Priesterlichkeit im Wandel der Evolution



Hergen Noordendorp

Die nachstehenden Ausführungen sind als Ergänzung zu Teil 2 der Aufsatzreihe "Kontemplation über die Identitätsproblematik bei der Ichentwicklung der Menschheit" (siehe: http://www.hermetika-aorim.de, siehe hier: wird das JCh apokalyptisch ) gedacht. Wurde dort die Priesterlichkeit des menschlichen Ichs untersucht, wie sie unter ganz bestimmten esoterischen Umständen für die Gegenwart verstanden werden kann, so soll hier über dasjenige gesprochen werden, was das eigentliche Prinzip priesterlichen Wirkens ist, um es dann in verschiedenen Mysterien-Epochen zu untersuchen.

Denn gerade im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert gibt man sich über das Phänomen der Priesterlichkeit manch einer nicht hinreichend klaren Vorstellung hin. Dass ein Priester Messhandlungen vorzunehmen habe, ist dabei allgemein gesprochen richtig, aber weshalb braucht es hierfür einen Priester? Und was in den Messhandlungen oder Menschenweihehandlungen, wie Rudolf Steiner solche kultischen Feiern im Allgemeinen nennt, ist für einen rechten Vollzug von einem "autorisierten" Priester abhängig?

In den beiden ersten Vorträgen von GA 346, "Apokalypse und Priesterwirken" legt Rudolf Steiner offen, dass Priesterlichkeit nicht etwas Abstraktes sei, sondern eine spirituell wirksame Realität. Diese vollzieht sich zwischen Wesen der göttlichgeistigen Welt und geweihten Priestern in einer Weise, dass sich aus diesem Zusammenwirken das wirkliche Ereignis der Transsubstanziation vollzieht. Für dieses Zusammenwirken muss eine Priesterpersönlichkeit aber zunächst vorbereitet werden. Sie hat in gewissem Sinne den Weg der Einweihung zu gehen. Heute hat sich dieses mehr oder weniger in ein formal durchgeführtes Priesterweiheritual verflüchtigt. In den echten Mysterien, so Rudolf Steiner, musste der Einzuweihende konkret an den von ihm kultisch behandelten Substanzen die durch Transsubstanziation vollzogene Veränderung wahrnehmen. Dann erst ging man davon aus, dass er aus dem Geistigen heraus in der rechten Weise geweiht worden sei für das Zusammenwirken von Göttern und Menschen zur Transsubstanziation. Das Erlebenkönnen der intimen Vorgänge im Zusammenhang hiermit nennt Rudolf Steiner Apokalyptik. Und diese Apokalyptik musste dem Priester wirklich inhaltlich in seinem Bewusstsein oder denkend erfahrbar werden.

Daher stehen Apokalyptik und Transsubstanziation in einer Weise miteinander in Beziehung, dass es hinsichtlich der Apokalyptik auf die priesterliche Gestimmtheit und hinsichtlich der Transsubstanziation auf das priesterliche Wirken ankommt. Das sind zwei Bedingungen für ein wahres Priestertum. Es kommt dann noch als drittes hinzu, dass im priesterlichen Bewusstsein, welches sich aus dem Einweihungs-Übungsweg stark verändert, apokalyptisches Empfinden und transsubstanziierendes Wirken gedanklich klar erlebt werden können. Priestertum ergreift also in unterschiedlicher Weise das Denken, Fühlen und Wollen eines Menschen, der sich in der rechten Weise hierzu vorbereitet. Mantrisch-künstlerisch hat Rudolf Steiner diese drei Bedingungen in seinem Drama "Der Hüter der Schwelle", sechstes Bild formuliert:

In deinem Denken leben Weltgedanken.
In deinem Fühlen weben Weltenkräfte.
In deinem Willen wirken Weltenwesen.

Die webenden Weltenkräfte erzeugen die apokalyptische Stimmung, die wirkenden Weltenwesen bewirken im Verein mit dem Menschenwollen der Priesterpersönlichkeiten die Transsubstanziation und im Bewusstsein eines so priesterlich gewordenen Menschen lebt das Kultuswesen als Archetypus, als Weltgedanke. Mit dem bewussten Kontemplieren lebendiger Weltgedanken beginnt der meditative Übungsweg, der einen Priesteranwärter zum Erleben von Apokalypse bringen muss.
Heute ist hiervon noch das so genannte Brevierbeten übrig geblieben. Dadurch werden solche Transformationen hervorgerufen, dass Zugang zu Apokalyptik und Transsubstanziationswirken zwischen dem Göttlichen und der Menschenwelt erreicht wird.
Allerdings sind die Schulungswege unterschiedliche gewesen im Zuge der Evolution der Menschheit.

