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Das Verhältnis der evangelischen Kirche zur Christengemeinschaft

AUS DEM SCHLUSSBERICHT DER STUDIENKOMMISSION
"KIRCHE UND ANTHROPOSOPHIE"
IN DER STUDIENGEMEINSCHAFT DER EVANGELISCHEN AKADEMIE


1. In dem Gespräch mit den Vertretern der Christengemeinschaft begegnete uns das Selbstverständnis einer Gemeinschaft, die sich der ,ecclesla invisibilis" zugehörig empfindet. Sie sieht sich als den Anfang einer dritten Periode der christlichen Entwicklung, die durch die Wandlung des menschheitlichen Bewußtseins im Laufe der Geistesgeschichte bestimmt sei. Sowohl der Katholizismus, repräsentiert durch die römisch-katholische Kirche, wie der Protestantismus repräsentiert durch die evangelischen Kirchen, gehörten vergangenen Bewußtseinsepochen zu. Die erste dieser Epochen wird gekennzeichnet durch die magische Einbeziehung des Menschen in kosmische Geschehnisse, die zweite durch das Erwachen und die Entfaltung des individuellen Ichbewußtseins, das zu einem übersteigerten Individualismus und Intellektualismus geführt hat. Die Überwindung der dadurch eingetretenen Krisis der Weltlage und auch des Christentums sei durch das Lebenswerk Rudolf Steiners eingeleitet, der eine selbständige, von der Bibel letztlich unabhängige Christusschau erfahren habe. Im Zusammenhang dieser Christusschau habe Rudolf Steiner in einem Akt übersinnlicher Erkenntnis die Grundlagen eines neuen sakramentalen Lebens empfangen und geschaffen. Dieser Kultus ist die Mitte der Christengemeinschaft.

Demgegenüber vermögen wir bei Anerkennung der durch Rudolf Steiner auch für die christliche Theologie gegebenen Anregungen nicht zu sehen, daß die Anthroposophie ein offenbarungsgeschichtliches Faktum ist, wie die Christengemeinschaft behauptet, und daß mit der Anthroposophie Rudolf Steiners die Notwendigkeit, aber auch die Möglichkeit eines entscheidenden Neuanfanges innerhalb der christlichen Kirche gegeben sei. Die Überzeugung der Christengemeinschaft von der übersinnlichen Herkunft ihres Kultus entzieht diesen Kultus jedem kritischen Gespräch.
2. Diese zentrale Bedeutung eines neuen sakramentalen Lebens hat zur Folge, daß die Christengemeinschaft nicht primär an lehrhaften Formulierungen interessiert ist. Ihre Aussagen wollen daher nur eine von immer neuen Seiten erfolgende Beschreibung der in den Sakramenten erfahrenen Wirklichkeiten sein, nicht die Entfaltung einer ,pura doctrina". Dieser Tatbestand kann positiv so verstanden werden, daß die Christengemeinschaft die Not einer intellektuellen, aus dem kultischen Raume herausgefallenen theologischen Sprache besonders empfindet. Er erweist sich andrerseits als bedeutente Schwierigkeit für jedes theologische Gespräch, da er es unmöglich macht, die Christengemeinschaft bei den zahlreich vorliegenden literarischen Äußerungen als theologisch verbindlichen Aussagen zu behaften.

Demgegenüber müssen wir feststellen daß keine Berufung auf geistliches Leben und geistliche Erfahrungen die Kirche von der Verpflichtung entbindet, ihr eigenes Sein ständig an ihrem Haupt Jesus Christus zu prüfen. Diese Prüfung bedeutet konkret die Beugung der Kirche unter die Norm der heiligen Schrift und das Gespräch mit den Vätern und den Brüdern. Diese Kontinuität scheint uns bei der Christengemeinschaft zugunsten eines bewußten Neuansatzes unterbrochen zu sein.
3. Aus der im Kultus gewonnenen und srändig erweiterten geistlichen Erfahrung erwächst die Schriftauslegung der Christengemeinschaft. Durch diese Beziehung der Schriftauslegung auf das sakramentale Leben, die auch vielen neueren evangelischen Exegeten wichtig geworden ist, will die Christengemeinschaft Einsichten in die in der Heiligen Schrift vorliegenden Denkformen gewinnen und die lange Zeit herrschende individualistische und die einseitig personalistische Schriftauslegung überwinden.

