ABGESÄNGE
AUF DIE
SOZIALE WEITERENTWICKLUNG
EINER UMSTÜRZENDEN IDEE



Gemeinschaften, die sich dem religiösen Impuls verschrieben haben, stehen unter einem großen Erwartungsdruck, nicht nur was deren geistige Botschaft, sondern auch deren "irdische Verpackung" in den Rechtsformen, den Strukturen der Gemeinschaft betrifft.
Ist hier «neuer Wein in alte Schläuche» gefüllt? Stimmt der kultushistorische Standort auch mit dem sozialen überein?
«An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen» .

So wird auch die Kirche «Die Christengemeinschaft» aufgrund ihres Anspruches als «Bewegung für religiöse Erneuerung» und ihrer anthroposophischen Quellen ganz besonders an einem hohen Niveau gemessen und kritisiert. Die hier an der «Christengemeinschaft» formulierte Kritik hat nicht Verurteilungen zum Ziel, sondern will Fragen vorstellen, die uns für die Struktur-Probleme des «Prinzips Kirche» wachrufen, in unserem Fall der «Christengemeinschaft», weil sie uns eben als Anthroposophen anspricht, speziell betrifft und anzugehen hat.
( Hier benutze ich den Begriff «Kirche» im Zusammenhang mit den Strukturen der traditionellen, konservativen [vor allem katholischen/orthodoxen] Kirche - aber eben auch der «Christengemeinschaft» [ = Verfassung als «Religionsgemeinschaft», meist als «Körperschaft des öffentlichen Rechts», Hierarchie, "Hirte-Schafe-Prinzip", Kultusvollzug nur durch einen geweihten "Katalysator" Priester der allein zum Sakramentenvollzug berechtigt ist, «indirekter Kultus», Amtspriestertum, und meist auch Monopolanspruch [[ "allein seligmachende Kirche"]] und Dogma, ...] )

Viele Menschen innerhalb der anthroposophischen Bewegung, die heute einen weiterschreitenden Sakramentalismus suchen, haben einen Weg durch «Die Christengemeinschaft» hinter sich, bzw. stehen noch in dieser. Deshalb und aufgrund deren beanspruchten Monopols für ein "anthroposophisch sakramentales Handeln" ist sie Entzündungs- und Auseinandersetzungspunkt für Fragen suchender Menschen.
Folgend wirft der Sozialwissenschaftler und Unternehmens- und Lebensberater

S t e f a n . K a r l

18) einen - wenn auch besonders "scharfen" - Blick auf die soziale Problematik
der Kirche «Die Christengemeinschaft» 19) :



« Betrachtet ein auf das Religiöse sich orientieren wollender Mensch die Zusammenströmungen der Weltreligionen auf dem Boden Mitteleuropas, dann wird eine erhebliche Unübersichtlichkeit unausweichlich. In den Überkreuzungen verschiedenster Ansätze bedarf es nicht nur einer treffsicheren Empfindung für das Wahre, Gute und Schöne einer bestimmten Religion, sondern es bedarf vor allem einer scharfen Beobachtung dessen, wie sie als Organisationen mit dem individuellen Menschen umspringen, dann weißt du schnell, wie entwicklungsfähig sie auch als Religionswahrheiten im sozialen Wirken sind. Dabei kommt es gar nicht mehr auf einen wie auch immer sich spirituell oder esoterisch heißenden Wahrheits-Satz an, der sich für wichtig hält.
Grundorientierungen stellen sich m.E. für einen auf der Höhe der Zeit befindlichen Mitteleuropäer letztlich ganz anders her:

Wie lässt sich ein behaupteter Wahrheitszusammenhang mit der sozialen Frage verknüpfen.