In den genannten beiden Vorträgen aus GA 346 gibt Rudolf Steiner einen Abriss des sich verwandelnden Mysterienwesens, welches er in vier aufeinander folgenden Epochen darstellt. Er charakterisiert eine alte Zeit, die noch außerhalb der geschichtswissenschaftlichen Nachweisbarkeit liegt. Ihre Besonderheit vollzog sich im unmittelbaren direkten rituellen Verkehr von Göttern und Menschen. Die Götter schildert Steiner als real anwesend in diesen alten Mysterien, deren Tempelräume sich fast immer in Erdhöhlen befanden. Ein solches reales Götterwahrnehmen sowie der Verkehr mit ihnen war dem alten Atlanter zu Eigen. Schon der altindische Mensch empfand mehr die Sehnsucht hiernach und unternahm große Anstrengungen, wieder das alte atlantische Erleben zu bekommen.

So kann von den oben zitierten Meditationssprüchen aus dem Drama "Der Hüter der Schwelle" der dritte auch zur Charakterisierung der alten Mysterien herangezogen werden. Es wirken Götter und Menschen direkt zusammen:
In deinem Willen wirken Weltenwesen.

Aber schon im alten Indien liegen die Beginne der "halbalten" Mysterien, wie Steiner sie nennt, in denen die Priester statt mit den Göttern selbst, nun mit den von ihnen in den Tempeln auffindbaren Kräften wirkten. Diese Mysterien liegen bezüglich ihres Anfangs noch im Dunkel der Geschichte. Ihnen kann der mittlere Meditationsspruch zugeordnet werden:
In deinem Fühlen weben Weltenkräfte.

Es setzen dann etwa um die Zeit der ägyptisch-mesopotamischen Epoche die "halbneuen" Mysterien ein, deren allerletzte Nachklänge bis in unsere Gegenwart reichen. Man findet sie in den verschiedenen Messkulten der koptischen, katholischen, orthodoxen Kirchen. Und hinsichtlich der erneuerten Messe in der Christengemeinschaft ist zumindest die Frage nicht unberechtigt, inwieweit sie eine Art Bindegliedfunktion erfüllt zur Überführung der halbneuen in die neuen Mysterien, welche mit dem 20./21. Jahrhundert in der Menschheit zu walten beginnen wollen. Den halbneuen Mysterien lässt sich der erste Meditationsspruch zuordnen:
In deinem Denken leben Weltgedanken.

Will man das Vorgebrachte genauer erfassen, so ist wichtig, sich ein Bild davon zu machen, in welcher Weise in den jeweiligen Epochen das Erleben der Apokalyptik gesucht wurde. Denn erst wenn ein Mensch bis zu diesem Erleben vorangeschritten war, konnte sich der Akt der Transsubstanziation mit ihm als wirkendem Priester auch als ein realer vollziehen. Und diese Umstände schildert Steiner sehr differenziert.

In den alten Mysterien erlebten die Priester die Gegenwart des Göttlichen selbst schon als Apokalypse. Der geistige Verkehr mit ihnen offenbarte die Evolutionsziele an die Menschen. Der priesterliche Wille wurde unmittelbar von den anwesenden Göttern gelenkt. In deinem Willen wirken Weltenwesen. Das Werk der Transsubstanziation diente dazu, die Keime für das rechte Fortschreiten der Evolution zu legen. Und in diesen alten Zeiten hatte ein Priester das Apokalypse-Erleben an der Transsubstanziation so, dass sie sich ihm an der physischen Organisation entgegenspiegelte. Dieser Bezug zum physischen Leib ging einher mit dem Bedürfnis, kultische Handlungen im Erdinnern, in Felsenhöhlen zu vollziehen.