Aber durch die mangelnde Bindung des Kultus selbst an die Schrift und durch das Herausfallen aus dem Zusammenhang der Kirche wird die Gefahr exegetischer Willkür heraufgeführt, der die uns vorliegenden Schriftauslegungen vielfach auf Kosten der Substanz und der Einheit des biblischen Kerygmas erlegen zu sein scheinen.
4. Das sakramentale Leben der Christengemeinschaft will in das Werden des Menschen und des Kosmos, das sich von vorgeburtlicher zu nachgeburtlicher Existenz, von Inkarnation zu Inkarnation, von Äon zu Äon fortsetzt, ständig Wandlungskräfte hineinleiten. Neben den für die Lebensstufen des Menschen wichtigen Sakramenten (Taufe, Konfirmation, Trauung, letzte Ölung) stehen die anderen, die das sakramentale Leben ermöglichen (Priesterweihe) und das geistliche Leben speisen (Beichte und Menschenweihehandlung). Es erscheint uns kennzeichnend für die Gesamtauflassung des sakramentalen Lebens, daß die Taufe ausschließlich auf das Wesen des Kindes bezogen und als Hilfe für die Eingliederung in das Erdenleben verstanden und gestaltet wird. Dem entspricht es, daß eine Erwachsenentaufe im heutigen Weltzeitalter nicht mehr im eigentlichen Sinne vollziehbar ist.

Es drängt sich die Frage auf, ob nicht in diesem gesamten ,Sakramentalismus" der Christengemeinschaft der Sinn der christlichen Sakramente verfehlt wird. Weder in der Taufe noch in der Menschenweihehandlung wird das Todeserleiden im Gericht und die Wandlung der Welt durch den Anbruch des Reiches Gottes hörbar bezeugt. Dadurch wird die Hoffnung auf das Kommen eines neuen Himmels und einer neuen Erde in die Vorstellung eines ständig sich erneuernden Weltprozesses aufgelöst. (Rusche,S.77f)

7.3 Kritische Stellungnahme
Fragen der christlichen Kirche an die Christengemeinschaft


Die Anthroposophie bietet Sinnorientierung auf dem Hintergrund eines geschlossenen Weltbildes mit starker Betonung des individuellen Menschen und seiner geistigen Fähigkeiten an. An die Anthroposophie müssen in entscheidenden Punkten Anfragen gestellt werden, die sowohl philosophische als auch theologische Aspekte betreffen:

1. Trägt die Lehre von den Wesensgliedern des Menschen, vor allem von den drei Leibstufen, die von der Anthroposophie zweifellos gesuchte Einheit und Ganzheit des Menschen? Steiner lehrt zum Beispiel, im Schlaf verließen Ich und Astralleib die übrigen Teile des Menschen, so daß diese von anderen geistigen Wesenheiten besetzt werden können. Dieser gemäß Steiner jedem Okkultisten bekannte Vorgang, daß ein Ich das andere in der Hülle der äußeren Leiblichkeit ablöst, spielt auch in seiner Christologie eine Rolle.
2. Nach Steiner ist die physische Welt durch Umwandlung eines Teiles der geistigen Welt entstanden, also nicht durch die Schöpfung aus dem Nichts.
3. Die Frage nach der seinsmäßigen Einheit oder Verschiedenheit von Gott und menschlichem Ich ist bei Steiner problematisch. Zwar kann das Einzel-lch nicht einfach mit Gott gleichgesetzt werden, ist aber doch von der gleichen Substanz.
4. Trotz des überragenden Ranges, den das ,Mysterium von Golgatha" für Steiner besitzt, ist Christus für ihn nicht der einzige Sohn des einen Gottes, sondern eine der großen gottheitlichen Wesenheiten. Für Steiner verbinden sich sechs Elohim zum Logos, während ein siebter Elohim (Jehova) vom Mond aus wirkt.
5. In der Lehre vom Durchgang des Menschen durch viele Wiedergeburten auf der einen und der Glaubensüberzeugung von der Auferstehung der Toten zur endgültigen Vollendung ihrer einmaligen Geschichte auf der anderen Seite stehen einander grundlegend verschiedene Konzeptionen vom Ziel der menschlichen Existenz gegenüber.

(Gasper/Müller/Valentin, S.65f)





1) siehe Wehr, S.74-78
2) siehe ,Glaubensbekenntnis der Christengemeinschaft" (Pkt. 7.2.) im Anhang
3) siehe ,Hierachie der Christengemeinschaft" (Pkt. 7.1)
4) Dabei bezieht man sich auf Schelling, der im Anschluß an Joachim von Fiore (italienischer Abt, gest. 1210) von einem "petrinischen", einem "paulinischen" und einem ,johanneischen" Christentum gesprochen hat.
5) Die Studienkommission tagte am 13.-15.2.1948 und vom 22.-25-10.1949 in Eschzell, lud dann zu einer Zusammenkunft Vertreter der Christengemeinschaft, v.a. Lic. Emil Bock, nach Assenheim (5.-6-3-1949) und arbeitete auf Grund gemeinsamer Gespräche und nach sorgfältiger Lektüre schriftlicher Aussagen der Christengemeinschaft diesen Schlußbericht aus. Der Vorsitzende der Studienkommission war Bischof D. Dr. Wilhelm Stählin.




Siehe detailliert die Thematik - mit Wohlwollen der CG gegenüber - behandelt in:
Zur Frage der Christlichkeit der Christengemeinschaft
Evangelischer Oberkirchenrat Stuttgart (Hrsg.)
ISBN 3-935129-14-9
Markstein Verlag










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