... Religiöse Gemeinschaften sind von Veranlagung und Geschichte her am undurchdringlichsten verfasst, weil das religiöse Element unter stärkstem Konsensdruck der meisten Mitwirkenden und Nutzer steht und sie das Denken als Bedenken überhaupt nicht bereit sind, in den Kanon der allgemein zur Anwendung kommenden "Betriebsmittel" aufzunehmen. Solches Betreiben ist nicht aus sich selbst «religiös» zu nennen. Es wird mittels der Strukturgebärden zum Herrschaftsinstrument, selbst wenn einzelne Mitwirkende das gar nicht wollen. Es wird die Eigendynamik von Rechtsgebärden absichtlich und wirklich beeindruckend konsequent von den Hierokraten genutzt und von den "niederen Ständen" - seien es Priester im Solidaritätsdruck oder "Fußvolk" - in der Wirkung völlig unterschätzt. Es macht sich eine Stimmung breit, als ob es wirklich möglich sei, hinter den Gardinen eines totalitären Herrschaftssystems das "Wahre und Gute" unbeirrt vom "Staube der Welt" betreiben zu können, weil man doch einen gültigen Kultus habe, der alles zwangsveredle. Es wird absichtlich übersehen, dass es Restbestände gibt, die eigentlich ins Reich der Pharaonen gehörten und als solche Restbestände Fäulniskeime in sich tragen müssen, weil eine Fehlsetzung in der Zeit immer Böses als störende Abweichung in sich trägt. Das ist so. Das ist ein der Zeit entzogenes Gesetz. 20) ... Es gibt Menschen, die spüren, wie der Kultus, der von Rudolf Steiner den Gründungspriestern der Christengemeinschaft übergeben wurde, in diesem Gebilde einer heutigen «Körperschaft des öffentlichen Rechts» eine Sozialumgebung bekommen hat, welche die Frage nach der Funktion und Bildung eines zeitgemäßen Priestertums aufwirft. Es sind ja Priester der Christengemeinschaft, die solcherart Sozialmerkmale faktisch durch ihr Gebaren und Gehabe zulassen, kontrollieren, steuern und alle eingebauten Missstände billigend in Kauf nehmen, da sich alle Macht (eines so genannt Freien Geisteslebens) auf ihre Seite schlägt. Es sind strukturelle Massiv-Schäden zu konstatieren, völlig unabhängig vom individuellen Moralstand eines einzelnen Priesters...
Beim Versuch zum Beheben der Beschädigungen, stößt man auf Rudolf Steiners «Philosophie der Freiheit». Das ehrt Rudolf Steiner nur, wenn das darin angelegte Streben zuerst mit der Ursache der eigentlichen Bedrängnisse in Kontakt kommt.
Ursache ist das missachtete «Soziale», das man als an "anthroposophia" inklusive Bewusstseinsseelenentwicklung Interessierter dreigegliedert aufzufassen hat. Es ist immer "einfacher", Geistesleben zu produzieren als eine eventuelle Dreigliederung des Institutionellen. ...

Nach Golgatha und nach - ich nenne es zögerlich trocken - Golgatha II müssen die Begriffe Erkenntnis und Religion wie die analogen Handlungen aus diesen Tätigkeiten als Ritus und Kultus noch strikter differenziert werden, weil es sich jeweils um zutiefst anders konfigurierte Seelentätigkeiten und Leibesbefindlichkeiten handelt, um zugehörige Geistesinhalte zu "erden": in irdische Formen, die nicht im Mantrischen des Zelebrierens von Kultus oder im Absolvieren ritueller Gebärden enden! Alles kommt letztlich "von oben" her, was nichts besagte, könnte nicht mitgeteilt werden, wo und wie unterschieden Ritus oder Kultus "landen" kann und dann auch "landen" soll.

Käme ein Befugter, was hätten wir anzubieten an sozialen Gebärde-Formen, in die er als SOZIALES PRIESTERTUM die dann neue «Sozial-Weihe» - nicht mehr nur ein "erweitertes Christentum" - als Wandlungsgeheimnis berechtigt-gegründet hineintragen könnte:
« Wo zwei oder mehr zusammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen» ?
Wo sind die Gemeinschafts-Organe...
Stehen wir nicht alle miteinander zurzeit ziemlich "nackt" im kalten Winde der Asozialität und müssten eigentliche "frieren", der "zerschlissenen Kleider" wegen? ...