In den halbalten Mysterien, in denen Transsubstanziation nicht mehr mit den Göttern direkt, sondern mit den von ihnen eingeströmten Kräften in den Mysterientempeln vollzogen wurde, spiegelte sich Apokalyptik für einen Priester an dessen Ätherleib. Er erlebte jetzt die Transsubstanziation im Prozessualen der Ätherströmungen, die den ganzen Säftestrom in der Menschenleiblichkeit regeln. In dieser Epoche wurde daher alles wichtig, was mit Wasser, rituellen Waschungen, und allen Lebensvorgängen in Beziehung stand. Das Wässrige im Menschen hat besonders eine Beziehung zum Fließenden des Fühlens. In deinem Fühlen weben Weltenkräfte.

Nun ist es so, dass physischer Leib und Ätherleib in gewissem Sinne für das Selbsterleben eines Menschen eine Einheit und "Außenwelt" darstellen. Die Anthroposophie weist immer wieder auf die innere Verbundenheit von physischem Leib und Ätherleib einerseits und Astralleib und Ich andererseits. Dies wird besonders dort deutlich, wo es um den Wach-Schlaf-Rhythmus geht. Physischer und Ätherleib bleiben im Bett zurück, während Astralleib und Ich sich in die Weiten der Planetenwelt begeben. So kann deutlich werden, dass mit Eintritt der halbneuen Mysterien ein merkbarer Umschwung für das Erleben von Apokalyptik eintritt. In den ersten beiden Epochen erlebte der Priester, wie sich die Götter allmählich aus dem direkten Verkehr mit den Menschen zurückzogen und nur noch ihr Kräftewirken zurückließen. Anders ausgedrückt könnte man auch sagen, dass der priesterliche Mensch im Zuge der Mysterienentwicklung herabstieg von seiner vormals geistigen Wahrnehmungsweise und in eine immer irdischere hineingelangte.

Rudolf Steiner schildert nun, dass mit Eintritt in die halbneuen Mysterien der Mensch Anstrengungen aus sich selbst zu unternehmen hatte, um wieder zu den Göttern hinauf zu steigen. Das Erleben von Apokalyptik an der Transsubstanziation vollzog sich jetzt am Spiegel des Astralleibs. Das Medium für die sich vollziehende Transsubstanziation war das in den Weihrauch, in die Luft hineingesprochene Kultwort, welches einstmals noch ein magisch wirkendes, ein "Zauberwort" war. Was die Priester hier zu erfahren hatten, war das sich selbst transsubstanziierende Kultwort.

"Wenn der Mensch dies halbbewusste Kultwort intonierte und dies sich selber transsubstanziierte, [&] dann wurde in der dritten Epoche das Apokalyptische wahrgenommen. [&] Sie zelebrierten die Weihehandlung mit dem Kultwort, von dem sie erlebten, dass in ihm anwesend wurde die Gottheit. Sie hatten das Kultwort hinaufgeschickt, die Gottheit war in das Kultwort hineingeströmt." 1)

Weil nun diese kultischen Formen der halbneuen Mysterien bis in unsere Zeit hineinreichen und damit in eine Epoche, für die seit dem Beginn der Neuzeit alle alte Hellsichtigkeit verschwunden ist, um der Intellektualität Platz zu geben, deshalb ist dasjenige eingetreten, dass auch die Transsubstanziation immer mehr nur noch formal, nicht mehr real erlebt wird. Hier sagt Rudolf Steiner etwas Erstaunliches über den Charakter eines liturgischen Wortlautes:
"Und so ist, wenn mit dem wirklichen Kultwort die Weihehandlung zelebriert wird - sei es auch durch den unwürdigsten Priester -, vielleicht nicht seine Seele, aber immer Geistiges vorhanden; sodass in der Tat der Gläubige unter allen Umständen, wenn die Liturgie eine richtige ist, einem geistigen Vorgang beiwohnt." 2)

In deinem Denken leben Weltgedanken, dann wenigstens, wenn die Liturgie eine richtige ist, wenn sie in Wort und Gebärde ein Wahrabbild realer Geistesvorgänge nachzeichnet. Aber im Zuge der Zeit wird alles für das menschlichpriesterliche Bewusstsein immer abstrakter bis hin zum nicht mehr Verstehenkönnen, was es wirklich mit dem realen Prozess der Transsubstanziation auf sich hat. Hierzu enthüllt Rudolf Steiner etwas ganz Wichtiges über eine richtige Liturgie:

