhängig von dem Gesetz, nach dem ein Wesen angetreten ist und auf das es sich über den ersten Kultusteil immer wieder rückbeziehen kann und soll – Religion ist Rückbeziehung.
Diese Verhältnisse spiegeln sich im dritten Hauptteil oder Satz von Kultus, der Wandlung, wieder.

Wenn alles vom Sein-Sollen zu Gewordenen vollendet ist, besteht keine Notwendigkeit mehr für ein weiteres Verbleiben in der Manifestation, denn das brächte nichts Neues mehr. Wesen, die sich bis hierher entwickelt haben, gehen als »Ertrag ihrer eigenen Evolution« wieder in das Absolute des Göttlichen ein, gelangen zur Vereinigung oder Kommunion.
Diese Verhältnisse spiegeln sich im vierten Hauptteil oder Satz von Kultus wieder.

Will man die charakterisierten vier Kultischen Sätze den weiter oben gebrauchten Ausdrücken von Evolutionstag und Evolutionsnacht zuordnen, dann muss dieses folgendermaßen geschehen:

Der Evolutionstag umfasst die beiden Sätze: Darbringung oder Opfer und Verwandlung.
Die Evolutionsnacht umfasst die beiden Teile: Verkündigung oder Gesetz und Kommunion oder Vereinigung.

Der Evolutionstag verläuft äußerlich und ist einem Zeitlichen unterworfen.
Die Evolutionsnacht west außerzeitlich.

Will man als Mensch zu einer innerlich wahrhaftigen Feierform für Kultus als dem Vollzug von Evolution kommen, dann muss die sie ausdrückende Liturgie gestaltet sein aus der Kenntnis von Kultus als Archetypus einerseits und der aktuellen Evolutionslage der Menschenentwicklung andererseits. Diese Bedingungen müssen in eine solche Komposition gebracht werden, welche diese Gegebenheiten nach Wort, Gebärde und Bedeutung auszudrücken in der Lage sind.

Für den Menschen spiegelt sich dabei das Gesetz des ersten Hauptteiles in seiner karmischen Struktur wieder, welche die Grundkonstitution seines physischen Leibes ausmacht.
Der zweite Hauptteil bezieht sich auf das Wachstum und die Lebensprinzipien des Ätherleibes, dessen Früchte geerntet und hingegeben werden müssen.
Der dritte Hauptteil setzt den Lebensprozessen die Innerlichkeit des Astralleibes entgegen und zieht aus den Früchten die Essenz.
Der vierte Hauptteil vollzieht sich um die Identifikation mit oder der Ichwerdung aus dieser Essenz.

So, wie nun insbesondere die Ichwerdung eines Menschen zu einem Evolutionszeitpunkt insgesamt fortgeschritten ist, so wird gerade sie die spezifische Bedürfnislage hinsichtlich kultischer Vorgänge fordern und bewirken. In der Folge hiervon muss sich notwendigerweise ergeben, dass ihrer Dynamik nach numerisch vielfältige und unterschiedliche Liturgieformen als Spiegelungen des einen kultischen Archetypus erscheinen. Man sollte sie in respektvoller Weise koexistieren und ihre Gültigkeit und Bedeutung in dem Bezug gelten lassen, in den sie gehören. Falls solches nicht geschieht, fault hieraus eine Gärgrube an Zwist und dogmatischem Streit heran.


Hergen Noordendorp







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