Die Alternative bliebe aber eine Leervokabel, wenn man nicht begreifen wollte, dass auch die Ideale der Dreigliederung des Sozialen "von oben" her kommen, aber "von unten" her betrieben werden müssen.
So ist's geworden, weil das vor Golgatha Berechtigte hinübergeschleift ist ins Heute durch das "asoziale" Priestertum und deren Gefolgschaft, die dürfen wir nicht auslassen, die so genannten Gläubigen.
Darum geht es ... soziale Strukturen dreizugliedern, damit die zeitgemäßen Dämme gegen Missbräuchlichkeiten aufgerichtet sind ...
Ich verlange, jawohl, das stramme Verankern in vereinbarungsintensiv neu zu erfindende Satzungen und "von unten her" revidierbare Verfassungen, wo mir versprochen wird, darzuleben, dass mit den drei Irrpfaden 21) Gewaltmenschentum, Gefühlsschwelgerei und kaltem, lieblosem Weisheitsstreben sozial sich selbst eindämmend umgegangen wird. 22)

Ergebnisse im Heute? Desolate Zustände. Unentwegt mit - m.E. sukzessionsbrechenden - Machtbesetzungen verkuppelt, weil dahin verführt. Solche Zustände nenne ich «luziferische», die «ahrimanische» Bildungen nach sich ziehen müssen. ...

Religiöses Leben kann nicht ohne Gemeindebildung bestehen ', 23) weil Religion bedeutet, Initiation in Gruppen einfließen zu lassen, DAMIT EINE PARALLELITÄT ENTSTEHT ZWISCHEN SOZIALEM UND RELIGIÖSEM LEBEN. Das wird gestützt durch Steiners Aussage, wo er zur Frage nach dem Rätsel der Gemeinschaftsbildung den zukünftigen Christengemeinschafts-Priestern keineswegs die Antwort "Kultus" gibt:

' Und da werden Sie nichts anderes können, wenn Sie zu einem wahrhaftigen, zu einem wirklichkeitsgetränkten Ziel kommen wollen, als praktisch Dreigliederung zu treiben, sich wirklich bewusst zu sein, wie man praktisch Dreigliederung treiben kann. ' 24)



Man kann somit prüfen,
1. ob Gemeinschaftsbildung, die nötig ist, stattfindet,
2. wie diese zur Bildung kommen soll und
3. zu welchen Ergebnissen man im Exoterischen gelangt ist.

Wird eine Möglichkeit gewollt, dass soziale Naturen geistig und religiös zur Aktivität gelangen? Ohne gleichberechtigte und brüderliche Mitwirkung von Anderen, bitte "komplett", also auch im Rechts- und Wirtschaftsleben, ist jedes Priestertum sozial betrachtet ein "Schaden".
Richtig ist zusätzlich, dass selbst der bis heute bekannte Sakramentalismus zum Irrweg werden könnte, denn er alleine genügt nicht mehr, die Welt voranzubringen, weil weiterhin der Grundkonflikt nicht erlöst ist, der sich aus "brüderlicher Feindschaft" zwischen Erkenntnis und Religion ergibt. »