"Man kann nicht mit diesen intonierte Worten zelebrieren, ohne die Inkorporation von Luftwesenheiten, das heißt, ohne dass Geistigkeit anwesend ist." 3)

Das bedeutet unabhängig von der Fähigkeit eines Priesters die Transsubstanziation noch wirklich hellsichtig im Astralleib verfolgen zu können - was sie in den alten Zeiten überhaupt erst gültig gemacht hätte, indem sich das Transsubstanziationsgeschehen als Apokalyptik in einem Wesensglied des Priesters spiegelte - dass jetzt ersatzweise Elementarwesen der Luft in einer richtigen Liturgie die Substanzwandlung hervorbringen.

Es mag noch kurz gefragt werden, welche Substanzen in den alten Mysterien der Wandlung unterlagen. Hierüber berichtet Rudolf Steiner nichts genauer. Für die halbalten Mysterien charakterisiert er die Substanzwandlung mit dem Hinweis auf Vorgänge der Fermentation. Als Beispiel weist er auf die Sauerteigführung hin. In ähnlicher Weise finden auch Fermentationsprozesse bei der Weingärung statt. Mit dem Übergang von der Atlantis in die nachatlantische Zeit geht der Weinbau in die menschliche Kultur ein. Das alte Testament drückt es so aus, dass gesagt wird, Noah wurde zum Weinbauern. Noah ist nach Rudolf Steiner der Manu, der die Menschheit über die atlantische Katastrophe hinüberrettete. In GA 89, Seite 241 deutet er an, dass ein anderer Name für den Manu Melchisedek ist. So war es Melchisedek, der für die nachatlantische Zeit die Weinkultur einführte, damit über den Alkohol das alte Hellsehen beseitigt würde.

Aus diesen Andeutungen heraus kann vorsichtig angenommen werden, dass in den halbalten Mysterien die Substanzen für die Transsubstanziation genau so Brot und Wein waren, wie in den halbneuen. Nur interessierte den Priester in der halbalten Zeit vordringlich dasjenige, was er geistig-seelisch im Beobachten der Fermentationsprozesse bei der Teigwerdung oder Weingärung erleben konnte. Beides sind von ätherischen Kräften gelenkte Prozesse. Und wenn er sie in seinem Ätherleib erleben konnte, dann wurde ihm das Ferment geistig durchscheinend für die Apokalyptik.

In der Anfangszeit der halbneuen Zeit lag nicht mehr das Ferment bzw. der Fermentationsprozess als das Wichtige im Interesse des Priesters, sondern dasjenige, was über das kultische Wort göttlich hineinwirkte in die Substanzwandlungsprozesse. Die Wandlung wurde für ihn im aufsteigenden Weihrauch in der Luft wahrnehmbar und ermöglichte ihm hier die Erfahrung von Apokalyptik. Es darf wohl auch ebenso vorsichtig angenommen werden, dass in den alten Mysterien Getreide und Weintrauben als Substanzen zur Wandlung herangezogen wurden, aber doch so, dass die Priester das unmittelbar physische Wandlungswirken der Götter in den Keimkräften des Getreidekorns und in dem Hervorrufen der physischen Grundlage für die Weingärung im Weingewächs als Apokalyptik erlebten, nicht den Prozess der Fermentierung.

Die Getreide- und Weinmysterien durchziehen die ganze Mysterienkultur. In den Getreidemysterien wurde die Geisterkenntnis und Einweihung über die oberen Götter, wie die Griechen es nannten, gesucht. Man blickte in die Sphären von Mars, Jupiter und Saturn, um die Weisheit zu erkennen. Die Weinmysterien hingegen suchten die Einweihung durch die Erde hindurch bei den unteren Göttern, deren Wohnsitze man in Mond, Merkur und Venus suchte. Der Einweihungsweg führte hier durch das Totenreich.

