Herbert Haag: Worauf es ankommt


Die Krise des römisch-katholischen Priesterstandes ist offenkundig.
Was immer auch die Amtskirche bisher unternommen hat, um ihr zu begegnen, ist wirkungslos geblieben. Priestermangel, Gemeinden ohne Eucharistie, Zölibat, Frauenordination bezeichnen die Probleme, die zwar nicht allein, aber doch weitgehend die gegenwärtige Not der katholischen Kirche bestimmen. Immer häufiger werden Laien zu Gemeindeleitern eingesetzt, die aber - weil sie nicht "geweiht" sind - mit ihrer Gemeinde nicht Eucharistie feiern können, wozu sie doch eigentlich verpflichtet wären. Dies war in der frühen Kirche kein Problem. Da lag die Eucharistiefeier allein in der Hand der Gemeinde. Die ihr im Einvernehmen mit der Gemeinde vorstanden, waren keine "Geweihten". Es waren ganz normale Gemeindemitglieder. Wir würden sie heute Laien nennen, Männer, aber auch Frauen, in der Regel verheiratete, aber auch unverheiratete. Entscheidend war der Auftrag der Gemeinde. Warum sollte, was damals möglich war, nicht auch heute möglich sein?
Wenn Jesus, wie behauptet wird, das Priestertum des Neuen Bundes eingesetzt hat: Warum ist davon die ersten vierhundert Jahre in der Kirche nichts wahrzunehmen? Überdies: Alle sieben Sakramente, die die katholische Kirche kennt, sollen von Jesus gestiftet sein. Bei mehr als einem Sakrament ist dieser Nachweis schwierig. Völlig unmöglich ist er beim Sakrament der Priesterweihe. Vielmehr hat Jesus durch Wort und Tat gezeigt, dass er keine Priester wollte. Weder war er selber Priester, noch war es einer von den 'Zwölf' und auch nicht Paulus.
Ebenso wenig lässt sich das Amt der Bischöfe auf Jesus zurückführen. Die Annahme, die Apostel hätten, um für die Fortdauer ihres Amtes Vorsorge zu treffen, Bischöfe zu ihren Nachfolgern eingesetzt, ist unhaltbar. Das Bischofsamt ist, wie alle anderen kirchlichen Ämter, eine Schöpfung der Kirche, es hat sich historisch entwickelt. Und damit stehen diese beiden Ämter, Bischof und Priester, jederzeit zur freien Disposition der Kirche. Sie können beibehalten, verändert oder abgeschafft werden.
Die Krise der Kirche wird so lange andauern, wie sich diese nicht entschließt, sich eine neue Verfassung zu geben, eine Verfassung, in der es für zwei Stände - Priester und Laien, Geweihte und Nichtgeweihte - keinen Platz mehr gibt, sondern ein kirchlicher Auftrag ausreicht, um eine Gemeinde zu leiten und mit ihr Eucharistie zu halten. Und ein solcher Auftrag kann Männern und Frauen, Verheirateten und Unverheirateten zuteil werden. Damit wäre zugleich in einem Zug das Problem der Frauenordination wie die Zölibatsfrage gelöst.
Die Forderung, es dürfe in der Kirche nicht zwei Klassen geben, wird vor allem entgegengehalten, es habe immer wieder organisatorische Entwicklungen gegeben, die sich nur indirekt vom Neuen Testament her begründen ließen. Als Beispiel wird etwa die Kindertaufe genannt, die sich nicht ausdrücklich auf das Neue Testament berufen kann, ihm aber auch nicht widerspricht. Indes ist der Verweis auf Entwicklungen nur so lange haltbar, wie diese mit den Grundaussagen des Evangeliums in Einklang stehen. Widersprechen sie diesem in entscheidenden Punkten, sind sie illegitim, unerträglich und schädlich.
Dies gilt mit Sicherheit von der Priesterkirche. Ein Befragung der biblischen und frühchristlichen Zeugen zeigt eindeutig und überzeugend, dass Hierarchie und Priestertum sich in der Kirche an der Schrift vorbei entwickelten und nachträglich als ihr zugehörig dogmatisch gerechtfertigt wurden.
Alle Zeichen deuten darauf hin, dass für die Kirche die Stunde geschlagen hat, sich auf ihr eigentliches Wesen zurückzubesinnen. (S.7-8)



Worauf es ankommt -
Wollte Jesus eine Zwei-Stände-Kirche?
Herbert Haag
Verlag Herder, Freiburg, 1997, ISBN 3-451-26049-2, 123 Seiten


INHALT

I. Die "Entdeckung" des Laien
1. Mühsame Anfänge
2. Das Zweite Vatikanum (1962-1965)
3. Das neue Kirchenrecht (1983)
4. Die Bischofssynode von 1987
5. Die Diskussion geht weiter
II. Jesus wollte keine Priester
1. Das kirchliche Priesterbild
2. Das jüdische Priestertum zur Zeit Jesu
3. Jesus und der Tempel
4. Der früheste christliche Gottesdienst
. . 1 Das Mahl mit dem auferstandenen Herrn
. . 2 Eucharistie in der Didache
. . 3 Gottesdienst bei Justin
. . 4 Der unpriesterliche Hebräerbrief
Exkurs
Kennt das Neue Testament ein «allgemeines Priestertum» der Gläubigen?
III. Von der Jüngergemeinde zur Kleruskirche
1. Die Eucharistie wird zum Opfer
. . 1 Opfermotive in den Einsetzungsberichten
. . 2 Der Tempel als Vorbild im 1.Klemensbrief
. . 3 Aufwertung des Alten Testaments durch die Markionkrise
. . 4 Der römische Staat als Anwalt des Opferkults
2. Hierarchie im Werden
. . 1 Gemeinde und Amt in den Briefen des Neuen Testaments
. . 2 Ignatius von Antiochien
. . 3 Die Kirche wird zur Kleruskirche
. . 4 Priester, weil Opfer
. . 5 Wende mit Cyprian
. . 6 Das unauslöschliche Merkmal im Priester
Ergebnis


Herbert Haag, geb. 1915, em. Professor an der Universität Tübingen, international geachteter Bibelwissenschaftler und engagierter Befürworter begründeter Reformen der Kirche an Haupt und Gliedern im Sinne seiner jüngsten Publikation bei Herder «Den Christen die Freiheit. Erfahrunge und widerspenstige Hoffnungen» (1995)







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