25) « Die allermeisten der angewandten Begriffe laufen darauf hinaus, dass aus der Unbewusstseinslage des Wirkens von Sakramenten gefolgert wird, dass es gar keinen Sinn mache, mit Konsequenz diejenigen Tugenden mitzubilden, die vielleicht ohne "Pfaffen" zu Ergebnissen führen könnten, was ihre nichtsakramentalen Aktivitäten im grellen Lichte der Analyse desavouieren würde. Die Tätigkeiten, welche z.B. als Sozialästhetik jedermanns Sache zu sein hätte, heißen "Alles-ist-mein"-Pastorale und ist ein Privileg, das ich ein ständisch-mittelalterliches nenne. Man schämt sich dabei noch nicht einmal, zu behaupten, dass dies ja so gewünscht würde, als eine untergründig grummelnde "vox populi", die nach Führung und Unterwerfung schreie.
Die Störbegründungen können nicht nur von der Ausbildung her erklärbar sein, sondern sind sicherlich auch Folgen des institutionellen Aufbaues. Alles war von Anfang an (und verschlimmbösert durch die Installation als «Körperschaft des öffentlichen Rechts» nach der Befreiung 1945) als Organisations-Kirche angelegt.
Mir scheint, dass man überhaupt nicht erwogen hat, eine Graswurzel-Kultität ins Auge zu fassen. Das könnt' ins Auge geh'n? Die Bedrohung? Es könnte ein sakramentales Leben entstehen, das jeden Platz, den unsere Zivilisation als Notstandsgebiet darbietet, als Kultplatz betrachtet. Aber nein, man muss in eine Kirche hineinlaufen, an Anthro-Stilclustern vorbeimarschieren und wundert sich dann noch über die doch so "ungerechten" Verrisse...
... Darunter muss jeder Kultus leiden, der christliche allemal. Und wenn R.Steiner ihn als lautendes Wort vermittelt hat, so bin ich mir sicher, dass er am Geburtsfehler des Kirchenverständnisses, das man ja neuerdings wenigstens als öffentliches Dokument 26) sich beschaffen und studieren kann, keinen Anteil hat. - Die Gründer werden ihn dazu nicht präzise genug gefragt oder nicht genau hingehört haben, weil Fragen zum Aufbau eines akzeptablen Rechtsgefühles höchstens unter "Sonstiges" auf der Tagesordnung standen. Die damaligen sehr schwierigen Verhältnisse lassen manches verstehen. Der später folgende Ausbau jedoch offenbart m.E. einen massiven moralischen Defekt. Er ist nunmehr öffentlich zu besichtigen.»
(Karl)
27)







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Anmerkungen:

18) Stefan Karl, «Büro für Praktisches Sozialvertrauen», Markdorf, Bodensee.
19) Stefan Karl, aus «Glaube als Erkenntnis-Religion für eine Neue Sozialästhetik - Der erweiterte Glaubensbegriff: Individualismus und Soziale Entwicklung», 2.Auflage, 8/94, Kap.4.7.2., S.151ff, Pro-Drei-Verlag.
20) Folgend ein Einschub Stefan Karls, Zeitschrift «Info-3», 9/93, bzw. Zeitschrift «Pro-Drei», 4/93, oder auch Sonderdruck der Zeitschrift «Pro-Drei» «Vom Priester zum Pfaffen ...und kein Weg zurück?».
21) Siehe «Wie erlangt man...», GA 10.
22) Siehe dazu: Dieter Brüll, «Im Hinblick auf die Christengemeinschaft - Gedanken zur Gemeindestruktur», und «Über Ureliten», Sonderdrucke der Zeitschrift «Pro-Drei».
23) Rudolf Steiner, GA 257, S.172.
24) Rudolf Steiner, GA 342, S.49.
25) Ende der Zitate Stefan Karls aus Zeitschrift «Pro-Drei» 4/93, folgend weiter wie oben erster Teil der Dokumentation: Stefan Karl «Glaube...» .
26) Rudolf Steiner, GA 342-346.
27) Ende der Dokumentation Karl'scher Überlegungen zum Sozial- und Kirchenverständnis allgemein und das der «Christengemeinschaft» aus seinem Buch «Glaube als Erkenntnis-Religion...» sowie eines Beitrages in u.a. der Zeitschrift «Pro-Drei», 4/93, s.o.
28) Rudolf Steiner, 2.3.1923, GA 257/8, S.162







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