Als Melchisedek bei der Berufung Abrahams diesem in einer Felsenhöhle als Priester des höchsten Gottes Brot und Wein gab, bildete er die Verknüpfung dieser zwei Mysterienströmungen vor, die dann am Gründonnerstag - beim Heiligen Mahl - vom Christus fortan in einen Strom zusammengelenkt wurden, indem er der Transsubstanziationsrealität einen neuen Inhalt gab: Er verband seinen Leib mit den im Brot repräsentierten Mysterien der Weltenweiten, mit seinem Blut hingegen die Weinmysterien, die in die Unterwelt wiesen. Er als das Sonnenwesen Christus im Erdensein greift die eine Strömung mit der einen Hand, die andere mit der anderen und hält sie in seinem eigenen Wesen fortan real miteinander verbunden. Diese Gebärde ist in der Skulptur Rudolf Steiners, die er den Menschheitsrepräsentanten nannte, wunderbar ausgedrückt und erscheint in der ganz merkwürdigen Gebärde der Handhaltungen. In der Natur erscheinen Luzifer und Ahriman miteinander verbunden. Für den Menschen müssen die ihnen eignenden Welten auseinander gehalten, der aus ihnen zu erringende Geistertrag jedoch miteinander verknüpft werden.

Die Tragik der letzten 2000 Jahre Priesterkultur bestand darin, dass die Wandlung von Brot und Wein in Christi Leib und Blut zwar durch das Kultuswort vollzogen, aber immer weniger erlebt wurde. Als um das Jahr 1250 herum dann, wie Rudolf Steiner sagt, für einige Jahre selbst für höchste Eingeweihte der Einblick in die geistige Welt verschlossen war, wurde der Priesterschaft im Grunde genommen der Zugang zur Apokalyptik entzogen. Luftwesen traten stellvertretend ein, während die Theologie über die Realität oder Nominalität der Ideen stritt und nach dem Gottesbeweis suchte.

Die neuen Mysterien sind gerade im Morgendämmer ihres Beginnes. Sie werden dahin führen, dass Apokalyptik jetzt über das Ich erlebt werden kann, und wenn sie erlebt wird, dann führt sie unmittelbar aus dem Innenwesen des Ichs eines Menschen dahin, dass dieser die Transsubstanziation, (...) als real sich ereignende Gottestat des Christus aus dem Mittelpunkt seines Ichs heraus in die Substanzen hinein verfolgen lernt. Im Feuer seines eigenen Blutsstroms begegnet er dem Christus-Ich, welches feurig durch des Menschen Ichfeuer flammt. Den Christus in seinem menschlichen Ich erleben zu können, das entzündet sich zum Feuer der Apokalyptik. Das ist die Taufe mit dem Feuer, auf die Johannes der Täufer hinsichtlich des Christus anspielt. Der Bildinhalt dieser Apokalyptik ist das, was in der Offenbarung des Johannes als Evolutions- und Heilplan für Erden- und Menschenentwicklung aufgeschrieben wurde. Aber wenn ein Mensch im Inhalt dieser Johannesoffenbarung die ganze Wesenssubstanz des Christus erleben lernt, dann kann er das nur in einer solchen Weise, dass er mit diesem Erleben zugleich diesen Inhalt als durch Selbsterzeugung hervorgebracht erlebt. Er kann mit dem ganzen Inhalt der Apokalypse nur wirklich umgehen, wenn er ihn durch eigene Kraft in sich fortwährend erbildet. Dann erst strömt in diese Selbsterzeugung als Substanz das Ichwesen Christi ein, welches dem apokalyptischen Selbsterzeugnis eines Menschen in seinem Ich den einzig möglichen Inhalt geben kann. Und wenn dieser Mensch die apokalyptische Stimmung, die selbsterzeugend in seiner Seele aufgeht, erlebt, dann wird ihm das selbsterzeugte Erleben zu einer solchen Evidenz, dass damit untrennbar verbunden ist das göttliche Wirken Christi in der sich parallel dazu vollziehenden Transsubstanziation.. . Erlebt er als das selbsterzeugte Apokalyptische in sich den Welteninhalt des Christuswesens, dann sind ihm in dem Moment, wo sich die Wandlung .. durch die Gottestat des Christus ereignen, ebenso evident. Und die Transsubstanziation wird dadurch wahr, dass der Mensch, der Apokalyptik als den Christus in sich erlebt, genau das wieder errungen hat, was für die alten Mysterien das unmittelbare Zusammenwirken von Menschen mit Göttern zum Hervorrufen der Wandlung war. Damals kamen diese Götter von außerirdischen Sitzen herunter in die Mysterien. Heute tritt dieses wirkende Göttliche von innen her wieder durch den Christus an das Menschen-Ich und in dieses hinein. Das liegt dem zu Grunde, wenn Rudolf Steiner am Ende des zweiten Vortrags aus GA 346 sagt: "Wird das ich apokalyptisch, dann ist das Ich priesterlich." Ein solches Ich erfährt die Weihe zum Priester durch die Priesterschaft die der Christus selbst hat. Während der kultischen Handlungen erfüllt der Christus als der Hohepriester im Rang des Melchisedek dieses Menschen-Ich. Hieraus folgt, dass es künftig keine äußere Priesterweihe mehr in der neuen Mysterienzeit geben kann. Das hierzu jetzt noch dienende Sakrament wird eine inhaltliche Transformation erfahren. Menschen, die den Christus in sich erleben, die also Apokalypse in sich erleben, sind in dem Augenblick, wo sie kultisch zu handeln beginnen, durch den Christus in sich vollgültige Priester, die alle Kriterien erfüllen, von denen Rudolf Steiner für die drei vorangegangenen Mysterienzeiten gesprochen hat. Aber sie sind es ohne jeden Amts- oder ohne jeden Laiencharakter. Sie sind es direkt durch Christus für die Zeit der kultischen Handlung.

Diese förmliche Umstülpung von Apokalyptik und Priesterlichkeit von außen nach innen wird notwendigerweise auch einen anderen Grundton im Liturgischen anschlagen müssen. Wenn alle, die eine Handlung feiern, ausnahmslos durch Christus zu Priestern geworden sind für die Dauer dieser Handlung, dann wird ein Amtspriester, der die Heilige Handlung für eine Gemeinde vorzunehmen hätte, absurd. In einer aus dem Bedürfnis eines menschlichen Ich erstrebten Eucharistiefeier ist entweder jeder Teilnehmende daran Gemeinde oder jeder ist Priester. Das eine mit dem anderen gibt es nicht. Sind räumlich Zuschauer oder Leute dabei, die die Feier kennen lernen wollen, dann sind diese während der Zeit
weder
Gemeinde noch Priester.

Folglich wird überall dort, wo in den Liturgien der halbneuen Mysterien der Priester noch "ich" sagt und damit wirklich sich selbst meint im Gegensatz zur Gemeinde, an die Stelle von "ich" liturgisch das "wir" treten müssen, welches im Christus seine höhere Ichheit erlangt. Und in der letzten Konsequenz bedeutet dies, das mit allem heute noch auffindbaren Amtspriestertum zugleich alles Kirchentum verschwinden wird, weil an ihre Stelle eine Priesterlichkeit tritt, die aus dem Kairos, aus der rechten Zeit der Kulthandlung geboren wird und in ihrem Vollzug für diese Zeit dann Kirche oder Gemeinde ist. Und wenn die kultische Handlung vollzogen ist, dann begeben sich sowohl die Priesterlichkeit der Teilnehmer als auch ihre zeitlich begrenzte Wirklichkeit als Gemeinde oder Ekklesia - als "heraus Berufene" - wieder zurück in den Wesenskreis Christi, in das Reich, das nicht von dieser Zeit ist.

Das Priestertum und die menschliche Gemeindebildung in der vierten Mysterienepoche ereignen sich ganz wirklich mit dem göttlichen Wandlungswirken Christi aus dem Reich heraus, das Er als das Reich bezeichnet, welches nicht von dieser Welt ist. Aber aus dem freien Willen aller, die solch eine Kulthandlung wollen, tritt sie jedes Mal neu aus diesem Reich, das nicht von dieser Welt ist, in diese Welt herein, um in ihr und an ihr wandelnd tätig zu werden. Das Werk mündet in einen Frieden oder eine Friedfertigkeit aus dem guten Willen. Dieser gute Wille ereignet sich in die Erdenwelt herein aus dem Reich, das nicht von dieser Welt ist, indem er, Apokalypse erzeugend, Menschen, die den Christus in sich erleben, zum Vollzug dieses guten Willens aus ihrem innersten Ich heraus priesterlich werden lässt.



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1 GA 346, zweiter Vortrag.
2 ebenda
3 ebenda










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